„Ideen um das Ende der Welt zu vertagen“ von Ailton KRENAK

Bewertung: 4 von 5.

Alles an diesem Buch ist ungewöhnlich: der Titel, der Autor, der Inhalt.
Die Verbindung zu den aktuellen Mainstream-Publikationen besteht darin, dass es in dieser Sammlung von Aufsätzen und Vorträgen im weiteren Sinne auch um Nachhaltigkeit und Klimawandel geht.
Die Perspektive könnte aber unterschiedlicher kaum sein.

Möglich wird dieses Buch dadurch, dass hier eine Person (der Autor) sich in zwei parallelen Welten bewegt und auskennt, zwischen denen es in der Regel kaum einen Austausch gibt.
KRENAK ist Teil einer indigenen Völkergemeinschaft, die in abgelegenen Ecken Brasiliens eine weitgehend ursprüngliche Lebensweise pflegt. Er kennt das Selbst- und Welterleben solcher „Naturvölker“ aus unmittelbarer Anschauung und fühlt sich ihr bis heute verbunden und zugehörig.
Gleichzeitig kennt der Autor das, was wir „Zivilisation“ nennen. Er kennt die Themen, die Ideologien, die Wirtschaftsweise, die Medien. Man bekommt sehr schnell das sichere Gefühl, dass KRENAK jederzeit wechseln könnte – z.B. in das stylisches Büro eines alternativen Verlagshauses oder in das Management einer Non-Profit-Organisation. Er kennt die Spielregeln, er könnte jederzeit mitspielen.

Der Autor will aber nicht mitspielen. Denn er ist sicher, dass WIR das falsche Leben führen.
Er will uns zwar aufklären, aber nicht missionieren. Sein Ziel (bzw. sein Anspruch) ist es nicht, die Welt zugunsten seiner Überzeugungen zu verändern.
KRENAK ist bescheiden: Es würde ihm reichen, wenn man die paar übriggebliebenen Restbestände einer naturnahen Lebensweise schlicht und einfach in Ruhe lassen würde.
Das wären wir – seiner Überzeugung nach – nicht nur den betroffenen Menschen schuldig, sondern es wäre auch ein Geschenk an die gesamte Menschheit. So wie es dumm und leichtsinnig ist, dem großen Artensterben bei Pflanzen und Tieren tatenlos zuzuschauen, so würde mit dem endgültigen Untergang einer alternativen Lebensweise ein großer Schatz an Erfahrungen und Erkenntnissen für immer verloren gehen.

Was ist das für ein Schatz, dessen Erhaltung der Autor sein Leben gewidmet hat?
Beschrieben wird er als eine Form des Eingebundenseins in die Natur, die in fundamentalem Gegensatz zur all dem steht, was wir als wissenschaftlichen und technologischen Fortschritt bezeichnen.
Konkret bedeutet das z.B., dass nicht nur Mitgeschöpfe, sondern die gesamte Natur (auch Berge, Flüsse, die Erde insgesamt) als lebendige und beseelte Einheiten gesehen und erlebt werden. Der Gegensatz „hier der Mensch, dort die Natur“ ist nicht nur gedanklich, sondern auch im emotionalen Empfinden vollständig aufgelöst.
Ziele wie Naturbeherrschung, Eigentum oder Reichtum werden nicht etwa abgelehnt – sie sind einfach völlig unbekannt. Es geht nicht um Entwicklung irgendwo hin, sondern um schlichtes, ursprüngliches Sein. Tanzen statt Konsum.

Natürlich müssen wohl letztlich alle Versuche scheitern, diese Weltsicht in unsere Sprache zu übersetzen. Aber dieses Buch stellt einen ernsthaften Versuch dar, genau dies zu tun.
Das ist informativ und anregend. Es ist auch dann ein Geschenk an uns „Westler“, wenn schnell klar wird, dass hier kein Modell für die anstehende Transformation zur Nachhaltigkeit ausgebreitet wird. Zu diesem Naturerleben, zu dieser archaischen Lebensweise können wir nicht mehr zurück. Wollen wir auch nicht. Müssen wir auch nicht.
Aber dieser Blick auf ein ganz anderes Menschsein könnte dabei helfen, bestimmte Blockaden zu überwinden, vermeintliche Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen.
Angesichts dieses hier gezeigten Gegenpols erscheinen die Auseinandersetzung darüber, ob zur Schonung unserer Umwelt tatsächlich Fleisch, Autofahren und Flugreisen teuer werden dürfen als hirnlose Banalitäten.

Ein Denkanstoß aus einer unbekannten Welt.

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