„Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt HAIG

Bewertung: 3.5 von 5.

Matt HAIG ist ein wahrer Menschenfreund. Er schenkt uns Geschichten, die ans Herz gehen, die Mut zum Leben machen. Aber er kennt und beschreibt auch die dunklen Seiten und macht literarische Angebote, die einen Weg aus ihnen heraus zeigen könnten.
Genau dies ist das Ziel des hier besprochenen Buches.

Die Schattenseite der Protagonistin, einer jungen Frau (Nora) mit einer ziemlichen Pechsträhne, ist sehr konkret: Sie sieht keinen rechten Sinn mehr darin, weiterzuleben. Ja, im Grunde hat sie schon abgeschlossen und sich auf den Weg zu einer Art „Bilanz-Selbstmord“ zu machen.
Doch – und das ist die Fantasy-Rahmenhandlung – sie gerät in einen Transitbereich zwischen Leben und Tod. Die Mitternachtsbibliothek ist ein Ort, in der die Zeit angehalten wird und so ein Raum entsteht, in beliebig viele Alternativ-Leben zu schlüpfen. Betreut wird dieses Unterfangen durch eine weise Bibliothekarin, die dafür sorgt, dass alle gewünschten Varianten zur Verfügung stehen – denn sie kennt sich in den unendlichen Regalen mit unterschiedlichen Lebensbüchern aus. Natürlich stellt sie nicht nur technische Hilfe, sondern auch ihren Rat zur Verfügung.
Der Roman begleitet die junge Frau durch all die Leben, die sich ihr als attraktiver und lohnender als ihr „verpfuschtes“ eigenes vorkommen.

HAIG lehnt sein Gedankenspiel an ein Modell der theoretischen Physik an: Eine Reihe von klugen Köpfen hält es für wahrscheinlich, dass in einer unendlichen Zahl von Paralleluniversen jede denkbare Variante von Ereignissen und Verläufen tatsächlich stattfindet. Für die meisten Menschen ist das eine extrem unplausible Vorstellung – aber das spielt für die Metapher von der Mitternachtsbibliothek natürlich keine Rolle.

Wir begleiten also alternative Lebensgeschichten, die ganz unterschiedlich eng an das bisherige Leben von Nora angelehnt sind. Auch ist die Verweildauer in dem jeweiligen Setting verschieden lang (von Minuten bis zu gefühlten Jahren).
Dabei spielt eine Besonderheit der Konstruktion eine Rolle: Nora gerät jeweils ganz plötzlich in einen Kontext, deren Spielregeln sie gar nicht beherrscht – weil sie Personen, Orte und Vorgeschichte meist gar nicht kennt. Das schafft zwar spannende und originelle Situationen – passt aber (finde ich) nicht so gut zu dem Konzept, dass ja eigentlich die „Qualität“ der unterschiedlichen Leben verglichen werden sollen (und nicht das Beherrschen von unbekannten Konstellationen).
Egal – das ist nur ein Nebenaspekt.

Es geht HAIG natürlich um die Botschaft, um die „Moral von der Geschichte“. Einige werden an dieser Stelle schon recht konkret ahnen, worauf es hinausläuft. Ich spare mir das Spoilen. Nur soweit: Das Buch soll – natürlich – Mut zum Leben machen!

HAIG spinnt ohne Zweifel eine kreative Idee aus und bastelt daraus eine unterhaltsame Erzählung. Er setzt Humor und auch ein wenig Spannung ein, spielt gekonnt mit Emotionen. Nora, die alles andere als perfekt ist, bietet sich als Identifikations-Figur an, man kann mitfühlen und mitleiden. Und natürlich regt die Story dazu an, mal selbst die eigenen ungelebten Aspekte und Optionen durchzuspielen.
Das ist alles nett und anregend.

Die Frage ist, bis zu welchem Punkt ein gut gemeintes Buch voller Lebensweisheit und pädagogisch-therapeutischer Wegweisung noch als Bereicherung erlebt wird – und ab welcher Stelle es ein bisschen zu dick aufgetragen, zu vorhersehbar-optimistisch erlebt wird. Mir war der pädagogische Holzhammer am Ende deutlich zu stark ausgeprägt; die Botschaft wurde wirklich geradezu eingehämmert.
Ich verstehe die Motivation von HAIG, denn er hat dieses Buch sicher vorrangig für Menschen geschrieben, die sich die Frage, wie „lebenswert“ ihr Dasein ist, tatsächlich (hin und wieder) stellen. Er wollte ganz sicher sein, dass diese Menschen die Botschaft hören.

Es ist wie so oft: Die Bewertung eines Buches hängt davon ab, wer es zu welchem Zeitpunkt und in welcher Lebenssituation liest.
Für die Zielgruppe mag es ein geradezu „rettendes“ Buch sein; für den einen etwas distanzierten Leser ist es stellenweise grenzwertig.

(vom gleichen Autor: „Wie man die Zeit anhält„, „Ich und die Menschen„)

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