„Hybris“ von Johannes KRAUSE und Thomas TRAPPE

Bewertung: 2.5 von 5.

Als ausgewachsener Sachbuch-Fan kann ich mich kaum erinnern, einmal eine ähnlich schlechte Bewertung für ein offenbar erfolgreiches populärwissenschaftliches Buch abgegeben zu haben. Das liegt wohl daran, dass ich mich tatsächlich richtig geärgert habe.
Wie konnte es dazu kommen?

Es geht in diesem Buch um die Archäogenetik, Das ist ein recht moderner Zweig der Altertums-Forschung, der die bisherigen Methoden der Spurensuche und -auswertung um eine entscheidende Zutat bereichert hat. Seitdem das menschliche Genom entschlüsselt und serienmäßig lesbar ist, gelingt es nämlich immer häufiger, selbst jahrtausendealten Fossilien DNA-Informationen zu entlocken.
Das führt inzwischen dazu, dass mit einer unglaublichen Präzision erfasst werden kann, in welchem Umfang bestimmte genetische Anteile in der jeweiligen Probe stecken. So kann man z.B. auf das Prozent genau erkennen, wieviel „Neandertaler-DNA“ zu verschiedenen Zeiten und Orten in den Menschen steckten (wir haben heute noch ein paar Prozent in uns).
Beeindruckend ist auch, welche Aussagen selbst über die allerfrühestens Migrationsbewegungen der unterschiedlichen (Vor)Menschen-Typen möglich sind. Viel besser als früher kann man nachhalten, in welchen Etappen und auf welchen Wegen allmählich die Ausbreitung des Homo Sapiens auf unserem Planeten vonstatten ging – wer also wann und wie z.B. den amerikanischen Kontinent frühbesiedelt hat.

Das klingt doch alles total spannend! Was habe ich denn bitte da zu meckern?
Es sind zwei Dinge, die mich an diesem Buch wirklich nachhaltig stören:
Da ist einmal die verwirrende Darstellungsweise, in der man kaum einen didaktischen roten Faden erkennen kann. Am laufenden Meter werden einem immer wieder neue Jahreszahlen um die Ohren gehauen; dabei wird rücksichtlos zwischen ganz unterschiedlichen Zeiträumen hin- und hergesprungen. Zwischendurch weiß man dann manchmal gar nicht mehr, ob man sich gerade 5000, 200000 oder ein paar Millionen Jahre von der Gegenwart entfernt hat. Für jemanden, der nicht in der Materie steht, kann diese Art der Vermittlung nicht hilfreich sein. Das Ergebnis: Man ertrinkt fast in einem Meer von Fakten und Zahlen, oft ohne zu wissen, wo sich die Wasseroberfläche befindet.
(Ich gebe zu, dass möglicherweise das Medium des Hörbuches diesen Mangel noch verstärkt hat.)

Schon fast als Täuschung empfinde ich die Sache mit dem Titel! Mit dieser Anspielung auf die aktuelle Selbstüberschätzung („Hybris“) des Menschen wird der Eindruck erweckt (und so wird das Buch auch beworben), als ob die geschichtlichen Darstellungen eigentlich nur den Hintergrund dafür bilden würden, eine gegenwartsbezogene Analyse des menschlichen Scheiterns in Hinblick auf die aktuellen Herausforderungen auf diesem Planeten zu vollziehen. Doch beim Warten auf diesen (vermeintlichen) Höhepunktes des Buches stellt sich irgendwann eine quälende Ungeduld ein. Wenn von den sechs Vorlese-Stunden schon deutlich über fünf vergangen sind, kann die Auseinandersetzung mit der aktuellen Situation wohl nicht mehr ganz zentral werden.
Letztlich kommen sie dann, die Betrachtungen des Ist-Zustandes: Insbesondere die Pandemie, der potentielle Atom-Overkill und die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlagen durch den (genetisch eingebrannten?) Wachstums-Wahn erinnern – so die Autoren – schmerzhaft daran, dass wir alle nicht über der Natur stehen. Ob die Selbstausrottung durch die Potentiale der KI oder eine Flucht auf andere Planenten verhindert werden könne?

Das Ganze in drei Sätzen:
Die Verbindung von Archäologie und modernster Genetik schafft faszinierende Möglichkeiten.
Auch interessierte Laien sind durch Menge und Darstellung der Details überfordert.
Über die möglichen Schlussfolgerungen für die heutige Lage der Menschheit hätte man gerne mehr gelesen.

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