„Die Klimaschmutzlobby“ von Susanne GÖTZE und Annika JOERES

Bewertung: 4.5 von 5.

Dieses Buch wirklich Seite für Seite, Satz für Satz zu lesen, setzt einige Selbstdisziplin voraus. Das beginnt schon bei der Entscheidung für das Thema insgesamt: Denken wir nicht schnell, dass wir im Prinzip schon alles wüssten – über die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft und Politik, über die Einflussversuche der der Klimawandel-Leugner, der rechten Populisten und der vielen finanzkräftigen Konzerne und ihrer pseudowissenschaftlichen Ableger.
Muss man das wirklich alles haarklein durchdringen, mit allen Verbindungen und Verästelungen?
Man muss nicht – man kann es aber, und zwar ziemlich perfekt mit diesem Buch.

Die beiden Autorinnen liefern eine Meisterleistung in journalistischer Recherche ab. Der Text beinhaltet eine nicht enden wollende Aneinanderreihung von Fakten, die (natürlich) alle mit Quellenangaben belegt sind (die kleingedruckten Anmerkungen umfassen mehr als 50 Seiten).
Um diese handfesten Informationen herum stiften GÖTZE und JOERES ordnende Struktur, stellen Verbindungen und Zusammenhänge dar, ziehen auch Schlussfolgerungen.

Zunächst unterscheiden die Autorinnen die wichtigsten Akteure: Klimawandel-Leugner, Rechtspopulisten und Bremser.
Natürlich gucken sie noch genauer hin: Da geht es um (mehr oder weniger) abstruse Alternativ-Wissenschaftler, die mit ihrer Minderheitsmeinung zum Grundrauschen der Desinformation beitragen. Eine große Rolle spielen die neoliberalen „Thinktanks“, die das Narrativ der „Freien Märkte“ mit viel Geld und Power hochglanzverpackt verbreiten. Und natürlich erfährt man ganz viel über die unterschiedlichen Lobbygruppen (Landwirtschaft, Energie, Auto, Luftfahrt) und ihre Verflechtungen mit den Ministerien bzw. mit den wirtschaftsnahen Parteien. (Ich habe z.B. bisher nicht gewusst, welche unrühmliche Rolle Sigmar Gabriel als Umweltminister gespielt hat).
Das alles wird nicht nur in Deutschland betrachtet, sondern ebenso in Brüssel für die EU und nochmal spezifisch für Frankreich, England und Osteuropa.
Rechtspopulismus und eine damit verbundene Abwertung von wissenschaftlichen Erkenntnissen tragen zunehmend dazu bei, dass diese ganze Kampagne weiter in das gesellschaftliche Bewusstsein einsickert.

Das Ergebnis: Aus dem diffusen Gefühl („da gibt es systematische Einflüsse gegen Maßnahmen zur Klimarettung“) entsteht ein differenziertes und detailliertes Hintergrundwissen. Zwar wird kein Mensch sich all die Zahlen und Namen merken können, aber mit jeder Seite steigt die Gewissheit, dass auf der „anderen“ Seite mit unlauteren Methoden und mit gigantischen Geldmitteln gekämpft wird. Die Personen, die Institutionen und die Beeinflussungswege sind bekannt, werden benannt und damit fassbar.
Die Klimabewegung hat es eben nicht nur mit einer vielleicht etwas trägen und uninteressierten Öffentlichkeit zu tun: dahinter arbeitet ein effizientes System mit klaren (wirtschaftlichen und politischen) Interessen und Zielen.

Aus der aktuellen Sicht (von Herbst 2021) sieht vielleicht der ein oder andere Aspekt etwas hoffnungsvoller aus als beim Erscheinen des Buches im Frühsommer 2020. Trump ist Geschichte, Klimaschutz in Deutschland inzwischen zur unumstrittenen Staatsaufgabe geworden. Zumindest der Kampf um die öffentliche Meinung kann die Klimaschmutzlobby nicht mehr gewinnen.
Aber das setzt nicht die „Bremser“ außer Kraft, die aus finanziellen Interessen oder politischen Opportunismus weiter konkrete Maßnahmen verzögern bzw. verhindern wollen.
Von daher ist es gut zu wissen, wo die Gegner sitzen und wie sie organisiert sind.

Wenn journalistische Sachbücher dezidierte Aufklärung leisten können – dann steht dieses Buch ganz oben auf der Liste!

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