„Noise“ von Daniel KAHNEMANN u.a.

Bewertung: 3 von 5.

Das Wichtigste vorweg: „Noise“ ist keine Aktualisierung, Vertiefung oder Fortsetzung des – inzwischen als Klassiker bewerteten – Welterfolgs (über die zwei grundsätzlich verschiedenen Denkmuster). Die aktuelle Veröffentlichung KAHNEMANNS (die Mit-Autoren sind jeweils auch gemeint) richtet sich an ein spezielleres Publikum: Es werden gezielt Entscheider aus Wirtschaft, Verwaltung und Justiz angesprochen; es geht weniger um die Erkundung allgemeiner psychologischer Grundprozesse, sondern um die reale und konkrete Verbesserung von Urteilen und Entscheidungen.
Das große Ziel dieses Buches liegt darin, bestimmte Sorten von Fehlern zu erkennen und zu eliminieren – Fehler, die zu wirtschaftlichen Verlusten, Ungerechtigkeiten oder zu sonstigen (z.B. gesundheitlichen) Nachteilen führen.
Der Praxisbezug dieser Abhandlung macht sich schon an der Auswahl der Bereiche fest, die einer näheren Analyse unterzogen werden: es geht um die Festlegung angemessener Versicherungspolicen, um die (skandalöse) Uneinheitlichkeit von Gerichtsurteilen, um Personalauswahl, um die Bewertung von Unternehmen oder Produktplänen und um Beurteilungen von Leistungen auf verschiedenen Gebieten.

Dieses Buch – und das ist sicher KAHNEMANN-typisch – geht extrem strukturiert und didaktisch vor. Es beginnt also damit, unterschiedliche Fehlertypen zu differenzieren bzw. zu definieren. Die wichtigste Weichenstellung wird zwischen den BIAS- und NOISE-Fehlern vorgenommen: Während ein Bias durch eine systematische Urteils- oder Entscheidungsverzerrung (z.B. durch stabile Vorurteile gegenüber bestimmten Gruppen) zustande kommt, entsteht Noise durch Zufallsabweichungen (die natürlich im Laufe des Buches noch genauer analysiert und kategorisiert werden).
Ein Hauptanliegen der Autoren liegt darin, nicht nur das (erstaunlich große) Problem des Noise (also der Zufallsfehler) zu benennen, sondern sich auch mit der (ebenfalls bemerkenswerten) Tendenz zu befassen, die Existenz bzw. Bedeutung dieser Fehler zu übersehen, zu leugnen oder herunterzuspielen. Das hat offensichtlich auch eine Menge psychologischer Gründe: Vorgesetzte und Experten überschätzen die Güte Ihrer Urteilskraft und empfinden oft Entwicklungen in Richtung „Objektivität und Standardisierung“ als eine Art Selbstwertbedrohung.
Im letzten Teil des Buches konzentriert sich das Autoren-Team dann tatsächlich ganz auf die systematische Bekämpfung von Noise in Unternehmen und Verwaltungen und schlägt dazu auch standardisierte Verfahren vor. In diesem Zusammenhang spielen besonders Regeln und Algorithmen eine Rolle, die als Gegengewicht zu subjektiven und intuitiven Entscheidungsmustern eingebracht werden.
(Die Vermutung, dass solche Beratungsangebote auch gutes Geld einbringen, ist sicher nicht weit hergeholt).

Als Leser/in dieses Buches braucht man sich keine Sorgen zu machen, unterwegs den Anschluss zu verlieren. Das ist die freundliche Formulierung. Man könnte auch sagen: Es wäre hilfreich, eine hohe Redundanz-Immunität zu besitzen!
Nach einigen Stunden, kann man bestimmte Begriffe oder Formulieren tatsächlich kaum noch hören (ich konsumierte Noise per Audio). Dieses Buch ist ein Beispiel dafür, dass amerikanische Sach- bzw. Fachbücher oft sehr gut verständlich geschrieben sind, dies aber häufig einen recht hohen Preis hat: Wiederholungen bis zum Gehtnichtmehr.

Bei der Gesamtbewertung kann die Nutzergruppe nicht außen vor bleiben:
Für Entscheider/innen und ihre Berater/innen könnte sich Noise zu einem Standardwerk der angewandten Wirtschaftspsychologie entwickeln. Die zahlreichen Praxisbeispiele stellen eine Fundgrube für diejenigen dar, die Abläufe standardisieren und den Output weniger anfällig für subjektive Ausreißer machen wollen. Vermutlich wird die „Noise-Reduzierung“ schnell zu einem festen Bestandteil von Unternehmensberatung werden.
Spannend wird in dem Zusammenhang sein, ob auch die – durchaus vorhandenen – Warnhinweise hinsichtlich möglicher ungewünschter Effekte einer „Noise-Vernichtungs-Kultur“ berücksichtigt werden.
Für den interessierten Laien, der auf den Spuren des Vorgängerwerkes weiterwandeln möchte, ist Noise nur sehr bedingt zu empfehlen. Es geht einfach zu sehr in Details, die man außerhalb der beschriebenen Systeme nicht wirklich braucht. In diesem Fall reicht es völlig aus, sich mit dem Grundgedanken des Buches vertraut zu machen (vielleicht in einer etwas inhaltsreicheren Rezension als dieser).

Meine Konsequenz: Ich lese gerade mit großem Vergnügen „Schnelles Denken, Langsames Denken“! (Das hätte ich gleich tun sollen).

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