„Die Pest“ von Albert CAMUS

Eine schwierige Aufgabe! Ein Werk der Weltliteratur (1947), das durch die Corona-Pandemie eine enorm gesteigerte Aktualität und Beachtung erfahren hat. Es wäre inzwischen ein unmögliches Unterfangen, beim Lesen und bei der Würdigung dieses Textes keine Gegenwarts-Bezüge herzustellen.

Ich werde erst gar nicht versuchen, etwas zu der literarischen Bedeutung dieses berühmtesten CAMUS-Romans zu sagen. Das kann man sich an vielen anderen Stellen von sehr viel berufeneren Menschen holen.
Meine kleine Bewertung wird daher eine rein persönliche sein.

Der Ausbruch der Pest führt zu einer Art Belagerungszustand in einer Algerischen Hafenstadt, deren Verbindung zur Außenwelt ca. für ein Jahr gekappt wird. Der Roman beschreibt den Verlauf dieser todbringenden Seuche aus der Perspektive einiger Hauptfiguren, die in unterschiedlicher Form mit dem Versuch befasst sind, die Folgen dieser Heimsuchung für sich und andere zu bewältigen.

Der Text ist nahe an den beteiligten Person; am Ende gibt sich der im Mittelpunkt stehende Arzt als Verfasser dieser Chronik sozusagen offiziell zu erkennen. Es werden also subjektiv gespiegelte Ereignisse und Prozesse dargestellt. Dem anonymen Massensterben wird so das Schicksal und das Empfinden konkreter Personen gegenübergestellt, die ganz bewusst als Zeitzeugen auftreten. Inszeniert wird also eine persönliche Geschichtsschreibung.

Vieles an diesem Text erscheint aus heutiger Sicht altmodisch, z.B. die Förmlichkeit des Umgangs auch in sehr vertrauten Beziehungen und die – heute kaum noch vorstellbare – Einschränkung in der Kommunikation mit der Außenwelt. Natürlich merkt man auch der Sprache selbst an, dass sie aus der Mitte des letzten Jahrhunderts stammt.
Andere Aspekte sind zeitlos:
– die typische Abfolgen von emotionalen Reaktions- und Bewältigungsmustern hinsichtlich einer neuen Bedrohung,
– Beschwichtigung und Verantwortungsdiffusion bei Verwaltung, Experten und Politik,
– menschliche Größe in Form von Solidarität, Pflichtgefühl und grenzenlosem Engagement bis zur Selbstaufgabe,
– die Bedeutung von kleinen vertrauten Netzwerken, ohne die das Elend unerträglich wäre.

Letztlich sind die in diesem Buch literarisch kunstvoll dargestellten menschlichen Erfahrungen und Handlungsoptionen auf jede Form von extremer Bedrohung oder unkontrollierbarem Leid anwendbar. So wurde gelegentlich vermutet, dass CAMUS die Pest als Parabel für die Unmenschlichkeit des Krieges benutzt hat.

Man muss diesen Roman sicher nicht deshalb lesen, um die aktuelle Corona-Pandemie besser zu verstehen bzw. einzuordnen. Das wäre auch eine unzulässige Degradierung dieses hochgelobten Werkes.
Doch wenn man literarisch und philosophisch interessiert ist und sowieso eine Motivation verspürt, einige der ganz großen Werke endlich mal selbst zu lesen, dann ist genau jetzt sicher ein sehr geeigneter Zeitpunkt für CAMUS.

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