Corona-Paket

Es hätte schlimmer kommen können!
Man muss sich freuen, dass die Koalition sich letztlich nicht getraut hat, all die Menschen restlos zu enttäuschen, die auf ein Nachhaltigkeits-Zeichen gehofft haben.
Das Symbol war die Auto-Prämie (für Verbrenner); das Symbol wurde vermieden.
Und sonst?

Die Mehrwertsteuer-Kürzung ist echt teuer für den Staat, bringt aber dem Einzelnen nicht wirklich etwas Spürbares ein. Ich verstehe die Logik nicht wirklich. Und ich verstehe es ebenfalls nicht, warum nicht irgendeine Lenkung eingebaut wurde: Für bestimmte Ziele, Produkte oder Wirtschaftsbereiche. Warum die Gießkanne?
Vermutlich weil die Auto-Ministerpräsidenten jetzt sagen können: „So bekommt auch das Dinosaurier-Modell von Daimler, Porsche, BMW oder Audi noch seine Prämie“ (bei 70.000 € immer hin noch 2100 €).

Über die restlichen Punkte kann man sicher lange diskutieren.
Eine Diskussion darüber, dass uns mehr Konsum und Wachstum langfristig nicht schützt sondern massiv gefährdet, steht sowieso noch an.
Was wohl passieren muss, um diese in gang zu setzen?

Echter Aufbruch sieht jedenfalls anders aus.

Kleinlichkeit und Egoismus statt mutigem Gestalten

Wir befinden uns in einer wirtschaftlichen Ausnahmesituation, in der viele Grundsätze auf einmal keine Gültigkeit mehr haben. Wir erleben eine Krise, in der der Staat und seine schützenden und helfenden Finanzen plötzlich im Zentrum des gesellschaftlichen Lebens stehen. Für eine kurze Zeit scheint mal wieder der Staat stärker als die Wirtschaft und ihre Mächtigen zu sein.
Ganz plötzlich – unter dem Druck des unbekannten Virus – war der Mut und die Kraft vorhanden, vermeintlich „unmögliche“ Entscheidungen innerhalb weniger Tage zu treffen.
So weit, so – vermutlich – gut.

Wie schön wäre es gewesen, wenn aus dieser unerwarteten Zäsur noch etwas mehr entstanden wäre als das Ersetzen von Verdienstausfällen und der Gewährung von massenhaften Kurzarbeiter-Geld.

Vier Chancen (mindestens) hätte es gegeben (theoretisch gibt es sie natürlich immer noch):

  • Man hätte ein großzügiges Zeichen europäischer Solidarität geben können (was nach einigen Anlaufschwierigkeiten jetzt von Macron und Merkel versucht wurde und wohl auf dem Altar der europäischen Prinzipienreiter geopfert werden wird).
  • Man hätte alle unternehmensbezogenen Hilfsgelder mit der notwendigen Umsteuerung zu einem nachhaltigen Wirtschaften verbinden können (Lufthansa lässt grüßen).
  • Man hätte die lange überfällige Entschuldung der klammen Kommunen in Angriff nehmen können (wie jetzt von Scholz vorgeschlagen und erwartungsgemäß von den reicheren Ländern bzw. CDU und FDP abgelehnt).
  • Man könnte die Gelegenheit nutzen, um den völlig überforderten armen Ländern nicht nur kurzfristig, sondern auch längerfristig zu helfen (durch einen angemessenen Schuldenschnitt – der gerne an soziale und ökologische Bedingungen geknüpft sein dürfte).

Prioritäten und Initiativen solcher Art hätten das Zeug gehabt, die Krise nicht nur zu bewältigen, sondern sie für überfällige (aber bisher schwer durchsetzbare) Zielsetzungen zu nutzen.

Doch da ist inzwischen wieder der triste, zaudernde und partei-ideologische Alltag ausgebrochen.
So werden denn vermutlich die vielen Milliarden ausgegeben, ohne die echten Zukunftsprojekte zu berücksichtigen.
Schade!

Corona, der Staat und die Freiheit

Es geht im Moment viel um „Freiheit“.

Menschen beklagen sich im Kontext von Corona über und demonstrieren gegen Einschränkungen ihrer Freiheiten: sich frei zu bewegen, überall hin zu reisen, soziale Beziehungen auszuleben oder Veranstaltungen zu besuchen. In der Öffentlichkeit und in den Medien wird engagiert darüber diskutiert, in welchem Umfang denn der „Staat“ überhaupt das Recht habe, in irgendwelche Freiheiten einzugreifen.

Man kannte diese Diskussionen zuletzt aus der Auseinandersetzung um die Klima-Krise. Auch da stellte sich für viele die Frage, ob man sich als „freier Bürger“ ein Tempo-Limit, Maßnahmen des Tierschutzes  oder Beschränkungen des Luftverkehrs bieten lassen müsste.

Mit wird immer deutlicher, dass es offenbar zwei sehr unterschiedliche Sichtweisen gibt, wie die beiden Bereiche „Freiheit“ und „Staat“ zusammenhängen. Aus der jeweiligen Perspektive ergeben sich dann Schlussfolgerungen für ganz verschiedene Themenbereiche.

Die eine Variante geht davon aus, dass am Anfang die autonomen Individuen mit ihren unveräußerlichen Rechten stehen. Diese Einzelpersonen haben sich dann – aus vielen pragmatischen Gründen – in einem bestimmten Regel- und Organisationssystem zusammengeschlossen. Dabei haben sie bestimmte Rechte oder Kompetenzen auf gesellschaftliche Institutionen übertragen, also z.B. die Grundversorgung im Bereiche Bildung und Gesundheit, die Ahndung von Verbrechen oder das allgemeine Gewaltmonopol.
In dieser Sichtweise haben die Menschen dem Staat diese Rechte und Zuständigkeiten (die ihnen eigentlich weiter gehören) nur ausgeliehen. Der Staat steht also in der Verpflichtung, diese freiwillig übertragenen Aufgaben sehr zurückhaltend zu erfüllen und sollte dabei sehr aufmerksam (und misstrauisch) beobachtet werden. Bei jeder Veränderung oder Erweiterung von Regeln bedarf es demnach einer erneuten Legitimation durch den „Souverän“, den mündigen Bürger.
Der Staat ist also immer zugleich ein notwendiger Dienstleister und ein potentieller Feind, der die Freiheitsrechte bedroht.
Typischerweise wird dieses Freiheitskonzept am konsequentesten in den USA unter Trump zelebriert, in dem das Klischee vom „lonely cowboy“, der am besten ohne Staat auskommt, noch durch die Köpfe geistert.

Wie sähe ein Gegenkonzept aus?
Hier wäre der Staat (die Gesellschaft) das Primäre, die Ausgangslage. Ein Individuum wird in einen bestehenden Kontext hineingeboren. Erst  dieser Kontext (Gesetze, Infrastruktur, Bildung, Gesundheitsversorgung, Polizei, Wirtschaftssystem, usw.) bietet überhaupt die Grundlage dafür, dass sich individuelle Personen entwickeln, Kompetenzen ausbilden und Erfolge erzielen können.
In diesem Modell gibt nicht der Bürger seine Macht an den Staat, sondern der bestehende gesellschaftliche Rahmen macht den Menschen erst zum Bürger, ermöglicht ihm ein relativ autonomes Leben in Frieden, Recht und Freiheit.  
In einem solchen Konzept wäre es ziemlich naheliegend, wenn der Staat auf Herausforderungen und Krisen auch mit „starken“ Maßnahmen reagiert, selbst wenn diese vielleicht im Einzelfall sehr unpopulär sein sollten.
Diese Gesellschaftslogik  – in dem die Gemeinschaft wichtiger erscheint als das Individuum – ist eher für bestimmte asiatische Kulturen typisch, findet sich aber ansatzweise auch in sehr fürsorglich ausgerichteten Wohlfahrtsstaaten (vor allem in Skandinavien).

Nun wird jedem denkenden Mensch klar sein, dass sich beide Modelle nicht dazu eignen, in absoluter Form umgesetzt zu werden. Wer will schon – wie in den USA – schwerbewaffnete Anti-Coronamamaßnahmen-Demonstranten oder – wie in China – eine Rundum-Überwachung in allen Lebensbereichen?!

Ich frage mich nur – und darauf will ich hinaus – ob sich nicht in der aktuellen Protesthaltung ein Freiheitsbegriff niederschlägt, der die erste Variante („der Staat ist mein potentieller Feind“) zugunsten der zweiten Sichtweise („der Staat ermöglicht mir erst all die Optionen und Freiheiten“) überbetont.
Wenn ich die Bilder von den Demos und die Aussagen einzelner Sprecher auf mich wirken lasse (die Spinner lasse ich mal weg), dann kommt es mir so vor, als ob das Regiert- und Verwaltetwerden schlechthin eine einzige Zumutung wäre. Als ob es eine Clique von macht- und geldgeilen Politiker und Wirtschaftsbossen gäbe, die sich die Welt unter den Nagel gerissen hätte. Eine Welt, die – scheinbar – ohne diese gierige und egoistische Elite in einer viel besseren Verfassung wäre, weil dann ja das Paradies der unbegrenzten Freiheit warten würde.

Wieso habe ich das unbestimmte Gefühl, dass es so ziemlich die gleichen Leute wären, die dem Staat als erstes unverzeihliche Versäumnisse vorwerfen würden, wenn durch das Unterlassen von Maßnahmen persönliche Nachteile drohen oder eintreten würden???

Ich will hier nicht einem „Durchregieren“ ohne demokratische Kontrolle und öffentliche Diskussion den Weg ebnen. Ich kann es nur schwer ertragen, wenn diese Nörgel- und Wutbürger einfach total ausblenden, auf welcher Grundlage sie denn all diese Rechte, Privilegien und Unterstützungsleistungen haben. Sie tun so, als ob sie das alles aus eigener Kraft geschaffen hätten und jetzt dieser böse Staat käme, um sie zu schädigen.
Ich möchte ihnen zurufen: „Schaut euch doch mal um in der Welt – und wenn ihr unbedingt wollt, dann macht euch auf in das Land eurer Träume!“
Ich wäre sehr gespannt, wie groß die Völkerwanderung ausfallen würde…

Kollateralschäden

Ich lungere noch gemütlich im Bett herum und studiere meine „Morgen-Zeitung“, also ZEIT- und SPIEGEL-online. Dabei stoße ich auf einen Artikel, der ein wenig die Perspektive erweitert und gleichzeitig die Auseinandersetzung um Lockerungsstufen relativiert.

Es geht vor allem um die indirekten Folgeerscheinungen der Corona-Pandemie auf die Prävention und Behandlung von bekannten „Killer-Krankheiten“ (Malaria, Tuberkulose, Masern) in anderen Teilen der Welt. Das liest sich absolut dramatisch und bedrohlich.

Was fängt man an mit der Hilflosigkeit, die solche Informationen auslösen? Macht es überhaupt Sinn, sich dieser zusätzlichen emotionalen Beunruhigung auszusetzen – wo wir uns doch selbst noch in einer ganz nahen Ausnahmesituation befinden? Wie viel Kapazität haben wir zum Verarbeiten, Mitfühlen oder Verdrängen?

Ich habe keine echte Antwort. Ich weiß nur, dass zwei Extreme ausscheiden sollten: Weder können wir mit ungebremster Empathie auf jede Notlage irgendwo auf der Welt reagieren, noch dürfen wir uns in völliger Ignoranz von allem abwenden, was uns nicht unmittelbar betrifft.

Meine Minimallösung ist oft folgende: Ich mache mir bewusst, wie unfassbar gut es uns hier in diesem Lande geht. Und ich versuche hin und wieder in privaten Gesprächen andere davon zu überzeugen, dass es eine globale Verantwortung für die Lebensverhältnisse auf unserem Planeten gibt.

Das ist erschreckend wenig. Ich habe riesigen Respekt vor den vielen Menschen, die mehr tun.

Und – obwohl ein unangenehmes Gefühl zurückbleibt – werde ich weiter die Katastrophen-Meldungen aus aller Welt lesen…

Corona und die Autos

Ich bin ein prototypischer Vertreter der Auto-Generation. Seit meinem 18. Geburtstag besaß ich jeden einzelnen Tag meines Lebens einen eigenen PKW. Bis heute – und vermutlich noch eine Weile (je nach meiner Lebensdauer und Gesundheit).

Aber in diesen (fast 50) Jahren hat sich die Welt verändert. Das Auto ist von einem Wohlstands-, Status- und Kultsymbol zu einem – für viele noch – notwendigen Übel geworden. PS-Protze und SUVs werden von aufgeklärten, umwelt- und klimabewussten Menschen inzwischen als Dinosaurier betrachtet – kurz vor dem Aussterben.

Dann kommt Corona und der Auto-Absatz geht in die Knie. Wie ein Großteil der Wirtschaft. Und was schlagen die Konzernherren vor: Kaufanreize durch Prämien vom Staat, also vom Steuerzahler. Damit alles so bleiben kann, wie es war. Schnell noch ein paar Hunderttausend fahrtüchtige Autos entsorgen, damit noch auf den letzten Drücker die alte Technologie verkauft werden kann. Deutschland einig Autoland!

Nein, ich will nicht, dass VW, Daimler, BMW und Konsorten Pleite gehen. Ich halte es für legitim, dass innovative, zukunftssichere Verkehrssysteme auch staatlich gefördert werden. Davon sollen gerne auch die Auto-Konzerne und vor allem ihre Beschäftigten profitieren. Aber zielgerichtet!

Haben wir es nicht beim Bergbau alle erlebt: Jahrzehntelange Subventionen haben einen als systemrelevant und identitätsstiftend erklärten Wirtschaftszweig künstlich am Leben erhalten und dadurch die sowieso unvermeidbare Umstellung nur unnötig hinausgeschoben und verteuert. Alternative Energiekonzepte gab es schon in den 70iger und 80iger Jahren. Aber es ging ja um die Kumpels!

Wir müssen aufpassen, dass die Auto-Beschäftigten nicht die Kumpels von morgen werden. Wenn wir mit Hilfe von staatlichen Subventionen so tun, als ob die alte Auto-Welt mit ihrer alten Auto-Logik weiter funktionieren könnte – dann verschieben wir die notwendigen Anpassungen und Umsteuerungen. Mal wieder, weil wir nur an die Arbeitsplätze von heute, nicht aber an die von morgen denken.

Wir werden in 20 Jahren keine Auto-Städte mehr haben wollen und können. Wir brauchen eine nachhaltige Mobilität. Schrittweise, natürlich. Aber schrittweise darf nicht heißen, dass man undifferenziert in das bisherige System hineininvestiert.
Jeder Anreiz muss ein Nachhaltigkeits-Anreiz sein – alles andere wäre nicht zu verantworten.

Was wir brauchen sind kleinere, leichtere, sauberere Fahrzeuge. Was wir brauchen sind moderne öffentliche Transportsyssteme – gerne auch gebaut von Daimler und Co.
Es kann doch nicht sein, dass im Jahr 2020 Prämien dafür gezahlt werden, dass sich – sowieso recht wohlhabende – Menschen Autos mit 200 PS oder mehr kaufen.

Hat da jemand was nicht verstanden?

Ein grüner Sarrazin?

Jetzt ist der – schon mehrfach als leicht provokativ aufgefallene – Tübinger OB, Boris Palmer, endgültig zum Problem-Grünen geworden.
Er hat an einem Tabu gerüttelt, an dem sonst eher von ganz anderer Seite gekratzt wird. Er wollte wohl mit seinem ungeschickten – aber sachlich nicht falschen – Satz („Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“) darauf aufmerksam machen, dass die Rettung von individuellen Menschenleben nicht in allen Fällen um jeden Preis alleine Richtschnur für das Handeln ganzer Gesellschaften sein kann. So wie es unser Bundestagspräsident Schäuble etwas staatstragender auch angedeutet hatte.

Darf so etwas ein GRÜNER sagen? Muss er deswegen ausgegrenzt werden?

Ich habe vor einiger Zeit hier auf diesem Blog schon mal in diese Richtung gedacht. Im Zusammenhang mit der Frage, ob denn wirklich jeder sehr alte und/oder sehr kranke Mensch sich so einer extrem belastenden und risikoreichen Behandlungsprozedur aussetzen will (vielleicht tatsächlich mit dem maximalen Gewinn von ein paar Lebensmonaten). Insbesondere, wenn die Behandlungsplätze tatsächlich mal knapp werden sollten.

Darf man darauf aufmerksam machen, dass unsere Gesellschaft auch an anderen Punkten ja nicht ALLES tut, um jedes nur mögliche Leben zu retten. Wir stationieren nicht alle 300 Meter einen Notarztwagen, um auf Herzinfarkte oder Schlaganfälle innerhalb von zwei Minuten optimal reagieren zu können. Wir haben uns gerade dagegen entschieden, das Organspenden zum Regelfall zu erklären (obwohl das ganz sicher konkrete Leben gerettet hätte und dazu noch weitgehend kostenfrei). Und natürlich tun wir auch nicht ALLES Denkbare, um Corona-Infektionen zu vermeiden – obwohl das Menschenleben kostet.

Warum darf ein GRÜNER dazu keine Fragen stellen oder Diskussionen anstoßen?
Geht es darum, dass tatsächlich unhaltbare (menschen-verachtende) Dinge gesagt werden oder geht es darum, für mögliche Angriffe durch Medien oder den politischen Gegner keine Angriffsfläche zu bieten?

Ich habe mich mit Boris Palmer nicht intensiv beschäftigt. Vielleicht gibt es ja andere gute Gründe, ihn zu kritisieren. Aber im Moment erscheint mir seine kategorische Verurteilung ein wenig übertrieben.

Worauf soll man hoffen?

Es mehren sich die Betrachtungen, die über den Tellerrand der nächsten Wochen oder Monate hinausgehen: Was wird sich vielleicht langfristig ändern durch die Corona-Krise? Schlaue Menschen stellen Prognosen an über alle möglichen Aspekte des Daseins, z.B. hinsichtlich einer möglichen Neubesinnung auf Solidarität und Empathie.
Mir geht es gerade mal um die Wirtschaft und uns Konsumenten.
Meine dazu kreisenden Gedanken sind durch einen aktuellen Essay auf ZEIT-online konkretisiert worden.

Es gibt ernst zunehmende Vermutungen, dass sich aus der erzwungenen Konsumpause der letzten Wochen eine längerfristige Veränderung des Kaufverhaltens entwickeln könnte. Das unfreiwillige Innehalten könnte einen Automatismus unterbrochen haben, der für einen großen Teil der Bevölkerung bisher handlungsbestimmend war: Kaufen und Konsumieren war das „natürliche“ Ziel des Lebens, die Belohnung für den Arbeitseinsatz, die Erfüllung der Bedürfnisse, die Teilhabe an den gesellschaftlichen Glücksversprechen und – nicht zuletzt – die Aufwertung der eigenen Identität, stellvertretend durch die erworbenen Produkte oder gekauften Events.

Wenn es plötzlich ohne all das geht – weil es gehen muss – könnte etwas entstehen, dass über Irritation und Entzugssymptome hinausgeht: eine Nachdenklichkeit, ein Zweifel, eine Umbewertung von Prioritäten.
Sicher nicht bei allen! Viele stehen schon in den Startlöchern, um den verschobenen Konsum möglichst rasch nachzuholen. Für Schnäppchenjäger stehen rosige Zeiten bevor! Kaufanreize und Steuervorteile werden locken!
Aber es würde ja reichen, wenn nur eine relevante Minderheit ins Stocken käme. Weil bestimmte materielle Dinge auf einmal nicht mehr so unwiderstehlich bedeutsam erscheinen. Weil man auf einmal etwas anderes in sich spüren konnte – andere Sehnsüchte, andere Empfindungen, andere Gedanken. Einfach, weil mal Platz dafür war. Weil ein bestimmtes Gespräch geführt wurde. Weil man mal in die überquellenden Schränke geschaut hat, wo all das Zeug lagert, was mal so unverzichtbar erschien.

Soll man das hoffen? Darf man sich sogar wünschen, dass sich ein gewisser Teil des Konsum-Hamsterrades in Zukunft verlangsamt oder sogar stehenbleibt. Ist das nicht genau das, was uns die Experten als Grundlage für den Übergang in eine nachhaltige Welt ans Herz und an den Verstand gelegt haben?
Stehen wir vor einer großen Chance? Ist gerade – aus Versehen – der erste Schritt erfolgt?

Und dann wird es plötzlich schwierig und widersprüchlich:
Beruht nicht all das, was wir im Moment – so überaus beeindruckend für die ganze Welt – zur Krisenbewältigung auffahren können, genau auf diesem „alten“ Wirtschaftsmodell? Sind nicht alle Hilfspakete und Entschuldungsprognosen daraufhin ausgerichtet, dass der „Rubel“ sobald wie möglich wieder rollt, und zwar ungebremst und ungehemmt? Muss dieser – im Moment so omnipotent wirkende – Sozialstaat nicht ganz dringend und durch uns alle wieder aufgepäppelt werden? Auch um für eine nächste Bedrohung gewappnet zu sein?
Müssen wir uns nicht deshalb – zwangsläufg und alternativlos – wünschen, dass ganz schnell auch wieder ganz viel überflüssiges und Ressourcen vernichtendes buntes Glitzerzeug gekauft wird? Sollte da nicht jede/r mitmachen? Brauchen wir Patenschaften für die Urlaubs-Flieger, die jetzt traurig auf den Flugplätzen stehen? Sollten wir nicht jeden Tag mindestens eine Stunde mit unseren Autos im Kreis herumfahren, damit die Öltanks nicht überlaufen und die Energiewirtschaft nicht kollabiert? Damit die Staaten, die von den Ölverkäufen abhängig sind, weiter unsere Produkte kaufen und bezahlen können?
Wenn der Export wegbricht – müssen wir dann nicht erst recht kaufen wie die Weltmeister?

Für mich wäre das eine extrem frustrierende und trostlose Aussicht.
Und doch sind die Zwänge und Abhängigkeiten extrem hoch. Das ist kein System, aus dem man mal so eben aussteigen kann und trotzdem weiter darauf hoffen kann, dass Sozialversicherungen und Renten wie von selbst weiter funktionieren.
Ohne florierende Wirtschaft wären wir ganz schnell kein Sozialstaat mehr – selbst wenn die LINKE die absolute Mehrheit hätte!

Also alles beim Alten lassen? Sind Modelle von einer anderen Wirtschaft nur etwas für Utopisten? Ich glaube das nicht!
Ich glaube an die Möglichkeit, schrittweise umzusteuern. Ich sehe die Chance, ab sofort bei jeder(!) Entscheidung über Hilfsgelder, Kredite und Investitionen die Nachhaltigkeits-Ziele mitzudenken.
Der Staat gibt gerade unglaubliche Mengen an Geld aus. Mehr als niemals zuvor. Ganz sicher wird nicht alles nur in „grüne“ Projekte fließen können; das wäre naiv und unrealistisch. Aber was man erwarten und verlangen kann: Bitte kein kostbares Kapital mehr in „alte“ Technologien! Finanziert die Erneuerung! So viel Einfluss werdet ihr Politiker so schnell nicht wieder bekommen!

Ja, wir werden nur ganz langsam aus der Wachstums-Falle herauskommen. Der erste Schritt wird ein „qualitatives“, ein „grünes“, ein „klimaneutrales“ Wachstum sein.
Die grundsätzliche Umgestaltung des Systems von Besteuerung und Sozialversicherung muss allerdings parallel schon konzipiert werden. Wir werden es sicher schon innerhalb der nächsten 10 – 20 Jahre brauchen.

Ich bin ein Freund von Experten. Ich mag auch die Virologen und Epidemiologen, die in den letzten Wochen so wichtig waren.
Ich wünsche mir, dass die Politik mit einer vergleichbaren Konsequenz auf die Klimawissenschaftler und die zukunftsorientierten Soziologen und Volkswirtschaftler hört: Jeder denkende Mensch weiß, dass der gesellschaftliche Reichtum in 20 Jahren ganz anders als heute geschaffen wird und verteilt werden muss.

Wir brauchen nicht nur Milliarden für die Erforschung von Impfstoffen und Medikamenten. Wir brauchen dringend die Entwicklung und Erprobung alternativer Wirtschaftskonzepte.
Damit es in Zukunft nicht mehr heißt: „Jetzt ab in die Kaufhäuser und Elektronikmärkte, damit wir wieder auf die Beine kommen!“

28.04.2020

Corona-Zwischenstand

Mich überzeugt nicht, dass wir Lockerungen brauchen, die dazu führen, dass die Intensivbetten möglichst voll ausgelastete werden.
Das ist deshalb keine Lösung, weil diese schweren Verläufe eben dann nicht zu einer relativ sicheren Heilung führen, sondern mit erheblichen Todesraten und schwerwiegenden Spätfolgen verbunden wären.

Mich überzeugt eher, dass wir versuchen sollten, die Infektionsrate soweit zu senken (R<0,5; Neuinfektionen<400 Fälle pro Tag), dass die einzelnen Infektionsketten jeweils lokal nachvollzogen werden können.
Wäre das einmal geschafft, würden alle (Wirtschaft, Familien, Gesundheitssystem) davon profitieren.

Also: Ganz viel testen, schnell her mit der App und ansonsten noch etwas Geduld!

(In der heutige LANZ-Sendung ist das in den ersten 20 Minuten gut nachzuverfolgen).

25.04.2020

Der Corona-Podcast von Christian Drosten

Natürlich wusste ich seit Wochen, dass es diesen Podcast gibt. Seltsamerweise habe ich mir aber bisher nicht die Zeit genommen, ihn auch in Ruhe zu hören. Das erschien mir zu langwierig zu sein. Stattdessen las ich täglich viele Einzelartikel auf ZEIT- und SPIEGEL-online und schaute in diverse Talkshows hinein.

Heute habe ich dann endlich mal angefangen, mit Nr. 35.
Sehr informativ, topaktuell, gründlich und verständlich.
So will ich das!

Habe dann bei der Gelegenheit erfahren, dass es den Podcast ab sofort nur noch zweimal pro Woche geben wird. Das ist auf jeden Fall realistisch. Ich werde sicher keine Folge mehr verpassen. Die Nr. 34 habe ich inzwischen auch schon gehört (man kann es ja auch rückwärts abarbeiten).
Die einfachste Zugangs-Möglichkeit ist die „ARD-Audiothek„, die man sich am besten sowieso aufs Smartphone lädt. Dort kann man unglaublich viele interessante Beiträge (z.B. Kultursendungen und Hörspiele) hören und auch regelmäßige Podcasts abonnieren.
Man findet Drosten aber auch direkt beim NDR.

22.04.2020

Wir brauchen die Corona-APP

Die ersten Tage der „Normalisierung“ zeigen es überdeutlich: Die Disziplin lässt nach, die Menschen werden leichtsinnig, sie unterschätzen die – noch lange weiter bestehenden – Risiken.

Wir müssen also dringend alle Möglichkeiten nutzen, mit denen wir die beiden Faktoren „Hygiene“ und „Abstand“ ergänzen können. Die Masken haben sich schon weitgehend durchgesetzt; was fehlt ist die APP.

Wie es in Deutschland nicht anders sein kann: Die rasche Umsetzung scheitert offensichtlich an unterschiedlichen Vorstellungen zum Datenschutz.

Ich kann es – ehrlich gesagt – kaum ertragen!
Auf der einen Seite werden – angesichts einer „echten“ Notsituation – die angesammelten Reserven unserer Volkswirtschaft in 100-Milliarden-Paketen rausgehauen, auf der anderen Seite diskutieren schlaue und prinzipientreue Datenschützer darüber, ob nicht doch ein theoretisches Restrisiko bestehen könnte, dass einmal installierte Softwarestrukturen später mal zur Totalüberwachung durch den Staat missbraucht werden könnten.

Ich schlage vor, später mal auszurechnen, was uns diese Verzögerung letztlich am Ende gekostet hat.
Ob dann der Datenschutz noch so beliebt sein wird…..