„befreit“ von Tara WESTOVER

Bewertung: 3 von 5.

Diesem Buch und seiner Bewertung kann man sich auf ganz verschiedenen Wegen nähern: durch empathisches Mitfühlen hinsichtlich des geschilderten Schicksals, durch Analyse der erzählerischen Qualitäten, durch Beurteilung der psychologischen Stimmigkeit der Figuren und durch Beschäftigung mit der Verbindung zwischen religiösem Fanatismus und individueller Psychopathologie. Man könnte auch die Spur der Autorin aufnehmen und nachspüren, wie Bildung die Chance beinhaltet, sich von frühgeprägten Mustern und Beschädigungen zu befreien.
Ich werde eine – sicher sehr subjektive – Mischung dieser Perspektiven anbieten.

Die Handlung: Ein Mädchen wächst in einer ziemlich abgeschotteten Welt im ländlichen Amerika auf. Diese Erfahrungswelt wird geprägt durch einen Vater, dessen religiöser Eifer (es geht um Mormonen) sich mit einem psychischen Störungsbild kombiniert und so ein Wahnsystem produziert, in dem alle weltlichen (staatlichen) Einflüsse dem Teufel zugeschrieben werden. Den Lebensunterhalt der kinderreichen Familie bestreitet er als Schrotthändler und kleiner Bauunternehmer; natürlich müssen alle Kinder von klein auf mitarbeiten. Neben sich hat er eine Ehefrau, die sich seinem Regime unterordnet – zunächst aus Angst, später aus Überzeugung bzw. Loyalität. Sie startet als eine Art „Kräuterfrau“ und illegale Hebamme, entwickelt später daraus ein einträgliches Unternehmen.
Das Familienleben wird durch Tyrannei und Rohheit bestimmt; die Ablehnung alles
Weltlichen bezieht sich auch auf die Systeme Schule und (offizielle) Medizin.
Man begleitet die Ich-Erzählerin durch die Schrecken ihrer Kindheit und hofft auf den Moment, in dem die – durch den Titel versprochene – Befreiung beginnt.

Als Leser/in ist man einem emotionalem Wechselbad ausgeliefert. Man leidet mit der Protagonistin und ihren Geschwistern, ist fassungslos angesichts des Umgangs mit Bedürfnissen, Krankheit und Schmerz und kann nur mit großer Mühe (zumindest eine Zeitlang) nachvollziehen, warum dem Ganzen nicht irgendwann von innen oder außen ein Ende gesetzt wird.
Irgendwann melden sich dann Unverständnis, wachsende Ungeduld, später sogar Ärger, weil die – doch so offensichtlich erscheinenden – Zusammenhänge auch von den zu Jugendlichen heranwachsenden Opfern dieser Tyrannei einfach nicht erkannt und die notwendigen Konsequenzen nicht gezogen werden.

Zwei Seiten einer Medaille liegen ganz nah zusammen:
Es wird sehr eindrücklich verdeutlicht, wie stark die Kräfte einer frühen, geradezu gehirnwäschenmäßigen Prägung, kombiniert mit traumatischen Erfahrungen, wirken können – bis zu einer unzweifelhaft pathologischen Verstrickung. Loyalität wird so grenzenlos und selbstzerstörerisch – in einer Situation, in der sich der Missbrauch elterlicher Autorität mit dem Anspruch einer unerbittlichen religiösen Unterwerfung vermischt.
Gleichzeitig ist es nur schwer auszuhalten (und manchmal auch wirklich nicht zu glauben), dass eine – inzwischen intellektuell geförderte und entwickelte – Persönlichkeit so viele Durchgänge und schmerzhafte Wiederholungsschleifen benötigt, bevor (endlich) Erkenntnisse reifen und Schlussfolgerungen möglich werden (bis zum Ende nicht frei von Ambivalenzen).
Mir waren es tatsächlich ein paar Runden zu viel.

Letztlich stimmt die Aussage des Untertitels nicht. Bildung hat diese junge Frau nicht wirklich befreit – sonst wäre sie nicht als Studierende und Doktorandin, belesen mit Werken aus Geschichte, Politik und Philosophie, immer noch unfähig gewesen, die tatsächlichen Beschädigungen und destruktiven Kräfte ihrer Herkunftsfamilie zu durchschauen.
Der Lösung kam sie schließlich eher durch eine Art therapeutischen Prozess näher, eben nicht durch Wissen allein.

Insgesamt hat mich das Buch ein wenig ratlos hinterlassen. Habe ich mehr erfahren, als dass es solche bemitleidenswerten Einzelschicksale gibt?
Völlig vermisste habe ich z.B. eine kritische Auseinandersetzung mit einem religiösen System, dass mit seinem Absolutheitsanspruch eben auch den Boden bereitet für eine solche Familiendiktatur. Im Gegenteil: Die Autorin ist bis zum Schluss stolz darauf, dass sie in ihrer Dissertation Aspekte der mormonischen Kultur mit anderen gesellschaftlichen Einflüssen harmonisiert hat.
Da fehlt mir das Verständnis. Nicht gegenüber dem Umstand, dass die religiöse Prägung trotz allem Leid ein Teil der Identität geblieben ist, sondern weil mir eine Auseinandersetzung damit fehlt, eine Meta-Betrachtung.

Die – sicher anrührende – Schilderung dieser Kindheits-Hölle macht diesen Text für mich noch nicht zu einem wirklich empfehlenswerten Buch.


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