„Maschinen wie ich“ von Ian McEvan

Ich dachte: „Ein Geschenk des Himmels!“ (was für mich bedeutet: „ein toller Zufall“).
Dieses Buch begegnete mir, als ich mich – in einem ganz anderen Kontext – gerade mit der spannenden Frage nach dem Zusammenhang zwischen neurologischen Prozessen im Gehirn und dem „Ich-Bewusstsein“ beschäftigte. Für mich ist das übrigens eine der grundsätzlichsten und aufregendsten Fragen überhaupt.

Nun also ein Roman genau zu diesem Thema! Die Motivation konnte kaum größer sein.

McEvan (von dem ich schon den Roman „Kindeswohl“ gelesen hatte) setzt sich mit der Bewusstseinsfähigkeit von KI (Künstlicher Intelligenz) auseinander. Praktischerweise hat diese KI die Form eines ersten Super-Roboters angenommen, der nach seiner Betriebsaufnahme schon bald nicht mehr von einem normalen Menschen zu unterscheiden ist (wäre da nicht diesen Aufladekabel am Bauch…).

Ich sollte erwähnen, dass der Roman eine recht wilde Mischung von Genres beinhaltet: ein bisschen Science-Fiktion, ein bisschen Wissenschaftsbuch, ein bisschen Liebesroman, ein bisschen Satire, ein bisschen Gesellschaftskritik, ein bisschen Zeitgeschichte, …
Dieser Facettenreichtum macht sowohl die Beschreibung als auch die Bewertung des Textes ein wenig kompliziert.

Es gibt für all das eine Rahmenhandlung. Die hat mit einem jungen Paar zu tun, das Anfang der 80-iger Jahre in London lebt. Der IT-Mann ist ausgestiegen, hält sich mit kleinen Börsenspekulationen über Wasser und investiert seine Erbschaft in einen der ersten Maschinen-Menschen.
Von da an wird das Leben auf mehreren Ebenen komplex und aufregend. Das kann eben passieren, wenn das einprogrammierte Bewusstsein des Androiden mit der realen Welt der Menschen konfrontiert wird…

In dem Roman steckt ein ganzes Potpourri von kreativen und amüsanten Ideen. Man wird ohne Zweifel niveauvoll unterhalten.
Geboten wird aber auch echte Technikgeschichte – insbesondere durch das Zusammentreffen mit dem PC-Pionier Alan Turing (von dessen Erfindungen man eine Menge erfährt).
Ein besonderer Gag liegt auch noch darin, dass zwar Ereignisse der Zeitgeschichte erwähnt werden, die Abläufe und Ergebnisse aber in entscheidenden Punkten auf den Kopf gestellt werden.
Damit das alles in die Zeit passt, wird die IT-Entwicklung einfach um ein paar Jahrzehnte vorverlegt (man ist damals also etwa auf dem Stand, den man vielleicht 2035 erwarten kann).

Was vielleicht deutlich wird: Es warten viele ganz unterschiedliche Aspekte und Themen – wobei ich die eigentliche Handlung ja noch gar nicht erwähnt habe…

Das Beste wäre wohl, mit möglichst wenig konkreten Erwartungen an dieses Buch heranzugehen. Vor allem nicht mit der Erwartung, ein irgendwie geschlossenes und kohärentes Ganzes vorzufinden.
Vor allem sollte man auf keinen Fall ein – auch nur in Ansätzen – befriedigendes Ende erhoffen.

Mit dieser Gelassenheit ausgestattet kann man dieses Buch tatsächlich genießen. Es ist lustig, anregend, tiefsinnig.
Und dann schiebt man einfach den Gedanken zur Seite, dass McEwan all diese tollen Ideen vielleicht sogar noch zu einem besseren Buch hätte verarbeiten können.
Er hat nun mal dieses geschrieben.
Und es lohnt sich, es zu lesen.

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