„Aufklärung jetzt“ von Steven PINKER

Bewertung: 5 von 5.

Seit ca. zwei Jahren habe ich das Gefühl, kein im weitesten Sinne gesellschaftlich oder politisch angehauchtes Buch lesen zu können, ohne nicht irgendwann auf einen Verweis zu diesem Autor und diesem Buch zu stoßen. Mehrfach fiel die Entscheidung, es dann doch mal zu lesen. Dann wieder ein Zögern: Muss ich wirklich auf hunderten Seiten nachlesen, was ihm als Kernaussage zugeschrieben wird: dass alles (also die ganze Welt) viel besser ist als man meint?
Zum Glück wurde ich durch ein Geschenk aus dieser Ambivalenz befreit.

PINKER ist ein in den USA vielbeachteter Intellektueller, von Haus aus Psychologe, mit einem breiten, multidisziplinären Blick – unter Einschluss von soziologischen, politischen und philosophischen Perspektiven. Sein entscheidendes Merkmal ist allerdings, dass er all diese Erkenntnisse in den Dienst einer Sache stellt, der er sich mit vollem Engagement (Achtung: Wortspiel) verschrieben hat.
Sein von Daten, Grafiken und Quellen geradezu überbordendes 730-Seiten-Buch (davon allein 150 S. Anmerkungen) hat tatsächlich nur ein Ziel: PINKER will auch den letzten Zweifler davon überzeugen, dass die Geschichte der letzten ca. 250 Jahre, die als Folge der Epoche der Aufklärung zunehmend von Vernunft und Wissenschaft geprägt war, den Menschen auf allen erdenklichen Ebenen Fortschritte geschenkt hat. Aber es geht ihm auch um die Schlussfolgerung aus dieser – für ihn zweifelsfreien – Erkenntnis.
Wir sollten und dürfen aus zwei Gründen nicht nachlassen, diesen Weg weiter zu beschreiten: Einmal, weil zwar (im Vergleich zu früher) alles besser und vieles gut, aber längst nicht alles perfekt ist; zum anderen werden Vernunft und Wissenschaft von verschiedenen Seiten massiv angegriffen und in Frage gestellt (einer dieser Gegner ist – auch in diesem Buch von 2017 schon – ein gewisser Trump).

Das Besondere an PINKER ist, dass er bei seinem Kampf gegen Irrationalitäten und Ideologien keinen Unterschied zwischen Freund und Feind macht. Er fordert alle Seiten und Gruppierungen zum Respekt vor Fakten und Daten auf – egal ob es sich um Linke oder Rechte, um religiöse Eiferer oder Okö-Aktivisten handelt. Auch wenn er selbst ein weltoffener Liberaler ist: Im Zweifelsfall würde er wohl einen stringent und faktenbasiert argumentierenden Konservativen einem linken Schlagwort-Populisten vorziehen.

Der Autor ist ein Überzeugungstäter und er liebt statistische Beweise für seine Thesen. Wer Material sucht für die Entwicklung von Lebenserwartung, Gesundheit, Hunger, Gewalt, Krieg, Menschenrechte, Bildung, Lebensqualität, Glück, usw. – er/sie findet sie in diesem Buch. Aber – anders als befürchtet – werden die Ergebnisse nicht einfach nur hintereinandergestellt. PINKER schafft Ordnung und Zusammenhänge, findet immer wieder Bezüge zu seinen Grundthesen.

Manchmal erzeugt PINKER auch innere Widerstände. Bei seinen Ausführungen über die Umwelt- und Klimaproblematik bezieht er klar Position gegen eine „Weltuntergangs-Stimmungsmache“; er betont, dass die von vielen Aktivisten betriebene Katastrophisierung weder angemessen noch pragmatisch (im Sinne von motivierend) sei. Er setzt auch beim Öko-Thema (u.a.) auf die Innovationskraft der Wissenschaft (was bei ihm übrigens auch modernste Kernkrafttechnologie und Geo-Engineering mit einschließt). Etwas widersprüchlich ist hier seine Argumentation, der Klimabewegung auf der einen Seite übertriebene Panikmache vorzuwerfen, es dann aber der Klugheit der Menschen zuzuschreiben, dass man ja begonnen hat, gegenzusteuern (ob das wohl ohne die Aktivisten passiert wäre?).

Es wäre unfair, den Autor als datenverliebten Erbsenzähler zu betrachten. Es geht im letztlich um das große Ganze. PINKER ist ohne Zweifel ein Menschfreund, ein Humanist. Sein Maßstab für den Fortschritt ist das Wohlergehen der Menschen. Dass dabei auch der wirtschaftliche Wohlstand eine große Rolle spielt, wird vielleicht nicht jedem Wachstums- oder Globalisierungsgegner gefallen. Aber er legt einen globalen Maßstab an und hat großes Verständnis dafür, dass sich weite Teile der Welt nach dem Niveau von Lebensstandard sehnen, den wir – konsumgesättigt wie wir sind – eher kritisch in Frage stellen.

Der Psychologe PINKER kommt durchaus auch zu Wort. Er analysiert die Verzerrungen in Wahrnehmung und Bewertungsmustern, die Neigung zu Irrationalität und die Anfälligkeit für ideologisch basierte Fehlschlüsse. Und – was noch wichtiger erscheint – er macht konkrete Vorschläge, wie durch Bildung und Aufklärung die Kompetenzen für vernunftgeleitetes Denken und Handeln gefördert werden könnten.

PINKER legt insgesamt ein beeindruckendes Plädoyer für die Beibehaltung und Verteidigung des eingeschlagenen Weges vor. Und es ist wirklich lehrreich und lohnend, sich die realen Fortschritte in den Lebensverhältnissen einmal so konkret vor Augen führen zu lassen. Zahlreiche weitere Aspekte konnten in dieser Rezension gar nicht erwähnt werden.
Dieses Buch wird mit Sicherheit bei jedem Leser Spuren hinterlassen (bei Leserinnen auch). Es ist im besten Sinne ein Grundlagenwerk, eines von der Sorte, bei dem man froh ist, es mal im Original gelesen zu haben (auch wenn es ein paar Stunden Konzentration kostete).
Auch wenn man PINKER nicht in jedem Punkt folgt und er gelegentlich die Grenze zur Polemik berührt: dieser Mensch und dieses Buch machen einen schlauer.
Ich würde es sofort wieder lesen!

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