„Book of Songs“ von Colm Boyd

Eine wahrhaft originelle Idee!
Das Buch des Musikbloggers BOYD präsentiert ca. 70 Playlisten mit jeweils vier bis sechs Songs zu der jeweiligen Kategorie; auf jeder der 250 Buchseiten werden durchschnittlich zwei der Musikstücke kurz beschrieben. Der Autor stellt dabei nicht nur einen Bezug zu dem Thema der Playlist her, sondern versorgt die Leser und Hörer mit allerlei Insider-Infos zur Entstehung bzw. Bedeutung der Titel.

Das hört sich alles noch ein wenig trocken (besser „leise“) an. Doch für Abonnenten des großen Streaming-Dienstes Spotify tut sich eine zweite Welt auf: Wenige Augenblicke reichen der optischen Erfassungsfunktion, um die Playliste in der App anzuzeigen – natürlich sortiert in der passenden Reihenfolge. Möglich macht es ein hauseigener Strickcode, der absolut zuverlässig funktioniert.
Das Ergebnis: Schnell und extrem komfortabel entfaltet sich parallel zum Lesen der zugehörige Sound. Ein kurzes Fingertippen macht aus diesem Buch tatsächlich ein multimediales Erlebnis.
Das ist schonmal was!

Kommen wir zur Auswahl der Kategorien.
BOYD holt weit aus, er nutzt für seine Kategorien eine bunte Mischung von Stimmungen, Lebensereignissen, Kunstwerken, Filmregisseuren, Musikrichtungen und alltäglichen Begrifflichkeiten aus.
Ein System lässt sich dahinter nicht entdecken. Auf manche Überschriften wäre man sich auch selbst gekommen (Lieder über große Gefühle, bestimmte Länder oder Drogenerfahrung); andere Themen markieren dann doch sehr persönliche Vorlieben des Autors (Tarantino-Filme, Beteiligung von Jack White, Spoken-Word-Songs).
Nun gut, man lässt sich mal darauf ein.

Wie ist nun die Auswahl der Einzeltitel zu beurteilen?
Sagen wir es erstmal positiv: Der Musikblogger ist wirklich breit aufgestellt.
BOYD bedient sich aus einen extrem heterogenen Pool von Musikgenres bzw. -stilen und deckt problemlos einen zeitlichen Rahmen von ca. 70 Jahren Popmusik-Geschichte ab.
Locker wechselt er dabei vom Mainstream zu handverlesenen Insider-Titeln, gerne auch mal außerhalb des englischsprachigen Raums (deutsche Interpreten sind nicht dabei).
Es ist eine Achterbahnfahrt, die sicher jeden individuellen Musikgeschmack an bestimmten Stellen überfordert. Das ist Neugier und Flexibilität angesagt; es gibt einiges zu entdecken, was einem sicher sonst nie im Leben begegnet wäre.
Was definitiv klar ist (aber auch unvermeidbar): Jeder halbwegs interessierte Musikfan wird sich die Haare raufen – angesichts der „eindeutig fehlenden“ Titel. Ich habe sie geradezu schreien gehört, die Songs, die „eigentlich“ besser als jeder andere gepasst hätten (Nur ein Beispiel: Wie kann man in der Playliste über Geschlechtsidentitäten das prädestinierte „I’m a Boy“ von The Who vergessen?!).

Und die Infos zu den Songs?
BOYD ist offensichtlich ein cooler Typ. Man darf sich hier keinen seriösen Musikjournalisten vorstellen. Hier gibt ein Szene-Blogger Einsichten, die oft hinter die Bühnen und Pressetexte führen und die darauf schließen lassen, dass der Autor Zugang zu den Stories hinter den Stories hat. Der Schreibstil ist betont alternativ, Anspielungen auf Sex and Drugs bleiben nicht aus. Manchmal sind es erstaunliche Details und Perspektiven, die sicher oft originell, aber auch nicht für jeden „Normalo“ von Belang sind.
In der Regel werden einige charakteristische Text-Zeilen zitiert, um den Bezug zum Playlist-Thema zu demonstrieren.

Was übrig bleibt:
Man hat das Gefühl, eine besondere kombinierte Lese-/Hör-Erfahrung gemacht zu haben. Wer sich gerne überraschen und auch auf unbekannte Pfade führen lässt, kommt voll und ganz auf seine Kosten – jedenfalls wenn er/sie sich einer schnodderig- alternativen Perspektive auf die Musikwelt nahe fühlt.
Wer es gerne etwas gemäßigter und seriöser hätte, wer sich gerne auf einige Hauptthemen und vielleicht auf etwas mehr Rock- und Popklassiker konzentriert hätte, den/die erwartet immer noch eine interessante und oft vergnügliche Herausforderung.
Meine Lösung: Ich habe mir eine eigene Playlist gemacht, mit den Songs, die ich durch dieses Buch kennen und mögen gelernt habe. Nicht jedes Buch hat so ein konkretes Ergebnis!

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