„Alles könnte anders sein“ von Harald Welzer

Harald Welzer gehört inzwischen zu den etabliertesten Experten, wenn es um Fragen der gesellschaftlichen Risiken und um Trends auf dem Weg zur Nachhaltigkeit geht. Regelmäßig wird seine Meinung in Nachrichten- und Magazinsendungen eingeholt. Seine Bücher „Selbst Denken“ und „Die smarte Diktatur“ gehören zu den Standardwerken der aktuellen kritischen Gesellschaftsanalyse.

Es geht Welzer schwerpunktmäßig darum, nicht nur Fehlentwicklungen zu beschreiben und Veränderungsziele zu definieren; er will aufrütteln und zum konkreten Handeln motivieren. Sein Ziel: Statt Katastrophenszenarien zu verbreiten oder über die Notwendigkeit eines Systemwechsel zu schwadronieren will er konkrete, bereits vorhandene, Initiativen nutzen, um eine „schrittweise Transformation“ anstoßen.

Welzer will eine „Utopie für freie Menschen“. Was das bedeutet, macht der Autor sehr eindrücklich und mit großem Engagement deutlich.
Es geht u.a. darum:
– ein nachhaltiges (lokales und gebremstes) Wirtschaften zu entwickeln
– sich der Überwachung und Manipulation der Internet-Konzerne zu entziehen
– das analoge, soziale Leben zu beleben, statt überflüssige „smarte“ Welten zu entwickeln
– Städte autofrei und bewohnbar zu machen
– Arbeitszeiten drastisch zu reduzieren
– ein bedingungsloses Grundeinkommen einzuführen
– ein mündiges und selbstbestimmtes Leben zu führen, dessen Sinn nicht in grenzenlosem Konsum liegt

Welzer ist ein Kämpfer für eine „bessere“ Welt. Fast alles, was er will und wofür er seine Argumente ins Feld führt, ist sympathisch, menschenfreundlich und zukunftsträchtig. Harald Welzer ist aber auch recht überzeugt von sich selbst; Zweifel und vorsichtiges Abwägen gehört nicht zu seinen hervorstechenden Eigenschaften.
Manchmal gehen die Pferde mit ihm durch. Fast jede/r Leser/in wird in diesem Buch die ein oder andere Stelle finden, an der er/sie aussteigt. Bei manchen wird es die „Welt ohne Grenzen“ sein, für andere das Grundeinkommen, oder die Arbeitszeit von maximal 15-20 Wochenstunden.
Vermutlich wird das der Autor eingeplant haben; es wird ihn nicht irritieren. Er ist sich seiner Sache sicher. Und das vor allem deshalb, weil er eben kein fertiges Konzept oder eine konsistente Ideologie auf dem Plan hat, sondern alle möglichen realen Ansätze nutzen und kombinieren möchte.

Bei aller Sympathie: An einer Stelle verrennt sich Welzer wirklich zu weit. Er schimpft wie ein Rohrspatz über die Klimaaktivisten, die durch ihre „Endzeit-Parolen“ angeblich die Menschen entmutigen und in eine Schicksalsergebenheit treiben.
Bei allem Respekt: Hier merkt man dann, dass sich Welzer den Erfolg der Fridays for Future-Bewegung einfach nicht vorstellen konnte. Und gegen die Benennung von kritischen „Klima-Kipp-Punkten“ zu wettern, weil dies seiner Ermutigungs-Strategie nicht in den Kram passt, zeugt auch nicht gerade von Toleranz und Weitsicht.

Welzer ist – wie gesagt – ein leidenschaftlicher Kämpfer für die gute Sache. Ihm sei daher verziehen, dass dazu auch eine Portion Selbstgewissheit gehört. Vermutlich ist das eine seiner Energiequellen. Geschenkt!

Das Buch ist voller Anregungen und guter Beispiele. Manchmal provozierend, immer engagiert. Keiner – auch Welzer nicht – erwartet, dass es ein Programm enthält, dass buchstabengetreu umgesetzt werden kann.

2 Antworten auf „„Alles könnte anders sein“ von Harald Welzer“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.