21.03.2020

Corona und die soziale Frage

Ich glaube, es ist in den letzten Tagen und Wochen deutlich geworden:
Mein Anspruch ist es (natürlich) nicht, mit jedem einzelnen Statement hier eine abgewogene, jeden möglichen Aspekt bedenkende „Wahrheit“ zu verkünden. Es geht mir vielmehr darum, jeweils Einzelaspekte der Corona-Situation in den Fokus zu nehmen. Dazu gehört, dass es immer auch eine andere Seite gibt…
Heute also ein paar Gedanken zu sozialen und wirtschaftlichen Perspektiven.

Der Corona-Virus stellt – in gewisser Hinsicht – die soziale Schichtung unserer Gesellschaft auf den Kopf: Nicht der grau gewordene Banker oder Manager steht ganz oben an der Spitze der Pyramide – plötzlich hat der Auszubildende, ja sogar der junge Transfer-Empfänger in einem wichtigen Bereich die Asse im Ärmel! Er hat eine sehr viel größere Chance, selbst eine ausufernde Corona-Epidemie weitgehend gesund zu überleben.
Daraus ließe sich die Frage ableiten: Könnte die – in den letzten Tagen zu Recht angeprangerte – provokante Freude an demonstrativen „Corona-Parties“ auch mit diesem Gefühl der plötzlichen Machtumkehr zu tun haben, also mit einer Art Triumphgefühl, endlich mal am längeren Hebel zu sitzen?
(Nur so ein Gedanke; die meisten dieser Leute waren vermutlich einfach verwöhnte, unerzogene und unreife Kids).

Es wurden in den letzten zwei Wochen an den Börsen riesige Vermögenswerte vernichtet. Für die meisten Aktienbesitzer stehen diese Verluste zwar (erstmal) nur auf dem Papier; trotzdem kann man sagen: Da hat es jetzt auch mal die Leute mit Geld getroffen!
Das darf auch gerne so sein. Niemand sollte sich beklagen. Über die Gewinne der letzten Jahre haben sich die Börsianer freuen können. Jede/r wusste: Die Kehrseite der Gewinnchancen ist das Risiko! Ich hoffe sehr, dass es jetzt nicht auch noch der Ruf nach staatlichen Verlust-Ausgleichen erschallt…

Da sind wir beim Thema: Was soll und kann der Staat alles ausgleichen, ersetzen, auffangen, heile oder gar ungeschehen machen?
Vor einigen Stunden wurde verkündet, dass es einen Nachtragshaushalt von 150 Milliarden geben soll. Alle Verschuldungsgrenzen in Europa wurden anuliert.
Das alles passiert in einem atemberaubenden Tempo.

Mich macht das etwas skeptisch: Ist denn das, was wir gerade erleben, tatsächlich schon das apokalyptischen Worst-Case-Szenario, bei dem man sofort alles mobilisieren muss, was finanziell überhaupt denkbar oder möglich ist?
Rechnet noch jemand nach?
Soll und kann man als Regierung einer Gesellschaft versprechen, dass man praktisch „alle“ Folgen einer so einschneidenden Situation aus der Welt schafft – nach dem Motto: „Hoffentlich deutsch-versichert!“

Was ist mit dem viel-beschworenen unternehmerischen Risiko? Sind wirklich alle Selbständigen so existenziell bedroht, dass die Staatsknete von der ersten Woche an fließen muss? Wer prüft das wie?
Wenn man als freier Unternehmer in diesem freien Land in den letzten Jahren gute bis sehr gut Gewinne eingefahren hat – darf man dann eine große, weltweite Wirtschaftskreise auch ein wenig spüren? Müssen wir – nachdem wir die Banken gerettet haben – jetzt auch irgendwie alle Unternehmen retten? Oder sollen wir auch Verluste ausgleichen von Unternehmen, die gar nicht bedroht sind? Wie soll das gehen?

Ich bin weder Volks- noch Betriebswirtschaftler; ich weiß es nicht besser.
Ich frage mich nur: Wird hier nicht mehr versprochen, als man realistischer Weise halten kann? Geht es wirklich um wirtschaftliche Notwendigkeiten oder will man irgendwie der (völlig überzogenen) Erwartung gerecht werden, dass der Staat Bürger und Unternehmen vor allen Zumutungen schützen können muss? Weil es sonst ein schlechter Staat wäre? Weil man sonst ja Extremisten wählen könnte?

Vielleicht muss man sich das mal in historischen Dimensionen klar machen:
Niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte wären Bürger oder Regierungen auch nur auf die Idee gekommen, dass es einen Anspruch darauf geben könnte, vor den Folgen wirklicher Katastrophen (Krieg, Seuchen, Erdbeben, …) im Sinne einer „Vollversicherung“ geschützt zu werden.
Genauso wenig, wie man sich in früheren Zeiten hätte vorstellen können, dass man einmal das (dringend notwendige) Abschalten von ein paar Braunkohle-Kraftwerken mit 47 Milliarden abfedern würde…
Jeder denkende und rechnende Mensch muss doch wissen, dass man das so nicht jahrzehntelang durchhalten kann!

Was ich damit sagen will: Wer weiß, was uns alles noch bevorsteht?!
Lullt die Menschen nicht ein in ein unrealistisches Vollkasko-Gefühl. Es wird nicht ohne Zumutungen gehen, weder Corona noch die Klimawende oder das Flüchtlingsproblem. Und es gibt keine Garantie, dass nicht plötzlich noch weitere Kontrollverlust-Anlässe an der Tür klopfen.

Wenn man Klartext spricht, sind die meisten Menschen bereit, sich in einem erstaunlichen Maße einzuschränken. Vielleicht wird es bald Zeit, diese Vernunft und Flexibilität auch auf die sozialen Themen auszuweiten.
(Einen konkreten Vorschlag dazu habe ich gestern schon mal gemacht).

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