Worauf soll man hoffen?

Es mehren sich die Betrachtungen, die über den Tellerrand der nächsten Wochen oder Monate hinausgehen: Was wird sich vielleicht langfristig ändern durch die Corona-Krise? Schlaue Menschen stellen Prognosen an über alle möglichen Aspekte des Daseins, z.B. hinsichtlich einer möglichen Neubesinnung auf Solidarität und Empathie.
Mir geht es gerade mal um die Wirtschaft und uns Konsumenten.
Meine dazu kreisenden Gedanken sind durch einen aktuellen Essay auf ZEIT-online konkretisiert worden.

Es gibt ernst zunehmende Vermutungen, dass sich aus der erzwungenen Konsumpause der letzten Wochen eine längerfristige Veränderung des Kaufverhaltens entwickeln könnte. Das unfreiwillige Innehalten könnte einen Automatismus unterbrochen haben, der für einen großen Teil der Bevölkerung bisher handlungsbestimmend war: Kaufen und Konsumieren war das „natürliche“ Ziel des Lebens, die Belohnung für den Arbeitseinsatz, die Erfüllung der Bedürfnisse, die Teilhabe an den gesellschaftlichen Glücksversprechen und – nicht zuletzt – die Aufwertung der eigenen Identität, stellvertretend durch die erworbenen Produkte oder gekauften Events.

Wenn es plötzlich ohne all das geht – weil es gehen muss – könnte etwas entstehen, dass über Irritation und Entzugssymptome hinausgeht: eine Nachdenklichkeit, ein Zweifel, eine Umbewertung von Prioritäten.
Sicher nicht bei allen! Viele stehen schon in den Startlöchern, um den verschobenen Konsum möglichst rasch nachzuholen. Für Schnäppchenjäger stehen rosige Zeiten bevor! Kaufanreize und Steuervorteile werden locken!
Aber es würde ja reichen, wenn nur eine relevante Minderheit ins Stocken käme. Weil bestimmte materielle Dinge auf einmal nicht mehr so unwiderstehlich bedeutsam erscheinen. Weil man auf einmal etwas anderes in sich spüren konnte – andere Sehnsüchte, andere Empfindungen, andere Gedanken. Einfach, weil mal Platz dafür war. Weil ein bestimmtes Gespräch geführt wurde. Weil man mal in die überquellenden Schränke geschaut hat, wo all das Zeug lagert, was mal so unverzichtbar erschien.

Soll man das hoffen? Darf man sich sogar wünschen, dass sich ein gewisser Teil des Konsum-Hamsterrades in Zukunft verlangsamt oder sogar stehenbleibt. Ist das nicht genau das, was uns die Experten als Grundlage für den Übergang in eine nachhaltige Welt ans Herz und an den Verstand gelegt haben?
Stehen wir vor einer großen Chance? Ist gerade – aus Versehen – der erste Schritt erfolgt?

Und dann wird es plötzlich schwierig und widersprüchlich:
Beruht nicht all das, was wir im Moment – so überaus beeindruckend für die ganze Welt – zur Krisenbewältigung auffahren können, genau auf diesem „alten“ Wirtschaftsmodell? Sind nicht alle Hilfspakete und Entschuldungsprognosen daraufhin ausgerichtet, dass der „Rubel“ sobald wie möglich wieder rollt, und zwar ungebremst und ungehemmt? Muss dieser – im Moment so omnipotent wirkende – Sozialstaat nicht ganz dringend und durch uns alle wieder aufgepäppelt werden? Auch um für eine nächste Bedrohung gewappnet zu sein?
Müssen wir uns nicht deshalb – zwangsläufg und alternativlos – wünschen, dass ganz schnell auch wieder ganz viel überflüssiges und Ressourcen vernichtendes buntes Glitzerzeug gekauft wird? Sollte da nicht jede/r mitmachen? Brauchen wir Patenschaften für die Urlaubs-Flieger, die jetzt traurig auf den Flugplätzen stehen? Sollten wir nicht jeden Tag mindestens eine Stunde mit unseren Autos im Kreis herumfahren, damit die Öltanks nicht überlaufen und die Energiewirtschaft nicht kollabiert? Damit die Staaten, die von den Ölverkäufen abhängig sind, weiter unsere Produkte kaufen und bezahlen können?
Wenn der Export wegbricht – müssen wir dann nicht erst recht kaufen wie die Weltmeister?

Für mich wäre das eine extrem frustrierende und trostlose Aussicht.
Und doch sind die Zwänge und Abhängigkeiten extrem hoch. Das ist kein System, aus dem man mal so eben aussteigen kann und trotzdem weiter darauf hoffen kann, dass Sozialversicherungen und Renten wie von selbst weiter funktionieren.
Ohne florierende Wirtschaft wären wir ganz schnell kein Sozialstaat mehr – selbst wenn die LINKE die absolute Mehrheit hätte!

Also alles beim Alten lassen? Sind Modelle von einer anderen Wirtschaft nur etwas für Utopisten? Ich glaube das nicht!
Ich glaube an die Möglichkeit, schrittweise umzusteuern. Ich sehe die Chance, ab sofort bei jeder(!) Entscheidung über Hilfsgelder, Kredite und Investitionen die Nachhaltigkeits-Ziele mitzudenken.
Der Staat gibt gerade unglaubliche Mengen an Geld aus. Mehr als niemals zuvor. Ganz sicher wird nicht alles nur in „grüne“ Projekte fließen können; das wäre naiv und unrealistisch. Aber was man erwarten und verlangen kann: Bitte kein kostbares Kapital mehr in „alte“ Technologien! Finanziert die Erneuerung! So viel Einfluss werdet ihr Politiker so schnell nicht wieder bekommen!

Ja, wir werden nur ganz langsam aus der Wachstums-Falle herauskommen. Der erste Schritt wird ein „qualitatives“, ein „grünes“, ein „klimaneutrales“ Wachstum sein.
Die grundsätzliche Umgestaltung des Systems von Besteuerung und Sozialversicherung muss allerdings parallel schon konzipiert werden. Wir werden es sicher schon innerhalb der nächsten 10 – 20 Jahre brauchen.

Ich bin ein Freund von Experten. Ich mag auch die Virologen und Epidemiologen, die in den letzten Wochen so wichtig waren.
Ich wünsche mir, dass die Politik mit einer vergleichbaren Konsequenz auf die Klimawissenschaftler und die zukunftsorientierten Soziologen und Volkswirtschaftler hört: Jeder denkende Mensch weiß, dass der gesellschaftliche Reichtum in 20 Jahren ganz anders als heute geschaffen wird und verteilt werden muss.

Wir brauchen nicht nur Milliarden für die Erforschung von Impfstoffen und Medikamenten. Wir brauchen dringend die Entwicklung und Erprobung alternativer Wirtschaftskonzepte.
Damit es in Zukunft nicht mehr heißt: „Jetzt ab in die Kaufhäuser und Elektronikmärkte, damit wir wieder auf die Beine kommen!“

28.04.2020

Corona-Zwischenstand

Mich überzeugt nicht, dass wir Lockerungen brauchen, die dazu führen, dass die Intensivbetten möglichst voll ausgelastete werden.
Das ist deshalb keine Lösung, weil diese schweren Verläufe eben dann nicht zu einer relativ sicheren Heilung führen, sondern mit erheblichen Todesraten und schwerwiegenden Spätfolgen verbunden wären.

Mich überzeugt eher, dass wir versuchen sollten, die Infektionsrate soweit zu senken (R<0,5; Neuinfektionen<400 Fälle pro Tag), dass die einzelnen Infektionsketten jeweils lokal nachvollzogen werden können.
Wäre das einmal geschafft, würden alle (Wirtschaft, Familien, Gesundheitssystem) davon profitieren.

Also: Ganz viel testen, schnell her mit der App und ansonsten noch etwas Geduld!

(In der heutige LANZ-Sendung ist das in den ersten 20 Minuten gut nachzuverfolgen).

25.04.2020

Der Corona-Podcast von Christian Drosten

Natürlich wusste ich seit Wochen, dass es diesen Podcast gibt. Seltsamerweise habe ich mir aber bisher nicht die Zeit genommen, ihn auch in Ruhe zu hören. Das erschien mir zu langwierig zu sein. Stattdessen las ich täglich viele Einzelartikel auf ZEIT- und SPIEGEL-online und schaute in diverse Talkshows hinein.

Heute habe ich dann endlich mal angefangen, mit Nr. 35.
Sehr informativ, topaktuell, gründlich und verständlich.
So will ich das!

Habe dann bei der Gelegenheit erfahren, dass es den Podcast ab sofort nur noch zweimal pro Woche geben wird. Das ist auf jeden Fall realistisch. Ich werde sicher keine Folge mehr verpassen. Die Nr. 34 habe ich inzwischen auch schon gehört (man kann es ja auch rückwärts abarbeiten).
Die einfachste Zugangs-Möglichkeit ist die „ARD-Audiothek„, die man sich am besten sowieso aufs Smartphone lädt. Dort kann man unglaublich viele interessante Beiträge (z.B. Kultursendungen und Hörspiele) hören und auch regelmäßige Podcasts abonnieren.
Man findet Drosten aber auch direkt beim NDR.

22.04.2020

Wir brauchen die Corona-APP

Die ersten Tage der „Normalisierung“ zeigen es überdeutlich: Die Disziplin lässt nach, die Menschen werden leichtsinnig, sie unterschätzen die – noch lange weiter bestehenden – Risiken.

Wir müssen also dringend alle Möglichkeiten nutzen, mit denen wir die beiden Faktoren „Hygiene“ und „Abstand“ ergänzen können. Die Masken haben sich schon weitgehend durchgesetzt; was fehlt ist die APP.

Wie es in Deutschland nicht anders sein kann: Die rasche Umsetzung scheitert offensichtlich an unterschiedlichen Vorstellungen zum Datenschutz.

Ich kann es – ehrlich gesagt – kaum ertragen!
Auf der einen Seite werden – angesichts einer „echten“ Notsituation – die angesammelten Reserven unserer Volkswirtschaft in 100-Milliarden-Paketen rausgehauen, auf der anderen Seite diskutieren schlaue und prinzipientreue Datenschützer darüber, ob nicht doch ein theoretisches Restrisiko bestehen könnte, dass einmal installierte Softwarestrukturen später mal zur Totalüberwachung durch den Staat missbraucht werden könnten.

Ich schlage vor, später mal auszurechnen, was uns diese Verzögerung letztlich am Ende gekostet hat.
Ob dann der Datenschutz noch so beliebt sein wird…..

21.04.2020

Verkehrte Welt

Heute war es dann soweit: Das erste mal in der Geschichte gab es einen negativen Preis für Öl: Wer einen Barrel Öl abnahm, bekam noch 13,40 Dollar dazu!

Das lässt natürlich meine Fantasien schweifen: Ab welcher Zuzahlungs-Summe wäre ich denn beispielsweise bereit, einen Porsche zu „erwerben“? Wie wäre es dann mit der Sonderausstattung? Könnte man damit die Kaufprämie noch erhöhen? Wäre es lohnend, verschiedene Händler gegeneinander auszuspielen? Wer bietet am meisten?

Natürlich stelle sich auch die Frage nach dem Wiederverkaufs-Verlust, wenn man ihn mal loswerden möchte: Es könnte ja sein, dass man beim Weiterverkauf des Gebrauchten noch mehr oben drauf legen müsste als man selbst beim Neukauf bekommen hat. Das wäre dann ein echtes Verlustgeschäft.

Es gibt immer so viel zu bedenken. Ich lass es doch wohl besser sein…

20.04.2020

Parallelwelten

Ich habe es in einigen Beiträgen schon angedeutet; heute ist es mir nochmal ganz klar geworden: Wir werden uns alle daran gewöhnen müssen, noch etliche Monate in zwei (vielleicht auch mehreren) Parallelwelten zu leben.

Nachdem einige Wochen unser Alltag dadurch bestimmt war, dass einige relativ klare Einschränkungen für fast alle Bereiche der Gesellschaft galten, wurde in dieser Woche eine zweite Phase eingeläutet: Die allmähliche Rückkehr in eine neue Normalität.

Mit einem Schlag wurde damit nicht nur die Situation deutlich unübersichtlicher; es begannen auch sofort eine vielstimmige Diskussion über angeblich falsche Entscheidungen – weil die Lockerung der Regelungen entweder zu schnell oder zu langsam erfolgen.

Schaute man auf diesem Hintergrund gestern bei Anne Will und heute bei Plasberg rein, wurde eines sehr schnell deutlich:
Es gibt die eine Welt, in der die Rückkehr zum normalen Leben und Wirtschaften nur noch durch überängstliche Virologen und sich autokratisch gebärdende Politiker gebremst wird.
Und es gibt die andere Welt, in der wir vielleicht bis ins übernächste(!) Jahr mit durchgreifenden Einschränkungen rechnen müssen (z.B. bzgl. der Kinderbetreuung in KITAS und Schulen) und in der möglicherweise eingeleitete Lockerungen wieder zurückgenommen werden müssen.

Diese beiden Realitäten wird es – so vermute ich sehr stark – nicht nur in der Politik und in den Medien geben. Jede/r von uns wird zwischen den beiden Polen hin- und herpendeln, manche von uns vielleicht mehrfach täglich – je nachdem in welchem Setting und in welcher Stimmung wir uns gerade befinden.

Aber das ist nur der eine Teil der Story, sozusagen der nationale.
Daneben wird es aus vielen Teilen der Welt (so wie gestern aus Südafrika und vor einigen Tagen aus Indien) noch eine geraume Zeit Meldungen geben, die uns immer wieder fassungslos und hilflos machen werden. Die Konfrontation mit der schreienden Ungleichverteilung von Lebensbedingungen und Ressourcen löst offenbar unter den Corona-Bedingungen etwas Besonderes aus: Zwar wissen wir im Prinzip alle, wie unglaublich privilegiert wir hier alle vergleichsweise leben (ja: alle!); aber die Unmittelbarkeit und Anschaulichkeit der Auswirkungen dieses globalen Ereignisses bringt es jetzt wirklich auf den Punkt!
Auf einmal steht die ganze Welt gleichzeitig vor der gleichen Herausforderung – und die Risiken und Bewältigungschancen unterscheiden sich wie Tag und Nacht!
Die Parallelwelten lassen grüßen!

Es gibt noch eine weitere Parallelwelt; die heißt Trump und spielt sich in den USA ab.
Ich will mich dazu hier nicht äußern, aber auf einen wirklich lesenswerten Artikel aus ZEIT-online verweisen. Es ist ein etwas längerer Text, aber er ist sehr informativ. Ich empfehle in sehr!

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19.04.2020

Ungeduld

Eindruck aus dem Sonntags-Talk: Anne Will möchte mit aller Macht wieder zurück zu den altgeliebten Kontroversen. Sie versucht zuzuspitzen.

Das betrifft auch die Auswahl der Gäste: Man lädt wieder Leute ein, von denen man kritische Beiträge erwarten kann.

Vielleicht ist das alles so richtig, weil in einer Demokratie ja gestritten werden soll.

Auf mich wirkt es überflüssig und vor allem ungeduldig.

18.04.2020

Ist zu Corona alles geschrieben und gesagt?

Geht es euch auch so? Ich bin ein bisschen müde und leer, vielleicht auch gesättigt.
Will oder braucht man noch mehr Zahlen, neuere Prognosen, Diskussionen über Masken, Homeoffice oder die Öffnung der Schulen?
Hat man überhaupt schon mal (außer vielleicht unmittelbar nach dem 11. September) so lange so intensiv an einem Thema verweilt?

Man ist – wenn man denn möchte – inzwischen unglaublich gut informiert. Dazu gehört inzwischen, dass man auch die Zwischentöne kennt, die (kleinen) Nuancen in den Einschätzungen selbst der Fachleute.
Jeder halbwegs aufmerksame Mensch könnte in einer Podiumsdiskussion wohl inzwischen in die Rollen von Laschet, Söder oder Lindner schlüpfen, ohne dass es groß auffallen würde.

Das Verrückte ist nur: Trotz aller Gewöhnung, trotz zunehmender Gelassenheit könnte es sein, dass das „dicke Ende“ noch kommt. So ganz allgemein für uns alle, aber auch so ganz fürchterlich persönlich.

Aber: Kann man das beeinflussen, wenn man noch mehr Zeit investiert, noch mehr Informationen sammelt? Ich glaube, eher nicht.
Jede/r wird wohl inzwischen wissen, wo er/sie sich einordnet bzgl. der Vorsichtsmaßnahmen und der Umgehensweise.

Deshalb ist es sicher nicht verkehrt, wenn man sich mal anderen Themen zuwendet.
Das Virus wird keinen Unterschied machen – egal wie viele Sondersendungen man versäumt hat.

05.04.2020

Trump und Corona

Es ist schwer auszuhalten, was da in den USA passiert:
Da blamiert sich ein – sowieso mehr als peinlicher – Präsident vor der gesamten Weltöffentlichkeit durch seine unfassbare Ignoranz gegenüber der schon klar sichtbaren Bedrohung. Da entlarvt sich ein System, das der öffentlichen Infrastruktur nur eine minimale Bedeutung zumisst – weil alles Augenmerk dem privaten Reichtum gilt.
Da schnellen – folgerichtig – die Infektions- und Opferzahlen genauso in die Höhe wie die Arbeitslosenquote.

Und dann muss dieser Präsident nur eine paar martialische Sprüche loslassen, eine Art Kriegserklärung verkünden, an den Nationalstolz appellieren und Dollars verteilen. Und schon liegt ihm ein Großteil der amerikanischen Nation zu Füßen.
Dem Gegner, den er gerade noch als irrelevant verhöhnt hat, tritt er jetzt als größter Feldherr aller Zeiten entgegen und die Nation guckt gebannt auf den bösen Feind – und nicht auf die Schwächen des Systems und der Regierung.

Irgenwie erscheint es nicht wirklich schwer, dieses Land zu regieren. Selbst ein Trump scheint auf den ersten Blick dazu in der Lage zu sein.

Es ist schwer auszuhalten…