„Lieben heißt wollen“ von Holger KUNTZE

Bewertung: 3.5 von 5.

Der Paartherapeut KUNTZE verfolgt mit seinem Buch eine Mission. Er kämpft für die – oft übersehene oder als langweilig belächelte – Alltagsliebe.
Ich möchte mich zuerst dem – schon etwas ungewöhnlichen – Aufbau des Buches zuwenden, um mich dann in einem zweiten Schritt bestimmten Inhalten zuzuwenden.

Doch vorweg etwas zum Stil des Textes: Der Autor positioniert sich ganz nahe am Leser bzw. an der Leserin, spricht ihn/sie immer wieder direkt an, motiviert und appelliert.
Es ist ein Ratgeber-Buch – und genau so versteht KUNTZE auch seine Rolle. Sprachlich wechselt er zwischen der direkten Ansprache und dem solidarischen „Wir“; zwischendurch übernimmt er dann die Funktion des Informationsvermittlers und Erklärers.

Es überrascht, wenn ein Ratgeber von ca. 230 Seiten die ersten 70 Seiten für Abgrenzungsfragen benutzt. KUNTZE (er)klärt nämlich zunächst die Bedingungen, die für das eigentliche Arbeiten mit diesem Buch vorliegen sollten:
– Der Partner sollte kein Suchtproblem haben, keine Störung der emotionalen Impulskontrolle haben, nicht passiv-aggressiv und kein Narzist sein.
– Die Partner sollten biographische Ausgangslagen bzw. grundlegende Beziehungsziele haben, die grundsätzlich miteinander kompatibel sind.
– Sie sollten miteinander zu vereinbarende Vorstellung von Nähe/Autonomie und Stabilität haben.
Was KUNTZE aber – sozusagen als Motto oder Warnung – über alles stellt: Wer auf der Suche nach der ewigen Verliebtheit ist, den immer neuen rauschhaften Kick sucht und all das mit Hilfe dieses Buches in seine Dauerbeziehung integrieren möchte, der/die braucht erst gar nicht zu beginnen; das Scheitern wäre unvermeidlich.

Im eigentlichen Arbeitsteil des Buches geht es um die Veränderung von Einstellungen, die Bewusstmachung von Zielen bzw. Werten und das Ermutigen zu neuen Verhaltensoptionen. Kurz gesagt: Der Autor will sein Publikum zu kompetenteren Beziehungspartnern machen – was dann wiederum zu einer höheren Zufriedenheit führen soll.
Auf dem Weg dahin werden Teilaspekte von Liebesbeziehungen (Leidenschaft, Gemeinschaft, Freundschaft) besprochen, die verschiedenen Ebenen der Begegnung (Körper, Handlung, Sprache) erklärt, eindrücklich auf die Normalität von Unterschiedlichkeit zwischen den Partnern hingewiesen. In den Abschlusskapiteln geht es um Kommunikation und Sexualität.
Der Autor bietet zu allen relevanten Punkten Übungen an, die insbesondere in Form von Selbstreflexion (als Antwort auf bestimmte Fragen) stattfinden. Immer dann, wenn es um das Finden von verschiedenen Möglichkeiten geht , stellt er eine bemerkenswerte Zahl von Beispiel-Alternativen zur Verfügung.

Dieser Beziehungs-Ratgeber kann vor allem den Paaren Mut machen und sie aktivieren, die sich angesichts ihres unspektakulären Alltags eher auf der Verliererseite fühlen. Beim Lesen dieses Buches muss man sich nicht mit den Traumpaaren aus Hollywood messen. KUNTZE macht die leisen und beständigen Dinge groß: Verlässlichkeit, stabile Zuwendung bzw. Unterstützung und vor allem ein tiefes freundschaftliches Interesse am Wohlergehen und am Wachstum des/der anderen. Der Autor traut sich, Verzicht und Selbstbeschränkung als Tugenden zu benennen und einzufordern. Klingt nicht besonders modern, ist aber sicher nicht verkehrt.

Mir ging – um den wichtigsten Kritikpunkt anzusprechen – die Abgrenzung zwischen „Verliebtheit“ (als Gefühl) und „Liebe“ (als Entscheidung) ein wenig zu weit. Zwischendurch beschlich mich beim Lesen das Gefühl, dass kaum noch zwischen „Beständigkeit“ und „Liebe“ unterschieden wird. Nicht jeder „ruhige Fluss“ ist auch ein Strom der Liebe, und die Sehnsucht nach mehr Intensität ist nicht immer eine naive Illusion in Richtung ewiger Verliebtheit. Da gibt es noch ein paar Zwischentöne…
Der Autor formuliert außerdem manchmal etwas sehr bestimmt. Er liebt Struktur und Klarheit und erweckt hin und wieder den Eindruck, als ob seine Kategorien Wahrheitsrang besäßen. Eine Prise Selbstbescheidenheit könnte da helfen…

Das ändert nichts daran, dass KUNTZE hier einen hilfreichen und sensibel geschriebenen Ratgeber vorlegt, der sich auf eine angenehme Art dem Optimierungswahn widersetzt. Gerade Partnerschaften, die schon „in die Jahre“ gekommen sind, können sich aufgewertet fühlen und finden jede Menge Anregung, die Paar-Zufriedenheit zu vergrößern.

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