„Ferrara“ von Bert WAGENDORP

Bewertung: 3.5 von 5.

Wenn ein Buch als „Fortsetzung“ angekündigt und beworben wird, erscheint es angemessen, sich zunächst mit dem Ursprungs-Roman zu befassen: Er erschien unter dem Titel „Ventoux“ 2016 in Deutschland und handelte von einer sehr besonderen Jugendfreundschaft zwischen fünf Jungen und einem Mädchen und deren Wiederbegegnung 30 Jahre nach einem tragischen Ereignis.

In „Ferrara“ sind noch vier Freunde übrig, wiederum ein paar Jahre gealtert, um einige Illusionen ärmer und in jeweils spezifische Krisen verstrickt. Die Leidenschaft zum Rennrad-Fahren ist zwar immer noch eine Verbindung; sie steht aber in dieser Geschichte nicht mehr im Vordergrund.
Stattdessen verschlägt es den Trupp für einige Monate in die nord-italienische Stadt Ferrara, in der Joost (ein wegen Plagiaten gescheiteter Wissenschaftler) ein Designer-Hotel aufbauen möchte. Diese Rahmenhandlung wird angereichert durch die Auseinandersetzung des Ich-Erzählers Bart (inzwischen ein erfolgreicher Schriftsteller) mit der Entscheidung seiner Tochter Anna, ihre journalistische Karriere ausgerechnet in Syrien fortzusetzen. Andrè ist durch frühere Drogengeschäfte zu Geld gekommen und kann jetzt als Wohltäter auftreten, Davids Situation tritt dann im Schlussteil des Romans stark in den Vordergrund.
Die Handlungsfäden werden verwebt mit einer Menge Lokalkolorit: Geschichte und Kunst der Renaissance-Stadt bekommen genauso Raum wie Aspekte der italienischen Mentalität und Kochkunst.

Doch „eigentlich“ ist die Handlung nur die Basis für das tatsächliche Thema des Buches. Es geht um Freundschaft, genauer gesagt: um eine Jahrzehnte überspannende Männerfreundschaft zwischen Persönlichkeiten, die eine sehr prägende gemeinsame Jugend verlebt und sich dann zu sehr unterschiedlichen Charakteren entwickelt haben.
Der niederländische Erfolgs-Autor WAGENDORP lässt einen Anteil nehmen an diesem wechselvollen und immer wieder sehr emotionalen Spiel zwischen Nähe und Abgrenzung – bei dem letztlich Solidarität und Verbundenheit immer siegen.
Es ist schon eine deutlich männerlastige Sicht auf das Leben und das Älterwerden: (Rad)Sport, gutes Essen, stimmungsfördernder Alkohol und „Frauengeschichten“ bekommen ihren Tribut (ohne das es allerdings wirklich chauvinistisch wird).

Während beim Vorläufer-Roman („Ventoux“) der raffiniert konstruierte Spannungsbogen permanent spürbar ist, plätschert der aktuelle Plot doch eine ganze Weile ziemlich vor sich hin. Die dramatischen Ereignisse im letzten Viertel des Romans wirken nicht ganz so organisch eingeflechtet: Sie wirken ein bisschen gewollt – weil ja noch irgendwie etwas passieren musste…
Man muss allerdings einräumen, dass es der Autor wirklich sehr gut versteht, emotional aufgeladene Ereignisse auch literarisch auszukosten und zu zelebrieren: Da bleibt dann kaum ein Auge trocken…

Mein Tipp für diejenigen, die nicht sowieso nach „Ventoux“ genau wissen, ob sie mehr davon wollen: Einfach den älteren Roman zuerst lesen! Dann die Erwartung etwas dämpfen und entscheiden, ob man sich auf eine insgesamt eher entspannte Lektüre mit bekannten Protagonisten einlassen möchte, die aber nicht mehr ganz die Klasse des Vorläufers erreicht.

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