„Der Algorithmus der Menschlichkeit“ von Vera Buck

Bewertung: 4 von 5.

Eine tolle Idee: Ein Blick auf die Absurditäten des menschlichen Daseins aus der Perspektive einer „Liebesroboterin“, eines bewusstseinsfähigen KI-Systems in einem menschengleichen weiblichen Körper. Ihr „Leben“ fristet die Protagonistin anfangs in einem Berliner Erotik-Nachtclub. Ihren „Kolleginnen“, die in erster Linie ihre Körperformen und -öffnungen zu Markte tragen, ist unsere Mari dank ihrer überlegenen Intelligenz und sozialen Flexibilität weit überlegen. Ganz offensichtlich wäre sie auch für ganz andere (und noch weit komplexere) Einsatzgebiete geeignet. Aber darüber hat sie nicht zu entscheiden: sie ist schließlich legales Eigentum der Clubbesitzerin.

Bevor es zu einem nachvollziehbaren Handlungsverlauf kommt, wirft die Autorin ihre Leser/innen zunächst mal in eine verwirrendende und irgendwie abgedrehte Situation (die erst im Nachhinein verständlich wird). Man lernt Mari und einige andere Hauptfiguren kurz kennen und bekommt das Gefühl, in einer Art Aufnahmetest zu sein: „Bin ich dem chaotischen Stil dieses Buches wirklich gewachsen?“
Entscheidet man sich für das Weiterlesen, hat man das Schlimmste schon überstanden. Es wird zwar nicht weniger absurd, aber man kann dem Plot folgen.

Wie schon deutlich wurde: Als Zugang zum Trend-Thema „Beziehung zwischen Mensch und Künstlichen Intelligenzen“ wird von BUCK die ironisch-humoristische Zuspitzung gewählt. Die Autorin will aufklärerisch unterhalten. Ihre schriftstellerische Kunst liegt schwerpunktmäßig darin, möglichst viele kreative Anspielungen aus der modernen Alltags- und Technikwelt in eine schon an sich absurde Geschichte zu packen. Die so entstehenden Verrücktheiten sollen den realen Fehlentwicklungen einen Spiegel vorhalten – der zwar ein wenig verzerrt ist, aber doch genug Klarheit und Erkenntnisgewinn beinhaltet.
BUCKs Buch ist letztlich ein Plädoyer für das Menschliche, das Unvollkommene und oft auch Irrationale – also für das, das sich offensichtlich einer Algorithmierung entzieht.

Man braucht eine gewisse – im Laufe des Buches zunehmende – Toleranz gegenüber skurrilen Figuren und Situationen. Sollte diese Quelle irgendwann versiegen, dann könnten einzelne Passagen durchaus auch als albern oder klamaukig empfunden werden.
Es erscheint doch nicht ganz einfach zu sein, das anfangs bestechende Niveau an brillanten Einzelbeobachtungen und entlarvenden Formulierungen flächendeckend zu halten.
Ein bisschen enttäuscht ist man vielleicht auch, wenn dieser vor Ideen strotzender Roman irgendwann beim seit Generationen überstrapazierten „Kleinen Prinzen“ landet. Das musste vielleicht nicht sein…

Obwohl sicherlich nicht jede/r die abschließenden 30 Thesen/Regeln für ein „besseres“ Leben widerspruchsfrei akzeptieren wird (sie stammen schließlich aus den elektronischen Eingeweiden von Mari), so kommt die gut gemeinte und menschenfreundliche Botschaft doch an. Dass das Ganze nicht völlig klischeefrei abläuft, sei verziehen.

Für Freunde/Freundinnen eines schrägen Humors, die der KI eher kritisch gegenüberstehen, ist das Buch von BUCK eine echte Empfehlung.

(Im Laufe des Buches geht übrigens die Anfangsthematik, die Frage nach der ethischen Einordnung von lebensechten Sex-Gespielinnen (möglicherwiese sogar in Kindergestalt) verloren. Eigentlich ein wenig schade…)

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