„Die große Angst“ von Roland PAULSEN

Bewertung: 3.5 von 5.

Dieses Buch stellt Leser/innen und Rezensenten (auch hier sind die weiblichen mitgemeint) vor gewisse Herausforderungen. Das hat nichts damit zu tun, dass dieses Sachbuch unverständlich geschrieben wäre. Es entzieht sich ein wenig den gängigen Kategorien.
PAULSEN, von Haus aus Soziologe, holt weit aus und bedient sich auch der Nachbardisziplinen: Er greift auf psychologische, psychiatrische, philosophische und politische Erkenntnisse zurück – und relativiert diese manchmal in einem erstaunlichen Umfang.
Insgesamt ist so eine sehr persönliche Betrachtung entstanden, fast so etwas wie ein (sehr umfangreicher) Essay, in dem eine recht eigenwillige Meinung sehr engagiert vertreten wird. Der Autor traut sich, einen sehr weiten Bogen zu spannen, um seine Grundthesen zu untermauern und nimmt dabei in Kauf, in vielen Bereichen wissenschaftlichen Mehrheitsmeinungen in die Quere zu kommen.
Hier wird kein Thema zusammenfassend und aus mehreren Perspektiven behandelt. Dieses Buch ist ganz bewusst ein pointierter Diskussionsbeitrag, der eine mögliche Facette des Gegenstands ausleuchtet.
Soweit die Meta-Ebene.

PAULSEN betrachtet die bedeutsamsten psychischen Störungen als eine Art Einheit: Für ihn liegen den Ängsten, den Depressionen und den Zwängen gemeinsame Dynamiken zugrunde. Sein großes Thema ist, dass diese Entstehungs- und Versursachungsfaktoren viel weniger individuell (und damit innerpsychisch bzw. hirnorganisch) sind – und stattdessen viel stärker gesellschaftlich determiniert werden.

Wir lernen im Laufe des Buches eine Reihe von Personen kennen, die unter Zwängen, Ängsten und/oder Depressionen leiden; ihre gelegentlich skurrilen Symptomatiken werden anschaulich beschrieben. Es geht viel um deren innere Gedankenkreisläufe, um Selbstbetrachtung und Selbstbewertungen. Der Autor will zeigen, dass die Basis dieser leidvollen kognitiven Muster in einem engen Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Grundbedingungen stehen, unter denen wir all heute leben müssen.
Vielleicht ein bisschen konkreter: Auch mithilfe historischer und kultureller Vergleiche macht PAULSEN deutlich, dass wir nicht nur Prozessen der „Überindividualisierung“ (mein Begriff), der permanenten (zukunftsbezogenen) Selbstreflexion und der naturfernen künstlichen Zeit-Taktung ausgeliefert sind, sondern dass sich als hervorstechendste Merkmal der Moderne eine geradezu pathologische Risikofurcht und Risikovermeidung ausgebildet hat.
Der Autor ist überzeugt davon, dass der der verzweifelte innere Kampf um Sicherheit und Kontrolle nicht nur aussichtslos ist, sondern die Nichtakzeptanz von (kleinen und großen) unvermeidlichen Lebensrisken uns erst wirklich krank macht. Dass wir bei der realistischen Einschätzung von Risiken auch noch grandios scheitern, macht die Sache nicht einfacher.

Gibt es eine Lösung?
PAULSEN plädiert für Gelassenheit und Akzeptanz. Statt wie das berühmte Kaninchen auf auf die überall lauernden Risiken zu starren, sollten wir uns lieber mutig auf die Ziele hinbewegen, die uns erstrebenswert erscheinen; nicht nur als Individuen, sondern auch als Gesellschaft. Eine Aussicht auf Seelenfrieden, Glück und Erfolg gibt es nicht; die Fixierung auf Gefahren lähmt uns und macht uns handlungsunfähig.

Dass der Autor der klassischen Psychiatrie mit ihren Psychopharmaka, der Psychoanalyse, der kognitiven Verhaltenstherapie und der Hirnforschung ihre Erklärungs- und Therapiemodelle streitig macht, wird ihm sicherlich wenig Freunde einbringen.
Die Konsequenz, mit der er alle anderen wissenschaftlichen Zugänge zu den beschriebenen psychischen Störungen relativiert, hat sicher etwas bewusst Provokatives.
Er wird über Gegenwind nicht überrascht sein.

PAULSENs Perspektiven sind erhellend und anregend; einen in sich schlüssigen und überzeugenden Gegenentwurf hat er aber letztlich nicht zu bieten.
Empfehlen kann ich dieses Buch für Menschen, die sich mit psychischen Störungsbildern schon ein wenig auskennen und sich daran erfreuen können, mal eine erfrischend andere (soziologische) Sichtweise auf sich wirken zu lassen.
Als Einführung in das Thema Angst (bzw. Zwang/Depression) ist der Text ganz sicher nicht geeignet.

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