„Das Fluchholz“ von Johann De BOOSE

Bewertung: 3.5 von 5.

Das ist schon eine ziemlich pfiffige Idee: Der niederländische Autor begleitet ein Stück Holz zwei Jahrtausende lang durch die Menschheitsgeschichte. Erzählt wird in der „Ich-Perspektive“, also aus Sicht des Holzes, das seinem Weg als Teil eines einsamen Olivenbaums beginnt, dann – auf einen Holzklotz zusammengeschrumpft – Jahrhunderte in Vergessenheit gerät, um schließlich – veredelt als Ikone – einen erlebnisreichen Parforceritt durch Mittelalter und Neuzeit unternimmt.

Das Stilmittel des Autors ist also eine Form von Externalisierung: Die Geschichte der Menschen und ihrer jeweiligen Epochen wird durch eine Außenperspektive gebrochen und fokussiert.
Entscheidend für die inhaltliche Schwerpunktsetzung des Romans ist dabei von Beginn an der religiöse Bezug: So bekommt der ursprüngliche Baum direkten Kontakt zu der „Gottesmutter“ Maria und Jesus selbst; beide nutzen seinen Schatten. Aber es wird noch dramatischer: Das Kreuz, an dem Jesus zu Tode kommt, ist aus genau diesem Baum hergestellt worden (Einzelheiten seien dem Lesen vorbehalten). Als eine Art Reliquie bekommt ein Stück des Kreuzes später in den Genuss einer Bemalung, die Maria mit geschlossenen Lidern zeigt. Dem Status als offizielle Ikone entsprechend, geht natürlich eine besondere Wirkung von dieser Darstellung aus (sowohl visuell als auch beim Berühren).

So verschlungen und chaotisch wie die Geschichte der Menschen ist auch das Schicksal der Reliquie bzw. Ikone, wobei ganz eindeutig die Schattenseiten (also Krieg, Grausamkeit, Machtgier) im Zentrum des Geschehens stehen. Der Autor spart dabei nicht mit Details und lässt durchaus durchblicken, dass der Weg von religiöser Inbrunst zu sadistischen Praktiken oft nicht weit war.
Schlaglichtartig wird der Fokus des Geschehens auf ausgesuchte historische Zeiten und Plätze gerichtet. Das „Fluchholz“ beobachtet immer und leidet häufig selbst unter den Rahmenbedingungen. Gelegentlich kommuniziert es auch mit anderen (meist heiligen) Gegenständen, die z.T. mehrfach seinen Weg kreuzen.
Wird jemals ein heilsuchender Mensch die Chance haben, die Augen von Maria geöffnet zu sehen (so wie der Baum es damals konnte)?

BOOSE legt einen besonderen historischen Roman vor, sowohl bzgl. der gewählten Perspektive als auch hinsichtlich der zeitlichen Ausdehnung. Das ist erstmal literarisch interessant und auch anregend.
Im Großen und Ganzen wird die Geschichte des Christentums (ausschnittsweise) begleitet, die Grundbotschaften des Autors (so wie ich sie verstehe) gehen aber sicher darüber hinaus: Der Zeitenlauf hat etwas Willkürliches, Zufälliges; Menschen (insbesondere, wenn sie über Macht verfügen) sind machtgeil und grausam; Lehren aus der Geschichte werden kaum gezogen; es fällt schwer, dem Ganzen einen „höheren“ Sinn zu geben; im Grunde ist alles beliebig und vergänglich.
Das bedeutet nicht, dass BOOSE ein schwermütiges Buch geschrieben hätte. Es gibt auch Raum für das „Allzu-Menschliche“, auch ein Augenzwinkern ist dem Autor nicht fern.

Als Leser/in muss man wohl selbst entscheiden, ob die spürbare Neigung BOOSEs zur Schilderung von (oft auch sexuell gefärbter) sadistischer Gewalt als Versuch einer authentischen Schilderung der schreckensreichen Realität – oder doch als ein gewisses Schwelgen in (vermeidbaren) Details einzuordnen ist. Ich habe zwischendurch zu zweiten Möglichkeit tendiert.

Unbedingt zu empfehlen ist das Buch für eine (religions-)historisch interessierte Zielgruppe, die sich an ungewöhnlichen Erzählweisen erfreuen kann und keine Abneigung gegen drastische Schilderungen hat.
(3,5 von 5 Sternen)


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