„Dunkelblum“ von Eva MENASSE

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein (fiktives) kleines österreichisches Städtchen, direkt an der Grenze zu Ungarn gibt diesem Roman von Eva MENASSE seinen Namen und definiert gleichzeitig den Schauplatz.
Auf zwei Zeitebenen werden diverse Psychogramme und ein Soziogramm seiner Einwohner aufgespannt. Das Thema ist die Verstrickung (fast) der gesamten älteren Männer in die Verbrechen, die im Namen des Nazi-Regimes in der Endphase des Krieges auch in diesem Ort begangen wurden.

Die damaligen Geschehnisse wurden lange Jahre erfolgreich verdrängt und als nebulöse Grauzone in einer Art kollektivem Unterbewusstsein eingeschlossen. Alte Wunden waren überwiegend verheilt; es herrscht die Überzeugung vor, dass man die Dinge besser ruhen lassen sollte.
Die selbst verordnete Amnesie wird aber durch zwei Männer gestört, die aus verschiedenen Motiven gleichzeitig in das festgefügte System eindringen. Sie haben zwar biografische Bezüge zu dem Ort, waren aber lange genug weg, um mit den Augen und mit der Unabhängigkeit von Fremden zu agieren.
Ihre Neugier, ihre Fragen decken bald die ersten Sollbruchstellen des Schweigekartells auf. Es stellt sich heraus, dass es in der vermeintlichen Homogenität doch Risse gibt – insbesondere in der nachgeborenen Generation.
Und dann kommen auch noch junge Leute, die sich um den vergessenen Jüdischen Friedhof kümmern wollen…

MENASSE konstruiert eine komplexe Enthüllungsgeschichte, in der Schicht für Schicht die Macht- und Schuldstrukturen der Vergangenheit und ihre Nachwirkung bis in die Gegenwart freigelegt werden. Exemplarisch werden in verschachtelten Zeitsprüngen die sozialen Interaktionsmuster der wichtigsten Familien seziert – bis sich irgendwann die Mosaiksteine zu einem klaren Bild zusammensetzen.

Die Autorin ist nah bei den Leuten. Sie schildert mit großer Akribie und psychologischen Gespür die jeweilsindividuellen Verleugnungsstrategien. Nicht alle Alten sind im Grunde immer noch Nazis – aber kaum jemand ist jemals bereit gewesen, sich zu Verantwortung oder Schuld zu bekennen. Es waren ja besondere Zeiten…

Als Leser/in muss man sich entscheiden, ob man wirklich all diese vielschichtigen Verstrickungen durchdringen möchte, um am Ende das bestätigt zu bekommen, was man wohl auch vorher schon ahnte. Die Schweige-Mentalität, die von MENASSE weit ausholend durch die Dunkelblum-Bewohner personalisiert wird, ließe sich ohne Probleme auch weniger aufwendig beschreiben.
Damit ist die Stärke des Romans – das erzählerische Schwelgen in Details eines von der finsteren Vergangenheit noch nicht befreiten Biotops – gleichzeitig auch seine mögliche Schwäche: Nicht jede/r mag es so breit und ausführlich; nicht für alle sind die individuellen Eigenschaften der Figuren so relevant. Man muss sich schon auf sowas einlassen wollen…

Ohne Zweifel ist MENASSEs Roman auch ein sehr besonderes (österreichisches) Sprachkunstwerk. Wenn man sich noch dazu entscheidet, sich die Geschichte von der Autorin vorlesen zu lassen, erscheint die lokale Färbung geradezu überbordend. Für hochdeutsche Ohren bekommt der Text damit noch stärker etwas Folkloristisches, Altmodisches – was wiederum zum historischen Grundthema passt.

Insgesamt hat MENASSE ein bemerkenswertes Buch zum Thema „Vergangenheitsbewältigung“ geschrieben; den durch die vielen begeisterten Kritiken entstandenen Hype um diesen Roman kann ich allerdings nicht ganz nachvollziehen.

Eine Antwort auf „„Dunkelblum“ von Eva MENASSE“

  1. Lieber Frank, nicht nur was dein Fazit betrifft, kann un muss ich dir leider zustimmen. Die, im Hinblick auf das Sprachliche, mir reichlich selbstverliebt erscheinende Autorin überspannt den Bogen. Schade.

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