06.03.2020

Ich weiß nicht, wie es euch geht.
Ich werde von Tag zu Tag etwas nachdenklicher.

Wir machen wohl alle in diesen Tagen ein paar neue Erfahrungen. Mit der Welt um uns herum und vielleicht auch schon mit uns selber.
Wie gehen wir um, mit den Unsicherheiten und leichten Zweifeln?
Bisher war doch immer alles gut, alles irgendwie übertrieben – all die anderen vermeintlich so großen Gefahren (SARS, Ebola, Schweinepest, Grippe-Wellen). Letztlich alles Rohrkrepierer – viel Wind und heiße Luft.

Fühlt sich manches vielleicht doch im Moment schon ein wenig anders an? Kommen bei den so selbstgewiss geappten Ulk-Bildern und -Videos zum „Corona-Wahnsinn“ inzwischen ungeliebte andere Empfindungen hoch?
Und wenn denn doch……

Da bleiben jetzt tatsächlich schon echte Flugzeuge am Boden. Da fehlt den leibhaftigen Ärzten die Schutzkleidung, Da fällt auf einmal auf, dass fast alle Medikamente inzwischen in China und Indien hergestellt werden.
Ups! So hatten wir uns die Globalisierung nun doch nicht vorgestellt…

Aber hatten wir nicht immer letztlich doch alles unter Kontrolle – in den letzten 70 Jahren? Gut, das mit der Kuba-Krise war knapp, und der eine sowjetische Fehlalarm hätte um Haaresbreite den atomaren Showdown ausgelöst…
Aber sonst: Alles gut geregelt und für den Rest gut versichert!
Wir leben schließlich in Deutschland: gut Verwaltung, gute Ingenieure, der Notarzt braucht nur fünf Minuten…

Wissen wir (meine Generation), wie sich echter Kontrollverlust anfühlen könnte?
Okay – wir kennen das aus dem privaten Bereich: Wir spüren unsere Machtlosigkeit bei persönlichen Tragödien, bei Unfall, Krankheit und Tod.
Aber dass unsere so gut geölte (Wortspiel!) Wirtschafts- , Konsum-, Gesundheits- und Reisewelt ins Wanken geraten könnte, kommt uns doch ziemlich fremd vor – geradezu unwirklich.

Aber es kommt näher. Schleichend, in kleinen Dosen.
Selbst coole Typen kaufen mal ein paar Sachen auf Vorrat ein (schadet ja nichts…).
Dann die Börsenkurse, ausbleibende Lieferungen, stillstehende Bänder.
Und dann kommen die Gedanken, dass die Menschheit zwar schon viele Krisen gemeistert hat – wir aber keine Erfahrungen damit haben, wie eine so komplexe, vernetzte, hochspezialisierte und extrem technisierte Gesellschaft mit größeren Belastungsproben umgeht.
Ist das Eis, auf dem wir uns bisher so selbstsicher bewegt haben nicht in Wirklichkeit verdächtig dünn?
Haben wir genug Puffer? Wenn plötzlich an den sensiblen Schaltstellen unserer Infrastruktur (bei Strom, Wasser, Medizin und Grundversorgung) nicht nur Material, sondern auch Menschen fehlen? So echte Spezialisten? Weil sie erkrankt sind oder aus Angst vor Ansteckung nicht zur Arbeit kommen?

Es geht mir nicht um Horrorszenarien oder Panikmache.
Ich finde es nur spannend, sich selbst und seine Mitmenschen zu beobachten.
Verschieben sich schon die eigenen Prioritäten? Denkt man vielleicht schon daran, dass man auf die ein oder andere Sache tatsächlich verzichten könnte – wenn man dadurch nur von ernsteren Folgen verschont bliebe?

Ich wäre schon inzwischen jedenfalls sehr froh und erleichtert, wenn ich in 6, 12 oder 24 Monaten noch das Gefühle hätte, in der gleichen (halbwegs sicheren und geordneten) mitteleuropäischen Welt leben zu dürfen.

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