„Tyll“ von Daniel KEHLMANN

Ich bin auf dieses ganz neue Buch von Kehlmann durch einen geradezu enthusiastischen Beitrag im „heute-journal“ gestoßen. Den bekannten Vorläufer „Die Vermessung der Welt“ (2009) habe ich damals mit großem Genuss gelesen.

Kehlmann nimmt den Leser mit auf eine intensive und emotionale Reise in eine historische Situation und leuchtet diese in einer bewundernswerten Tiefe und Detailbesessenheit aus.

Man erfährt etwas über das Leben, Denken und vor allem über das Leiden der Menschen im Dreißigjährigen Krieg und hat dabei das Gefühl, in einige Situationen und Ausschnitten geradezu mit dem Vergrößerungsglas oder sogar mit dem Mikroskop zuzuschauen, geradezu einzutauchen. Die Themen, die berührt werden, sind die Jagd auf Ketzer und Hexen, die bittere Armut der einfachen Leute, große Politik in Form von Konflikten zwischen den – entweder katholischen oder protestantischen – Herrscherhäusern, erste Ansätze von Wissenschaft (noch ganz nah bei der Scharlatanerie) und die Welt des Fahrenden Volkes, zu dem auch die Titelfigur Tyll gehört.

Der Lebenslauf dieses Seiltänzerin, Jongleurs und Zirkusdirektors stellt in diesem historischen Roman den roten Faden dar, der allerdings nicht in einer strengen chronologischen Ordnung erzählt wird, sondern in wiederholten Zeitsprüngen.

Meine Bewertung?

Die Stärke des Buches ist in gewisser Weise auch seine Schwäche. Einige Ausschmückungen gingen mir persönlich zu sehr ins Detail, ich erlebte sie als weitschweifig. Ich hätte lieber noch ein paar andere Szenen geschildert bekommen, statt einzelne Situationen in einer fast erschlagenden Genauigkeit und Ausführlichkeit.

Am meisten habe ich von der durch das Buch aktualisierten tiefen Dankbarkeit profitiert, zu einer besseren Zeit an einem besseren Ort leben zu dürfen als den geschilderten Menschen damals zuteil wurde. Es ist wirklich ein unglaubliches Privileg, dieser Willkür, dieser Gewalt und dieser Unwissenheit nicht ausgeliefert zu sein. Natürlich kann man dieses Bewusstsein – wie gut man es hat – auch dadurch bekommen, dass man sich in der aktuellen Welt umschaut. Dazu reicht eine Tagesschau. Und trotzdem verschafft dieser historische Vergleich eine grundsätzlichere Perspektive.

Die Menschheit hat sich – zumindest in großen Teilen der Welt – wohl doch ein bisschen weiterentwickelt!

Wir sollten peinlich darauf achten, diese Errungenschaften – Menschenrechte, Demokratie, Wissenschaft, Aufklärung, Gewaltenteilung, Rechtsstaat – nicht zu verspielen.

Wie sich das Leben ohne all diese Errungenschaften anfühlen könnte, das zeigt Kehlmanns Tyll sehr plastisch und eindrücklich.

„Sozusagen Paris“ von Navid KERMAN

Eigentlich stand ein anderes Buch dieses Autors auf meiner Leseliste. In diesem Buch setzt er dem Rock-Musiker Neil Young ein literarisches Denkmal. Und tatsächlich taucht der Musiker am Ende des hier besprochenen Romans noch in Erscheinung und eines seiner Lieder wird in den Gedankengang einbezogen.

Doch es geht hier nicht um Rockmusik – es geht um Liebe, genauer gesagt um die bürgerliche Ehe und was sie oft mit der Liebe macht.

Die Rahmenhandlung ist schnell erzählt: ein Romanautor – und damit meint der Autor tatsächlich sich als reale Person – trifft auf einer Lesereise eine Frau, in die er dreißig Jahre zuvor kurz aber heftig verliebt war. Sie reden eine ganze Nacht, insbesondere über ihre eheliche Beziehung und warum sie trotz allem weiter besteht. Zwischendurch erfährt man auch ein wenig über die ehelichen Erfahrungen des Autors selbst.

Was ist nun das Besondere dieses Buches? Warum sollte man es lesen oder besser nicht lesen?Ich möchte zwei Aspekte herausstellen, die vielleicht die Entscheidung erleichtern könnten.

Der Autor gibt sich als Freund und Kenner der klassischen Liebesliteratur zu erkennen. Man könnte auch sagen: Wesentliche Teile seines Buches beinhalten Zitate aus berühmten Ehe- und Liebesromanen von STENDHAL, PROUST, FLAUBERTund BALZAC. Mit diesen Zitaten arbeitet er, kommentiert sie, lässt seine Gedanken ergänzend durch die berühmten Vorbilder ausdrücken. Man ist erstaunt (wenn man die Originale so wenig kennt wie ich), mit welcher Klarheit und Eleganz die noch heute gültigen Grundthemen schon damals formuliert wurden. Wenn man so etwas mag und „alten Meister“ liebt, ist man hier gut aufgehoben.

Das zweite Merkmal des Buches ist seine Selbstbezogenheit. Der Autor macht sich selbst, das Schreiben, die (fantasierte) Auseinandersetzung mit seinem Lektor und seine Rolle als Romanschriftsteller permanent zum Thema. So ist dieser Roman auch ein Buch über das Romanschreiben. Der Autor guckt sich zu, wie er sich beim Schreiben zuguckt. Das kann man interessant und spannend finden – insbesondere, wenn man selbst schreibt. Man kann es auch ein wenig überzogen und selbstverliebt finden.

Und was ist nun mit der Liebe in der Ehe? Ist sie möglich oder doch nicht? Auf Dauer?

Nun, es wäre ein schlechtes Buch von einem schlechten Autor, wenn es darauf eine eindeutige Antwort gäbe. Die Skepsis ist groß und schlägt manchmal in Resignation um. Die Alternativen sind nicht besonders reizvoll. Und vielleicht lohnt sich der Versuch ja doch.

Die Antwort, mein Freund, weiß ganz allein der Wind …. (in diesem Fall natürlich der Leser)

(Das Buch über Neil Young werde ich trotzdem lesen und das zitierte Lied habe ich während der letzten Seiten mitlaufen lassen).

„Ein amerikanischer Traum“ von Barack OBAMA

Warum bespreche ich ein Buch, das ich niemandem wirklich zum Lesen empfehlen würde?

Weil es von Barack Obama geschrieben wurde, dem amerikanischen Präsidenten, auf den Donald Trump folgte.

Ich war immer ein Obama-Fan – auch in der Zeit, als er als große Enttäuschung oder Mogelpackung  belächelt und kritisiert wurde, weil er angeblich entweder nicht geschickt genug taktierte oder nicht radikal genug war.

Ich habe nie verstanden, warum man ihn mitverantwortlich dafür machte, dass sich das rechte, klerikale, rassischste und superreiche Amerika gegen ihn verbündete mit dem einzigen Ziel, ihn scheitern zu sehen. Ich konnte nie begreifen, warum nicht jedem bewusst war, was für ein kaum glaubhaftes Glück es für die USA und die Welt war, einen so intelligenten, charaktervollen und ethisch denkenden Menschen an der Spitze einer Weltmacht zu haben.

Jetzt, wo man weiß, wie schnell so etwas ins Gegenteil kippen kann, gibt es langsam ein Gefühl dafür.

Dieses Buch, in dem Obama 1995 seine komplexe Familiengeschichte erzählt, unterstreicht eindrucksvoll, mit was für einem differenzierten und vielschichtigen Menschen wir es zu tun hatten. Das Buch handelt von seiner rastlosen Suche nach der eigenen Identität in den unterschiedlichen Verästelungen seiner wahrhaft multi-kulturellen Wurzeln. Parallel zu seiner Biografie reflektiert er die schwierige und von Widersprüchen geprägte Herausforderung, als schwarzer Bürger Amerikas seine Rolle und seinen Platz zu finden.

Trotzdem rate ich davon ab, dieses Buch tatsächlich auch zu lesen. Es ist einfach zu detailliert und damit auch zu weitschweifig – zumindest wenn man selbst (z.B. als weißer Mitteleuropäer) von den angesprochenen Themen nicht unmittelbar betroffen ist. Natürlich gibt es immer wieder auch zusammenfassenden Betrachtungen und Schlussfolgerungen – aber sie gehen unter in einem Wust von minutiösen Schilderungen von Personen und Begebenheiten.

Was bleibt ist die Gewissheit, dass ein Mensch amerikanischer Präsident war, der von dem jetzigen Amtsinhaber wirklich unfassbar weit entfernt ist. Dass diese beiden extremen Verkörperungen von dem, was Amerika sein kann, an der wichtigsten Schaltstelle der Welt unmittelbar aufeinanderfolgen, ist eine wahrlich verrückte Pointe der Geschichte.

„Die vierzig Geheimnisse der Liebe“ von Elif Shafak

Diese Rezension ist eine echte Herausforderung für mich: Was schreibt man über ein Buch, dessen Inhalt und Sprachstil einem so fundamental fern liegt und fremd ist?

Natürlich könnte ich es mir leicht machen und diese große innere Distanz dafür nutzen, einen Verriss zu formulieren, mich vielleicht sogar lustig zu machen oder arrogant über bestimmte Aspekte zu erheben. Das würde mir tatsächlich nicht wirklich schwer fallen.

Aber wäre es angemessen und fair?

Vielleicht erstmal zum Buch selbst: Der Aufbau folgt der bekannten Struktur „Buch im Buch“. Eine in der Gegenwart spielende Rahmenhandlung (über eine von ihren „wahren“ Gefühlen entfremdete westliche Wohlstandsgattin und Mutter) umschließt eine Geschichte über die dramatische Beziehung eines Sufi-Derwisches zu einem islamischen Gelehrten im 13. Jahrhundert. Die Klammer zwischen diesen beiden Welten wird durch den  – zunehmend realen – Kontakt zwischen der zu sich selbst findenden Frau und dem schon bei sich angekommenen Autor dieses Romans gebildet. Es wäre ein Wunder, wenn man sich den Rest nicht denken könnte…

Doch worum geht es inhaltlich; was will das Buch vermitteln?

Das kommt auf die Betrachtungsebene an.

Aus eine religiösen Perspektive betrachtet ist das Buch ein Plädoyer für einen sanften und humanen Islam, in dem der persönliche Weg zum Glauben als wichtiger erachtet wird als die buchstabengetreue und durch Autoritäten überwachte Befolgung von formalen Vorschriften. Es geht um Toleranz, um innere Haltungen und gütige Bescheidenheit. Glaube und Spiritualität werden als demütige Suche und nicht als in Stein gemeißelte Selbstgewissheit dargeboten.

Erweitert man den Bezugspunkt, dann geht es um grundsätzlichere Einstellungen zum Leben: Was zählt ist – natürlich – nicht materieller Wohlstand oder ein durchgetaktetes und auf die Erreichung langfristiger Ziele ausgerichtetes Leben, sondern die Besinnung auf den Augenblick, das achtsame Umgehen mit sich selbst und der Natur und die gelassene Annahme der schicksalhaften Fügungen des Lebens (denen grundsätzlich natürlich ein Sinn zuerkannt wird).

Das klingt doch alles ganz nett und annehmbar. Stimmt. Es ist insgesamt ein positives, menschenfreundliches Buch. Aber es ist für einen Leser, der sich einem rationalen Weltbild zugehörig fühlt, auch eine ziemliche Zumutung. Warum?

Nun, mich störte weniger die vorhersehbare und extrem klischeebehaftete Rahmenhandlung; damit kann man leben. Schwieriger zu verdauen ist schon die unerschütterliche Selbstverständlichkeit, mit der einzig und allein ein spirituell-religiöser Zugang zur Welt ausgebreitet wird. Auch das kann ja eine erhellende Perspektiverweiterung sein, wenn man sich mal ganz bewusst inspirieren lassen will. Wenn dann aber das Ganze noch in einer – für westliche Verhältnisse – extrem ungewohnten Sprache erzählt wird, dann stellt sich die Frage der Durchhaltebereitschaft. Vielleicht ist es meine bedauernswerte Fixierung auf die nüchterne Rationalität meines kulturellen Backgrounds, die mich diese Sprache als so unerträglich kitschig-schwülstig empfinden lässt. Kann ja alles sein – aber es ist nun mal so!

Wird man durch dieses Buch inspiriert?

Ja, natürlich enthält dieses Buch eine Reihe von Lebensweisheiten. Der Anspruch, es seien nun genau diese 40 Regeln relevant für ein beglückendes Leben in Liebe zu Gott und den Menschen, ist sicherlich nicht ernsthaft zu begründen. Das von Selbstzweifel ungetrübte Postulieren dieser Weisheiten erinnert dann doch ein wenig an die Wahrheitsüberzeugung, die eigentlich ja in diesem Buch kritisiert wird.

Schlussfolgerung: Man sollte als Leser dieses Buches schon relativ nahe dran sein, an dieser Art zu denken und zu sprechen. Sonst wird das Buch eher zu einem – verstörenden und anstrengenden  – Ausflug in eine fremde und unbekannte Welt. Sich davon wirklich berühren zu lassen, wird dann nicht ganz einfach sein.

„Golden House“ von Salman RUSHDIE

Die meisten Menschen meiner Generation kennen Salmon Rushdie als Symbolfigur für die unbarmherzige Intoleranz der Islamisten. Er wurde bereits unter dem Kohmeini-Regime 1989 mit einer Fatwa belegt und damit offiziell zur Tötung freigegeben, weil seine „Santanischen Verse“ angeblich den heiligen Koran beleidigt hätten. Seitdem lebt der Autor unter permanenter Bedrohung und Polizeischutz.

Rushdie hat inzwischen eine ganze Reihe erfolgreiche Romane veröffentlicht, einige davon habe ich auch gelesen.

Sein aktueller Roman reicht bis in die unmittelbare Gegenwart – thematisiert dabei insbesondere die Veränderungen in den USA vor und nach der Trump-Wahl. Das Buch ist komplex und vielschichtig bzgl. der angesprochenen gesellschaftlichen und zeitgeschichtlichen Themen: neben dem politischen Klima (in Indien und der USA) wird insbesondere die Gender-Debatte (in allen verrückten Varianten), die allgemeine Suche nach Identität, die organisierte Kriminalität, der Kulturbetrieb (insbesondere im Filmbereich) und das komplexe Netz familiärer Beziehungen und Verstrickungen thematisiert. Natürlich fehlt auch die Suche nach Liebe nicht.

Eingebettet werden diese inhaltlichen Aspekte in eine Dreifach-Handlung: Erzählt wird die Familiengeschichte eines ursprünglich aus Indien stammenden steinreichen Unternehmers und seiner drei Söhne (1. Ebene), die wiederum von dem Ich-Erzähler zum Gegenstand seiner (z.T. sehr persönlichen) Erkundung und Erforschung gemacht wird (2. Ebene), wobei dieser Prozess von eben jenem Erzähler auch noch auf der Meta-Ebene betrachtet und reflektiert wird (3. Ebene).

Doch damit nicht genug! Wer Rusdie nicht kennt, wird sicherlich zunächst erschlagen sein von seiner Wortgewaltigkeit, die den Leser immer wieder heraus- und öfters auch überfordert. Das muss man wollen.
Der Autor ist sowas wie ein Welt-Intellektueller, der sich gleich in einer ganzen Anzahl von Kulturen grandios auskennt und sich aus all diesen Quellen in einer unnachahmlichen Souveränität bedient. Das führt dazu, dass man sich manchmal ganz klein und hilflos vorkommt, weil man entweder nur halbverstehend-staunend darüber hinweg liest (oder hört) oder erstmal eine Recherche-Zeit einplanen muss, um der Bedeutung der Begrifflichkeiten und ihrer Bezüge halbwegs gerecht zu werden. Dieser Mensch kennt scheinbar alle nur erdenklichen Geschichten, Sagen, Bücher, Filme, Musikstücke oder was sonst menschliche Kultur erschaffen hat und greift nach Lust und Bedarf auf all dies zurück, wenn es ihm zur Ausschmückung eines Gedankens dient.
Das ist anstrengend – aber auch faszinierend und letztlich eine unnachahmliche Lese-Erfahrung.

Natürlich ist der Erzähler (und damit auch der Autor) nicht werte-neutral! Dieses Buch ist (wie das gesamte Wirken von Rushdie) der Humanität, der Vernunft und der Aufklärung gewidmet. Damit ist natürlich Trump (der sich im Buch hinter einem anderen Namen versteckt) der natürliche Gegner.

Mit dem Buch tritt man in ein ganzes Universum ein, das einem mit all seiner Komplexität in Beschlag nimmt. Zusammengehalten wird es durch die Hauptfiguren und letztlich durch das Schicksal des Ich-Erzählers. So schafft es Rushdie, all seine breitgefächerten Botschaften zu vermitteln und dem Leser doch das Gefühl eines zusammenhängenden „Roten Fadens“ zu geben – also doch so etwas wie eine Ordnung in einer total chaotischen Welt zu schaffen (vielleicht sogar mit einem akzeptablen Ende?).
Und genau das ist die literarische Kunst, die Rushdie so perfekt beherrscht: seine Weltsicht und seine Apelle so zu verpacken, dass sie zum Lesen und zum Weiterlesen motivieren.

Und am Ende hat man sich so an diese unglaublich überbordende Intensität dieses Lese-Kosmos gewöhnt, dass im eigenen – so vergleichsweise überschaubaren – Leben fast sowas wie Entzugserscheinungen auftreten könnten….

„ES“ Die (Neu-)Verfilmung des Horror-Klassikers von Stephen KING

Warum gehe ich in einen solchen Film?
Nun, das hatte in erster Linie sehr persönliche Gründe; die alleine reichen zur Erklärung mehr als aus. Dazu kam die Neugier, wie das Buch von Stephen King, das ich vor kurzem als Hörbuch gehört habe, filmisch umgesetzt wird. Dazu wollte ich mir eine Meinung bilden.

Ich hole etwas aus:
Ich mag keinen Horror; ich muss nicht mit dem inneren und äußeren Schrecken der Welt konfrontiert werden, um mich irgendwie zu spüren; Gewaltschilderungen erzeugen bei mir Abwehr und Abscheu. Ich sehe die Ästhetisierung der Gewalt nicht als akzeptable Kunstform an. Ich gehöre der „ach so ignoranten und spießigen“ Gruppe von Menschen an, die einen Zusammenhang zwischen exzessiver Gewaltdarstellung (in welcher Form auch immer) und der Verrohung von Menschen und Gesellschaften postulieren (das tue ich nicht nur als Privatmensch sondern auch als Psychologe).

Warum dann überhaupt Stephen King?
Nun – der Mann kann einfach tolle Geschichten toll erzählen! Auch wenn seine Millionen-Bestseller nicht als „hohe“ Literatur gelten, so beinhalten sie doch sehr viel mehr als Schocker-Effekte. King kann Figuren zeichnen, Schauplätze atmosphärisch dicht ausgestalten und psychische Prozesse nachvollziehbar machen. Im Grund liebt er die Menschen.
Schade nur, dass seine Leidenschaft in diese eine Richtung geprägt wurde. Einen King ohne Horror und Gewalt würde ich als Autor lieben!

Ach so – ich wollte eine Filmkritik schreiben…

Was kann man nach dieser Vorrede erwarten? Bestimmt keine Begeisterung – aber vielleicht ein Lob für die cineastische Umsetzung der Vorlage.
Dieses Lob gibt es ganz eindeutig von mir nicht!

Die Verfilmung konnte der Versuchung nicht widerstehen, das Verhältnis von Story und Grusel-Effekten genau auf den Kopf zu stellen. Die Geschichte der sympathischen Loser-Kinder-Clique dient fast ausschließlich als Anlass für die Schocker-Szenen. Der Regisseur tobt sich ungebremst aus in einer – sicherlich technisch perfekten – Aneinanderreihung von bis ins Absurde gesteigerten Ekel-Fantasien.
Die Regel scheint zu sein: „Je extremer desto besser – man muss doch bei dieser Gelegenheit mal zeigen, was heute tricktechnisch geht!“
Sorry – aber das interessiert mich nicht; ich brauche den Ekel nicht perfektioniert!
(An der Stelle sollte ich es vielleicht verraten: Ich habe die Augen öfters mal geschlossen, weil ich bestimmte Bilder gar nicht erst in mein Gehirn lassen wollte).

Noch ein paar andere Dinge haben mich geärgert:

  • Die ca. 11 bis 13-jährigen Kinder haben Sprüche von deutlich älteren Jugendlichen drauf – offenbar um das Ziel-Publikum (ab 16) zu bedienen.
  • Die im Film dargestellte Gewalt wird auch dadurch verharmlost, dass (gesundheitliche) Folgen durchweg in absurder Weise ausgeblendet werden (z.B. verursachen Steinwürfe an den Kopf scheinbar keinerlei Schäden).
  • Die Kinder sind auch psychisch gegenüber den extrem traumatisierenden Erlebnissen scheinbar vollkommen immun.

Wen könnte dieser Film also ansprechen – außer der Zielgruppe von jungen Menschen, die alles mitnehmen, was irgendwie trendy oder extrem ist?
Es gibt sicherlich Cineasten, für die eine Verfilmung dieses Horror-Klassikers ein von Natur aus relevantes Ereignis ist. Deren Interesse allen Facetten der Filmkunst gilt und deren Neugier für und Faszination durch das Medium nicht durch solche prinzipiellen Erwägungen (s.o.) getrübt wird. Für diese Menschen kann es sicher gute Gründe geben, sich dieser Situation zu stellen.

Für alle anderen empfehle ich:  Lass ES sein!

„Die den Sturm ernten“ von Michael LÜDERS

Lüders hat ein politisches Sachbuch zum Syrienkrieg geschrieben mit dem Anspruch, eine alternative Perspektive zu den in unseren Mainstream-Medien gängigen Bewertungs- und Erklärungsmustern zu bieten. Diesen Anspruch löst der Autor ohne Zweifel ein.

Was sind seine Grundaussagen?

  • Der Nahe Osten ist seit der Kolonialzeit ein Spielball von politischen und wirtschaftlichen Interessen. Praktisch alle aktuellen Konflikte lassen sich als „logische“ Ergebnisse dieser Einflussnahmen durch – insbesondere europäische und amerikanische – Mächte erklären.
  • Es gibt keinen „moralischen“ Unterschied zwischen dem politischen Handeln des Westens und der Einflussnahme anderer Beteiligter (z.B. der Russen). Die vermeintliche „Werteorientierung“ des Westens entpuppt sich bei genauerer Analyse der Motive und Zusammenhänge als Mogelpackung.
  • Die klare Unterscheidung zwischen den „Guten“ und den „Bösen“ im Syrienkonflikt ist eine unhaltbare Vereinfachung der westlichen Politik bzw. der Medien. Konkret: Die Sympathieträger des syrischen Aufstandes gegen Assad („Stichwort „Arabischer Frühling“) stellen eine verschwindend kleine, einflusslose Minderheit dar. Die wirklich mächtigen Gruppierungen unterscheiden sich bzgl. ihres menschenverachtenden Vorgehens nicht von dem des Regimes.
  • Den Sturz von Assad erzwingen zu wollen, ist weder (völkerrechtlich) legitim noch für die Zukunft des Landes sinnvoll. Es gibt z. Zt. keine Alternative, die irgendeine positive Perspektive verspräche.
  • Die deutschen Medien berichten einseitig und geben – gewollt oder ungewollt – die politische Propaganda der westlichen Regierungen weiter.

Ohne Zweifel belegt der Autor seine Thesen und Schlussfolgerungen mit einer Fülle von historischen Fakten. Er gibt sich dabei keine besondere Mühe, die Darstellung dieser Fakten von seinen Bewertungen zu trennen; das nehme ich ihm aber nicht übel.
Insgesamt wirkt seine Argumentation glaubwürdig – auch wenn ich angesichts der Tragweite seiner Schlussfolgerungen manchmal ein deutliches Zögern empfinde. Es ist einfach auch ziemlich desillusionierend, wenn man in dieser ungefilterten Form auf die „nackten Tatsachen“ gestoßen wird.

Trotzdem stört mich ein Aspekt in seinen Ausführungen: Es gibt eine Art umgekehrte Parteilichkeit. In dem Bestreben, die von ihm als einseitig pro-westlich bewertete Sichtweise zu relativieren (bzw. zu widerlegen), legt er – zumindest stellenweise – eine genau entgegengesetzte Schablone an. So werden zwar die Übergriffe und Grausamkeiten der einen Seite (Assad und seine Helfershelfer) keineswegs geleugnet, dieses Vorgehen wird aber oft als eine Art unvermeidliche Konsequenz der Fehlentscheidungen des Westens dargestellt. Es ist eine Sache, Fehler und Doppelmoral des Westens an den Pranger zu stellen; eine andere Sache ist es, damit Menschenverachtung der anderen Seite in einen Kontext von „Zweitrangigkeit“ (und kultureller Eigenart) zu stellen.
Darüber hinaus bin ich einfach nicht bereit zuzugestehen, dass die westlichen Bemühungen, den Syrienkrieg zu begrenzen und zu beenden, niemals und von niemandem ernsthaft moralisch motiviert waren. Selbst wenn es – in Bezug auf die großen historischen Zusammenhänge – letztlich durchweg um kalte Interessens- und Machtpolitik ging und geht, gibt es nach meiner Überzeugung doch immer wieder handelnde Personen (auch Politiker), denen das Leid der Menschen nicht gleichgültig sind. Und diese Form der Werteorientierung würde ich – auch nach der Lektüre dieses Buches – noch immer eher in den westlichen Demokratien vermuten als bei Assad und Putin. Diese Sichtweise schließt der Autor leider in einer unakzeptablen Eindeutigkeit aus!

Insgesamt ist das Buch jedoch informativ und anregend; eine lohnende Lektüre, wenn man bereit ist, sich für einige Stunden auf die Details der Problematik einzulassen und man seinen Horizont erweitern will.

„Die Erfindung des Lebens“ von Hanns-Josef ORTHEIL

Es gibt Bücher, die einem Zeitvertreib und Unterhaltung bieten. Es gibt Bücher, die eine schöne oder spannende Geschichte erzählen. Und es gibt Literatur: die Kunst, mit Sprache umzugehen.
Dieses Buch demonstriert zweifelsfrei ein hohes Ausmaß dieser Kunst.

Schauen wir zunächst nach dem Unterhaltungswert:
Geboten werden fast 600 Seiten (Taschenbuchausgabe); das liest man nicht mal so zwischendurch weg. Das Buch fordert heraus: man muss sich schon einlassen – auf Details, auf sehr genaue Beobachtungen, auf Selbstreflexionen. Es ist keine leichte Kost – aber auch keineswegs schwer verdaulich. Als Lohn für die Mühe winkt ein besonderes und nachhaltiges Leseerlebnis.
Insgesamt bekommt man sicher eher Tiefgang als entspannte Unterhaltung.

Und die Geschichte?
Der Titel deutet es an: Es geht um die Geschichte eines sich entwickelnden Lebens. Der Ich-Erzähler (und damit vermutlich weitgehend auch der Autor) berichtet davon, wie aus einer extrem problematischen Kindheit (Mutter und Kind sind jahrelang stumm) heraus sich eine facettenreiche und tiefgründige (Künstler-)Persönlichkeit entwickelt. Dabei wird in bewundernswerter Klarheit und Genauigkeit herausgearbeitet, dass gerade mit den – zunächst erschwerenden – individuellen und familiären Besonderheiten der Grundstein für diesen Prozess gelegt wird.
Inhaltlich hat die Geschichte mit einigen großen Themen zu tun:

  • mit der Bedeutung und Entwicklung von Sprache und Kommunikation
  • mit der Beziehung zwischen (sehr besonderen) Eltern und einem ungewöhnlichen Kind
  • mit Natur und Landschaft und der Kunst, diese präzise wahrzunehmen
  • mit der individuellen und familiären Verarbeitung von biografischen Lasten und Traumata
  • mit – insbesondere – klassischer Musik (der Erzähler wird Pianist)
  • mit der Stadt Rom und dem zugehörigen Lebensgefühl

Es ist sicherlich nicht notwendig, dass man spezielle Interessen für eine dieser Bereiche mitbringt; aber der Genuss des Lesens kann sicherlich dadurch noch intensiviert werden.

Der Rest ist – wie schon angedeutet – Literatur!
Man kann nur staunen, wie perfekt es dem Autor gelingt, dieses Panorama von detailverliebten Beobachtungen, nuancierten Empfindungen und differenzierten psychologischen Prozessen aufzufächern. Das alles passiert mit einer geradezu leidenschaftlicher Gründlichkeit und Tiefe.
Man bekommt von Seite zu Seite immer stärker das sichere Gefühl: Dieser Mensch kann das, was er vermitteln will, ohne jede Einschränkung auch sprachlich ausdrücken. Da bleibt kein Rest!

Im Vergleich zu dem bereits früher besprochenen Buch stellt „Die Erfindung des Lebens“ sicher die höheren Anforderungen. Zum Einstieg in der Schreibwelt von ORTHEIL eignet sich daher „Das Kind, das nicht fragte“ vielleicht noch eher.

„Was man von hier aus sehen kann“ von Mariana LEKY

Es geht diesmal um ein ganz aktuelles Buch.

Das Buch handelt von dem Zusammenleben einiger durchweg skurriler Menschen in einem Dorf. Diese Menschen, ihre Beziehungen untereinander und deren Entwicklung werden mit großer Detailtreue und Einfühlsamkeit beschrieben. Die Besonderheit dieser Menschen und die Besonderheit dieser Betrachtung werden auch in einer sehr individuellen Weise mit einer sehr besonderen Sprache zum Ausdruck gebracht.
Man könnte zusammenfassen sagen: ein sehr besonderes Buch!

Fangen wir mit den Menschen an:
Es sind alles Personen, die man früher als „Orginale“ bezeichnet hätte; sozusagen radikale Kontraste zur Mainstream-Normalität. Die beschriebenen Menschen bekommen ihre Individualität gerade durch ihre Eigenarten, ihre Ecken und Kanten, ihre Absonderlichkeiten. Die Personen sind alle auf eine jeweils andere Art sehr „speziell“ – und sind gleichzeitig innig dadurch miteinander verbunden, dass sie geradezu selbstverständlich und ohne erkennbare Mühe die Absurditäten (die manchmal auch Schwächen sind) der anderen annehmen.
So entsteht ein einzigartiger Mikro-Kosmos von nicht viel mehr als einer Handvoll Personen, die – innerhalb und außerhalb von familiären Bindungen – in einer scheinbar unzerstörbaren Art aufeinander bezogen sind – einfach dadurch, dass sie in einem engen Umfeld miteinander leben, sich kennen und scheinbar gar keine andere Alternative sehen, als sich anzunehmen und in unterschiedlichen Qualitäten und Ausprägungen auch zu lieben.

Jetzt zur Art der Betrachtung:
Fast scheint es so, dass die Personen auf ihre skurrilen Anteile reduziert werden – jedenfalls werden sie durch diese Facetten liebenswert. Untereinander und für den Leser. Der Blick auf die dargestellten Menschen ist geradezu durch eine unendliche Toleranz und Akzeptanz bestimmt – diese Autorin ist eine wahre Menschenfreundin. Sie guckt auf die kleinen Dinge, die Zwischentöne, die ungewöhnlichen Perspektiven. Der Blick auf die Welt weitete – weil der innere Horizont sich weitet.

Und die Sprache:
Die Autorin schafft es scheinbar mühelos, diesem besonderen Buch über besondere Menschen auch eine besondere Sprache mitzugeben. Ungewöhnliche Analogien, überraschende Bilder, Wortneuschöpfungen und der wiederholte Bezug zu einigen sprachlichen Ankerpunkten schaffen die passende Atmosphäre und können Leser, die den sehr individuellen Umgang mit Sprache schätzen, geradezu begeistern.

Für mich verkörpert dieses außergewöhnliche Buch eine Menge Lebensweisheit. Es stößt einen auf die Grundthemen des Menschseins – weit weg von jeder oberflächlichen Konsum-Glitzerwelt und der zwanghaften Suche nach immer neuen Extremerfahrungen.
Und letztlich gibt es zwei Grundbotschaften, die man sowohl auf sein eigenes privates Leben als auch auf unser Zusammenleben hier auf unserem kleinen verletzlichen Planeten anwenden könnte:

Es gibt nichts Wichtigeres als die Liebe – in welcher Form sie auch immer gelebt wird!
Den anderen in seinem Anderssein (und manchmal Schwierig-Sein) als selbstverständlich dazugehörig zu betrachten, schafft die Chance, nicht nur friedlich sondern auch in einem tiefen Erfülltsein zusammenzuleben.

Ein überzeugendes Plädoyer für Toleranz und Großherzigkeit!

„The Brain“ von David EAGLEMAN

Der Untertitel des Buches lautet „Die Geschichte von dir“.
Das macht zweierlei deutlich: Es handelt sich um ein deutschsprachiges Buch und die Zielgruppe könnte durchaus (auch) im Jugendalter sein.

EAGLEMAN ist ein bekannter englischer Hirnforscher, der sich schon mehrfach auch erfolgreich als Schriftsteller betätigt hat. Er hat ohne Zweifel die Gabe, auch komplexe Sachverhalte unterhaltsam und verständlich zu vermitteln.
Genau das ist ihm in diesem großzügig illustrierten Buch vorbildlich gelungen!

Tatsächlich war ich zunächst etwas irritiert, als ich das mit Spannung erwartete Buch das erste Mal aufschlug: Es las sich wirklich sehr einfach, so dass ich – als in diesem Gebiet leicht vorgebildeter Mensch – schon befürchtete, mich verkauft zu haben. Aber ich habe meine Meinung revidiert:
Zwar werden in diesem Buch auch grundlegende Erkenntnisse der Hirnforschung nochmal dargelegt (für manche ein Wiederholungseffekt) – gleichzeitig führt Autor aber bis an die brandaktuellen und heißdiskutierten Fragen heran: „Wie kann aus Komplexität Bewusstsein enstehen?“ „Kann uns die künstliche Intelligenz ersetzen oder überholen?“ „Was führt dazu, dass wir uns als „ICH“ erleben?“

Der Autor ist nicht so vermessen, auf solche Grenzfragen fertige Antworten zu versprechen. Aber er geht sie mit Selbstbewusstsein und mit der Logik der Naturwissenschaft im Gepäck an und schafft so spannende Räume der Begegnung zwischen Bio- bzw. Neurowissenschaft und Philosophie.

Ein Buch, das einen auf eine sehr angenehme und leichte Art schlauer macht.
Super!

Nachtrag (Januar 2020):
Eine alternative Lektüre wäre „Der kleine Gehirnversteher“.