„10xDNA – Das Mindset der Zukunft“ von Frank THELEN

Wow – was für eine Dröhnung!
Wenn man nicht aufpasst, hebt man förmlich ab und sitzt schon im Flugtaxi auf dem Weg in die nächste Smart-MegaCity, um da einen innovativen Super-Deal mit einem der Gurus des 10x-Mindsets abzuschließen. Da man so kompromisslos mutig und innovativ ist, wird man dabei steinreich und rettet nebenbei auch noch die Welt. Hauptsache: Klotzen – nicht Kleckern!

Wenn man – wie ich – kurz vorher das PRECHT-Buch „Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens“ gelesen hat, erlebt man dieses Buch des bekannten Unternehmers und Start-Up-Investors THELEN als einen Kulturschock. Ein größerer Kontrast bzgl. des Blicks auf die Zukunft ist kaum vorstellbar.
Man könnte auch sagen: Dieses Buch und sein Autor eignen sich perfekt als Anschauungsmaterial für das, wovon PRECHT mahnend spricht und worin er enorme Risiken für das Selbstbild des Menschen und unsere gesellschaftliche Entwicklung sieht.

THELEN ist kein Unsympath. Man kann sich an seiner Begeisterung fast ein wenig erfreuen – wie über den unbändigen Tatendrang eines Kindes, das mit seinen Freunden im Garten ein tiefes Loch gräbt, um auf der anderen Seite der Welt rauszukommen…

Es geht in diesem Buch um den unbeirrbaren Glauben an die Gestaltungskraft von menschlichen Visionen, explodierenden technischen Optionen und Segnungen der kapitalistischen Marktgesetze. Die Zukunft wird größer, schneller, besser, gesünder, und reicher – wenn man nur die Menschen machen lässt, die groß denken statt zu zaudern und zu zögern.
Der Autor singt ein Lied auf den Tatendrang all der Pioniere, die die Menschheit an den aktuellen Punkt gebracht haben. Für ihn sind insbesondere all die bekannten Stars des Silicon-Valleys wahre Helden, die ihre großen – und zunächst oft verrückten – Ideen kompromisslos verfolgt und letztlich umgesetzt haben. Den geradezu unermesslichen Reichtum, den sie dabei angehäuft haben, neidet THELEN ihnen natürlich in keiner Weise; er ist aus seiner Sicht die natürliche Konsequenz, die adäquate Belohnung dafür, dass sie schneller und mutiger waren als andere.

Auf all das will der Autor noch eine Schippe drauflegen: Es geht nicht um „normales“ Wachstum in der bisherigen (kaum schon beherrschbaren) Dynamik, es geht um weitere Beschleunigung, um Potenzierung. Wer da mithalten will (am besten natürlich an der Spitze der Bewegung), der braucht die „Zehnfach-Mentalität“; sich mit weniger zu begnügen, würde heißen, sich im abgeschlagenen Mittelfeld der Looser zu verlieren.
Erstmal abwägen, bedenken, Konsequenzen abschätzen? – „Peng!“ – zu spät: Jemand anderes hat die Nische erspäht und das Geschäftsmodell (ein absoluter Lieblingsbegriff) schon besetzt. Selbst schuld!

Das Buch lässt sich mehrere Bereiche aufteilen; es enthält:
– ein allgemeines Plädoyer für die schon beschriebene Geisteshaltung (10x-DNA),
– eine Art Kurz-Lexikon für bestimmte (Zukunfts-)Technologien (u.a. im Bereich „Blockchain“, Gen-Manipulation, Robotik und KI),
– eine Beschreibung der aktuellen und anstehenden technischen Entwicklungen bei Mobilität, Energie, Datenverarbeitung, Medizin, Landwirtschaft,
– eine Kurzvorstellung der wichtigsten technischen Pioniere und ihrer Leistungen und
– eine Darstellung der Startup-Unternehmen des Firmenverbundes, an dem auch THELEN beteiligt ist.

Diese unterschiedlichen Facetten hinterlassen auch unterschiedliche Eindrücke. Man fühlt sich informiert, fasziniert, amüsiert, genervt, besorgt, abgestoßen. Von allem etwas.
Wenn ich jetzt meine wichtigsten Kritikpunkte zusammenfasse, vermische ich notwendigerweise meine Meinung zu dem konkreten Buch mit meinen Grundhaltungen zu den dort dargestellten Inhalten; aber diese Inhalte stehen nun mal im Vordergrund.

THELEN ist völlig verfangen in einer optimistischen Zukunftsgläubigkeit, in der kaum Platz für grundsätzliche Fragen nach dem gesellschaftlichen Nutzen und der psychischen bzw. sozialen Auswirkungen all dieser technologischen Visionen ist. Was technisch möglich ist, wird und soll auch passieren. Dabei ist es ihm scheinbar egal, ob es um – sehr erstrebenswerte – Verbesserungen im Bereich Ernährung oder Medizin geht, oder um so zweifelhafte Zielsetzungen wie die Verkürzung der Reisezeit zwischen San Francisco und Los Angeles auf 35 Minuten oder die Besiedelung des Mars.

Der Autor ist kein Ignorant. Natürlich sieht er die ökologischen Probleme und Herausforderungen. Deshalb sind seine Zukunftsszenarien natürlich alle irgendwie auf Nachhaltigkeit getrimmt. Wie viele seiner Mitstreiter lässt er dabei weitgehend außer acht, dass der Aufbau und Unterhalt all der – vermeintlich so smarten – Zukunfts-Infrastrukturen einen unfassbaren Einsatz von Ressourcen und Energie voraussetzen würden. So könnte es gut sein, dass wir – bevor wir die „schöne neue Welt“ nutzen könnten – die alte, aktuelle Welt schon zugrundegerichtet hätten.

THELEN weißt gelegentlich (in größeren Abständen) darauf hin, dass bestimmte Entwicklungen (z.B. Humangenetik) auch schwerwiegende ethische Fragen aufwerfen würden. Für mich fühlt sich das ein wenig nach Alibi-Floskel an, die den eigenen Taten- und Reichtumsdrang kaum aufhalten könnten. Vielleicht müsste ja irgendwo mal eine Ethik-Kommision tagen, aber die 10x-DNA hat im Zweifelsfall schon Fakten geschaffen…

Geradezu ärgerlich finde ich Äußerungen, die sich darauf beziehen, dass all die visionären Errungenschaften möglichst nicht nur den reichen Ländern bzw. Menschen zur Verfügung stehen sollten, sondern allen. So naiv kann niemand sein!
Glaubt jemand, der sich in vollem Umfang (und geradezu begeistert) der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und deren Logik unterwirft, tatsächlich daran, dass die Quantencomputer, die medizinischen Roboter-Operationstechniken, die Lufttaxis und menschenfreie Produktionsabläufe insbesondere das Leben der „einfachen“ Menschen verbessern wird? Glaubt jemand, der beschreibt, dass ein Großteil der Menschen demnächst in Mega-Citys wohnt und arbeitet, daran, dass sich dann abends Millionen von Mini-Jets in die Luft erheben, um in ihre 300 km entfernten Anwesen zu entfliehen?
Dieser Mensch betrachtet die Welt und die Bedürfnisse aus der Sicht eines privilegierten Upper-Class-Geschäftsmanns, der am liebsten in der Liga von Amazon, Google und Apple spielen würde.

Mir sind Menschen ein wenig „unheimlich“, in deren Denken ein Innehalten, eine Mäßigung, jegliche Form Beschränkungen oder gar ein einsichtsbasierter Verzicht überhaupt nicht vorkommen – noch nicht einmal als entfernte Möglichkeit. Ich vermute in ihnen ein sehr einseitiges Menschenbild, dem ich meine Zukunft nicht gerne ausliefern würde.
Vielleicht muss es auch solche Menschen geben. Trotzdem stehe ich insgesamt dem Skeptiker und Mahner PRECHT näher als dem Fortschritts-Enthusiasten THELEN.
In manchen Aspekten würde ich mir eine Mischung der Sichtweisen wünschen – aber dazu könnte man ja einfach auch beide lesen und sich seinen Mix selber anrühren.

Und das Buch?
Ich fand es toll zu lesen. Ich hätte sonst nicht geglaubt, dass diese Haltung so unverblümt und selbstbewusst zur Schau gestellt wird. Es hat meinen Blick auf die Welt bereichert – allerdings eher hinsichtlich einer Schärfung meiner Abgrenzung.
Es ist auch informativ: Die Kapitel über Landwirtschaft/Ernährung und Gesundheit fand ich richtig gut.

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