Der langsame Abschied von den USA

Mein Verhältnis zu Amerika war nie kritiklos oder gar verklärt. Seitdem ich (politisch) denken kann, habe ich im „American Way of Life“ immer auch Widersprüche, Doppelmoral, Rassismus, Zynismus, Imperialismus und grenzenlos egoistischen Individualismus gesehen (um nur ein paar Beispiele zu nennen). Die Betonung lag auf „auch“.
Es gab dazu ein ein gewisses Gegengewicht. Es gab das Amerika, dass uns von Hitler befreit hat. Es gab das glitzernde Wolkenkratzer- und Hollywood-Amerika. Es gab die Strahlkraft der Kennedys und von Martin Luther King. Es gab Woodstock und die Ostküsten-Intellektuellen. Es gab die Vielfalt und Weite der Landschaften, das Grenzenlose. Und zuletzt gab es mit Obama einen Präsidenten, der zwar politisch kein Heiliger war, dem man aber ohne jeden Zweifel Anstand und Charakter zubilligen kann, den man sich im persönlichen Freundeskreis hätte vorstellen können.

Wenn wir uns die heutige USA nach (fast) vier Jahren Trump anschauen, gucken wir auf ein anderes Land, letztlich auf eine andere Welt. Man muss die Einzelheiten hier nicht alle aufzählen; wir alle haben sie hunderte Male gehört und gelesen.
Was wirklich überrascht – auch noch nach den ersten drei Jahren – ist die Steigerungsdynamik, mit der Prinzipien, Maßstäbe und Werte aufgegeben bzw. in ihr Gegenteil verkehrt werden.
Wie konnte man ernsthaft glauben – auch etliche deutsche Kommentatoren haben das anfangs getan – dass ein durch und durch egomanischer, narzisstischer und charakterloser Mensch schon zu einem irgendwie brauchbaren Staatsmann werden könnte? Wenn so ein Mensch zum mächtigsten Mann der Welt werden kann, dann stimmt etwas Grundsätzliches nicht mit diesem Land! Das konnte man nie schönreden; man hätte sich die Versuche auch gut sparen können!

Man könnte jetzt vielleicht irgendwie schadenfroh sein, nach dem Motto „Das haben die bekloppten Amis jetzt davon… (z.B. mit Corona).“
Aber es geht nicht nur um all die vernünftigen Menschen, die ja auch dort leben (ca. 50%). Es geht um unser aller Zukunft.
Ich weiß nicht, ob wir es uns leisten können, dass die USA auf der Weltbühne in zunehmendem Tempo an Bedeutung und Einfluss verlieren. Ich bin davon überzeugt, dass die falschen Leute (in Peking, Moskau, Teheran, Ankara, usw.) sich gerade voller Begeisterung die Hände reiben.
Auch wenn die Erzählung (das Narrativ) vom „Freien Westen“, der Demokratie und Menschenrechte in der Welt verteidigt, (leider) immer viel mit Propaganda und Heuchelei zu tun hatte: Wie sehen die Alternativen aus? Welche wünscht man sich wirklich? Wen möchte man als neue Supermacht an den Schaltstellen sehen?

Ich sehe nur einen gangbaren Weg: Wir müssen Europa stärken und auf das Nach-Trump-Amerika hoffen. Aber – selbst wenn uns das gelingt – ein Abschied von der USA, die uns doch irgendwie vertraut war und uns – trotz aller Schwächen – ein wenig Stabilität geschenkt hat, dieser Abschied hat schon längst begonnen.
Schaffen wir es , diesem Entfremdungsprozess etwas entgegenzusetzen? Können und wollen wir noch differenzieren zwischen Trump und seinem Land? Was ist das für ein Land, wo es normal ist, dass man nur als Multimillionär Chancen hat, als Präsident zu kandidieren? In dem ein Großteil der Medien in rechten und extrem-klerikalen Händen liegt? In dem Waffen geradezu angebetet werden? In dem das dumpfe und geistlose Macho-Gehabe mehrheitsfähig ist?

Als Vorbild für die Welt taugt dieses Amerika schon lange nicht mehr. Müssen wir es endgültig abschreiben? Dürfen wir das tun?

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