Europawahl / Rezo-Video / Fridays for Future

Die steigenden Teilnehmerzahlen der Schüler-Demos und die sensationelle Öffentlichkeitswirksamkeit des Videos von YouTube-Blogger Rezo machen beispielhaft deutlich: Es gibt aktuell eine gesellschaftliche Dynamik, die sich in erster Linie rund um das Thema „Klimakrise“ manifestiert.
Dazu ein paar Überlegungen, die auch im Zusammenhang mit der morgigen Europawahl stehen:

Unbestreitbar ist:
Ja, einige Aussagen auf den Plakaten protestierender Schüler und in dem Rezo-Video (ich habe es wirklich ganz gesehen) sind überspitzt, polemisch, übertrieben, ungerecht und vermutlich in Einzelbereichen sachlich nicht haltbar. Das mag man bedauern oder sich sogar massiv darüber ärgern.

Vielleicht hilft ja  – als erster Schritt – eine Relativierung: Angesichts des unfassbaren Schrotts und der hasserfüllten Tiraden, die uns in den sozialen Medien seit Jahren umgeben: Wie schrecklich und gefährlich sind dann die zugespitzten Thesen eines jungen Mannes, der sich mit – zumindest im Prinzip belegten – Statements an eine jugendliche Subkultur wendet, die vermutlich von deutlich „seriöseren“ Medienangeboten kaum erreicht wird? Droht da wirklich der allgemeine Sittenverfall? Oder könnte es doch vielleicht ein engagierter – sicher nicht ausgewogener – Beitrag zu einer dringend notwendigen gesellschaftlichen Diskussion sein? Ist eine vereinfachende Zuspitzung „Die CDU zerstört unsere Zukunft“ wirklich mehr Aufregung wert als der Gegenstand, um den es geht – nämlich eine von den Kids als real empfundene Bedrohung ihrer Lebensperspektiven?
Noch ein Gedanke zur Relativierung: Die Gelbwesten in Frankreich haben aus Wut über vermeintliche soziale Zumutungen mal eben einen Staat an die Grenze eines Aufruhrs gebracht; es gab massive Gewalt und riesige materielle Schäden. Haben wir wirklich ein Problem wegen Schüler-Streiks und Rezo-Videos? Geht’s noch?

Eine weitere Frage an die Menschen, die sich über die Heftigkeit und den Rigorismus der jungen Leute aufregen: Wer trägt eigentlich die Verantwortung dafür, dass sich die Auseinandersetzung so zugespitzt hat?
Sind es ungeduldige und überhitzte, auf Krawall gebürstete Jungen Leute, die sich – naiv wie sie sind – vor irgendeinen Karren spannen lassen?
Oder hat möglicherweise die Generation ihrer Eltern (also wir) schlichtweg 50 Jahre (seit „Grenzen des Wachstums“, Club of Rome, 1972) in einem beträchtlichen Umfang versagt?
Wir waren es doch, die schon lange alle Informationen über Umweltzerstörung, Ressourcenkrise und Klimawandel hatten und trotzdem nicht bereit waren, unser Wirtschaften und unseren Lebensstil den klar erkennbaren Notwendigkeiten anzupassen. Und jetzt sollen ausgerechnet diejenigen, die den Schlamassel irgendwann ausbaden müssen, Rücksicht auf unsere Bedürfnisse nach Ausgewogenheit und Diplomatie nehmen?
Das ist – mit Verlaub – verkehrte Welt!

Freuen wir uns doch, dass die jungen Leute uns einen Teil der Verantwortung abnehmen. Sogar wir werden noch etwas davon haben – weil es uns schnelles Handeln letztlich viel weniger abverlangen wird als weiteres Abwarten und Lavieren.
Müssen wir uns tatsächlich vor einer Bewegung fürchten, die alle Bürger aufruft zur Europawahl zu gehen und dabei an das Klima zu denken? Diese Kids zeigen uns, dass sie an unser demokratisches System – mit all seinen Schwächen – glauben! Was wollen wir eigentlich noch mehr? Gab es schon mal eine Jugendbewegung, die vernünftigere Ziele mit vernünftigeren Methoden zu erreichen suchte?

Wer ausgerechnet daran verzweifelt, der lebt wohl doch ein wenig in einer anderen Welt!
(Tut mir leid, wenn das auch polemisch klingen sollte…)

Wer sich genauer für die Wege interessiert, wie denn eine Umsteuerung zu einer klimaschonenden und nachhaltigen Welt aussehen könnte, kann hier mal reinschauen.

Übrigens: Morgen ist Europawahl!
Nicht zu wählen (oder die AfD) heißt, die Kräfte zu stärken, die die EU aushöhlen wollen und die gar nichts zum Klimaschutz beitragen wollen.

…. Autozeitschriften

Manchmal sitzt man irgendwo und hat keine Wahl. D.h. – eigentlich hätte man doch eine Wahl, denn man könnte ja irgendwas mit dem Smartphone machen. Das könnte man immer. Aber denke ich: „Du willst nicht zu den Menschen gehören, die immer und überall aufs Handy glotzen!“. Und dann nehme ich mir eine Zeitschrift…

Neulich in der Werkstatt war die Auswahl begrenzt. Es gab nur „Auto-Bild“. Ich fing an zu blättern. Und dann staunte ich.

Es kann doch unmöglich wahr sein – so dachte ich – dass hier die Zeit stehen geblieben ist. Befinde ich mich im Jahr 1968? Spiele ich noch Auto-Quartett?Dreht sich diese skurrile Welt hier wirklich noch um autoähnliche Geschosse, die über 600 PS in sich tragen? Wird hier über „fehlenden Fahrspaß“ geschrieben, weil irgendein Familienauto mit 150 PS untermotorisiert wäre? Freut man sich kindisch, weil irgendein BMW-Sondermodell nochmal einen Meter länger ist als die normale 7-ner-Reihe?

Leben diese Menschen – die Redakteure und die Leser – wirklich in der gleichen Welt wie ich?

Es geht mir nicht darum, hier irgendeine moralisch-intellektuelle Überlegenheit zu zelebrieren. Aber ich begreife einfach nicht, wie Auto-Journalismus im Jahre 2018 noch mit der gleichen naiven Begeisterung über reinen Technik-Protz überleben kann. Es fällt mir wirklich schwer, dass Thema „Auto“ aus dem Kontext des 21. Jahrhunderts zu reißen. Und dieser Kontext heißt: Klimawandel, Schadstoffe, Lärm, moderne Mobilitätskonzepte, lebenswerte Städte, Energiesparen, Sicherheit.

Ich will den Menschen nicht den Spaß am Leben nehmen. Nicht jede unserer Entscheidungen oder Handlungen muss den Umweltengel tragen. Aber ich erlaube mir die Frage: Wie lange sollen die PS-Dinosaurier noch wie Götzen angebetet werden? Darf sich das Bewusstsein einer Gesellschaft auch irgendwann mal weiterentwickeln? Haben wir vielleicht angesichts der dramatischen Veränderungen einfach keine Zeit, bis der Auto-Wahn auch aus den letzten Köpfen von selbst verschwunden ist?
Konkret: Muss man in irgendwelchen Autotests immer die hoch-motorisiertesten Varianten gegeneinander antreten lassen? Muss man irgendwelche verrückten und unbezahlbaren Extrem-Autos verherrlichen?

Genug aufgeregt. Eigentlich wollte ich mich ja nur wundern….

SPD und Martin Schulz

Ich möchte hier auf diesem Blog keine Partei-Politik betreiben. Ich bin auch kein SPD-Mitglied. Es geht mir – wie bei anderen Themen – eher um Dinge, die mir auffallen.

Es ist seit einiger Zeit – nur unterbrochen durch den kurzfristigen Schulz-Hype – modern und chic, über die SPD und ihren Niedergang her zuziehen. Schaut man sich z.B. die Heute-Show an (was ich mit sehr gemischten Gefühlen manchmal tue), werden dort gefühlte 50% der Zeit Witze auf Kosten der SPD gemacht (neben Trump, Erdogan und Putin). Mich ärgert das, weil es Stimmungsmache ist – und in dem Ausmaß unverdient und ungerecht.

Ich möchte nur mal auf einen Punkt aufmerksam machen:
Es geht im Wahlkampf u.a. um die Steuerpolitik. Da gibt es tatsächlich echte Alternativen! Es spricht und schreibt nur kaum jemand darüber, weil es ja einfacher ist, den gefallenen Kometen Schulz durch den Kakao zu ziehen.

Worum geht es?
Es geht letztlich um die sehr grundsätzliche Frage, ob es in unserem Land darum gehen soll, eher den privaten oder den öffentlichen Wohlstand zu mehren. Schwarz-Gelb will die vermeintlich unerschöpfliche Steuerflut zu einem Teil den Bürgern zurückgeben. Die SPD entzieht sich diesem ja sehr populären Anliegen und macht unermüdlich darauf aufmerksam, dass es einen großen Investitionsstau (Straßen, Brücken, Schulen, Internet, Energiewende) und jede Menge öffentlicher Aufgaben (Gesundheit, Pflege, Bildung) gibt. Auch die SPD will durchaus mittlere Einkommen ein wenig entlasten (Progression mildern), denkt aber auch darüber nach, wie sich die ganz Reichen etwas stärker an der Finanzierung des Gemeinwesens beteiligen können.
Ist das so dumm, dass man darüber nur Witze machen sollte?

Ich bin gespannt, ob in den nächsten Wochen noch ein paar Leute merken, wie politisch eigentlich dieser Wahlkampf sein könnte.