„Das große Welttheater“ von Philipp BLOM

Ich schreibe hier über ein ganz aktuelles Büchlein, das eher ein Essay als ein Sachbuch ist.

Das Lesen dieses Textes hat mir sowohl ein literarisches Vergnügen bereitet als auch einen inhaltlichen Gewinn hinterlassen.
Das will ich kurz begründen.

BLOM habe ich bereits schätzen gelernt: sowohl als Autor eines Sachbuches (in der großen Nachhaltigkeit-Thematik), als auch als Erzähler eines Romans.
Der aktuelle Text ist eine kulturhistorische Betrachtung, in dessen Zentrum ganz klar die unabdingbare Notwendigkeit einer Transformation unseres gesamten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens steht. Die Gründe für diesen Veränderungsdruck sind hinlänglich bekannt. BLOM fasst die Ausgangslage nur ganz kurz zusammen. Auch das gelingt ihm in einer beeindruckenden Klarheit und Konsequenz. In wirklich sehr eindrücklicher Weise wird z.B. dem Leser vor Augen geführt, welch winzigen historischen Ausschnitt des menschlichen Lebens auf diesem Planeten wir gerade als Maßstab für Wohlstand und Konsum betrachten.

Die eigentliche Leistung des Textes – sein Alleinstellungsmerkmal – liegt  jedoch an einem anderen Punkt: Er besticht durch den besonderen Zugang zum Thema und die inhaltliche und sprachliche Ausgestaltung. Dieser Essay ist – ganz unabhängig von der Thematik – ein eigenes Sprachkunstwerk!

BLOM präsentiert seine Ausführungen auf der der Bühne der Kultur. Das macht nicht nur der Titel deutlich, dass zieht sich durch den gesamten Text. Der Autor schöpft aus einem großen Fundus von Literatur und Drama und bezieht (poetische) Zitate und künstlerische Grundthemen auf seine große Argumentationslinie.  Dieser – sowieso schon beeindruckende und intelligente – Bogen von Kulturgeschichte zu Gegenwartsproblemen wird noch angereichert durch ein biografischen Anker-Bild, das den Begriff Welttheater noch lebendiger macht. Ziemlich genial!

Die Kernthese des Essays ist zwar nicht neu, wird hier aber auf eine einzigartige und geradezu elegante Art hergeleitet: Gesellschaften orientieren sich an sinnstiftenden Erzählungen (heute nennt man sie Narrative), die dem Leben und Wirtschaften eine Struktur, ein Ziel und eine Legitimation geben. Umbruchphasen – wir erleben ohne Zweifel gerade eine davon – sind dadurch gekennzeichnet, dass ein altes Gesellschafts-Modell nicht mehr funktioniert, es aber noch kein neues, verbindendes Narrativ als Leitlinie für die anstehende Transformation gibt. Nachhaltigkeit ist zwar ein bedeutsamer und passender Begriff, der aber noch nicht in eine tragende und auch emotional verankerte Erzählung eingewoben ist.
Es ist anrührend, dass in diesem hochgeistigen Text ausgerechnet Greta mit ihrem Klimastreik-Plakat als einziges Beispiel einer Blaupause für ein Zukunfts-Narrativ genannt wird.

Gibt es etwas zu kritisieren?
Man muss zunächst akzeptieren, dass BLOM hier einen Text vorlegt, der sich wohl eher an das klassische Bildungsbürgertum richtet als an den Nachhaltigkeits-Mainstream. Wie schon gesagt: Es ist ein anderer Zugang.
Was dazu passt: Der Essay wird hier sozusagen zweitverwertet. Es handelt sich ursprünglich um eine Art Auftragsarbeit zum 100. Jubiläum der Salzburger Festspiele. Das erklärt sicher auch die besondere Affinität zur literarischen und darstellenden Kultur.
Darf man so einer Publikation vorhalten, dass 18 € für knapp zwei Stunden Lesezeit viel Geld ist? Das muss wohl jeder selbst entscheiden. Es geht hier nicht um Gebrauchs-Literatur, die man nach Seitenzahlen bemisst, zumal man diesen Text sich gerne ein zweites Mal liest.

Mein Schlussurteil:
Gelegentlich hat man in den Feuilletons der letzten Jahren darüber geklagt, dass Deutschlands Intellektuelle sich nicht mehr so kraftvoll zu Wort melden würden wie in den guten alten Zeiten von Grass und Böll. Ich kann nicht beurteilen, ob das jemals so gestimmt hat. BLOM gehört mit diesem Text jedenfalls ganz eindeutig zu den Intellektuellen, auf die dieses Kulturland stolz sein kann.

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