„Ein verheißendes Land“ von Barak OBAMA

Bewertung: 5 von 5.

Wow – was für eine Dröhnung!
Knapp 40 Std. (ca. Tausend Seiten) OBAMA über sich, die Welt und seine Präsidentschaft, (genauer gesagt: über seine erste Amtszeit).

Ich gestatte mir einen persönlichen Einstieg:
Bei aller Neugier und Sympathie hinsichtlich dieser Thematik hatte ich doch etwas gemischte Gefühle angesichts des Umfangs dieser Publikation. Wollte ich mich wirklich mit dieser Intensität auf den – möglicherweise selbstverliebten und beschönigenden – Rückblick eines US-Präsidenten einlassen? Zu einem Zeitpunkt, an dem die Welt sich noch gar nicht von seinem Nachfolger erholt hat und gerade ganz andere Probleme zu heilen hat? Würde sich das lohnen?
Die folgenden Ausführungen sollen mein uneingeschränktes „Ja“ als Antwort auf diese Frage begründen.
Um den Umfang dieser Rezension in lesbaren Grenzen zu halten, werde ich auf die übliche Trennung zwischen Sachdarstellung und Bewertung verzichten; ich werde also überwiegend darüber schreiben, warum ich diesen Text so außerordentlich informativ bzw. anregend erlebt habe und welche tiefen Eindrücke und Erkenntnisse er hinterlassen hat.

Da ich schon eine frühere Biografie von OBAMA gelesen habe („Ein amerikanischer Traum„), war es mir sehr recht, dass sowohl seine Kindheit und Jugend als auch Studium und erste sozial-orientierte Tätigkeiten nur kurz abgehandelt werden.
Voll in Fahrt kommt die Schilderung mit der (erfolgreichen) Bewerbung um einen Senatsposten im Bundesstaat Illinois, gefolgt von dem Kampf um einen Bundes-Senatsposten in Washington im Jahre 2005.
Dieser Vorlauf zur Präsidentschaftskandidatur 2008 hat für den Hauptteil des Buches einen wichtige Funktion. OBAMA nutzt die Chance, sich als den hoffnungsvollen und idealistischen jungen Politiker darzustellen, der eine Welle von Begeisterung und Engagement insbesondere bei jungen, progressiven und nicht-weißen Menschen auslösen konnte, die dann auch Wähler und z.T. auch unterstützende Aktivisten wurden.
OBAMA präsentiert sich schon an dieser Stelle als den personifizierten „Anti-Trump“- obwohl dies natürlich an keiner Stelle so benannt wird. Er ist alternativ und cool – und gleichzeitig voll brennendem Eifer, seine Idealvorstellungen von einem „besseren“ Amerika durch aktives Einbringen in die reale Politik zu verwirklichen.
Die hier beschriebene Persönlichkeit, ihre Ideale und Ziele, dienen später im Buch – angesichts der Auswirkungen der Bürde des Amtes – immer wieder als Grundlage für vergleichende selbstkritische Betrachtungen.

Spätestens mit dem Beginn der Präsidentschaft bekommt der Text dann den Charakter eines erstaunlich akribischen Tagebuches, in dem abwechselnd formale Abläufe, aktuelle politische Projekte und Krisen, die tägliche Sisyphos-Arbeit in den zahlreichen Teams und Gremien, das zähe und frustrierende Geschacher um Mehrheiten, die Unerbittlichkeit der politischen Gegner, das Familienleben und persönliche Reflexionen Raum bekommen.
Das Ganze wird aus der Perspektive eines durch und durch sympathischen, wohlmeinenden, menschenfreundlichen und integren Menschen erzählt, der ganz sicher nicht ohne Schwächen, Fehler und Selbstzweifel ist, der aber mit einer geradezu unendlichen Energie um den jeweils besten Weg ringt – in einem unendlichen und oft unlösbaren Konflikt zwischen Wunsch und Machbarkeit.
Man kann diese (Selbst)Beschreibung natürlich mehr oder weniger fundamental in Frage stellen. Ich höre mir solche kritischen Stimmen gerne an – allerdings würde ich darüber gerne auf der Grundlage dieses Buches diskutieren (ich wäre gespannt, was dann von möglichen Pauschalvorwürfen noch übrig bliebe).

Was hat mich besonders beeindruckt?
– Es ist außerhalb einer solchen detaillierten Darstellung kaum vorstellbar, wie mühsam, zermürbend und langwierig politische Prozesse und Gesetzgebungsverfahren im amerikanischen Zweiparteien-System sind.
– Es erscheint geradezu unfassbar, in welchem Ausmaß man es in den beiden Kammern mit dummen, bornierten, ignoranten, egoistischen und machtgierigen Politikern zu tun hat, deren einziger Maßstab wirtschaftliche Vorteile für ihre Partei, ihr Klientel bzw. ihre jeweiligen Bundesstaaten und Geldgeber aus der Wirtschafts- und Finanzwelt sind.
– Es ist absolut faszinierend, so hautnah – aus authentischer Innensicht – mitzuerleben, wie ein „Gutmensch“ (das ist für mich ein Kompliment, kein Schimpfwort!) es immer wieder schafft, den realen (früheren und aktuellen) Mängeln und Verfehlungen zum Trotz an den grundsätzlichen Vorbildcharakter des amerikanischen Systems zu glauben und festzuhalten.
– Es ist sehr erhellend, die spalterische und geradezu bösartige Zielstrebigkeit weiter Teile der Republikaner so plastisch und nachvollziehbar vorgeführt zu bekommen – schon lange bevor sich Trump an ihre Spitze stellt.
– OBAMA beschreibt sehr realistisch (und durchaus selbstkritisch) seine Neigung, im Zweifelsfall letztlich immer auf Konsens und Kompromiss zusetzen; radikale Lösungen sind für ihn einfach nicht attraktiv („Ich bin idealistisch in meinen Zielen, aber eher konservativ in der Umsetzung“).
– Gut herausgearbeitet wird auch, welche Enttäuschungen es den eigenen Anhängern zumutet, wenn OBAMA immer wieder Kompromisse anbietet bzw. sich abhandeln lässt, um wenigstens bestimmte Grundzüge seiner angestrebten Agenda zu retten.
– Es rührt einen immer wieder an, mit welchem philosophischen und emotionalen Tiefgang OBAMA sich, seine Rolle, seine Familie und die Welt um sich herum betrachtet, wie er mit seinen Begrenzungen hadert und an seinen Möglichkeiten zweifelt, mit welchem Inbrunst er versucht, weiter ein toller, lässiger und kollegialer Typ zu bleiben.
– Überraschend gründlich gibt OBAMA einen historischen und inhaltlichen Nachhilfeunterricht zu den einzelnen Politikbereichen, internationalen Krisenherden und ausländischer Staaten und ihrer Repräsentanten; er erklärt tatsächlich den Amerikanern die Welt!

Da ich inzwischen zweifellos als OBAMA-Fan enttarnt bin, kann ich es mir wohl leisten, zum Abschluss ein paar ganz private Kritikpunkte zu formulieren:
– Manche Ausführungen sind für Leser/innen außerhalb der USA sicherlich zu kleinteilig. Kein Deutscher braucht all die Namen von Mitstreitern, Beratern und Mandatsträgern. Die Darstellung des Kampfes um die Gesundheitsreform („Obamacare“) ist zwar von ihrer endlosen Dynamik her lehrreich, überfordert aber irgendwann die Geduld eines Lesers, für den soziale Sicherungssysteme ein pure Selbstverständlichkeit sind.
– Dass ein so kluger, analytisch denkender und historisch gebildeter Mensch mit einer nicht-weißen Herkunft gleichzeitig so unbeirrbar patriotisch an die Ideale der Gründerväter, an die Verfassung, an den amerikanischen Traum und die heldenhafte Rolle der Streitkräfte als Verteidiger der Freiheit glaubt – das lässt einen schon manchmal den Kopf ein wenig schütteln. OBAMA sieht und erwähnt alle Probleme, leugnet die skandalösen Fehltritte der amerikanischen Politik nicht, verzweifelt selbst fast täglich an dem Politik-Geschacher – aber die Systemfrage stellt sich für ihn nicht.
– Ja – das Pathos ist OBAMA nicht fremd! Er weiß, wie man große Gefühle weckt, er bedient auch die Ehrfurcht vor den großen nationalen Symbolen und ist wohl manchmal selbst ergriffen von den Insignien seiner Macht (die Ausstattung des Weißen Hauses, die Air Force One, das gepanzerte „Beast“). Natürlich wäre er nicht OBAMA, wenn er all das nicht auch gleichzeitig kritisch reflektieren würde.
– Nein – der amerikanische Drohnenkrieg (gegen den internationalen Terrorismus) wird kaum thematisiert und erst recht nicht in Frage gestellt. Ich werde aufmerksam beobachten, ob das im zweiten Band passiert.

Ich komme zum Schluss:
Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieses Buch so dauerhaft fesseln könnte. Die Einblicke in die amerikanische Perspektive der Zeitgeschichte – hier insbesondere die Jahre ca. 2006 bis 2012 – sind einfach sensationell intensiv und detailliert.
Die Auseinandersetzung mit dem Menschen und Politiker OBAMA war für mich unglaublich spannend. Er war für mich der idealtypische Anti-Trump und wird es nach dem Studium dieses Buches mit Sicherheit bleiben.
Wer dieses Buch gelesen hat, ist wohl für alle Zeiten immun gegen pauschale Kritik nach dem Motto: „Der hat ja nur toll geredet und kaum was umgesetzt“.
Man kann dieses Buch nicht hören/lesen, ohne OBAMA gegenüber zumindest Respekt zu empfinden.

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