„Der Untergrund des Denkens“ von Philipp HÜBL

Bewertung: 4 von 5.

Der Philosoph HÜBL hat im Jahr 2019 mit dem Text „Die aufgeregte Gesellschaft“ eine extrem intelligente und anregende Gesellschaftsanalyse vorgelegt. Da mich die Fragen rund um Gehirn und Bewusstsein gerade sehr beschäftigen, wollte ich seine Ausführungen (von 2015) zum Themenkreis „Unbewusstes“ nicht länger links liegen lassen.

HÜBL bietet einen sehr breit angelegten Blick auf die komplexen Zusammenhänge zwischen den biologischen Vorgängen unter unserer Schädeldecke und all den vor-, halb-, un-, unter- und vollbewussten Prozessen, die uns – unser Denken, unser Ich-Gefühl und unsere Identität als selbstreflexive Wesen – bestimmen, ausmachen und prägen.

Der Autor nimmt sich gleich ein ganzes Potpourri an sperrigen Fragestellungen vor, die jede für sich ganze Bücher füllen könnten (und auch gefüllt haben): Nach Begriffsklärungen und -abgrenzungen rund um das Unbewusste und der Beschreibung seiner methodischen Herangehensweise geht es um Intuition, Aufmerksamkeit, Verdrängung, unterschwellige Wahrnehmung, den Zusammenhang von Sprache und Denken, die Kraft und Grenze der Vernunft, Willensfreiheit, Selbsterleben – und vieles mehr.
Immer wieder schlägt HÜBL dabei eine Brücke zwischen Experimenten bzw. Befunden der Hirnforschung und philosophischen bzw. psychologischen Konzepten.

HÜBL positioniert sich in diesem unübersichtlichen und umstrittenen Feld ziemlich klar: Er verteidigt – grob gesagt – die geisteswissenschaftliche Sicht vom Menschen (als weitgehend autonomes Wesen) gegenüber den (naturalistischen) Sichtweisen der Hirnforscher, die in der Aktivität unserer neuronalen Netze nicht nur das Korrelat zu unseren kognitiven Fähigkeiten sehen, sondern auch deren primäre Ursache. Entsprechend tritt HÜBL voller Überzeugung und Inbrunst Überlegungen entgegen, dass unser Bewusstsein und die in ihr erlebte Selbstbestimmtheit nur eine (nützliche) Illusion darstellen könnten.
Aber auch anderen gewichtigen Theoriegebilden widerspricht HÜBL entschlossen – immer dann, wenn sie antreten, die Rolle von Vernunft und bewusstem Entscheiden zu schmälern. Dabei ist es im relativ egal, ob seine Kontrahenten Sprachwissenschaftler, Sozialpsychologen oder Psychoanalytiker sind.

Es soll hier nicht der Eindruck erweckt werden, dass sich HÜBL wie ein engstirniger Fanatiker gebärdet; keineswegs. Der Autor ist verbindlich im Ton und argumentiert auf der Basis eines unglaublich breiten Wissensfundamentes (das Literaturverzeichnis umfasst nahezu 50 Seiten).
Aber trotzdem: Seine Gewichtungen und Schlussfolgerungen lassen sich nicht immer eindeutig aus der dargestellten Fakten- und Theorielage ableiten. Stattdessen beschleicht dem Leser doch hin und wieder das Gefühl, dass es die Überzeugungen des Autors sind, die letztlich den Ausschlag geben.
So verläuft beispielsweise die argumentative Auseinandersetzung mit der ausdifferenzierten, neurophysiologisch basierten Bewusstseins-Theorie von METZINGER doch ein wenig oberflächlich. HÜBL ist auch mit solchen schwergewichtigen Gegenperspektiven erstaunlich schnell fertig.

Was bleibt ist ein anregender und informativer Rundflug über die Weiten der kognitiven Welten des Menschen. Es sind spannende und ungewohnte Perspektiven, die HÜBL in diesem Buch zusammenträgt und es zeichnet ihn auch diesmal aus, dass er die Grenzen zwischen den Disziplinen souverän ignoriert.
An manchen Stellen hätte man sich eine Gegenrede gewünscht – von den Forschern und Theoretikern, die der Autor (vielleicht ein wenig zu selbstbewusst) in die Schranken weist.
Für mich bleibt HÜBL ein spannender und lehrreicher Wissensvermittler. Dass er auch ein (sympathischer) Überzeugungstäter ist, spricht durchaus nicht gegen ihn.

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