„Novozän – Das kommende Zeitalter der Hyperintelligenz“ von James LOVELOCK

Warum lese ich ein (dünnes) Buch von einem Menschen, der im Alter von 99 Jahren (inzwischen ist er 101 Jahre alt) sehr gewagten Thesen zur Weiterentwicklung des menschlichen Lebens in Form von „Cyborgs“ (also nicht-biologische Maschinen mit künstlicher Intelligenz, KI) aufstellt?
Diese Frage ist wirklich berechtigt.

Ich könnte es mir leicht machen: „Das Buch fiel mir in der Buchhandlung auf und die angelesenen Stellen klangen spannend; es war jemand dabei, der mir das Buch spontan schenkte.“ Das wäre keine falsche, aber eine eher oberflächliche Antwort.

Gucken wir vom Inhalt aus: Mich interessieren Zukunftsszenarien schon eine ganze Weile. Deshalb lese ich z.B. die Bücher von HARARI , YOGESHWAR , PRECHT und vielen anderen. Dabei finde ich auch die Visionen anregend, die über die aktuell erreichte Evolutionsstufe des Menschen hinausgehen und diverse potentielle Weiterentwicklungen ins Auge fassen. In diese Richtung denken z.B. Vertreter des Trans- oder Posthumanismus, die die Ergänzungen des Menschen durch (integrierte) technische Apparaturen oder eine systematische genetische Optimierung für möglich und für erstrebenswert halten.

Und der Autor? Tatsächlich fand ich die Mischung von „Steinalt-Sein“ mit „Cyborg-Visionen“ interessant. Als mir dann noch klar wurde, dass der britische Multi-Wissenschaftler LOVELOCK ein Mitbegründer der „Gaia-Theorie“ ist, in der unser gesamter Planet als ein sich selbst steuernder lebendiger Organismus betrachtet wird, konnte ich meine Neugier nur noch schlecht zügeln.

Das Buch ist nicht leicht zu verdauen. Es hat verschiedene Stränge, die sich z.T. an der Menschheitsgeschichte (vor allem der letzten 300 Jahre, also dem Zeitalter des „Anthropozäns“) abarbeiten, aber auch am Lebenswerk des Autors orientiert sind. Letzteres ist nicht nur durch sein oft zitiertes „Gaia-Modell“ geprägt, sondern durch einige Erfindungen, die in der Raumfahrt zur Anwendung kamen; so steht z.B. ein von ihm entwickeltes Messinstrument auf dem Mars.

Kommen wir mal zur Kernthese – denn alles andere sind letztlich Nebenschauplätze.
LOVELOCK ist überzeugt davon, dass wir Menschen durch die technische Entwicklung der letzten Jahrhunderte – insbesondere aber durch die explodierende Computer-Technologie – die Voraussetzungen dafür geschaffen haben, zum Geburtshelfer einer neuen, nicht-biologischen Lebensform mit unvorstellbaren Intelligenzpotentialen zu werden.
Seine Prognose ist, dass die Menschheit eine gewisse Zeit parallel zu diesen „KI-Wesen“ existieren wird, weil man das gemeinsame Interesse an einer Verhinderung der lebensvernichtenden Aufheizung unseres Planeten hat. Mittelfristig werden die Cyborgs uns aber nur noch brauchen, um uns in ihren Museen auszustellen (falls es dieses kulturelle Interesse bei Ihnen geben sollte). Ihr eigentliches Ziel ist aber einerseits der Selbsterhalt (in sofern sind sie gelehrige Schüler der Evolutions-Logik), auf der anderen Seite gibt es so etwas wie die „Tendenz zur puren Information“ (meine Formulierung, nicht mit dem Autor abgestimmt). Damit ist gemeint, dass die im ganzen Universum – und natürlich auch im organischen Leben – steckende Information zu entschlüsselt und bewahrt werden soll.

Uff! Manche haben sicher schon mehrfach die Augen verdreht oder das Lesen ganz eingestellt. Manch einer wird vielleicht denken: „Irre, dass der Typ in diesem Alter nach so starkes Kraut raucht!“ (Ich kenne mich damit übrigens gar nicht aus).
Und tatsächlich: LOVELOOK macht es einem an einigen Stellen wirklich leicht, ihn als Phantasten abzustempeln und zum schnöden Alltag zurückzukehren.
Ich versuche es trotzdem noch ein wenig weiter…

In gewisser Weise ist der Autor ein früher und prominenter Klima-Warner. Er sieht die Bedrohung durch die Aufheizung unseres Planeten als noch bedrohlicher als es die aktuellen Aktivisten formulieren. Für ihn spielen dabei insbesondere die Prozesse in den Weltmeeren eine entscheidende Rolle (was er natürlich alles erklärt). Die Gefahr ist für ihn so groß, dass er dagegen die Risiken der Atomenergie für vernachlässigbar beurteilt.

Auch zu manchen anderen Dingen hat der sehr alte Mann dezidierte Meinungen, die er engagiert und gut begründet kundtut: So hält er die angedachte Besiedelung des Mars für eine ziemlich dösige Idee, die nur von einem weiteren dringend notwendigen Verständnis unseres eigenen Planeten ablenkt. Er hält den Kampf der Grün-Bewegten gegen Plastik für ziemlich hirnrissig. Der Autor sieht gute Chancen, dass die technischen Möglichkeiten der Menschheit schon sehr bald ermöglichen, gefährliche „Angriffe“ von Meteoriten abzuwenden.
Realistischer Weise sieht LOVELOCK in der Entwicklung von super-intelligenten Waffensystemen eine große Gefahr. Er geht aber davon aus, dass es doch der „Überlebenswille“ auch unserer Nachfolger groß genug sein wird, die Selbstauslöschung zu verhindern.

Kann man nun den Grundannahmen des Autors etwas entgegensetzen – ohne jetzt selbst ein Ausnahmedenker bzw. -wissenschaftler sein zu müssen?
Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, wäre das eine mindestens fünfstündige Diskussion zwischen LOVELOCK und PRECHT (oder wenigstens einen schriftlichen Austausch mit gegenseitigen Bezügen). Unser deutscher Star-Philosoph hat ja gerade erst dargestellt, warum er die Möglichkeiten und Grenzen der KI ganz anders beurteilt als das hier besprochene Buch. Er spricht den maschinellen Denk-Wesen die Fähigkeit zu so weitreichenden Einflussnahmen ab, weil er die dazu notwendige „echte“ Intelligenz nur im Zusammenspiel von biologisch-emotionalen Prozessen mit den kognitiv-informationsverarbeitenden Fähigkeiten für möglich hält.
Und PRECHT kämpft – anders als LOVELOCK – dafür die Weiterentwicklung der Technik zu zähmen und zu begrenzen, gerade um das typisch Menschliche unserer Spezies zu erhalten.

Leider werden wohl die meisten Beteiligten (darunter auch der Rezensent) nicht mehr selbst verfolgen können, wie die Sache ausgehen wird. Vielleicht erfreuen sich einige romantisch veranlagte Cyborgs in 100 Jahren an den Ausführungen von LOVELOCK; vielleicht wird PRECHT irgendwann als der entscheidende Weichensteller für den Erhalt der Humanität gefeiert.
Wer weiß das schon…

Bis dahin bleibt die Möglichkeit, anregende Bücher zu lesen.
Auch dieses Buch kann sich lohnen, wenn man ein spezifisches Interesse hat.
Ansonsten finde ich z.B. die Bücher von HARARI wesentlich realitätsnaher und damit gesellschaftlich relevanter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.