„Die Zukunft nach Corona“ von Matthias HORX

Es ist scheinbar die Zeit der kleinen bzw. dünnen Bücher. Das Buch von HORX ist geradezu winzig – es wäre sonst für ein Buch tatsächlich zu dünn. Von dem ebenfalls kurz gefassten Buch von BLOM war kürzlich die Rede.
Ich will nicht unterstellen, dass es um den „schnellen Euro“ geht; bei HORX Corona-Buch geht es auf jeden Fall aber um die Aktualität: Autor und Verlag wollen das Thema offenbar so früh wie möglich besetzen. Von einem großen Interesse und damit von guten Marktchancen ist auszugehen.

Horx ist Zukunftsforscher. Daher ist es logisch, dass er nicht die bestehende Corona-Krise untersucht sondern die Zeit danach. Dass der Autor dabei ein erstaunliches Tempo an den Tag legt, hat er mit einem ersten kurzen Text zum gleichen Thema schon Mitte März (!) bewiesen. Damit hat er in gewisser Weise schon die Spur gelegt zu dem jetzt erschienenen Buch.
Auch marketing-technisch nicht ungeschickt.

Der Grundgedanke, der diesem Buch einen roten Faden verleiht, ist schnell erklärt, aber deswegen nicht weniger anregend und pfiffig: HORX lädt uns alle ein, selbst nicht nur Zukunfts-Forscher sondern auch Zukunfts-Gestalter zu werden. Die Methode dazu verbegrifflicht er – im Gegensatz zu der üblichen „Pro-Gnose“ – als „Re-Gnose“.
Wenn wir uns nämlich als Gedankenspiel in eine vorgestellte nahe Zukunft (nach der Krise) versetzen und von diesem Punkt zurück auf den Corona-Umbruch schauen, könnte deutlich werden, welches bedeutsame Veränderungspotential in der Krise und deren Bewältigung stecken könnte. Diese innere Zukunftsschau – bzw. das staunende Zurückschauen aus der Zukunft – könnte dann genau die Kräfte mobilisieren oder stärken, die dazu beitragen, dass positiv die antizipierten Bilder (z.B. neue Prioritäten, weniger Hektik, mehr Nachhaltigkeit) auch zur Realität werden.
Sein Ansatz ist von der Zuversicht getragen, dass die Erschütterung produktiven Wandel und kreative Erneuerung auslösen kann.

Aber gehen wir mit HORX Schritt für Schritt vor.
Der Autor ist sich – im Gegensatz zu anderen schlauen Menschen (wie z.B. PRECHT) – sicher, dass Corona einen wirklich fundamentalen Einschnitt darstellt, eine „Tiefenkrise“. Ein solches „disruptives“ Ereignis wirkt nachhaltig in die Zukunft, weil es eine neue Weltsicht, ein neues Narrativ mit Symbolkraft erschafft.
HORX geht davon aus, dass eine reale Herausforderung (wie Corona) Kompetenzen und Ressourcen der Überlebensmaschine Mensch mobilisieren kann. So finden sich ansonsten eher resignierte Zeitgenossen plötzlich – nach der ersten lähmenden Angstreaktion – in einem aktiven Bewältigungsgeschehen wieder und erfahren Selbstwirksamkeit.
HORX beschreibt die denkbaren positiven Überraschungen, die mit dem Lockdown verbunden sein konnten: Es geht um Besinnung auf das Wesentliche, die Fähigkeit zum Verzicht und zur Solidarität. Wir kennen das aus diversen Talkrunden.
Auch hier geht es um eine Rückschau: Das so andere (gebremste) Corona-Leben enthüllt sozusagen die Banalitäten und Absurditäten des Alltags (mit seinem Hyperkonsum und Kreuzfahrtwahnsinn), die wir bis vor wenigen Wochen als normal und alternativlos betrachtet haben.
Anhand eines aus der Psychologie entlehnten Modells beschreibt HORX die Chance, zwischen dem Abrutschen in ein Trauma und der leugnenden Ignoranz einen dritten Weg zu gehen: einen Zukunfts- oder Möglichkeitsraum zu betreten, in dem ein Wandel aktiv gestaltet werden kann.

Fairer Weise legt der Autor in einem nächsten Kapitel die Nähe seines Modells zum Prinzip der „Positiven Psychologie“ selbst offen: Es geht darum, die (positiv) imaginierte Zukunft als Kraft und Orientierung zu nutzen – statt passiv im Problem-Modus steckenzubleiben.
Auch das Prinzip der „Kognitiven Dissonanz“ und das „Re-Framing“ (Umdeuten) wird genutzt, um die Möglichkeiten einer produktiven Krisen-Nutzung zu untermauern. Dabei unterscheidet er (offene) Visionen von (eher blockierenden) Konstrukten.

Dann lädt HORX seine Leser doch noch ein in eine neugierig-tastende Annäherung an die Zukunft im Sinne einer Pro-Gnose; natürlich in einer „holistisch-systemischen“ Betrachtungsweise:
– Aus einer Globalisierung wird eine GloKALisierung
– Effektivität wird wichtiger als Effizienz
– Es entwickelt sich eine „Donut-Ökonomie“ (in der es einen Ausgleich zwischen öffentlichen und privaten Interessen gibt)
– Demokratien gewinnen an Wertschätzung und Bedeutung
– Die Arbeitswelt wird flexibler
– Die Digitalisierung wird sinnvoller eingebunden
– Kulturelle Werte und Umgangsformen passen sich an
– Bösartigkeit verliert an Attraktivität
– Der Umgang mit (körperlicher) Nähe verändert sich durch neue „Ekel-Schwellen“
– Die Kreuzfahrt-Industrie verschwindet für immer
– Das Gesundheitssystem und seine Arbeitskräfte werden aufgewertet
– Der Trend zur Nachhaltigkeit wird verstärkt

HORX beendet seine Ausführungen mit einer vergleichenden Betrachtung von „alter“ und „neuer“ Normalität und einem letzten Glaubensbekenntnis zur Macht der „selbstkonstruierten“ Zukunft.

Und was halte ich nun von dem Ganzen?
Je länger ich darüber nachdenke (und das Schreiben dieser Rezension hat mich schon einige Stunden gekostet), desto skeptischer werde ich bzgl. des Gewinns, den man durch das Lesen dieses Büchleins mitnehmen kann.
Ich will meine Kritikpunkte mal so zusammenfassen:
– HORX überbewertet die Bedeutung und die Auswirkungen von Corona; ich glaube eher nicht an einen epochalen Einfluss dieses Ereignisses
– Er betrachtet (einseitig) die möglichen positiven Folgen (vielleicht weil er in einer Umgebung lebt/e, in der es eher um Verlangsamung und Besinnlichkeit ging, nicht um Stress und Existenzangst)
– Sein „Trick“ mit dem Perspektivwechsel (aus der Zukunft zurückschauen) ist ja als Idee ganz nett; ob er ein tragendes Gerüst für so ein solches Buch darstellt, ist mir etwas zweifelhaft

HORX wollte schnell sein, schneller als andere. Das ist ihm ohne Zweifel gelungen.
Das Buch ist auch weder schlecht noch überflüssig; es ist ein Beitrag zur Diskussion.
Es ist nur – meiner bescheidenen Meinung nach – kein großer Wurf.

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