„Das Café am Rande der Welt“ von John Strelecky

Neulich ist das Nachfolge-Werk zu dem hier besprochenen Buch veröffentlicht worden. Ich nehme das mal zum Anlass, meine Meinung zu dem ersten Text zu sagen (den ich tatsächlich erst gestern gelesen habe).

Ich muss die Leser/innen dieser Rezension um etwas Geduld und Ausdauer bitten. Um meinen Anspruch – etwas halbwegs Fundiertes zu diesem Buch zu sagen – zu erfüllen, muss ich etwas ausholen.
Es  geht bei einem solchen Buch nämlich um verschiedene Ebenen, die bei der Betrachtung und Bewertung sinnvoller Weise unterschieden werden sollten. Sonst produziert eine solche Rezension – im schlimmsten Fall – nur ein undifferenziertes Gemisch, das weder dem Buch noch dessen – vielfach begeisterten Lesern –  gerecht werden würde.

Grundsätzlich stellt sich bei allen Büchern, die eine inhaltliche Botschaft vermitteln wollen, die Frage, ob man eher den Inhalt oder die schriftstellerische Leistung beurteilt. Je eher es um ein reines Sach-/Fachbuch geht, desto mehr tritt üblicherweise die (künstlerische) Form der Vermittlung in den Hintergrund.
Ich diesem Fall geht es um den Bereich der Lebenshilfe, konkret um grundlegende Sinnfragen, so dass die Ausgangslage sogar noch komplexer ist: Die vermittelte Botschaft ist kein „neutrales“ Wissen, sondern berührt existenzielle Fragen und Sehnsüchte, die natürlicherweise emotional hoch aufgeladen sind. So ein Buch überhaupt mit einem analytischen Blick zu betrachten, könnte daher von Menschen, die sich gerade auf den Weg zu einer „Selbstfindung“ gemacht haben, schon als eine Art Sakrileg empfunden werden.

Warum ich das alles schreibe? Mir ist wichtig, dass meine Meinung zu diesem Buch nicht verwechselt wird mit einer Aussage zu der grundlegenden „Message“ des Autors oder gar mit einer Bewertung der Motive  bzw. Ziele seiner riesigen Leserschaft fast überall auf der Welt.

Das kleine Büchlein, das nicht viel mehr als ein bis zwei Stunden Lesezeit erfordert, verpackt einige wenige „Lebensweisheiten“ in eine übersichtliche Rahmenhandlung. Der Protagonist verirrt sich bei einer Autofahrt in ein „Cafe am Ende der  Welt“ und bekommt dort nicht nur seinen leiblichen, sondern auch seinen spirituellen Hunger gestillt. Mit dem Unterschied, dass ihm seine Bedürfnisse nach Sinnfindung und erfülltem Leben erst durch einige Gesprächspartner in diesem Cafe offenbar werden. Nach einigen Stunden voller Denkanstößen, Selbstreflexion und Sich-Spüren geht er als ein „anderer“ wieder hinaus in sein Leben.

Viele Menschen hat das angesprochen und angerührt. Dieser Text war für sie offenbar der  – vielleicht lange ersehnte  – Anlass, einmal selbst darüber nachzudenken, was der (persönliche) Zweck ihrer Existenz sein könnte und warum diese innere Bestimmung sich nicht stärker auf das tatsächliche Alltagsleben auswirkt. Warum man stattdessen sein kostbares Leben mit sinnentleerter Arbeit oder in einer ewigen Konsumschleife füllt – vielleicht von der Hoffnung getragen, dass das „echte“ Leben dann irgendwann später stattfinden könnte.

Der Autor hatte offenbar ein Händchen dafür,  schwere Themen leicht und locker zu vermitteln. Er führt in geradezu homöopathischen Dosen an diese existentiellen Fragen heran und überwindet so ganz geschickt den Widerstand, den viele Menschen gegenüber potentiell irritierenden Fragestellungen haben. Es geht ganz leise und sanft zu; niemand wird zu etwas gezwungen; es werden nur Fragen gestellt und Anregungen gegeben. Es tut nicht weh – es kribbelt nur ein wenig…

Damit hat der Autor also offenbar alles richtig gemacht.
Also ein tolles Buch, für jedermann/-frau zu empfehlen?

Dem würde ich dann doch widersprechen!
Jeder – also wirklich jeder – der sich irgendwann in seinem Leben schon mal mit Sinnfragen beschäftigt und dazu schon einmal etwas gelesen hat, kennt die in diesem Buch gestellten Fragen und auch das eingewebte Gleichnis vom Fischer, der doch eigentlich schon all das hat, was für andere das letztendliche Ziel eines Karriere-Strebens darstellt.
Ein bisschen entzieht sich das wirklich meinem Fassungsvermögen, dass dieser Autor mit diesem Buch einen solchen Erfolg einfahren konnte. So eine Geschichte könnte man im Prinzip in wenigen Tagen niederschreiben; sie erfordert keinen Aufwand bzgl. inhaltlicher Recherche, Ausgestaltung von Figuren oder Entwurf eines Plots. Die vorgestellten Inhalte – so wesentlich und grundlegend sie auch sein möglich – findet man in jedem besinnlichen Kalender oder als Sinnspruch auf diversen Postkarten.

Wenn ihr euch selbst oder einem Mitmenschen mit diesem Buch eine Freude machen wollt, dann stellt euch bitte folgende Frage: „Soll es wirklich um eine erste Annäherung an eine solche Form von Selbstreflexion gehen, also um einen absoluten Einstieg?“
Wenn ihr diese Frage guten Gewissens bejahen könnte, ist das Buch sicher einen Versuch wert. In allen anderen Fällen ist das Risiko einer Unterforderung doch recht hoch!

Auch wenn ich mich sehr wundere, dass dieses Büchlein so erfolgreich war, freue ich mich über und für jeden Menschen, der nach dem Lesen ein etwas bewussteres Leben führt.

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