„Das Werden des Menschen und Coronas Beitrag“ von Gernot BERNHOFER

Bewertung: 3 von 5.

Der österreichische „Berater und Gesprächsmentor“ hat in diesem Buch seine Lebensweisheiten zusammengetragen und bietet sie mit der Hoffnung bzw. Erwartung an, dass sie auch den geneigten Leser/innen nützen können.
Das schauen wir uns hier etwas genauer an.

Das vorgelegte handliche Werk ist kein Sachbuch im engeren Sinne. Der Blick auf die großen Fragen des Lebens wird ganz überwiegend aus einer persönlichen Perspektive vorgenommen. Zwar bezieht sich BERNHOFER immer wieder auf (wissenschaftliche) Befunde bzw. Erkenntnisse und zitiert einige namhafte Autoren (z.B. Erich FROMM oder Markus GABRIEL), sein roter Faden entsteht aber durch seinen individuellen – manchmal recht assoziativen – Gedankengang.
Im Zentrum des Buches stehen somit eher Überzeugungen (die dann unterfüttert werden) als die Darstellung einer Sachlage (aus der dann persönliche Schlussfolgerungen abgeleitet werden).

Worin besteht nun das Welt- und Menschenbild des Gernot BERNHOFER? Als Antwort versuche ich einmal, den – aus Sicht des Autors – „perfekten“ Leser (ich meine beide Geschlechter) zu skizzieren – also eine Person, die alle Anregungen und Ratschläge dieses Buches vollständig beherzigen würde:
Dies wäre ein Mensch, der seine wahren (inneren) Prioritäten (Bedürfnisse und Ziele) erkannt hat, der diese optimistisch, mutig, risikobereit und eigenverantwortlich angeht und dabei mehr seinem Bauchgefühl als gesellschaftlichen Normen oder vorgegebenen Leitlinien traut. Die Liebe (das Sein) würde im Leben eine größere Rolle spielen als materieller Konsum (das Haben), inneres Gleichgewicht und Gelassenheit wären erstrebenswerter als ein gieriges Streben nach „Mehr“, Neugier, Unabhängigkeit und Offenheit würden gegenüber ängstlichem Festhalten bis zum Lebensende dominieren.

An dieser Stelle holen wir die Corona-Szenerie ins Spiel (die es ja sogar in den Buchtitel geschafft hat): Die skizzierte Person würde sich nicht durch Ängste lähmen lassen, sondern in dieser Krise reifen, da sie die innewohnende Chance zum Innehalten, zum Infragestellen und zur Neuausrichtung nutzen könnte.
Der Corona-Erfahrung könnte so – um den Autor zu zitieren – „das Sprungbrett zu einem globalen Bewusstseinssprung“ darstellen. Allerdings zweifelt er bereits zum Zeitpunkt der Manuskripterstellung (2020) daran, ob die Corona-Schockwellen wirklich stark und nachhaltig genug sein werden.

BERNHOFER betrachtet den Menschen keineswegs als isoliertes Individuum, sondern als sozial eingebundenes Wesen. In Bezug auf die gesellschaftliche Situation tut sich da ein gewisser Widerspruch auf: Er weist einerseits auf die Gefahren eines überbordenden Sozialstaates hin (schädigt angeblich die Eigenverantwortlichkeit), plädiert später im Buch aber für ein bedingungsloses Grundeinkommen.
Der Autor wünscht sich ganz sicher nicht die Abschaffung des Kapitalismus, wohl aber kritische Verbraucher, die mit ihren Konsumentscheidungen zu einer nachhaltigen und gerechten Welt beitragen können.

Kommen wir zu einer zusammenfassenden Beurteilung:
Die dargebotenen Inhalte und Meinungen sind überwiegend nachvollziehbar und sympathisch; den meisten Zielen und Methoden kann man recht spontan zustimmen. Man kann sich gut vorstellen, in der skizzierten „Idealwelt“ (meine Formulierung) mit den Menschen, die das alles beherzigen, gut zurechtzukommen.
Ein wenig schwierig empfinde ich die Fülle und die oft eher zufällig wirkende Verknüpfung der angesprochenen Themen. Im Laufe des Buches verstärkt sich der Eindruck, dass der Autor wirklich alles, was ihm jemals bedeutsam erschien, unbedingt in diesem Text unterbringen wollte.
Das führt dann dazu, dass BERNHOFER z.B. mal eben zwischendurch auch sie Sache mit der „Willensfreiheit“, dem „Glauben“ und der „Moral“ klärt (und sich dabei doch ein wenig verhebt). Ein bisschen zu selbstgewiss sind – für meinen Geschmack – manche seiner „Wahrheiten“ und Urteile. Man spürt, dass sich hier ein Mensch äußert, der nicht gerade an einem schwachen Selbstbewusstsein leidet.

Sein Ziel ist es, dass auch möglichst viele andere Sinn und Kraft aus der eigenen Persönlichkeit zu schöpfen lernen. Ich bin nicht ganz sicher, ob ihm im vollen Umfang bewusst ist, dass dazu (je nach persönlichen Ressourcen und individueller Biografie) mehr notwendig ist als Anregungen und Apelle in einem Buch (und das Vorbild eines Autors, der es offensichtlich geschafft hat).

Letztlich kommt es auf den angelegten Maßstab an:
Für mich stellt dieses Buch durchaus einen gelungenen und anregenden Versuch dar, die eigenen Erfahrungen und Gedanken aus dem privaten Bereich hinaus einem größeren Publikum zu präsentieren. Grundlage dafür ist ohne Zweifel ein wacher, neugieriger und belesener Geist, zusätzlich auch ein gewisses missionarisches Anliegen (das keineswegs unsympathisch oder eifernd rüberkommt).
Für ein klassisches Sachbuch oder einen Selbsthilfe-Ratgeber wäre mir der Stil etwas zu persönlich und selbstüberzeugt.



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