Das traurige Versagen zweier Spitzen-Intellektueller

Was für ein Leckerbissen: Zwei meiner absoluten Lieblings-Denker und meistgelesenen Autoren in einer Sendung: WELZER bei PRECHT!
Man kennt, duzt und mag sich – welche Überraschung. Da freue ich mich doch auf anregende 43 Minuten, da lasse ich alles andere stehen und liegen…

Es geht auch nett und erbaulich los: im Blick die großen gesellschaftlichen Herausforderungen und Trends.
Das Gespräch landet dann bei folgender Kernthese: Es fehlt in unserer Gesellschaft, im politischen Diskurs, an Zukunftsvisionen. Man überlässt es den Technik-Freaks im Silicon-Valley, die Richtung vorzugeben. Wir (als Gesellschaft) machen uns keine Gedanken darüber, wie wir zukünftig leben wollen. Stattdessen lassen wir es zu, dass technische und digitale Innovationen das Ziel definieren – statt sie als Mittel (Werkzeug) auf dem Weg zu der gewünschten Lebensform der Zukunft zu verstehen.
So weit, so gut!

Die zweite Hälfte der Sendung hat dann – und das ist kaum übertrieben – nur noch einen Inhalt und einen Zweck: GRÜNEN-Bashing.
In einer – mit dem intellektuellen Anspruch der Gesprächspartner völlig unvereinbaren – Pauschalität wird den GRÜNEN vorgeworfen, dass sie ihre einst hehren Ziele vollständig hinter sich gelassen hätten und zu einer stromlinienförmigen Mainstream-Alt-Partei mutiert seien. Ihnen fehle jede gesellschaftliche Vision, die über ein „grüneres Wachstum“ hinausginge. Für sie sei das Elektroauto die unkritische Antwort auf die Frage noch der Zukunft der Mobilität, usw.
Dieses gegenseitige Aufschaukeln von Plattitüden gipfelt in der – unwidersprochenen – Aussage: Die GRÜNEN unterschieden sich nicht von der FPD in der Haltung, dass man die Zukunftsprobleme allein durch technische Innovationen lösen könne.
Das ist starker Tobak, das ist schon mehr als Polemik, das ist Tatsachenverdrehung. Das sind alternative Fakten! Das funktioniert nur, wenn man die Hälfte alle Aussagen in Reden und Programmen systematisch ausblendet.
Zwar wird den GRÜNEN als Motiv für ihre – vermeintliche – radikale Weichgespültheit zugutegehalten, dass es ja pragmatisch sei, sich um breite Zustimmung zu bemühen. Ernsthaft auseinandergesetzt mit diesem möglichen Argument wird sich aber keinen Moment. Pragmatismus, Strategie, schrittweises Überzeugen, Konsensfähigkeit – das ist alles irgendwie „Pfui“, keine Debatte wert.

Warum tun die das? Warum tun die das zu diesem Zeitpunkt, an dem so langsam die Weichen für die nächste Bundestagswahl und damit für eine mögliche Regierungsbeteiligung der GRÜNEN gestellt werden? Warum sind die führenden linksliberal-progressiven Aufklärer der Nation unwillig und unfähig, die stärkste politische Wandlungskraft wohlwollend-kritisch zu begleiten und zu unterstützen? So wie das früher GRASS und BÖLL bei der SPD gemacht haben.
Warum unterstützen sie ganz offen die Tendenzen, ein oder mehrere neue ökologische Parteien zu bilden, die dann konsequenter und kompromissloser die Reine Lehre vertreten? Warum nehmen sie offenen Auges den Preis in Kauf, dass dadurch vielleicht entscheidende Prozentpunkte verloren gehen, die dann dem Durchsetzen von ökologischen Projekten fehlen?
Warum versagen die so dringend gebrauchten Meinungsführer, die genau die Zielgruppe ansprechen, aus denen sich auch die GRÜNEN-Wähler rekrutieren?

PRECHT und WELZER könnten glauben, dass die Kritik an den GRÜNEN die Durchschlagskraft der Nachhaltigkeitsbewegung letztlich stärkt. Der öffentliche Druck auf die Partei könnte dazu führen, dass Positionen geschärft werden, die Außendarstellung sich provokanter entwickelt. Kann ja sein.
Aber was nützt es – so frage ich – wenn radikalere Forderungen dazu führen, dass weniger von den politisch potentiell durchsetzbaren Zielen erreicht werden (in Ermangelung von Prozentpunkten). Solange doch klar ist, dass die GRÜNEN auf jeden Fall (auch aktuell!) mehr fordern als jemals in den nächsten Jahren durchsetzbar sein wird – wo soll dann bitte der Vorteil von demonstrativer Konfrontation sein? Geht es um die Sache oder um die Selbstdarstellung?
Warum reicht es nicht, dass die Aktivisten diejenigen sind, die unermüdlich darauf hinweisen, dass der Wandel schneller und radikaler stattfinden muss? Was spricht wirklich gegen die Arbeitsteilung zwischen einem ungeduldigen Drängen der Bewegung und einer konsens- und mehrheitsfähigen Partei?

Warum tun die das trotzdem – obwohl die das ja auch alles wissen? Ich vermute die Gründe eher in einer innerpsychischen Dynamik.
Mainstream ist nicht sexy! Wenn die Ökologie im Mainstream angekommen ist, wenn eine Partei die Nachhaltigkeitswende so unaufgeregt und sympathisch rüberbringt, dann kann das einfach nicht der richtige Weg sein!
Nur die unbeirrbaren und unkorrumpierbaren einsamen Denker können dann das Zepter noch hochhalten. Sie sind auf der glorreichen Seite der kompromisslosen Aktivisten – jedes Zugehen auf die Machbarkeitsebene ist damit ein Verrat und muss geradezu dämonisiert werden. Da lauert doch glatt der fade Kompromiss – wie langweilig!
Wenn die GRÜNEN dann (endlich) das Tempolimit durchsetzen – dann ist es nur noch Symbolpolitik! Wenn das Ende des Verbrennungs-Motors (endlich) eingeleitet wird, dann ist das Elektroauto ein noch größeres Problem! Usw…
Lebt die Selbstdefinition als Intellektueller davon, dass man einer Partei die Unterstützung entziehen muss, sobald sie die 15 oder 20 Prozent überschreitet? Geht es mehr um das eigenen öffentliche Profil als um die Sache?

Ich möchte versöhnlich enden.
Ich fühle mich PRECHT und WELZER geradezu freundschaftlich verbunden; habe viele Stunden ihre Texte gelesen und ihre Stimmen im Fernsehen, auf YouTube und auf Podcasts gehört. Sie und ihre Weltsichten sind mir vertraut.
Nur deshalb verzweifle ich so stark an diesem Aspekt ihres Wirkens.
Auch die Forderungen der Aktivisten möchte ich nicht missen; natürlich müssen wir noch radikaler umsteuern, als es im Moment den meisten Menschen bewusst ist.
Ich bestehe nur darauf, dass die GRÜNEN in ihrer jetzigen Aufstellung einen Teil der Lösung und nicht das Problem darstellen!

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