Das Geschenk der ewigen Jugend

THE WHO veröffentlichen ein neues Album

In meiner Generation entwickelte die Illusion von der nie endenden Jugendlichkeit eine nie gekannte Attraktivität. Sowohl die von den 68igern eingeleiteten gesellschaftliche Wende als auch die Beat- und Popkultur, die vor 50 Jahren in Woodstock ihren Höhepunkt fand, ließen die Grenzen zwischen der Jugend- und Erwachsenenwelt zunehmend verschwimmen. Die Schönheitsindustrie und die Werbewelt weiß das bis heute kommerziell zu nutzen.
Die später in den Wortschatz eingehenden Begriffe „Berufsjugendlicher“ oder „Alt-Hippie“ weisen exemplarisch auf diesen Trend. Ebenso der verzweifelte Kampf der Kids, sich in den sozialen Medien immer wieder neue, exklusive Plattformen zu schaffen – bevor die Elterngeneration auch in diese Welt erbarmungslos eindringt (wie inzwischen bei Facebook oder Instagram geschehen).

Wer gerne irgendwie jung bleiben möchte und gleichzeitig musik-affin geprägt wurde, lebt aktuell geradezu unter paradiesischen Bedingungen. Wer in unserem Land in einer Metropole oder auch im Ruhrgebiet lebt, kann mindestens zweimal pro Woche auf ein Konzert von Künstlern (bzw. deren Cover-Bands) gehen, deren Namen seit einem halben Jahrhundert geläufig sind. Zusammen mit mehreren Spezial-Musikzeitschriften für die Zeit zwischen 1960 und 1980 und den unglaublich zahlreichen Neuausgaben bzw. De-Luxe-Zusammenstellungen auf CD und Vinyl entsteht geradezu ein eigenes Musikuniversum. Ein bisschen so, als wäre die Welt stehen geblieben…

Meine mit 11 Jahren entdeckte (und seitdem identitätsstiftende) Gruppe THE WHO (bzw. ihre beiden Rest-Mitglieder) gehören – zusammen mit den ROLLING STONES – zu den Musikern, die das Feeling der ewigen Jugend – auf höchstem Bekanntheits- und Qualitätsniveau zelebrieren. Sie touren noch immer (immer wieder) erfolgreich durch die Stadien der Welt und spielen – natürlich – ihre Hits, die in das Weltkulturerbe des 20. Jahrhunderts eingegangen sind.

Auf diesem Hintergrund lässt eine Neuerscheinung der Veteranen (alle in den mittleren 70igern) natürlich aufhorchen: Das neue Album der WHO wird auch in den Mainstream-Medien wohlwollend erwähnt und durchweg positiv bewertet.
Für mich persönlich beinhaltete einen besonderen Jugendlichkeits-Kick: Konnte ich mich doch noch einmal als richtiger Fan fühlen, gespannt die Vorankündigungen in der Presse verfolgen und nachts um 0 Uhr auf die Freischaltung bei Spotify warten. Kurz danach ein erster Austausch mit meinem Jugend-Freund (Meinolf) – zeitgemäß über WhatsApp.
Mehr aktualisierte Nostalgie geht kaum! Danke an Pete Townshend und Roger Daltrey!

Als ich 1965 „My Generation“ in meinem Nordmende-Transistor-Radio hörte (in diesem Jahr waren „Satisfaction“ und „Help“ meine anderen Favoriten), lag der Gedanke, dass ich 2019 als frisch gebackener Rentner eine neues WHO-Album hören würde, eher fern.
Von mir aus müssen die musikalischen Helden meiner Jugend nicht aufhören.
Ich lebe – zum Glück – nicht überwiegend in einer Vergangenheits-Blase. Eher im Gegenteil. Aber ich möchte diesen Aspekt meiner Gesamt-Identität nicht missen.

Vielleicht wartet ihr ja auf eine Aussage zum Album selbst?
Ja, es ist tatsächlich gute WHO-Musik. Überwiegend klingt es wie früher – mit ein paar kleinen Ausflügen in andere Stilrichtungen. Hörenswert. Deutlich besser als der letzte Versuch von 2006 (Endless Wire).

Wer sich motiviert fühlt, sich einen kleinen, journalistisch aufbereiteten Einblick in die WHO-Welt zu gönnen: Das Magazin ttt hat am 08.12.19 einen Beitrag gesendet. Er wird noch eine Weil hier abrufbar sein.