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Vielen Dank für Ihr/euer Interesse! Über Rückmeldungen (Kommentare) freue ich mich.

02.02.2023 Biologie und Spielzeug

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Es gibt noch Hoffnung!
Bei ZEIT-online erschien heute ein Artikel über den Zusammenhang zwischen biologischem Geschlecht von Kindern und die Vorliebe für bestimmtes Spielzeug. Man traut sich also über Studien zu berichten, die das eindrucksvoll nachgewiesen haben. Übrigens in verschiedensten Kulturen – und sogar in Experimenten mit Affenkindern.
Ja, es geht tatsächlich um Puppen und Autos.
Ob das die Gender-AktivistInnen ertragen können…

Ich werde die Kommentare mal beobachten.

(Übrigens: Diese Untersuchungen werden in diesem Buch ausführlich geschildert.)

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

01.02.2023 Depression

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Die ZEIT von morgen widmet sich dem Thema „Depression“, insbesondere den neueren Behandlungsansätzen. Dies geschieht mit einem Tiefgang, die für eine allgemeine Wochenzeitung schon bemerkenswert ist.

Bei allem Respekt vor der intensiven Recherche und der gründlichen Darstellung: Die fachlichen Grundaussagen des dargestellten Therapie-Konzeptes sind sicherlich nicht so „revolutionär“, wie dies im Artikel dargestellt wird.
So ist eine therapeutische Arbeit über die „Schulengrenzen“ (Tiefenpsychologie und Verhaltenstherapie) hinweg in vielen Bereichen schon längst ein Standard. Auch die Erkenntnis, dass die Kombination von Medikamenten und Psychotherapie die besten und stabilsten Erfolge bringt, überrascht sicher niemanden mehr. Erstaunlicherweise wird über die etablierten kognitiv-orientierten Therapiekonzepte kaum gesprochen.

Aber natürlich sollte der Maßstab angemessen bleiben: Die Leserschaft bekommt schon einen vertieften Einblick in die Behandlungsmöglichkeiten dieser „Volkskrankheit“.
Es gibt halt immer noch „Qualitäts-Journalismus“…

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

31.01.2023 Und es bewegt sich doch

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Es wurde und wird viel gemeckert in Deutschland. Natürlich auch über die Ampel-Regierung. Im Spätherbst sah es in vielen Mediendarstellungen einige Wochen lang so aus, als ob wir von einer Versager-Truppe regiert würden, die nur unproduktiven Streit produziere.
Das war schon damals einseitig und völlig übertrieben – aber es macht ja offenbar nicht nur der Opposition Spaß, immer wieder auf den gleichen paar Fehlern und Pannen herumzureiten.

Der Wind hat sich in den letzten Wochen deutlich gedreht. Erstaunlich vieles hat offenbar recht gut funktioniert; das Chaos blieb auf verschiedenen Ebenen aus.
Aber das ist nur die eine Seite des Bildes.

Macht man sich die Mühe, mal genauer nachzulesen (oder in den diversen Talkshows nachzuhören), wie viele weitreichende Maßnahmen bzw. Gesetzesvorlagen gerade in der Pipeline sind, kann es einem schnell schwindelig werden. Als Beispiel sei die LANZ-Sendung von heute (31.02.) empfohlen, in der Habeck einige der aktuellen Vorhaben erläutert.

Schaut man sich dann noch die internationalen Aktivitäten unseres Kanzlers an, könnte man schon auf die Idee kommen, dass zwei der drei Ampeln auf Grün stehen.
Leider kriegt der Verkehrsminister seine Ampel nicht in Gang…

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

30.01.2023 Soli bleibt (erstmal)

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Ich war wirklich alarmiert.
Es hätte heute passieren können, dass als Folge einer Gerichtsentscheidung viele Milliarden Euro an reiche Menschen und Unternehmen zurückgezahlt hätte werden müssen. Und das ausgerechnet in einer Zeit, in der es überfällig wäre, dass die finanzielle „Elite“ unseres Landes sich deutlich stärker an der Finanzierung der großen Zukunftsaufgaben beteiligt.
Es wäre also ein absolut falsches Zeichen mit fatalen Folgen gewesen!

Das Risiko hat deshalb bestanden (und bestände im Rahmen einer Verfassungsbeschwerde immer noch), weil es mit bestimmten Parteien in unserem Lande nicht möglich war und ist, eine angemessene Steuergesetzgebung zu erlassen.
In dieser Situation war das Weiterbestehen des Solis eine Art Rettungsanker: Weil man ihn für den Großteil der Steuerzahler abgeschafft hat, blieb eine relative Mehrbelastung für die Reichen.

Insgesamt ist die ganze Geschichte ein Armutszeugnis in einem immer noch sehr reichen Land. Die heilige Kuh des unbegrenzten privaten Eigentums ist offenbar wichtiger als die klimatischen und militärischen Bedrohungen unseres Landes und des ganzen Planeten.
Zukünftige Generationen werden vermutlich kaum nachvollziehen können, warum wir es zuließen, dass Hunderte von Milliarden Privatvermögen auf irgendwelchen Konten liegen, während dringende Investitionen nicht erfolgen konnten.

Letztlich werden wir doch – aus purer Not – alles zusammenkratzen müssen. Nur könnten wir jetzt noch mit weniger Einsatz weit mehr bewirken.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

29.01.2023 Weniger Fleisch

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Lt. SPIEGEL wurde für den Naturschutzbund Deutschland (NABU) eine Studie erstellt, die zu einem wichtigen Ergebnis gekommen ist:
Um die Ziele „Klimaschutz“, „Umweltschutz“ und „Lebensmittelversorgung“ miteinander zu vereinbaren, reicht es aus, den Fleischkonsum zu halbieren. also auf den Wert zu bringen, der auch gesundheitlich maximal angemessen wäre. Das wären ca. 400 g pro Woche.

Erfreulich ist dabei, dass wir nicht das (eher unrealistische) Ziel erreichen müssten, fast alle Deutschen zu Vegetariern oder Veganern umerziehen zu müssen.
An einer drastischen Reduzierung des Fleischverbrauchs und des Tierbestandes geht aber – aus sattsam bekannten Gründen – kein Weg vorbei.

Dann erscheint es doch sinnvoll zu sein, dass jede/r nach seinen Möglichkeiten reduziert. Wenn die Menschen, deren Lebensglück schon jetzt nicht vom Fleischessen abhängt, beim Verzicht noch ein wenig zulegen und der Mainstream sich zunehmend an den Trend anhängt, könnten wir die (hoffentlich) immer kleinere Gruppe der unerreichbaren Fleisch-Fans irgendwie mit durchziehen.‘
Wenn die anderen durch ihren Verzicht und ihre Vernunft den Erfolg ermöglichen, sollten die Brater und Griller sich allerdings wenigstens über die Preisgestaltung an dem gesellschaftlichen Ziel beteiligen. So könnten durch Preisaufschläge die Verluste der Landwirte ausgeglichen werden, die sich von der Tiermast verabschieden.

Ich hoffe da auf unseren GRÜNEN Landwirtschaftsminister (was realistisch ist) und einen Verzicht auf die übliche Freiheitsrhetorik der FDP (was leider unrealistisch ist).

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

„Der Vagus-Schlüssel zur Trauma-Heilung“ von Gopal N. KLEIN

Bewertung: 2 von 5.

Dieses Buch befindet sich im Grenzgebiet zwischen seriöser, wissenschaftlich begründeter Lebenshilfe und übertriebenen, eher spirituellen Heilsversprechen.

Es startet mit physiologisch basierten Sachinformationen über das Phänomen der Traumatisierung, mit einem Schwerpunkt auf das, was der Autor „Bindungstrauma“ nennt.
Er stellt dann die sog. „Polyvagaltheorie“ dar, in der der Vagusnerv eine zentrale Rolle spielt. Der Aktivierung des Vagusnervs kommt dabei eine zentrale Rolle bei der Bearbeitung von Bindungstraumata zu.
Schnell (wirklich sehr schnell) kommt er auf seinen Lösungsvorschlag zu sprechen: die Heilung durch „Ehrliches Mitteilen“. Dieser Weg, dessen Ausführung den Großteil des Buches füllt, ist den anderen beiden Strategien (Autonomie und Verschmelzung) überlegen.

Leider überhöht der Autor seinen Ansatz zu einer allumfassenden Therapiekonzept und verliert so im Laufe des Buches jede Möglichkeit zur realistischen Einordnung bzw. Relativierung.
Er gibt im Weiteren ganz konkrete Anleitungen für das „richtige“ Mitteilen – bis hin zu wörtlich zu übernehmenden Formulierungen.

Das natürliche Gegenüber für dieses Kommunikationsform ist der eigene Partner bzw. die Partnerin. Im Grunde würde es ausreichen, wenn eine solche Person zur Verfügung stände.
Der Autor hat aber auch Selbsthilfegruppen angestoßen, die einen fehlenden Partner ersetzen könnten.

Zunehmend schwierig sind im Laufe des Textes willkürlich erscheinende Aussagen zu allen möglichen Problemen, die KLEIN mit einer geradezu atemberaubenden Selbstgewissheit von sich gibt. Ein Beispiel: „Wenn du verlassen wirst, heißt das, dass du auf die eine oder andere Art deinen Partner oder deine Partnerin verlassen hast. Es ist nur ein Spiegel.“ Oder: „Wenn es irgendwo in deinem Leben knirscht, dann liegt das immer an einer mangelnden Bindungsfähigkeit“.

Spätestens an solchen Punkten kann man einen Autor nicht mehr wirklich ernst nehmen. Dazu passt, dass KLEIN in seinem Prinzip auch noch ein geeignetes Mittel zur Transformation der ganzen Gesellschaft sieht.
Da wundert es nicht mehr, wenn sich KLEIN selbst als „spirituellen Berater“ beschreibt.

Auf die Bedeutung einer authentischen Kommunikation in Beziehungen hinzuweisen, ist sicher eine gute Sache. Eine solche Kommunikation kann sicher auch heilende Wirkung haben. Was KLEIN aber hier aber als Gesamtkonzept anbietet, verlässt den Boden eines seriösen Ratgebertextes.
Da hilft auch das Vorwort von Gerald HÜTHER nicht.

„Der Tag, an dem wir aufhören zu shoppen“ von J.B. MacKINNON

Bewertung: 5 von 5.

Dieses Nachhaltigkeits-Sachbuch ist in einer Weise klug, tiefgründig, unaufgeregt und informativ, dass sich bei mir tatsächlich so etwas wie echte Begeisterung eingestellt hat.
Ich stelle hier eine uneingeschränkte Leseempfehlung vor.

Der Autor, ein preisgekrönter kanadischer Journalist, geht in diesem Buch der Frage nach, was eigentlich wirklich passieren würde, wenn es einen deutlichen Einbruch (um ca. 20%) im Konsumverhalten unserer kapitalistischen Welt (bzw. einzelner Länder) geben würde.
Dass wir eine solche (kräftige, aber letztlich doch maßvolle) Umkehr unserer Wachstumswirtschaft brauchen, um den großen ökologischen Herausforderungen auch nur halbwegs gerecht zu werden, steht für ihn (und für viel andere Experten) völlig außer Frage.
Das Problem ist nur: Es gibt kaum realistische Rezepte oder gar Modelle für eine solche radikale Umsteuerung. Die kapitalistische Wachstumslogik ist so unlösbar mit unserer Art so wirtschaften, Wohlstand zu erschaffen bzw. zu verteilen und mit unserem gesamten Lebensgefühl verwoben, dass der oft zitierte Spruch: „Man kann sich eher das Ende der Welt vorstellen, als das Ende des Kapitalismus“ kaum übertrieben erscheint. Statt „Kapitalismus“ könnte man auch „Konsumieren“ sagen.
Selbst Bürger und Entscheider, die sich eine Schrumpfung vorstellen, wünschen und diese sogar für unverzichtbar halten, verzweifeln angesichts der zu erwartenden Aussichten auf Arbeitslosigkeit, Sozialabbau und Wohlstandsverlust.
Wir scheinen in einer ausweglosen Sackgasse zu stecken.

MacKINNON lässt sich davon nicht abschrecken. Er nimmt die Spur auf und erkundet das Gelände Schritt für Schritt. Als Ausgangspunkt bietet sich dabei die Corona-Pandemie mit ihren weitgehenden Lockdown-Phasen an: Zum einen hat es tatsächlich einen sehr plötzlichen Einbruch des Wirtschaftslebens und Konsumverhaltens gegeben, zum anderen ist aber auch für viele Menschen ein unmittelbarer Eindruck entstanden, welche positiven Erfahrungsmöglichkeiten mit einem Abbremsen verbunden sein könnten: Ein blauerer Himmel, leere Straßen, mehr Zeit für Familie, Freunde, Hobbies und Muße. Viele haben die Unterbrechung des Hamsterrades von Arbeit und Konsum als Chance zur Selbstbesinnung erlebt.

Der Autor spricht mit Fachleuten, besucht Produktionsstätten, Aussteiger und besondere Orte, in denen sich bereits eine – meist unfreiwillige „Schrumpfung“ vollzogen hat.
Vertiefende Einblicke erhalten wir z.B. in die skandalöse Fehlentwicklungen der Wegwerf-Mode, der abstrusen Klimatisierungs-Standards und der extrem gesteigerten Lichtüberflutung unserer Zivilisation.
MacKINNON führt uns das Leben in Ecuador vor, weil dieses Land ziemlich genau das Wohlstandsniveau hat, das sich die Menschheit im Durchschnitt leisten könnte, um im Gleichgewicht mit den Ressourcen unseres Planeten zu leben.
Besonders informativ und ermutigend sind Beispiele von Unternehmen, die sich bereits von selbst (aus Tradition oder aus Klimabewusstsein) von der Wachstumslogik verabschiedet haben, und sich auf langlebige, hochwertige Produkte konzentrieren.

Es ist ein extrem facettenreiches Bild, das vom Autor gemalt wird. Das betrifft nicht nur die inhaltlichen Themen, sondern auch die Art der Vermittlung. MacKINNON ist kein Fanatiker, er missioniert nicht, er schwingt nicht die Moralkeule (die ja von so vielen Leuten gefürchtet wird). Er wägt ab, guckt sich beide Seiten der Medaille an, verschweigt nicht die Probleme und Risiken einer Umsteuerung. Sein Schreibstil ist ruhig und klar; er nimmt sich Zeit.
Auch die psychische Seite des Konsums bzw. des Konsumverzichts wird betrachtet: Werden Menschen wirklich bereit sein, sich für andere Aspekte von Lebensqualität zu öffnen, wenn sie ihren Selbstwert und ihren Lebenssinn nicht mehr so stark materiell definieren können? Kann man darauf vertrauen, dass die Transformation freiwillig erfolgen wird – oder braucht es die großen strukturellen Vorgaben?

Es gelingt dem Autor in diesem Buch sehr gut, die anfängliche emotionale Reaktion der meisten Leser: „Das geht sowieso nicht, mit dem Verzicht auf den Konsum“ zu relativieren. Nach und nach wird deutlich, dass es nicht um ein „Alles oder Nichts“ gehen muss, sondern um ein Zurückdrehen der Wachstums-Exzesse der letzten Jahrzehnte. Aus dem unvermeidbar erscheinenden „Zusammenbruch der Zivilisation“ entwickelt sich allmählich ein Bild der Neubesinnung auf ein „menschliches“ Maß, in dem bewusster, weniger, nachhaltiger und im Rahmen einer Kreislaufwirtschaft konsumiert wird. Wir werden eingeladen, uns ein neues Gleichgewicht von Bedürfnissen und Konsum vorzustellen: Zufriedenheit könnte sich einfach dadurch einstellen, dass man lernt, weniger zu wollen – statt sich von einer Multimilliarden-Werbeindustrie immer neue Bedürfnisse einreden zu lassen.

Gegen Ende wirft MacKINNON einen Blick auf eine Jäger/Sammler-Gesellschaft, die ein extremes Gegenmodell zu dem aktuellen Wachstumswahn darstellt.
Doch das ist nur ein Denkanstoß.
Die besondere Qualität dieses Buches liegt gerade darin, dass es nicht um Utopien oder einen Kulturbruch geht. Der Autor holt die ökologische Notwendigkeit der Transformation in eine Post-Wachstums-Welt aus dem Abstrakten ins Konkrete. Und sich auf diesen Prozess einzulassen, tut überhaupt nicht weh – macht aber nachdenklich und ganz sicher auch klüger.
Ein fantastisches Buch, das mit Sicherheit nachwirkt…

Zwischen Welten – Juli ZEH und Simon URBAN

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieser Roman – ein garantierter Bestseller – schließt nahtlos an die letzte Veröffentlichung („Über Menschen“) der Star-Autorin an. Auch in diesem Werk befassen sich ZEH und ihr Mitautor mit der vermeintlichen Spaltung in unserer Gesellschaft.
Damit unübersehbar wird, wie dicht die Autoren am Puls der Zeit schreiben, datieren sie die Beiträge ihrer beiden Protagonisten (Stefan und Theresa) chronologisch durch das Jahr 2022 (bis zum Oktober).

Der Text besteht tatsächlich ausschließlich aus Chat- und Maildialogen dieser beiden Personen; soweit Ereignisse oder Handlungen beschrieben werden, sind diese in die jeweiligen Botschaften eingewoben. Die Kommunikation zwischen Autoren/Erzählern und der Leserschaft erfolgt also „über Bande“.

Für Aussagekraft und Wirkung einer solchen Konstruktion – kontroverse gesellschaftliche Positionen zu personalisieren – ist natürlich entscheidend, welche beiden „Welten“ da gegenseitig in Stellung gebracht werden.
Auf der einen Seite ist da ein erfolgreicher Journalist, der als Teil einer liberal-ökologisch-genderaffinen Szene (man nennt das heut „Blase“) damit beschäftigt ist, die Veränderungen in der Print-Medienwelt im Schatten der Social-Media-Kanäle zu gestalten und zu erleiden. Dabei steht das große Meta-Thema „Klimawandel“ exemplarisch für die Grundsatzdebatte, wie der „seriöse“ (neutrale) Journalismus mit der Forderung nach klaren Positionen und Haltungen umgehen soll – angesichts der Größe und Dramatik der aktuellen Herausforderungen. Kurz gesagt: Wie vertragen sich Aktivismus und Journalismus?
Ihm gegenüber steht eine Landwirtin, die sich nahezu rund um die Uhr und im Schweiße ihres Angesichts darum bemüht, einen in Brandenburg geerbten kleineren Hof durch all die Krisen zu steuern, denen sie sich durch wirtschaftliche, gesetzliche und bürokratische Zumutungen ausgesetzt fühlt.

Damit diese Kontrahenten ein ganzes Buch lang diskutieren und streiten können, muss es natürlich eine Verbindung geben: Die beiden hatten zusammen in Münster studiert und dort in einer Zweier-WG sehr vertraut (aber rein platonisch) zusammengelebt, sich dann aber wegen des plötzlichen Umzugs von Theresa aus den Augen verloren.
Während das am Anfang des Prozesses als Bindungsglied reicht, wird später noch ein (besonders bei Stefan) erwachendes erotisches Interesse als Stabílisierungelement eingeführt. Das führt dazu, dass sich die Inhalte der schriftlichen Dialoge in der zweiten Hälfte des Buches auf den privaten, emotionalen Bereich ausdehnen.

Während also die Leserschaft recht ausführlich mit Journalismus und Landwirtschaft in Kontakt kommt, findet parallel ein heftiger Schlagabtausch zu den Aufreger-Themen des Jahres 2022 statt: Gendern (er ja, sie nein), Ukraine-Unterstützung (er ja, sie skeptisch), Tierhaltung (er nein, sie liebt ihre Kühe), Klima-Engagement (er ausgeprägt, sie zunehmend genervt).
Die Autoren fokussieren immer wieder auf den Gegensatz zwischen „intellektuell-phrasenhafter Theoriewelt“ und „bodenständiger Auseinandersetzung mit realen und handfesten Problemen“. Typischerweise schreibt Stefan in der Pause irgendeines „bedeutsamen“ Meetings, während Theresa bereits die zweite Melk-Schicht hinter sich hat (die erste fand um 4:00 Uhr früh statt).
Es dauert nicht sehr lange, bis der Eindruck entsteht, dass die Sympathie der Autoren eher bei der „Frau der Tat“ und ihren Mitstreitern liegt, als bei dem „intellektuellen Schwätzer“ in der Hamburger Medien-Blase und den fanatischen AktivistInnen in seinem Umfeld.

Es gibt einige Punkte, die diesen Roman für mich zu einem sperrigen und manchmal auch ärgerlichen Leseerlebnis gemacht haben. Damit diese Rezension nicht endlos wird, will ich dies als Aufzählung darstellen:
– Beide Figuren erscheinen öfters so naiv oder werden so klischeehaft dargestellt, dass man sie in diesen Momenten kaum als „echte“ Personen anzunehmen vermag.
– Es erscheint immer wieder wenig realistisch, dass die gemeinsame Vergangenheit auf Dauer in der Lage sein könnte, die zwischendurch stark eskalierenden Angriffe und spürbaren Entfremdungen auszugleichen.
– Das erwachende gegenseitige erotische und emotionale Interesse lässt sich nur schwer aus dem Verlauf der Kommunikation nachvollziehbar ableiten. Insbesondere Stefan steigert sich gegen Ende in einem Ausmaß da hinein, wie man es kaum einem etablierten Profi-Journalisten zutrauen würde.
– Warum sich am Ende des Buches plötzlich eine Action-Szene um die Bergung einer Leiche in das Buch verirrt, bleibt wohl das Geheimnis der Autoren (und des Lektorats).

Welche Botschaften bekommt nun die Leserschaft zu den beiden Welten und deren Verbindungsmöglichkeiten?
– Es ist offenbar möglich, selbst über gravierende Überzeugungsunterschiede im Gespräch zu bleiben (wenn man entweder einen sehr feste gemeinsame Basis hat oder sich gleichzeitig angezogen fühlt – am besten beides).
– Es droht scheinbar die Gefahr, dass maßlos-radikale AktivistInnen das Kommando über die Medien übernehmen und uns ihr moralischen aufgeladenen Meinungsdiktat aufoktroyieren.
– Den „einfachen Leuten“ (exemplarisch den Kleinbauern) wird von lokalen Behörden, von Berlin und von Brüssel das Leben so schwer gemacht (eigentlich „zur Hölle“), dass man sich nicht wundern muss, dass aus der Verzweiflung heraus auch illegale (und rechtslastige) Protestformen entstehen.
– So richtig führt der versuchte Dialog letztlich nicht zusammen: Die (ideologischen) Ausgangslagen, die konkreten Lebenswirklichkeiten und die persönlichen Ziele sind und bleiben dann doch inkompatibel.

Wer sich mal in dieser speziellen Form mit den klassischen Argumenten der großen gesellschaftlichen Debatten befassen möchte, wird in diesem Buch fündig. Die beiden Autoren haben den jeweiligen Sprech drauf. Weniger geeignet erscheint dieser Roman als eine erhellende Beziehungs-Studie von zwei Menschen in zwei Welten zu sein – dafür sind die Prozesse zwischen den Dialogpartnern zu irritierend.
Juli ZEH hat jedenfalls ein weiteres Mal ihre Distanz und ihre Skepsis gegenüber einem „woken“ Milieu zum Ausdruck gebracht, das sie eher mit Arroganz und Übergriffigkeit in Verbindung bringt als mit ehrlichem Engagement. Das mag in Teilbereichen nachvollziehbar sein; in Bezug auf die Klimafrage scheint es aufgrund ihrer Ausgestaltung des Themas eher zweifelhaft, ob sich die Autoren der realen Dramatik und des damit verbundenen Handlungsdrucks tatsächlich bewusst sind.


28.01.2023 Sensitivity-Reading

Foto von RODNAE Productions: https://www.pexels.com/de-de/foto/frau-im-blauen-jeansjacke-lesebuch-5530681/

In der aktuellen ZEIT bin ich auf folgendes Phänomen gestoßen: Einige Verlage beschäftigen inzwischen sog. „Sensitivity-Reader“, um sicherzustellen, dass sich durch die eingereichten Manuskripte möglichst keine – potentiell diskriminierungsgefährdete – Gruppe in irgendeiner Weise „verletzt“ fühlt.
Personen, die selbst solchen Minderheitsgruppen angehören (also z.B. nicht-weiß, homo-/bisexuell, transsexuell, queer, nicht deutschstämmig sind) durchforsten die Texte nach Stellen, in denen potentiell „sensible“ Personen handeln, beschrieben werden, sich selbst darstellen oder in Dialogen angesprochen bzw. bezeichnet werden.
Werden dabei Formulierungen gefunden, die nach der Einschätzung des Testlesers bzw. der Testleserin als diskriminierend oder als unstimmig mit der Selbstdefinition der jeweiligen Gruppe empfunden werden könnten, werden alternative – also sicherere – Vorschläge gemacht.
Zweck des Ganzen ist es in erster Linie, mögliche Protesten der betroffenen Gruppen von vorneherein zu vermeiden.

Mich hat diese Information echt schockiert!
Soll denn ernsthaft ein/e Autor/in in Zukunft nicht mehr die Möglichkeit haben, Figuren zu entwerfen oder Dialoge zu entwickeln, die nicht in Übereinstimmung mit den jeweils „woken“ Korrektheitsregeln diverser Minderheitsgruppen stehen? Dürfen in einem fiktiven Dialog keine Beleidigungen mehr vorkommen – obwohl ja genau dadurch der Charakter einer Romanfigur erst zum Tragen kommt? Dürfen z.B. Transmenschen als Protagonisten in Erzählungen sich nur so empfinden und nur so auftreten, wie es die gerade (laut)stärkste Aktivistengruppe als typisch oder angemessen definiert? Was ist, wenn sich das Selbstverständnis queerer Menschen in 10 Jahren verändert hat – muss dann nachkorrigiert werden?

Um es deutlich zu machen: Nichts spräche dagegen, wenn man sich als Schreibender selbst beratende Unterstützung einholt, wenn man über Personen oder Lebenslagen textet, die einem nicht vertraut sind. Das trifft für seltene Krankheiten genauso zu wie für irgendwelche Spezialberufe. Warum sollte das nicht auch für das Schreiben über Minderheiten gelten.
Eine obligatorische „Anti-Diskriminierungs-Zensur“ durch die jeweils betroffenen Gruppen stellt für mich einen unakzeptablen Eingriff in die künstlerische Freiheit des Schriftstellerberufes dar.
Wir sollten das nicht wollen und nicht akzeptieren.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)

27.01.2023 Was nun, Herr Scholz?

Unterzeichnung des Koalitionsvertrages der 19. Wahlperiode des Bundestages by Sandro Halank–054.jpg

SCHOLZ war am 25.01.23 in die gleichnamige Interview-Sendung des ZDF eingeladen. In einem optimalen zeitlichen Verhältnis zur Entscheidung zu den Kampfpanzer-Lieferungen an die Ukraine.
Dank des komfortablen Mediathek-Angebots der öffentlich-rechtlichen Sender, konnte ich die Sendung nachträglich anschauen.

Ich empfehle dringend, sich diese Zeit zu nehmen.
Es werden keine Sensationen verbreitet, vieles wird mehrfach gesagt. Es lohnt sich aber trotzdem, den Gesamteindruck dieses Gespräches auf sich wirken zu lassen.
Das ruhige und sichere Auftreten des Bundeskanzlers steht in deutlichem (und angenehmen) Gegensatz zu der hektischen und überdrehten Diskussion der letzten Wochen. Zuletzt haben sich die Vorwürfe in der Politik und in den Medien geradezu überschlagen: SCHOLZ lasse die Ukraine im Stich, er verzögere die notwendigen Hilfen, er isoliere unser Land auch international, verärgere sogar die engsten Verbündeten, er sei ein Zauderer, der keine Führungsqualitäten habe, …

Was man in der Sendung sieht und erlebt, ist etwas anderes. Hier schient jemand eine klare Linie zu haben und diese auch gegen Widerstände und massiven Druck zu verfolgen. Hier scheint jemand seine Verantwortung ernst zu nehmen. Hier scheint jemand mit sich im Reinen zu sein.
Ist das keine Führung?

Ich bin kein SCHOLZ-Fan und ich stehe einer anderen Partei näher als der SPD.
Und natürlich hat die innere und äußere Diskussion auch etwas bewirkt und sicherlich auch den Kanzler in seiner Entscheidung beeinflusst.
Trotzdem: SCHOLZ hat in dieser Sache eindeutig einen Punkt gemacht und das Vertrauen in die Regierung letztlich gestärkt.
Und das tut unserem Land gut – gerade in diesen Zeiten.

(Zu weiteren Tages-Gedanken)