„Anständig leben“ von Sarah Schill

Bewertung: 4 von 5.

Beim ersten Durchblättern war ich ein wenig misstrauisch – schienen mir doch die Schilderungen sehr persönlich und subjektiv zu sein. Mein Resümee sieht aber letztlich ganz anders aus.
Doch der Reihe nach.

Eine junge Frau, die sich als Teil eines aufgeklärten, liberal-progressiven Milieus darstellt, will die Sache mit der Nachhaltigkeit genauer wissen. Unverbindliche Apelle oder diffuse Vorsätze reichen ihr nicht mehr. Da sie nicht an den alarmierenden Befunden zur ökologischen Ausgangslage zweifelt (die auch im Erscheinungsjahr 2014 schon eindeutig waren), will sie endlich handeln.
Statt von allem ein bisschen zu verändern, will sie durch Selbstversuche erkunden, was es denn eigentlich bedeuten würde, wenn man Einsichten und Ziele wirklich konsequent in Handeln umsetzt. Exemplarisch nimmt sie sich zwei der großen Öko-Themen vor: die fleischlose Ernährung und die Plastikvermeidung.

Die ersten zwei Drittel des Textes bestehen aus der Beschreibung der Erfahrungen, die Sarah SCHILL dabei gemacht hat, je einen Monat vegan bzw. plastikfrei zu konsumieren und zu leben. Im letzten Teil des Buches wird die Perspektive erweitert: die Autorin nimmt Kontakt zu Projekten und Initiativgruppen auf, recherchiert zu weiteren Einzelthemen (z.B. „urban gardening“, der Tier-Schlachtung und der Jagd) und bietet durch ein ausführliches Quellenverzeichnis und zusätzliche Links eine Menge Infoservice zur Vertiefung bzw. zur praktischen Umsetzung.

Es wurde schon angedeutet: SCHILL hat ein sehr persönliches Buch geschrieben. Zwar beinhaltet es auch jede Menge sachlicher Informationen über die desaströse Ausgangslage, im Mittelpunkt steht aber das eigene Erleben beim Versuch des privaten Umsteuerns. Dabei spielen durchgängig zwei Perspektiven eine Rolle:
– Mit welchen inneren und äußeren Hürden habe ich zu kämpfen, wenn ich wirklich – von jetzt auf gleich – konsequent handeln will?
– Wie entwickeln sich meine eigenen Positionen zwischen gedankenlosem Hedonismus und Öko-Sektierertum? Wie geht es mir damit?

Tatsächlich liegt der Mehrwert dieses Buches genau dort.
Die Autorin schafft einen Identifikationsraum, in dem sich die Leser/innen mit ihren eigenen Ambivalenzen wiederfinden können. Es gibt Widersprüche und Zweifel, Idealismus und Resignation. Das alles kennt man von sich selbst. Kaum jemand schafft es, auf allen Gebieten gleichermaßen konsequent zu sein; ehrlicherweise will das auch kaum jemand wirklich.
SCHILL geht mit ihrer Neugier und ihrem Tatkraft den meisten Leser/innen ein paar Schritte voraus. Das ist mutig, anregend und hilft bei der eigenen Positionierung. Da gibt es eine Art „Heldin“, die ein Stück unerschrockener ist als man selbst. Aber es ist eine Heldin aus Fleisch und Blut, keine perfekte Lichtgestalt.
Dass die Autorin einen locker-flockigen Stil hat und sich auch selbstkritisch und humorvoll hinterfragt, versteht sich schon fast von selbst.

Ich kann das Buch sehr empfehlen, wenn man keine reine faktenbasierte Sachbuchlektüre sucht. Es wirkt aktuell, obwohl seit dem Erscheinen schon ein paar Jahre vergangen sind. Natürlich gäbe es inzwischen neuere Zahlen und zusätzliche Verweise – die beschriebenen Grundkonflikte mit der eigenen Konsequenz haben sich nicht verändert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.