„Morgenstern“ von Karl Ove KNAUSGÅRD

Bewertung: 3 von 5.

Wenn man es mal ganz unverblümt benennen wollte: In gewisser Weise ist dieser Roman eine groß angelegte Täuschung!
In der ersten Hälfte suggeriert der Autor der potenziellen Leserschaft, dass es um eine psychologisch tiefgründige Analyse einiger Protagonisten geht, die in ihren Lebenskonstellationen (als Journalisten, Krankenschwester oder Pfarrerin) mit verschiedenen existentiellen Herausforderungen beschäftigt sind und dabei in mehr oder weniger große Widersprüche geraten. Dabei geht es sowohl um innere psychische, als auch um beziehungsbezogene Spannungen und Konflikte.
Im weiteren Verlauf verlässt der Autor – sozusagen schleichend – die Ebene von Handlungen und Erzählsträngen und wendet sich immer stärker der mikroskopischen Feinanalyse einzelner Situationen, den innerpsychischen Prozessen (einschließlich längerer abstrakter, u.a. religiöser Reflexionen) und schließlich auch (in sich abgeschlossenen) Traumepisoden zu. Zuletzt löst sich die Romanstruktur fast vollständig auf und führt zu einem längeren Traktat über die Beschaffenheit des Todes (wobei der Zusammenhang mit der „Handlung“ völlig aufgegeben wird).
Natürlich sucht man als Leser/in nach einer Verbindung zwischen dem allen. Man findet sie in dem Thema „Tod“.

Der Autor ist ein tiefgründiger Mensch, der auf der einen Seite ganz tief im christlichen Glauben verankert ist; gleichzeitig erlebt er sich als einen aufgeklärten, wissenschaftsaffinen und genussorientierten Menschen, dem rationales Denken und Argumentieren keineswegs fremd ist. Dieses Spannungsfeld stellt letztlich den Hintergrund für dieses insgesamt recht sperrige und inhomogene Buch dar.

Während der Autor einerseits durch sein durchaus differenziert und brüchig gezeichneten Figuren deutlich macht, dass er (so springt es einen zumindest an) ein passionierter Raucher, dem Alkohol zugetan und an Sex auch nicht gerade desinteressiert ist – zeigt er auf der anderen Seite sein tiefes Bedürfnis, das Mysterium des Todes so lange zu ergründen, bis da doch ein Licht am Horizont zu leuchten scheint. Es rührt einen geradezu an, mit welcher intellektuellen Energie und Akribie KNAUSGÅRD philosophische, religiöse und historische Quellen und Orte ausleuchtet – immer auf der Such nach der kleinen Lücke, die ihm die Chance gibt, sich dem rational erkannten biologischen Gegebenheiten doch noch irgendwie zu entwinden.
Man könnte also sagen: Der Tod ist das Lebensthema des Autors und seine emotionale Weigerung, die eigene (irgendwie ja auch als zwangsläufig erkannte) Endlichkeit wirklich zu akzeptieren, ist offenbar die zentrale Triebfeder seines Schaffens.

Noch ein Wort zum Titel des Buches: Der Morgenstern, der sich als unerklärbares astronomisches Phänomen in Alltagsleben der Protagonisten schiebt, ist für den Autor insgesamt ein religiöses Symbol für einen Neubeginn oder Übergang in ein anderes Zeitalter. Auch ein paar andere ungewöhnliche Phänomene sind Zeichen dafür, dass sich Gewissheiten und Naturgesetzlichkeiten auflösen. Da passt es doch auch irgendwie, dass sich auch dieser Roman und seine Handlungen immer weiter zerbröseln…
Man kann das Ganze natürlich als eine raffiniert angelegtes literarisches Kunstgebilde ansehen, mit der der Autor kreativ und mutig die üblichen Grenzen einer Romanerzählung sprengt. Man kann allerdings auch mit einigem Recht irritiert sein, wie hier eine Erzählung sehr lebendig und lebensnah startet und in sehr subjektiven philosophischen und religiösen Betrachtungen endet.

Zu empfehlen ist es das Buch wohl nur Menschen, die eine Offenheit gegenüber tiefgründigen anthropologischen und religiösen Betrachtung haben und vielleicht auch selbst von dem Bedürfnis getrieben werden, dem rational-naturalistischen Weltbild etwas entgegenzusetzen, was den eigenen, allzu menschlichen, emotionalen Bedürfnissen mehr schmeichelt.
Der Versuch, sozusagen mit den Mitteln von Wissen, Logik und Vernunft die Vorstellung vom „ewigen Weiterleben“ doch noch hoffähig zu machen, kann auch in diesem Buch nicht überzeugen.

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