„Bewusstsein – Bekenntnisse eines Hirnforschers“ von Christof KOCH

KOCH ist ein international renommierter Wissenschaftler, der an den besten Forschungseinrichtungen der Welt mit den klügsten Experten gearbeitet hat. Das weiß er, und das zeigt er auch.
Überhaupt ist dieses Sachbuch, das sich an ein interessiertes und vorgebildetes Publikum wendet, zugleich ein sehr fachliches und sehr persönliches Buch. Dieser Mensch nimmt auch sich und seine Biografie wichtig – tut das aber nicht (nur) aus Eitelkeit, sondern schafft damit einen Bezugsrahmen für die Themen, die in bewegen und für die Auswirkungen seiner Erkenntnisse auf seine private Weltsicht.

Wie macht unser Gehirn das Bewusstsein? Lohnt es sich überhaupt, diesem Geheimnis auf die Spur kommen zu wollen? Wie weit führt die Entzauberung des Menschen, wenn ich selbst seine höchsten geistigen Leistungen, seine Entscheidungen und seinen Willen als Ergebnis von physiologischen (elektro-chemischen) Vorgängen betrachte? Haben vielleicht schon Tiere ein Bewusstsein – und was würde das bedeuten? Welchen Platz haben bei all dem noch traditionelle Menschenbilder oder gar der göttliche Einfluss?

KOCH ist dem inneren Antrieb gefolgt, den Fragen nach der Quelle für das Bewusstsein ohne Tabus nachzugehen. Er hat dabei viel gewonnen, aber auch etwas verloren, u.a. den Glauben an einen persönlichen Gott. Es wird deutlich, dass sein Leben dadurch nicht an Sinn, Erfüllung oder Tiefe verloren hat. KOCH sucht und findet auch intensive Erfahrungen außerhalb der Labore.
Doch in erster Linie sind es die gewonnenen Erkenntnisse über die unglaubliche Komplexität der neuronalen Funktionen und Netzwerke, die sein Leben bereichert haben. Und genau das versucht der Autor, uns in diesem Buch mitzuteilen, indem er uns auf eine Reise durch sein Leben mitnimmt.

Im Buch wechselt die Perspektive zwischen einer persönlichen, einer eher grundsätzlichen Betrachtungsebene und der akribischen Darstellung von Experimenten und Befunden. Dieser Perspektivwechsel macht es dem Leser leichter, sich auf die Zumutungen der wissenschaftlichen Details einzulassen. Nach und nach führt KOCH tiefer in das Innere des Gehirns und seiner Funktionen und vergrößert damit auch die Komplexität der angebotenen Information – bietet aber immer wieder erklärende und einordnende Begleitung an.
Man erfährt viel über die Aussagekraft von Träumen, Tierexperimenten und spezifischen Verletzungen und Erkrankungen des menschlichen Gehirns. Eindrucksvoll wird belegt, wie viel in unserem Nervensystem passiert, ohne dass wir uns dessen bewusst wären – zum Glück, denn ohne Filterung und Voranalyse wären wir hoffnungslos überfordert und völlig lebensunfähig.

Auch philosophisch höchst interessant sind KOCHs Betrachtungen zum Determinismus und zur Willensfreiheit. Natürlich findet auch KOCH, der bis in die Unschärfe der Quantenphysik eintaucht, nicht die Wahrheit zu diesen Menschheitsfragen; er schlägt aber pragmatische Lösungen bzw. Umgangsweisen vor, die sich von vielen anderen eher oberflächlichen Thesen angenehm unterscheiden. Er traut sich, bis an die Grenze des Denkbaren zu denken, und geht dann wieder einen halben Schritt zurück – damit es sozusagen lebbar bleibt. Respekt!

Gegen Ende stellt der Wissenschaftler eine schon fast metaphysische Sichtweise des Bewusstseins zur Diskussion, in Form eines in aller Materie bzw. im gesamten Kosmos angelegten Ur-Bewusstseins. Natürlich wird auch die Frage diskutiert, ob und ab welcher Komplexitätsstufe auch künstliche Systeme Bewusstsein entwickeln können oder unvermeidbar werden.
Das alles ist intellektuell anregend; man muss sich dabei nicht jeden Gedanken zu eigen machen.

Am ehesten findet sich die ultimativ-vorläufige Antwort auf die Frage nach dem Bewusstsein letztlich im Prinzip der integrierten Information. Er stellt ein (gedankliches und mathematischen) Modell vor, dass sogar schon eine konkrete Anwendungsmöglichkeit gefunden hat: So können unterschiedliche Bewusstseinszustände bei schwerkranken Patienten auf dieser Grundlage offenbar recht zuverlässig unterschieden werden.

Falls noch jemand zweifelt: Unser Bewusstsein verschwindet (spätestens) mit unserem Tod. Bis dahin können wir allerdings (u.a.) noch viel über uns und die Welt erfahren und lernen – z.B. aus solchen faszinierenden Büchern wie diesem.

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