22.03.2020

Corona und die Kernfamilie

Nein – ich rede die Bedrohung nicht klein. Ja – es geht jetzt nicht um irgendwelche egoistische Einzelinteressen.
Ich nehme mir nur trotzdem heraus, die Corona-Krise unter ganz verschiedenen Perspektiven zu betrachten, so auch heute. Ich glaube, das schadet niemandem.
Soweit die Vorrede.

Nach – gefühlten – 127 Sondersendungen und Talkshows (es gibt inzwischen auch Sonder-Talkshows) und unzähligen Artikeln auf großen Nachrichten-Plattformen frage ich mich zwischendurch an einem spezifischen Punkt, in welcher Gesellschaft ich denn eigentlich lebe.

In den letzten Jahren wurden so ziemlich alle Tabus gebrochen und jede von potentieller Diskriminierung bedrohte Gruppe beachtet und gestärkt.
Dann kommt der Corona-Virus – und auf einmal sind wir (an einem Punkt) wieder in der wohligen Welt der 50iger-Jahre des letzten Jahrhunderts gelandet.
Wie ich zu dieser gewagten These komme?

Nun, ich habe einfach zugehört. Habe mir alle Beispiele, alle Konstellationen und Lösungsvorschläge angehört. Insbesondere die Überlegungen zu Kontakt- und -Ausgangsbeschränkungen der letzten Woche.
Was auffällt: Es gibt genau eine Gruppe von Menschen, deren Situation und Bedürfnisse tatsächlich nie (soweit ich es beurteilen kann) zum Thema wurde. Ich meine die Personen, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht mit ihrem liebsten Menschen (in der Regel einem Partner oder einer Partnerin) in einer Haushaltsgemeinschaft wohnen bzw. leben.
Es wird im öffentlichen Raum so getan, als ob es nur die Einheits-Kleinfamilien-Idylle gäbe. Als ob nur Partnerschaften einen Anspruch auf Schutz ihres existentiell bedeutsamen emotionalen Kontakt-Bereiches hätten, die einen gemeinsamen Wohnsitz vorweisen können.

Ein ganz aktuelles Beispiel aus der gerade parallel laufenden Anne-Will-Sendung: Es wurde heute zwischen NRW und Bayern kontrovers diskutiert, ob die zwei Menschen, die ab heute nur noch gemeinsam in der Öffentlichkeit sein dürfen, aus einem Haushalt stammen müssen. Hört sich theoretisch und haarspalterisch an.
Warum – frage ich mich – kommt kein Mensch auf die Idee, in diesem Kontext mal über Paare zu sprechen, für die eben dieser Unterschied entscheidend wäre?
Es ist aus meiner Sicht ziemlich anmaßend, alle Kontakte jenseits der Haushaltsgemeinschaft als „unnötig“ zu definieren!
Wenn man Zeit hat, über Sonderregelungen für Tattoo-Studios und Frisöre zu diskutieren, dann finde ich die Erwartung, auch mal in diese Richtung zu schauen, keineswegs überzogen.

Nochmal zur Klarheit: Die getroffenen Regelungen sind auch für mich jetzt logisch und angemessen. Aber es war knapp. Und offenbar gibt es für die hier beschriebene Gruppe keinen Blick und keine Lobby.

(Ich will nicht unerwähnt lassen, dass heute ein erster Artikel auf ZEIT-oniine ein erster Artikel zu diesem Thema erschienen ist).

2 Antworten auf „22.03.2020“

  1. Puh! Also echt, zum Einen habe ich den Artikel in der Zeit anders verstanden als du, zum Anderen denke ich, dass es in dieser Zeit tatsächlich Beziehungsmuster und -Strukturen gibt, die in ihrer Dramatik mehr Aufmerksamkeit und Hilfe benötigen, als Menschen, die beschlossen haben, als Paar nicht zusammen zu leben. Dies ist doch eher eine wahrlich geschenkte Möglichkeit, diese Entscheidung jetzt zu hinterfragen und vielleicht neue Entschlüsse zu fällen. Ich würde mir vielmehr wünschen, dass die Situationen in Familien mehr in den Fokus rücken, in der das Miteinander schon in normalen Zeiten für Kinder, Frauen und Männer eine Herausforderung ist, die oftmals bedrohlich und nachhaltig verletzend gestaltet werden kann, dass immer wieder darauf hingewiesen wird, dass gerade älteren Menschen zurzeit eine Einsamkeit zugemutet werden muss, die kaum zu ertragen ist, dass Menschen in Krankenhäusern einsam sterben, ohne noch einmal ein tröstendes Wort ihrer Kinder gehört und gespürt zu haben und dass viel offensiver Vorschläge gemacht werden, wie jeder Einzelne genau diese Menschen unterstützen kann. Die Angst derjenigen, die auf Grund chronischer Erkrankungen seit nun Wochen isoliert und abhängig leben müssen, ist auch ein Punkt, von dem ich mir wünsche, dass er den Menschen bewusster gemacht wird. Letztendlich ist es eine geschenkte Zeit, in der jeder die Chance erhält, seine Beziehungen und Beziehungsstrukturen zu betrachten. So habe ich auch den Artikel in „Der Zeit“ verstanden. Wir haben die Chance! Andere Menschen in anderen Ländern und Situationen kämpfen um ihr Überleben! Dafür sollten wir dankbar sein!

    1. Alles, was du schreibst, stimmt total.
      Darüber wird gesprochen und es soll gerne noch mehr geschehen.
      Aber es darf das Recht eines so winzigen Blogs wie meinem sein, auch mal Aspekte anzusprechen, die sonst ganz untergehen.
      Damit will ich nicht die Prioritäten auf den Kopf stellen – und das wird wohl auch nicht passieren.

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