„Eine Geschichte der Welt in 100 Mikroorganismen“ von Florian FREISTETTER und Helmut JUNGWIRTH

Bewertung: 4.5 von 5.

Warum liest (oder hört) man ein solchermaßen auf ein (vermeintlich) alltagsfernes Thema spezialisiertes Buch?
Nun, dass Mikroorganismen eine herausragende Bedeutung für unseren Organismus, für die Nahrungsketten und das gesamte biologische System unseres Planeten haben, hat sich in den letzten Jahrzehnten herumgesprochen.
Dass man aus der Perspektive dieser kleinsten Mit-Lebewesen die Geschichte der ganzen Welt erzählen könnte, klingt dann aber doch ungewohnt, vielleicht sogar ein wenig vermessen. Es macht auf jeden Fall neugierig!

Die beiden Autoren sind ohne Zweifel kompetente Geschichten-Erzähler. Sie finden das rechte Maß zwischen Wissenschaftlichkeit, Alltagsbezug, Unterhaltung und Humor – und auf der Basis diese Aspekte wählen sie aus der geradezu unendlichen Vielzahl der Arten genau 100 Beispiele aus (natürlich könnten es genauso gut 67 oder 423 sein).

Die Leistung von FREISTETTER und JUNGWIRTH besteht darin, genau solche Kleinstlebewesen (Bakterien, Viren, Algen, Pilze) in die Geschichten-Sammlung aufgenommen zu haben, an deren Eigenschaften, Funktionen und Bedeutungen sich eben viel mehr darstellen und erklären lässt als nur das schnöde biologische Sein des jeweiligen Organismus.
Jede der 100 kleinen, abgeschlossenen Kurzgeschichten beleuchtet zusätzliche Aspekte und bietet damit ein kleines Stück Weltverständnis – angefangen von der Systematik der Lebensformen, über die Nützlichkeit für das Alltagsleben und Überleben der Menschen bis hin zu der großen Frage, ob nicht unglaublich überlebenstüchtige Mikroorganismen z.B. auf Meteoriten die Urform des Lebendigen quer durch den Kosmos getragen haben (und weiter tragen).

Die Autoren spielen mit einem Kaleidoskop an wissenschaftlichen Fragen und Antworten, von denen die meisten auch ohne die Kenntnis der jeweils zuständigen Mini-Lebensform interessant wären. Dieses Buch wurde ganz sicher nicht geschrieben, um dem Durchschnitts-Lesenden die Namen der 100 Kleinstwesen in das Gedächtnis zu schreiben.
Was man stattdessen lernt, ist Folgendes: So vielfältig und grenzenlos die Phänomene sind, die unsere Welt ausmachen, so komplex und verzahnt all die Vorgänge sind, die uns auf diesem Planeten umgeben – so unfassbar facettenreich und bedeutsam ist die Rolle von Mikroorganismen. Und genau deshalb funktioniert es tatsächlich erstaunlich gut: die Welterklärung aus diesem besonderen Blickwinkel.

Das 100-Teile-Puzzle, das die Autoren in diesem informativen und anregenden Buch anbieten, setzt sich nicht zu einem scharfen oder gar vollständigen Gesamtbild zusammen – das wäre ein völlig unrealistischer Anspruch. Aber es entsteht ein Kunstwerk, das Konturen, Struktur und Muster hat; es macht den Betrachter schlauer, löst Staunen aus und macht auch ein wenig demütig – angesichts der unentrinnbaren Abhängigkeit, die wir als vermeintliche Krone der Schöpfung von dem System des Lebens insgesamt haben.
Ohne Mikroorganismen gäbe es uns schlichtweg nicht – es gäbe so ziemlich gar nichts! Es gab sie vor uns und es wird sie nach uns geben – lange nach uns…

„Being You“ von Anil SETH

Bewertung: 5 von 5.

Dieses (leider nur in Englisch verfügbare) Buch stellt für mich zurzeit die Referenz im Bereich der populärwissenschaftlichen Publikationen zum Thema „Gehirn und Bewusstsein“ dar.
Herausragend ist es vor allem deshalb, weil es nicht nur eine profunde Übersicht über die aktuellsten Bewusstseins-Theorien (insbesondere den „Funktionalismus“ und die „Integrierte Informations-Theorie“) gibt – sondern gleichzeitig eine überzeugende eigene Sichtweise entwickelt.

SETH nimmt ein bestimmtes Publikum in den Fokus: Er wendet sich an die Leser/innen, die sich für die großen Grundsatzfragen interessieren. Es geht also nicht um all die hochkomplexen Experimente, die mit Hightech-Apparaturen untersuchen, was sich an welchen Stellen im Gehirn tut, wenn bestimmte Wahrnehmungen, Gedanken oder Gefühle erlebt werden.
Diese Zusammenhänge gibt es natürlich – und sie können auch hochinteressant sein. Aber sie beantworten nicht die existentiellen Fragen, die sich an der Grenze zwischen Philosophie, Psychologie und Neurowissenschaften stellen: Wie stellt unser Gehirn ein Bild über die äußere Realität her? Warum gibt es überhaupt das bewusste Erleben? An welche Bedingungen ist es geknüpft? Welche Funktion hat es im evolutionären Überlebenskampf? Welches Ausmaß an Bewusstheit kann anderen Lebewesen zugesprochen werden? Werden Computer oder Roboter mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz (KI) bald selbst empfindungsfähig werden? Wie eng hängen Intelligenz und Bewusstsein zusammen? Kann man den Grad von Bewusstheit von außen messen? Was ist mit der Willensfreiheit? Ist es überhaupt denkbar, dass wir das Rätsel des Bewusstseins jemals lösen?

Tatsächlich gibt der Autor auf all diese Fragen Antworten – nicht mit der Selbstgewissheit eines Gurus, aber mit dem Optimismus und der Erfahrung eines Experten, der seit Jahrzehnten die Fortschritte der Neurowissenschaften mitgeprägt hat.
Seine Grundbotschaft lautet: Wenn man nur die richtigen Fragen stellt und weit genug in die Basis des Lebens eintaucht, erscheint der Graben zwischen den „normalen“ Lebensprozessen und dem Basisgefühl „zu sein“ (also irgendwie zu existieren) gar nicht mehr so tief bzw. breit zu sein. Für ihn fängt also Bewusstsein nicht erst bei abstrakten Denkvorgängen oder der Selbstreflexion an, sondern bei einem ganz basalen „sich selber als etwas spüren“ (alles, was darauf aufbaut, kann sowieso davon abgeleitet werden und macht keinen qualitativen Sprung mehr aus).

SETH startet mit der Wahrnehmung und führt (sehr gründlich) aus, dass unser Gehirn eine geniale Vorhersagemaschine ist, die unaufhörlich damit beschäftigt ist, die Unterschiede zwischen erwartetem und realem sensorischen Input zu berechnen und zu minimieren. Was entsteht, ist kein naturgetreues Abbild der Außenwelt, sondern sind die (statistisch) wahrscheinlichsten Hypothesen über die Aspekte der Umwelt, die für eine lebenserhaltende Steuerung des Verhaltens bedeutsam sein könnten. SETH nennt die Ergebnisse sogar „kontrollierte Halluzinationen“ – um deutlich zu machen, wie aktiv und eigensinnig das Gehirn dabei vorgeht (wie diverse Alltagstäuschungen und raffinierte Experimente belegen).

Von da aus ist der Weg nicht mehr weit zu der Annahme, dass das Ziel der Lebenserhaltung bei einem so komplexen und anpassungsfähigen Wesen wie uns (und vieler anderer Tiere) ohne eine komplexe innere Steuerung nicht denkbar wäre. Für eine solche Steuerung brauchen wir auch jede Menge Wahrnehmungen aus unserem eigenen Körper, die wiederum (ebenfalls über Vorhersagen und das Minimieren von Abweichungen) zu einem pragmatischen Modell zusammengesetzt werden, aus dem letztlich das „Gefühl zu sein“ entsteht; letztlich auch eine Art „Halluzination“, die unserem Gehirn nützt, um die richtigen Entscheidungen zu fällen. Dazu gehört zwingend ein Grundempfinden dafür, welche Zustände angestrebt werden müssen – die Basis für alle komplexeren Emotionen.
Entscheidend für SETH ist, dass das Ganze kein Zauberwerk ist, sondern sich aus den Basisstrukturen und -prozessen des Lebens schrittweise ableiten lässt. Auch das Bewusstsein seiner Selbst setzt sich aus Teilfunktionen zusammen, die auch einzeln beobachtet und (durch Krankheit oder Experiment) irritiert werden können.
Anders als in dieser extrem komprimierten Form, wirken die Darlegungen des Autors plausibel, nachvollziehbar und folgerichtig. Natürlich finden diese Überlegungen nicht im luftleeren Raum statt, sondern werden auf zahlreiche Beobachtungen und Befunde bezogen.

Ziemlich fest legt sich SETH hinsichtlich der Verteilung des Bewusstseins bei Tieren und bei zukünftigen digitalen Konstruktionen: Da er eine extrem enge Verbindung des „sich selbst Erlebens“ mit grundlegenden biologischen Mechanismen sieht, spricht er großen Teilen der Tierwelt grundlegende Empfindungsfähigkeit („etwas zu sein“) zu, bezweifelt diese Möglichkeit aber für absehbare Zeit (vielleicht sogar prinzipiell) für intelligente Maschinen (SETH warnt davor, Intelligenz und bewusstes Erleben gleichzusetzen).

Das Buch ist eine wahre Fundgrube für Menschen, die neugierig darauf sind, wie nahe die Hirnforscher dem Bewusstsein schon gekommen sind. Der Autor versteht es, diese Fragen so zu stellen und zu beantworten, dass man als interessierter (und etwas vorgebildete) Laie einen Bezug zu den großen Fragen des Lebens, aber auch zum normalen Alltag findet.
SETH gehört zu den Wissenschaftlern, die glücklicherweise auch ein großes didaktisches Geschick haben.
Der Text ist so gut strukturiert und aufeinander bezogen, dass er (für etwas geübte Leser/innen) auch auf Englisch gut verständlich ist.
(Das kann man übrigens auch bei seinem Vortrag über das Buch ausprobieren: https://www.youtube.com/watch?v=qXcH26M7PQM&t=728s).

„Die Vernunft und ihre Feinde“ von Thilo SARRAZIN

Bewertung: 3 von 5.

Normalerweise muss man sich als Rezensent nicht rechtfertigen, warum man ein bestimmtes Buch gelesen hat; selten wird jemand anzweifeln, dass dafür eine irgendwie nachvollziehbare Motivation bestand. Bei SARRAZIN liegt die Sache ein wenig anders: Seine Bücher zu lesen ist und wird oft mit einem Bekenntnis zu seiner Weltsicht und seinen politischen Aussagen verbunden.
Es besteht eine klare Aufspaltung zwischen seinen (oft begeisterten) Anhängern und (meist kategorischen) Gegnern – was dazu führt, dass viele seiner Kritiker sich auf einzelne (meist provokante) Aussagen beziehen, oft ohne die gesamten Bücher gelesen zu haben (weil man das einfach „nicht tut“ oder es vermeintlich gar nicht aushalten könnte).
Ich hatte mir spätestens nach seinem „Tugendterror“-Buch meine Meinung gebildet und war nicht davon ausgegangen, noch einmal in Versuchung zu geraten. Doch dann dieser Titel (und die Ankündigung): Wenn sich jemand auf mein Lieblingsgebiet begibt (die Vernunft) und antritt, sie zu verteidigen – dann muss ich einfach überprüfen, ob wir die gleiche Vernunft meinen bzw. ob sich dort tatsächlich Gemeinsamkeiten auftun könnten.
Oder – anders formuliert: Würde es mir gelingen, seine Art des Vernunfts-Bezuges als Spiegelfechterei zu entlarven? Wie groß würde die intellektuelle Herausforderung werden?

Zunächst muss man davon ausgehen, dass man in SARRAZINs Büchern immer seine gesamte Weltsicht aufgetischt bekommt (egal wie die Bücher dann heißen). Im aktuellen Buch ist das besonders einfach, weil man natürlich jedes Thema unter der Perspektive „Vernunft“ oder „Ideologie“ betrachten kann.
Die Vielschichtigkeit des Buches geht noch über die angesprochenen Bereiche hinaus: Der Autor beschreibt ausführlich seinen privaten und beruflichen Werdegang und setzt sich gründlich mit erkenntnisphilosophischen Fragen und Richtungen auseinander. Er liefert auf der Grundlage seiner ökonomischen, historischen, soziologischen, psychologischen und politischen Erkenntnisse eine Analyse nahezu aller Gegenwartsprobleme und nimmt sich schließlich mit einer „ideologiekritischen“ Perspektive das Regierungsprogramm der aktuellen Ampel-Koalition vor (mit wenig überraschendem Ergebnissen).

Was ist mir besonders aufgefallen und wie bewerte ich das?
1) SARRAZIN hat zwar pointierte Meinungen, aber er ist kein „rechter Hetzer“ – was gerade auch für dieses Buch gilt. Er mutet an bestimmten Punkten durchaus auch seinem „Unterstützer-Milieu“ einige „Wahrheiten“ zu. So verlangt er z.B. die Anerkennung von wissenschaftlichen Erkenntnissen – u.a. in der Corona-Frage; Corona-Leugner oder auch Klimawandel-Leugner können sich keineswegs auf ihn berufen; allerdings relativiert er im weiteren Verlauf die Notwendigkeit einer wirklich konsequenten Klimaschutzmaßnahmen).
2) Das Buch hat durchweg ein bemerkenswertes Niveau und eignet sich ganz sicher nicht für Leute, die nur irgendwelche Parolen für Querdenker-Demos suchen. SARRAZIN ist ohne Zweifel ein sehr belesener und gebildeter Mensch und spricht eher ein intellektuelles Publikum an als den Bildzeitungs-Leser.
3) Aus den biografischen Schilderungen lassen sich sehr gut die Grundhaltungen ableiten, die der Autor insbesondere in den Bereichen „Selbstverantwortung, Leistung, Anstrengung, literarische und intellektuelle Grundorientierung, Distanz zu Marxismus und Kommunismus“ ausgebildet hat.
Er kann selbst diese Zusammenhänge sehen und für prägend befinden.
Das ändert allerdings nichts daran, dass er letztlich den Menschen, die in ihrem Umfeld weniger Ressourcen (Willenskraft, Disziplin, Durchhaltevermögen, …) ausbilden konnten, die Verantwortung dafür zuspricht (z.B. für ihren geringeren Fleiß).
4) Es wird in einer bemerkenswerten Klarheit deutlich, dass SARRAZIN von Beginn an mit einem eindeutigen Ziel in die SPD eingetreten und dort an exponierten Stellen (durchaus erfolgreich) mitgearbeitet hat: Er wollte diese Partei so marktliberal wie möglich halten und weitergehenden linken (speziell marxistischen) Einflüssen entgegenarbeiten. Die SPD war nie die Partei seines Herzens – er hatte nur die Analyse angestellt, dass er für seine konservativen Ziele in einer eher linken Partei mehr erreichen könnte, als in einer Partei, die seine Überzeugungen direkt vertritt.
Um so abwegiger erscheinen seine (inzwischen aufgegebenen) Bemühungen gegen einen Parteiausschluss: Es ging nicht darum, dass er dort seine „Heimat“ verlieren würde; die politische Heimat liegt am ehesten zwischen dem rechten Teil der FDP und dem bürgerlichen Teil der AfD.
5) Für sich selbst reklamiert der Autor als Hauptanliegen seines Buches, für eine offene, freie Gesellschaft einzutreten, in der in Erkenntnisfragen (wo es also um Wahrheit und nicht um Werte geht) nicht die Ideologie, sondern die wissenschaftliche Empirie zählt.
Erfrischend direkt und klar vertritt SARRAZIN dabei eine eindeutig säkulare Haltung, in der Religion, Aberglaube und Verschwörungstheorien als gleichermaßen irrational bewertet werden. Der Punkt geht an ihn!
Nicht zu übersehen ist allerdings, dass sein Gespür für links-grüne Ideologie (z.B. im Gender- und Islam-Bereich) deutlich sensibler ausgeprägt ist, als dies auf der konservativen Seite (Leistungsgesellschaft, Familienpolitik) der Falle ist.
6) Noch mehr als um Vernunft geht es in dem Buch aber letztlich um ein grundlegendes politisches Ziel: SARRAZINs große Mission ist die Rehabilitation eines gemäßigt-rechten Konservatismus: Er will die – aus seiner Sicht – verschobenen Abgrenzungslinien zu bestimmten Haltungen hinsichtlich „kulturfremder“ Einwanderung, einem traditionellen Familienkonzept, einer restriktiven Drogenpolitik und der Ablehnung der Gendersprache so korrigieren, dass diese nicht (von linkslastigem Mainstream und Medien) als „rechtsradikal“ und moralisch-minderwertig ins Abseits gedrängt werden.
Diesem Ziel muss man sich nicht anschließen – es erscheint aber zumindest legitim, sich dafür einzusetzen.
7) Bleiben noch die besonders kontroversen Bereiche rund um den schon in seinen anderen Büchern ausgeführten Zusammenhang zwischen Erblichkeit von Intelligenz, kultur- und religionsspezifischer Reproduktionsrate (Kinderzahl) und den darin gesehenen Gefahren für den langfristigen wirtschaftlichen Erfolg unserer Gesellschaft.
Das Thema ist zu grundsätzlich und zu groß für eine Rezension.
Hier bietet SARRAZIN am ehesten ein Angriffsfläche – aber er kann und will scheinbar nicht davon lassen . Die Frage ist: Darf man so denken, darf man das schreiben? Ich denke schon.

Ich empfehle dieses Buch nicht. Es ist aber auch nicht uninteressant, wenn man sich selbst dabei erproben und beobachten möchte, wie weit man SARRAZINs Argumentationslinien folgen kann – und wann es aus welchen Gründen kippt.
Wenn man sich als (eher links-grüner) Leser/in auf dieses Buch einlässt, sollte man sich jedenfalls nicht wundern, wenn man vieles nicht nur nachvollziehen kann, sondern sich immer wieder mal beim zustimmenden Nicken erwischt.
Keine Sorge: Die Stellen mit dem Ärger und dem Widerspruch kommen…
Vielleicht kann es ja tatsächlich intellektuell anregender sein, sich ein solches zwiespältiges Buch zuzumuten, statt die 35. Publikation aus dem eigenen Lager zu lesen.
Aber das ist natürlich Geschmackssache…

„Bewusstsein – Warum es weit verbreitet ist, aber nicht digitalisiert werden kann“ von Christof KOCH

Bewertung: 4 von 5.

KOCH ist einer der ganz Großen der modernen Hirnforschung. Auch dieses Buch wird man daher als eine Art Maßstab dafür ansehen können, wieweit diese aufregende Wissenschaft inzwischen gekommen ist (Stand 2019).

Der Autor hat keine Angst vor den ganz großen Fragen – auch nicht vor den Rätseln, die man bis vor kurzem noch unlösbar hielt: Wie kann man den Zusammenhang erklären zwischen messbaren hirnphysiologischen Prozessen und den aus Innensicht erlebbaren Bewusstseinsinhalten? Was sind die notwendigen Voraussetzungen für bewusstes Erleben? Ab welchem Entwicklungsstand von tierischen Gehirnen sollte man von einem „sich selber Erleben“ aus gehen? Ab welchem Komplexitätsgrad von digitalen Denkapparaten muss man vielleicht auch hier Empfindungsfähigkeit unterstellen?

KOCH führt uns zunächst an den Forschungsstand im Gehirn selbst: Was passiert dort an welchen Stellen, wenn ein bestimmtes Erleben berichtet wird? Das ist schon anregend und spannend genug.
Doch er will noch tiefer eindringen: Er will eine Theorie liefern, die erklärt und begründet, warum es unter bestimmten Bedingungen zu Bewusstsein kommt (kommen muss). KOCH ist davon überzeugt, mit der „Integrierten Informationstheorie“ (IIT) eine bedeutsame Spur gefunden zu haben, aus der sich sogar schon Vorhersagen und praktische Anwendungen ableiten lassen.
Dann geht es den Computern an den Kragen: KOCH bezweifelt die Prognosen einiger Technik-Enthusiasten, dass schon auf der Grundlage heutiger Rechensysteme auch digitales Bewusstsein möglich werden könnte. Der gegenwärtigen Hard- und Software fehlen einige grundlegende Komponenten, die KOCH als notwendige Bedingungen ansieht.
Um so großzügiger geht er mit unseren evolutionären Vorgängern und Mitgeschöpfen um: Für KOCH steht zweifelsfrei fest, dass die Schwelle für so etwas wie „sich spüren“ sehr weit unten in der Hierarchie der Gattungen liegt. Auch das leitet er wissenschaftlich und theoretisch ab; gleichzeitig macht der Auto im Schlusskapitel auch deutlich, dass er an diesem Punkt auch eine ethische Berufung spürt und für Konsequenzen im Umgang mit (fast) allen Tieren wirbt.

Die im Zentrum des Buches stehende ITT (Integrierte Informationstheorie) hat einen Nachteil: Sie ist ein ziemlich abstraktes Konzept, eher ein Set von Axiomen als eine anschauliche Erklärung. Die Theorie hat zwar den Vorteil, einen Rahmen für viele Beobachtungen und Prozesse zu liefern und sogar Berechnungen über das Ausmaß vorhandenen Bewusstseins zu ermöglichen – ihr fehlt es aber am Charme einer unmittelbaren Plausibilität.
Die kürzeste Formulierung wäre etwa: „Jedes Erlebnis existiert für sich, ist strukturiert, hat seine spezifische Art zu sein, ist eine Einheit und definit.“ Etwas gefälliger ausgedrückt: „Bewusstsein ist eine fundamentale Eigenschaft von allem, was sich selbst ursächlich wirksam beeinflussen kann.“
Staunend verfolgt man über viele (herausfordernde) Seiten, wie sich all diese bedeutungsschweren Begriffe theoretisch, logisch und mathematisch füllen und auf biologischer bzw. physiologischer Ebene repräsentieren lassen.
Das ist Hardcore!

Ein wenig Aufatmen ist angesagt, wenn es dann um die praktischen Anwendungen geht: Aus der ITT lassen sich klinische Messverfahren ableiten, die Bewusstseinsspuren auch bei Patienten entdecken können, die sich in absolut keinster Weise mitteilen können. Man arbeitet mit dem neuronalen Echo auf bestimmte externe Hirnstimulationen.
Auch hier geht es ins Detail…

Hier kann nicht jede Facette dieses faszinierenden Buches angesprochen werden.
Allgemein lässt sich sagen: KOCH hat die Neigung, wirklich jede Verästelung seines Theoriegebäudes zu erforschen (bzw. vorhandene Ergebnisse darauf zu beziehen). Kein Gedanke scheint ihm dabei zu „schräg“ zu sein (bis hin zu der Frage, unter welchen Bedingungen sich mehrere Gehirne zu einem Ganzen vereinigen würden und was es mit dem „Reinen Bewusstsein“ auf sich hat).

Insgesamt würde ich dieses Buch eindeutig als Fach- und nicht als Sachbuch einordnen. Es ist zwar von der Intention und der Ansprache her an ein breiteres Publikum gerichtet, setzt aber bzgl. des Inhalts wirklich eine erhebliche Anstrengungsbereitschaft voraus. Dies ist außerhalb eines spezifischen wissenschaftlichen Interesses kaum zu erwarten.
Dazu kommt: Die hier vorgestellte Theorie ist so sperrig und spröde, dass der erhoffte Erkenntnis-Funken nicht so recht überspringen möchte.
Ohne Zweifel erkundet man unter der Begleitung von KOCH (der mit Sicherheit geniale Züge hat) interessante Sphären – die angebotenen Antworten lassen sich aber nicht ohne Weiteres in der nächsten privaten Gesprächsrunde unterbringen.
Man wird wohl etwas einsam bleiben – mit den in diesem Buch gemachten Erfahrungen…


„Die Illusion der Vernunft“ von Philipp STERZER

Bewertung: 4.5 von 5.

Der Psychiatrie-Professor STERZER hat hier ein Buch vorgelegt, in dem – über sein Fachgebiet hinaus – vor allem Erkenntnisse aus der (kognitiven) Psychologie, der Neuro-Wissenschaften und der Evolutions-Biologie zusammenfließen.
Herausgekommen ist dabei eine sehr spezielle Mischung, deren Inhalt und Schwerpunktsetzung aus dem Titel (und Untertitel) nicht abzuleiten ist.
Das große Thema des Buches ist die gemeinsame Sicht auf das Entstehen, den Wahrheitsgehalt (die Rationalität), die Funktionalität und den evolutionären Vorteil von Überzeugungen sowohl bei gesunden, als auch bei psychisch kranken Menschen.

Ganz eindeutig liegt der psychiatrische Interessensschwerpunkt des Autors im Bereich der Schizophrenie, insbesondere bei der häufig auftretenden Wahnsymptomatik. Grob gesagt behandelt STERZER solche Wahnideen als eine Sonderform von Überzeugungen und untersucht, in welchem Umfang diese den gleichen „Gesetzmäßigkeiten“ und Dynamiken unterliegen wie die ganz „normalen“ Überzeugungen von Durchschnittsmenschen.
Ihn interessiert dabei insbesondere, warum (in beiden Fällen) so häufig offensichtlich „irrationale“ (empirisch nicht haltbare) Überzeugungen entstehen und sich gegen massive Widerstände (andere Meinungen, Fakten, eigene Erfahrungen) behaupten.
Erklärungen findet der Autor in (allseits bekannten) kognitiven Verzerrungstendenzen, in grundlegenden neurologischen Mechanismen und in den evolutionären Überlebensvorteilen.

Die zentralen Thesen von STERZER ranken sich um die „Predictive-Processing-Theorie“, also der Sichtweise, dass unser Gehirn eine (ziemlich geniale) Vorhersage-Maschine ist, die permanent damit beschäftigt ist, aufgrund bisheriger Wahrnehmungen und Erfahrungen die zukünftigen Ereignisse (Sinnesreize) zu antizipieren. Meldungen an die höheren Hirnzentren finden nur bei Abweichungen von den Prognosen statt – was eine sehr effiziente Möglichkeit darstellt, das Gehirn zu entlasten.

Der Autor will ganz allgemein Abweichungen von der „Rationalität“ enttabuisieren und entpathologisieren: Unser Säugetier-Gehirn ist nicht auf Wahrheit oder Vernunft programmiert, sondern auf Nützlichkeit für Überleben und Fortpflanzung. Da heiligt der Zweck oft die Mittel: Bestimmte Verzerrungen und Irrationalitäten können durchaus einen evolutionäre Vorteil mit sich bringen (z.B. die Konzentration auf mögliche Gefahren und das „übertriebene“ Erkennen von Mustern, Kausalitäten bzw. Absichten).
In diesem Zusammenhang wirbt STERZER mehrfach zu Selbstkritik und Toleranz: Sind wirklich nur die Überzeugungen anderer Menschen mit soviel Irrationalität getränkt und so immun geben Logik und Empirie?

STERZER bietet ein hochinteressantes, didaktisch gut aufbereitetes und allgemeinverständliches Buch, das lobenswerter Weise stark interdisziplinär ausgerichtet ist. Viele Beispiele sind alltagsbezogen; Fachchinesisch wird weitgehend vermieden.
Einschränkend wäre allerdings zu bemerken, dass der Autor sich an einigen Stellen doch ein wenig festbeißt und dann auch eine gewisse Redundanz entsteht (manche Schlussfolgerungen liest bzw. hört man dann doch ein paarmal zu oft…).
Auch wird nicht für jede/n Leser/in der doch sehr starke Bezug auf (schizophrene) Wahnsymptomatik so interessant und relevant sein: Man muss schon ein gewisses Interesse an dieser psychiatrischen Störung mitbringen, um in vollem Umfang von den Ausführungen zu profitieren.

Trotzdem: „Die Illusion der Vernunft“ ist ein anregender Ausflug in die Kognitionswissenschaften; da man von STERZER gut begleitet wird, ist er durchaus auch für wenig geübte Reisende geeignet.

„System Error“ von Solveig ENGEL

Bewertung: 3 von 5.

Es liegt voll im Trend, Bücher über den – aktuellen oder drohenden – Überwachungsstaat zu schreiben. Man muss nicht lange nach einem Stoff suchen, wenn man sich z.B. die aktuellen digitalen Systeme in China als Anregung nimmt.
Es fehlt dann nur noch ein passender Plot – und schon ist der nächste warnende Blick in die nähere Zukunft fertig.

In diesem krimi-affinen Roman geht es um einen ganz besonderen Big-Data-Algorithmus, der in der Lage ist, Verbrechen nicht nur aufzuklären, sondern letztlich sogar vorherzusagen. Entwickelt wird dieser geniale Code in einer privaten Firma, die durch zwei Teilhaber getragen wird, die sich im Laufe der Story zu unerbittlichen Gegnern entwickeln.
Während Marow einer echten Berufung folgt und der absoluten Korrektheit seiner Software verpflichtet ist, denkt der windige Kyle eher an Geld und Macht.

Als zentrale Bewährungsprobe für die Genialität des Verbrecher-Aufspür-Codes dient die Entlarvung eines bis dahin unbescholtenen Journalisten. Nach diesem spektakulären Erfolg stand dem Siegeszug des Programms nichts mehr im Wege. Kaum jemand zweifelte noch an seiner Schuld…
(Ganz nebenbei gerät dieser Ravi noch in eine rechtsterroristische Verschwörung; die Schilderung seiner Einschleusung in den inneren Kern ist dermaßen hanebüchen, dass es einem die Sprache verschlägt).
Mit von der Partie sind u.a. ein rechtslastiger Investor und ein Innenminister, der von der totalen Sicherheit für seine Bürger und Wähler denkt.

Wie fast immer geht es in dem Roman um „Gut gegen Böse“; wie leider so oft verläuft dieser Kampf ein wenig holzschnittartig und klischeehaft. In „System Error“ geht es um gute und böse Programme und Programmierer, um Verrat und Intrigen, um Moral und Korruption.
Es geht auch um eine Welt, die sich nach absoluter Berechenbarkeit und Sicherheit sehnt und um eine Digitalisierung, die scheinbar unaufhaltbar in einen gesellschaftlichen Abgrund führt.

Allerdings trägt ENGELs Roman aufgrund seiner inhaltlichen Konstruktion wenig zu dem – eigentlich ja sehr spannenden – Grundsatzkonflikt zwischen „Freiheit und Sicherheit“ bei: Letztlich sind es finstere Machenschaften eines Einzelnen, die das Überwachungs-System scheitern lassen – nicht die digitale Datenanalyse selbst. Man hätte gerne erfahren, was denn aus der seriösen Version des großen „Cyb-Systems“ geworden wäre.
Der Showdown am Ende des Romans wirkt ein wenig aufgesetzt und kann zur Grundproblematik auch nichts mehr beitragen.

Obwohl ENGEL den Roman sprachlich ansprechend ausgestaltet, überzeugt die Geschichte inhaltlich insgesamt nicht wirklich. Man kann sich als Leser/in zwar in der Skepsis gegen Big-Data bestätigen lassen – einige Aspekte des Plots wirken aber wenig überzeugend.

„Freiheitsgeld“ von Andreas ESCHBACH

Bewertung: 3 von 5.

ESCHBACH nimmt uns diesmal mit in eine Welt, in der es zwar ein bedingungsloses Grundeinkommen (das Freiheitsgeld) gibt, gleichzeitig aber auch extreme Unterschiede zwischen der Durchschnittsbevölkerung, einer hervorgehobenen Aufsteigerklasse und einer mächtigen und steinreichen Elite.
Wir ahnen es schon: So ganz harmonisch wird es in diesem System nicht zugehen…

Getragen wird die Geschichte von folgenden Personen: dem alten politischen Erfinder des Freiheitsgeldes, einem (ebenfalls in die Jahre gekommenen) journalistischen Kritiker, einem Ermittlungsbeamten, seiner Frau und seinem etwas abgedrehten Bruder und schließlich einem Physiotherapeuten und seiner Familie.
Wir schreiben das Jahr 2064, haben selbstfahrende Autos, etwas aufgemotzte Smartphones und befinden uns in einer deutlich veränderten Umgebung, in der riesige Schutzzonen dem Klimawandel entgegenwirken sollen.
Seit 30 Jahren sichert das Freiheitsgeld allen Bürgern ein einigermaßen gutes Auskommen. Arbeiten müssen nur die Menschen, die entweder reich werden wollen oder sich gerne in einer bezahlten Tätigkeit entfalten wollen.
Zwei Todesfälle, die kurz hintereinander passieren, bringen das Ganze ins Laufen. Die Story mischt munter die Handlungsfäden der beteiligten Figuren. Dabei gibt es bekannte Erzähl-Muster und auch ziemlich abstruse Aspekte, die man nicht wirklich bräuchte.

ESCHBACHs Meta-Thema ist ohne Zweifel das Grundeinkommen: Tut es den Menschen und der Gesellschaft wirklich gut, wenn für den eigenen Lebensunterhalt keine eigenen Anstrengungen und Leistungen erbracht werden müssen?
Der Autor bezweifelt das offensichtlich. Einmal auf der psychologischen Ebene, auf der Anstrengung, Leistung und Selbstwirksamkeit bedeutsame Aspekte darstellen. Darüber hinaus konstruiert ESCHBACH in seinem Roman ein perfides Ausbeutungssystem, das letztlich die Vorzüge der „Freiheit“ der finanziellen Absicherung in Frage stellt. So richtig überzeugend wirkt das nicht.

Der Roman hält sich mit der Darstellung der technischen und gesellschaftlichen Veränderungen der nächsten 40 Jahre ziemlich zurück. Es scheint so, als ob es dem Autor nicht besonders wichtig gewesen wäre, hier viel Fantasie zu investieren.
Es gibt jedoch eine deutliche Neigung zu nostalgischer (vor-digitaler) Technik, die insbesondere die Funktion hat, private Schutzräume für Informationen in einer totalüberwachten Welt zu erhalten.

Dieser Roman packt zwar mit dem Grundeinkommen ein gesellschaftlich relevantes Thema an, verliert sich aber teilweise in überflüssigen Nebengleisen. Stellenweise bekommt er den Charakter eines missionarischen Plädoyers gegen das Freiheitsgeld.
Die Sache mit der geheimen Elite erscheint ein wenig aufgesetzt.

ESCHBACH weiß auch mit diesem Roman zu unterhalten; seine treuen Fans werden nicht enttäuscht sein. Begeisterung löst dieses Buch aber nicht aus.

„Der Klon“ von Jens LUBBADEH

Bewertung: 3.5 von 5.

Auf die Versuche, die geschichtliche Singularität Adolf Hitler in die zeitgenössische Unterhaltungsliteratur einfließen zu lassen, habe ich bisher eher mit Distanz und Skepsis reagiert. So habe ich auch diesen in der nahen Zukunft (2033) spielenden Roman mit gemischten Gefühlen begonnen.
Vorweg sei deshalb gesagt: Es findet keine Banalisierung der Nazi-Schreckensherrschaft und der Figur Hitler statt.

LUBBADEH verbindet in seinem Roman die ethische Problematik des Klonens von Menschen mit der politischen Bedrohung durch das Erstarken einer Rechts-Partei in Deutschland.
Nur so viel sei verraten: Es wurde (in Südkorea des Jahres 2008) tatsächlich erfolgreich versucht, Hitler zu klonen – mit dem langfristigen Ziel, ihn dann als Erwachsenen in die Dienste der Partei bzw. des rechten Umschwungs zu stellen.
Erzählt wird eine ziemlich verworrene Geschichte, in der neben dem Klon-Wissenschaftlern auch zwei Parteiführer, ein ebenfalls geklontes Brüderpaar und eine um Aufdeckung bemühte Journalistin die Hauptrollen spielen.
Der Autor lässt es sich nicht nehmen, auch die realen Parteien (mit ihren Original-Namen) in das Ränkespiel um die Macht zu schicken; nur die Rechten heißen anders (obwohl natürlich jede/r weiß, wer gemeint ist).

Das Klonen selbst wird nicht nur an der Stelle hinterfragt, wo es um den „Ersatz“ für früh verstorbene eigene Kinder geht; noch heftiger wird um die Frage gestritten, im welchem Umfang die (identischen) Gene die Persönlichkeit eines Menschen festschreiben, sein zukünftiges Verhalten determinieren oder sogar die Schuld des „Vorgängers“ in sich tragen.
Ganz unabhängig von der Exzentrik der kurvenreichen Story bietet damit dieser Polit-Thriller durchaus einen interessanten thematischen Background an.

Der Roman entwickelt einen beträchtlichen Drive, arbeitet mit Spannungsbogen und hält Überraschungen bereit (die aufmerksame Leser/innen schon recht früh erahnen).
Das Einweben des Plots in den – etwas fortgeschriebenen – deutschen gesellschaftlichen und politischen Alltag erscheint mir gut gelungen.
Der Autor vermutet, dass sich eine breite Stimmung gegen die Klima-Politik ausbilden wird, die dem Rechtsruck den Boden bereitet (was nicht die unrealistischste Perspektive sein mag).

LUBBADEHs Buch bietet spannende und – phasenweise – auch anregende und informative Unterhaltung- nicht mehr, aber auch nicht weniger. Allerdings sollte man nicht allzu empfindlich gegenüber extremen Ausschlägen und Wendungen sein. Es ist kein Roman der Nuancen und Differenzierungen – es geht es recht heftig zur Sache (zum Glück allerdings ohne Gewaltexzesse). Dass man gelegentlich (zumindest innerlich) den Kopf schütteln wird, sollte man einplanen.

„Die Schwerkraft ist kein Bauchgefühl“ von Florian AIGNER

Bewertung: 4.5 von 5.

Ich habe es zunächst ein wenig unterschätzt, dieses locker-flockig aufgemachte Sachbuch. Neue Erkenntnisse habe ich kaum erwartet, mich auf eine interessante Vermittlung gefreut. Aber AIGNER bietet mehr als nur einen neuen Aufguss bekannter Selbstverständlichkeiten.

Mit dem Begriff der „Liebeserklärung“ aus dem Untertitel ist die Richtung vorgegeben: Hier meldet sich ein Fan der Wissenschaft zu Wort. Seine Mission: Er will für die Wissenschaft werben, indem er Wissenschaft erklärt – die Prinzipien, die Methoden, die Entwicklung, die Grenzen.
Er tut das auf eine sehr strukturierte und leserfreundliche Art: Man fühlt sich gut geführt, erkennt jederzeit den roten Faden und hat immer wieder Anlass, über die humorvollen Beispiele zu schmunzeln.

Die größte Überraschung kommt gleich am Anfang: AIGNER startet mit einem – durchaus gehaltvollen – Ausflug in die Mathematik. Das dient gleich zwei Zielen: Einmal demonstriert der Autor anhand der unbezweifelbaren Eindeutigkeit bzw. logischen Stringenz mathematischer Axiome und Formeln den Unterschied zu den schrittweisen Erkenntnisprozessen der Wissenschaft. Zum anderen stellt AIGNER auch das fruchtbare Zusammenspiel zwischen Naturgesetzen und ihrer Darstellung in der kulturübergreifenden Sprache der Mathematik dar.
Natürlich werden in diesem allgemeinverständlichen Sachbuch grundlegende empirische Methoden, die verschiedenen Wege zur Bildung von Theorien und der statistische Rahmen für die Prüfung von Hypothesen ausführlich erklärt. Ein bisschen Erkenntnistheorie ist auch dabei.

Einen Schwerpunkt setzt AIGNER bei der Verteidigung der Wissenschaft (als Königsweg zum Weltverstehen) gegenüber mehr oder weniger unseriösen Angriffen von Zweiflern und Gegnern. Er demonstriert an den großen Umbrüchen insbesondere der Physik und Astronomie, dass gerade die Weiterentwicklung und Selbstkorrektur zu den Qualitätsmerkmalen des wissenschaftlichen Vorgehens gehört. Darüber hinaus macht der deutlich, dass frühere Theorien sich in der Regel oft nicht als „falsch“, sondern als „nur begrenzt gültig“ erwiesen haben. Anders gesagt: Die meisten unserer Alltagsphänomene sind weiterhin auch ohne Relativitätstheorie und Quantenmechanik erklärbar.
AIGNER widmet sich auch den Unterschieden zwischen Naturwissenschaften und der Erforschung komplexer sozialer und psychologischer Phänomene.

Erhellend und amüsant sind die Beispiele, mit deren Hilfe AIGNER das Prinzip „Wissenschaft“ von Versuchen abgrenzt, die Welt mithilfe religiöser, esoterischer oder verschwörungstheoretischer „Weisheiten“ zu erklären. Zurecht kritisiert er in diesem Zusammenhang auch die Neigung vieler Medien, haltlose Positionen quasi gleichberechtigt der wissenschaftlichen Expertise gegenüberzustellen.
Erfrischend klar arbeitet der Autor heraus, dass die Beweislast immer dort liegen muss, wo Behauptungen aufgestellt werden, die bewährte und empirisch unterlegte Sichtweisen in Frage stellen; wenn ich Positionen vertrete, die vom Prinzip her nicht beweis- oder widerlegbar sind, befinde ich mich außerhalb einer seriösen Diskussion.

Auch die Grenzen und Schattenseiten des Wissenschaftsbetriebs bleiben nicht unerwähnt; Wissenschaftler sind weder Heilige, noch wären sie dazu geschaffen oder befugt, moralische oder politische Entscheidungen für die Gesellschaft zu treffen. Auch strukturelle Bedingungen sind z.T. so ausgelegt, dass z.B. systematische Verzerrungen bei den veröffentlichten Untersuchungen entstehen können.
AIGNER warnt auch davor, emotionale, spirituelle oder künstlerische Erfahrungen und Lebensbereiche gegen die Wissenschaft auszuspielen: All diese Phänomene haben natürlich ihre eigene Berechtigung – können auch durchaus auch Gegenstand empirischer Forschung sein.

Insgesamt wirkt das Plädoyer für die Wissenschaft als konkurrenzloses Erkenntnisprinzip der Menschheit absolut überzeugend. Am ehesten könnte man die Auseinandersetzung mit dem Vorwurf vermissen, dass ja (zweifellos) Wissenschaft und Technik auch sehr problematische Entwicklungen (Raubbau an der Natur, Atombomben) ermöglicht haben. Ein kleiner Schwenker in diese Richtung hätte dieses extrem informative und nützliche Buch zusätzliche abgerundet.
Es eignet sich sehr gut dazu, der – oft unqualifizierten und oberflächlichen – Wissenschaftsfeindlichkeit eine starke aufklärerische Stimme entgegenzusetzen.


„Das Ende des Kapitalismus“ von Ulrike HERRMANN

Bewertung: 4.5 von 5.

Mein Titelvorschlag wäre gewesen: „Warum das mit dem grünen Wachstum nicht funktionieren kann.“
Aber egal: Dieses Buch hat es in sich und es berührt eine äußerst brisante und absolut zentrale Zukunftsfrage: Stimmt die Geschichte (modern: „das Narrativ“) von dem anpassungsfähigen Kapitalismus, in dem sich – auf der Basis grüner Energiegewinnung und zukünftiger Innovationen – Wirtschaftswachstum von CO2- und Ressourcenverbrauch entkoppeln lässt und sich so gleichzeitig sowohl Nachhaltigkeit als auch Wohlstandsvermehrung erreichen lassen. Können wir uns also (nach der Bewältigung der Folgen des Ukraine-Krieges) einigermaßen entspannt auf die versprochene Transformation („Dekarbonisierung“) unserer Wirtschafts- und Lebensweise einstellen, ohne schwerwiegende Einschränkungen verkraften zu müssen?
Die Antwort von Ulrike HERRMANN lautet: „Nein!“

Der Weg zu dieser Antwort will erarbeitet sein. Die Autorin (eine bekannte taz-Redakteurin) bietet in ihrem Buch gleich mehrere Lektionen kompaktes Wissen. Sie hat sich offenbar vorgenommen, ihre Leser/innen in die Lage zu versetzen, ihrer Argumentation inhaltlich zu folgen. Dafür scheut sie nicht davor zurück, erstmal den Kapitalismus zu erklären.
Nein, das ist nicht polemisch gemeint: Sie tut es wirklich!
HERRMANN erklärt, wie es losging, damals in England. Wie das war, mit den ersten Maschinen in der Textilindustrie. Warum es dort und nicht woanders passierte. Warum Kredite zu Geldvermehrung und Wachstum führen. Welche Rolle die Kolonien und der Sklavenhandel spielten (eine erstaunlich geringe). Welche Fortschritte und Wohltaten das kapitalistische Wirtschaften den Menschen gebracht hat. Usw.
Am Ende dieser Lerneinheit steht fest: Kapitalismus geht nur mit (Wirtschafts-)Wachstum – eine Regel ohne Ausnahme!

Der zweite Themenblock ist dem Ziel der aktuellen Zukunftspolitik gewidmet: Wie sähe ein nachhaltiges Wirtschaften aus? Was ist mit „grünem Wachstum“ gemeint? Auf welchen Annahmen und Voraussetzungen baut es auf? Und vor allem: Sind diese überhaupt realistisch?
Auch hier bringt HERRMANN jede Menge Informationen ein, macht aber gleichzeitig (mit Zahlen hinterlegt) deutlich, dass sie die Kalkulationen, Erwartungen und Hoffnungen in hohem Maße für unrealistisch hält: Weder könne die für eine wachsende Wirtschaft notwendige (regenerative) Energie gewonnen, beschafft und verlässlich gespeichert werden, noch sei es möglich, die notwendigen Rohstoffe und sonstigen Ressourcen dauerhaft bereitzustellen. Den Hinweis auf die „zukünftigen Innovationen“ hält sie für unseriös: Es verbliebe – angesichts der galoppierenden Klimakrise – gar nicht die Zeit, neue Technologien zu entwickeln, zu erproben und dann flächendeckend einzuführen; zumal das alles wiederum mit enormen Ressourceneinsatz verbunden wäre.

Nun könnte man vielleicht befürchten, HERRMANN würde aufgrund ihrer Analysen dafür plädieren, den Traum von der Nachhaltigkeits-Wirtschaft zu begraben – und stattdessen mit fossiler und Atom-Energie weiterzumachen. So könnte dann wenigstens der Kapitalismus und sein Wachstum gerettet werden.
Weit gefehlt!
Die Autorin hält ein radikales Schrumpfen unserer Wirtschaft für die einzige(!) Möglichkeit, einer Klima-Katastrophe zu entgehen. Und zwangsläufig wäre mit dieser – ökologisch alternativlosen – Entscheidung der (auf Wachstum angewiesene) Kapitalismus obsolet.

Im letzten Teil des Buches unternimmt HERRMANN einen wahrlich wagemutigen Versuch: Zunächst konstatiert sie, dass es noch keine wirtschaftswissenschaftliche Idee dazu gibt, wie ein Übergang in eine Schrumpf-Wirtschaft („Post-Wachstums-Wirtschaft“) ohne katastrophale Verwerfungen gestaltet werden könnte. Dann traut sie sich aus der Deckung und stellt ein historisches Eingreifen des Staates als eine (grobes) Modell dar: Die englische Kriegswirtschaft im zweiten Weltkrieg.
Als zeitgemäße Nachfolgerin präsentiert sie das Konzept einer „Überlebenswirtschaft“, in der es zwar eine gesicherte (und gerechte) Grundversorgung für alle, aber (natürlich) keinen Flugverkehr, kaum noch private Autos und sehr viel weniger Fleisch auf den Tellern – dafür eine Kreislaufwirtschaft und eine „Sharing Economy“ (man teilt sich den Besitz vieler Güter) geben würde. Das Leben wäre nicht schlechter, aber bescheidener (insbesondere für die vorher privilegierten Menschen, die sich einen besonders großen CO2-Fußabdruck geleistet hatten).
Um deutlich zu machen, dass damit keine Rückkehr in Steinzeit-Höhlen verbunden wäre, stellt sie in Aussicht, dass man sich vielleicht etwa auf einem Wohlstandniveau des Jahres 1978 einpegeln könnte.
Ein echter Hammer!

Man könnte jetzt einwenden, dass man sich mit solchen Szenarien aus jeder ernsthaften Diskussion verabschieden würde. Man kann den shit-storm schon förmlich brausen hören.
Man könnte ins Feld führen, dass man mit solchen Provokationen die wachsende Akzeptanz bzgl. des Transformationsprozesses eher gefährden könnte („Dann lieber alles so lassen, wie es ist“).
Man kann aber auch ganz anders argumentieren und bewerten: Ist es nicht dringend notwendig, dass endlich mal (auch in einer breiten Öffentlichkeit) mit einer angemessenen Radikalität die These in Frage gestellt wird, dass wir unsere ökologische Irrfahrt ohne Einschränkung und Verzicht stoppen könnten?
Niemand wird davon ausgehen, dass hier eine Blaupause für die konkrete Realpolitik des nächsten Jahrzehnts vorgelegt wurde. Keiner wird sich wundern, dass die Auswirkungen für Renten und Sozialsysteme genauso wenig durchgerechnet wurden wie die internationalen Folgewirkungen.
Aber ist es möglicherweise nicht viel „verrückter“, an untauglichen Konzepten und toxischen Ritualen festzuhalten, nur weil man sich einfach nicht traut, in Alternativen zu denken? Wäre eine solidarische und nachhaltige „Überlebenswirtschaft“ tatsächlich schlimmer als ein ökologisches Desaster, das dann unvermeidlich zu einem ungesteuerten wirtschaftlichen Zusammenbruch führen würde?

Ulrike HERRMANN gebührt Anerkennung dafür, dass sie dieses informative und provokante Buch in den Ring geworfen hat – wohl wissend, dass man sich genussvoll auf sie stürzen wird. Vielleicht wird damit eine Diskussion angestoßen, die bisherige Denkverbote zumindest lockert.