„Alte Sorten“ von Ewald Arenz

Bewertung: 5 von 5.

Ein echter Überraschungs-Treffer!
Ich habe dieses Buch mit der festen Überzeugung gelesen, dass da eine extrem sensible Autorin die facettenreiche Verbindung von zwei weiblichen Protagonisten über viele Hürden hinweg entstehen lässt. Dann stelle ich (wirklich!) erst nach der letzten Seite fest, dass dieses Buch von einem Mann geschrieben wurde. Respekt!

Wir sehen in diesem Roman zwei Frauen beim Wachsen zu: einem Mädchen an der Schwelle des Erwachsenwerdens und einer Frau mittleren Alters. Das Mädchen (Sally) ist aus der Psychiatrie abgehauen und sieht keinen Rückweg in die (spieß-)bürgerliche Welt ihrer Eltern; ihre Narben sind auch äußerlich unübersehbar. Die Frau (Liss) trägt schwere biografische Hypotheken auf ihren Schultern, die sich nur in einem fast vollständigen Rückzug von der Welt ertragen lassen; ihre Narben sind seelischer Natur.

Das Schicksal meint es gut mit diesen beiden: Für die Leser/innen wird im Laufe der Geschichte klar, dass beide genau dieses Gegenüber brauchen, um wieder eine lebbare Perspektive für sich zu finden.
Es gibt jedoch auch einen dritten Faktor, den man sich nicht fortdenken kann und will: Es ist die ländliche Idylle, in die das behutsame Abtasten der beiden Frauen eingebettet ist.

Die sprachliche Qualität des Romans, die sich u.a. in absolut überzeugenden Sprachbildern ausdrückt, findet sich in allen wesentlichen Aspekten:
Mit einer beeindruckenden Empathie versetzt sich ARENZ (Lehrer von Beruf) in die Gefühlswelt einer Heranwachsenden, die für sich und ihre Ansprüche an ein erfülltes Leben in der Familie keinerlei Resonanz erfährt. In ihrer Mischung von Trauer, Verzweiflung und Wut werden sich viele junge Menschen wiedererkennen.
Eine noch größere Herausforderung stellt die Figur der Liss dar: Ihre biografischen Brüche, ihre seelischen Verletzungen werden erst nach und nach enthüllt – und vom Autor ebenfalls überzeugend und sensibel dargestellt.
Die Meisterleistung von ARENZ besteht aber in der Entwicklung eines Beziehungsbandes zwischen diesen beiden Personen, die emotional und sozial extrem irritierbar sind. Was sich dort vollzieht, ist eine Art „Tanz auf sehr dünnem Eis“ – und dünnes Eis bricht auch manchmal ein. Dass es trotzdem zu einem ganz anderen Tanz kommt, wirkt wie ein kleines Wunder.
Aber der Autor hat nicht nur einen Blick und eine Feder für verstörte Seelen und labile Beziehungen; er gibt der Natur, den Feldern, den Weinbergen und auch dem Garten (den mit den „Alten Sorten“) in dieser Erzählung einen grandios versprachlichten Raum. Es wäre tatsächlich kaum vorstellbar, dass diese (gegenseitige) Heilung ohne die basalen Kräfte gelungen wäre, die das Leben und Arbeiten mit und an der Natur schenken können.

Dieser Roman ist – auf eine nicht kitschige Art – sehr anrührend und durch und durch menschenfreundlich. Er lenkt den Blick auf die Not und die Verletzungen hinter den schroffen Fassaden und zeigt mit faszinierender Sensibilität die Ursprünge von Vertrauen und Nähe. Es geht um das Wachsen – in der Natur, in der Persönlichkeit, in Beziehungen.
Der Ausblick macht Mut – auch weil letztlich die Verbindung zur (verständnislosen und vermeintlich feindseligen) Umwelt nicht auf alle Zeiten abgebrochen bleiben muss. Man kann – unter förderlichen Bedingungen – so starkwachsen, dass die die Welt ihren Schrecken verliert.
Wenn dieses tolle Buch vielleicht auch eine Spur märchenhaft sein sollte, so enthält es auf jeden Fall kluge und ermutigende Botschaften.

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