„Mister Aufziehvogel“ von Haruki MURAKAMI

Eine schwierige Aufgabe: Wie schreibt man eine angemessene Rezension, wenn man das Buch eines Lieblingsautors ziemlich schlecht findet.
Es hilft nichts: Man muss sich der Realität stellen.

Ich habe die unnachahmliche Art von Murakmi, Romane zu schreiben, schon mehrfach beschrieben (zuletzt hier). Es hat immer etwas damit zu tun, dass eine zweite Ebene sich in eine zunächst oft belanglose Alltagswelt schiebt. In dieser Ebene gelten die physikalischen Grundgesetze nicht mehr; Realität, Traum und Fantasie vermischen sich genauso wie gewöhnliche Lebensräume sich mit abstrusen örtlichen Gegebenheiten abwechseln. Erstaunlich oft sind das übrigens unterirdische Höhlen, Brunnen oder Schächte. In diesem Roman sind die Brunnen der absolute Hit…

Auch in dem Aufziehvogel wird zunächst eine unspektakuläre Welt beschrieben. Die eines jungen Ehepaares, das auf keiner Ebene das Zeug mitzubringen scheint, einen langen Roman mit Inhalt füllen zu können. Es riecht nach Banalitäten; es wir gekocht und Kleidung von der Reinigung abgeholt.
Aber innerhalb weniger Tage füllt sich das Leben des männlichen Protagonisten (und Ich-Erzählers) mit einer ganzen Anzahl von – teilweise völlig skurrilen – Personen, die verblüffend viele Bezüge zu dem Bruder seiner Frau aufweisen. Ein Bruder, der im Laufe des Romans vom Unsympathen zum Hassgegner wird.

Ich will erst gar nicht anfangen, die Handlungsfäden aufzuzählen, die sich im Laufe der Zeit zu einem fast undurchdringlichen Knäuel verstricken und dabei immer stärker in die „Schattenwelt“ abdriften, in der alle möglichen Grenzen zerfließen.

Ich bin normalerweise sehr tolerant, wenn es Murakami mal zu doll treibt mit seinen Verrücktheiten; das ist irgendwie eingepreist – weil man ja dafür auch etwas Besonderes bekommt.
Für mich funktioniert das bewährte Modell aber bei diesem Roman nicht.
Das hat folgende Gründe:
– Es gibt im Aufziehvogel extrem minutiöse Schilderungen von sadistischer Gewalt (das wertet für mich jedes Buch ab, grundsätzlich).
– Mir fehlt ein Thema, das mich auf einer persönlichen Ebene berührt oder betrifft (es geht inhaltlich viel um die japanische Militärgeschichte des 2. Weltkrieges).
– Das surreale Spiel mit den unterschiedlich Erzählebenen und die immer neuen Absurditäten haben mich in dieser Geschichte irgendwann nicht mehr fasziniert oder unterhalten, sondern nur noch genervt. Es ist einfach zuviel des Guten.

Vielleicht reichte diesmal mein literarisches Verständnis nicht. Vielleicht habe ich übersehen, welch vielsagenden Metaphern in diesem Roman bedeutende Aussagen über unsere Welt machen. Kann alles sein.

Ich empfehle diesen Murakami jedenfalls nicht.
Das nächst Mal, wenn ich ein Buch beim ersten Durchgang abbreche, werde ich diesem Gefühl trauen und auf den zweiten Versuch verzichten.


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