Jetzt zurückhaltend regieren?

Seit einigen Minuten ist es amtlich: Der nächste Präsident heißt Biden.

Ich will hier und heute kein einziges Wort über die Vorgänge des letzten Tages verlieren. Ich werde auch nicht über Trump schimpfen und darauf herumreiten, dass doch jede/r wissen konnte, um welche Sorte von Person es sich handelt.

Was mich antreibt sind die ersten Kommentare und Ratschläge in deutschen Medien, die davor warnen, dass die neue Regierung von ihrer Macht zu stark gebrauch machen könnte.

Mir verschlägt es die Sprache!

Wir hatten mit Obama einen Präsidenten, der acht Jahre lang versucht hat, die Spaltung des Landes zu überwinden. Er hat – insbesondere in der ersten Amtszeit – auf die Durchsetzung von Zielen seiner Partei verzichtet, um eine größtmögliche Kooperationsbasis zu schaffen. Er hat eher gemäßigte und konservative Leute in seinen Stab geholt, um den Republikanern die Zusammenarbeit zu erleichtern.
Das Ergebnis: Eine Radikalisierung dieser Partei, der es durchweg nicht mehr um inhaltliche Ziele, sondern um ein Scheitern dieses zutiefst abgelehnten Präsidenten ging.

Jetzt stehen wir am Ende von vier Jahren, in denen Polarisierung um jeden Preis zur offiziellen Regierungspolitik wurde und wir im Moment gerade froh sind, wenn ein gewählter Präsident ohne Bürgerkrieg ins Amt gelangen kann.

Und jetzt sollen die Demokraten darauf verzichten, demokratische Politik zu machen, um das Land wieder zu einen?!
Wie lange soll man denn „mehr desselben“ tun? Wie lange soll noch die eine Hälfte der anderen hinterher rennen, die gleichzeitig immer weiter in die Extreme läuft?
Selbst wenn man so edel und moralisch wäre, die Kompromissbereitschaft immer nur von der einen Seite her anzubieten: Es hilft ja nicht!!!

Ich würde es für richtig halten, einem alternativen Politik- und Gesellschaftsmodell endlich auch Raum zu geben, es sichtbar werden zu lassen. Dass das ausgerechnet in den USA zu radikal werden könnte, ist doch ein völlig absurder Gedanke. Gerne kann man dabei auf Triumphgeheul und Provokationen verzichten.
Aber es kann doch nicht angehen, dass der Trumpismus jetzt weitere vier Jahre in abgeschwächter Form weitergeführt wird, wegen des – zum Scheitern verurteilten – Versuchs, seine Wähler rücksichtsvoll und sanft einzupflegen, sie nur nicht aufzuregen.
Viele dieser Menschen wird man nicht einfangen können. Man kann Ihnen nur dadurch den Einfluss nehmen, dass neben Ihnen eine andere Gesellschaft mit anderen Werten entsteht und funktioniert.
Und dazu muss dann auch die vorhandene Macht eingesetzt werden.

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