„Der erste Mensch“ von Albert CAMUS

In Corona-Zeiten haben sich viel Menschen plötzlich für Albert Camus interessiert, weil er einen berühmten Roman mit dem Titel „Die Pest“ geschrieben hat.

Das hier besprochene Buch hat keinen aktuellen Bezug. Es stellt ein autobiografischen Zeugnis des Literaten und Philosophen dar. Verpackt wird das in die Geschichte eines mittelalten Mannes, der sich in Algerien auf die Spurensuche nach seinem Vater und damit nach einem verschollenen Teil seiner frühen Biografie macht. Dabei mischen sich Kindheitserinnerungen mit Eindrücken aus den Besuchen bei noch lebenden Zeitzeugen zu einem Mosaik, das schrittweise ein immer vollständigeres Bild ergibt.

Die entscheidendende Frage ist wohl: Hat so ein Buch auch für Leser einen Wert, die nicht ein spezifisches, an die Person gebundenes Interesse an dem Nobelpreisträger Camus haben?

Ich würde das bejahen! Camus schreibt eindringlich und lebendig. Die französische Besatzungsherrschaft wird in ihrer kulturellen Arroganz und langfristigen Aussichtslosigkeit spürbar. Geschichtliche Hintergründe gewinnen durch die sehr persönlichen Einblicke plastische Gestalt.

Camus widmet sich voll und ganz dem Schicksal der „kleinen Leute“, der Armen, die in ihrem alltäglichen Überlebenskampf versuchen, sich eine minimale Würde zu erhalten. Nach heutigen (westlichen) Maßstäben erscheint es unvorstellbar, unter diesen Bedingungen ein Leben zu fristen – ohne jede Aussicht auf eine bessere Zukunft oder gar so etwas wie Erfüllung oder Selbstverwirklichung.

Dieses – wegen des Todes von Camus – unvollendete Manuskript stellt eine erstaunliche Nähe zu einem zeitgeschichtlichen Geschehen her, das nicht gerade im Zentrum der deutschen Aufmerksamkeit steht. Algerien als Konlonie ist ein französisches Thema; wir hatten und haben andere Dinge zu bewältigen.
Aber deshalb wird der Roman für einen Nicht-Franzosen keineswegs irrelevant. Die angesprochenen Grundthemen, die Perspektive auf das konkrete Alltagsleben, die respektvolle Beschreibung sehr einfacher und z.T. auch eingeschränkter Menschen – das alles ist übertragbar und allgemeingültig.

Natürlich hat der Roman auch eine Bedeutung für das Verständnis der Person Albert Camus und seines Werkes. Aus Expertensicht bieten sich vermutlich zahlreiche Bezüge zu seinen philosophischen und literarischen Hinterlassenschaften.
Ich bin ein solcher Experte nicht.
Nur so viel wurde mir deutlich: Es bedurfte einiger besondere Einflüsse, die intellektuellen Potentiale des kleinem Albert (der im Buch anders heißt) in dieser schwierigen Umgebung zu erkennen und letztlich – durch den Zugang zur „höheren“ Bildung – auch zu entfalten.
Wie viele (potentielle) Genies haben wohl dieses besondere Glück nicht gehabt und sind in einer öden Umgebung verkümmert?

Ein anregendes Buch mit Tiefgang. Weit weg von unserem Alltag – und vielleicht gerade deswegen eine Lektüre, die nachdenklich macht. Leben auf diesem Planeten konnte und kann so extrem anders aussehen, als wir es kennen.
Man weiß das natürlich; aber so ein Buch macht es für einige Stunden spürbar.

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