„Orfeo“ von Richard POWERS

Bewertung: 3 von 5.

Manchmal ist man von einem oder zwei Büchern eines Autors zu begeistert, dass man unbedingt alles lesen möchte, was dieser Mensch jemals veröffentlicht hat.
So ging es mir zuletzt mit Richard POWERS – und deshalb komme ich in die Verlegenheit, den Roman „Orfeo“ hier zu besprechen.

POWERS hat es sich zu einem Markenzeichen gemacht, für seine Romane mit einer ungeheuren Energie und Intensität in Lebens- bzw. Themenbereiche einzutauchen. Das Ergebnis sind dann Erzählungen, die eine Oberflächenbetrachtung weit hinter sich lassen und immer wieder tiefe Einblicke in die jeweilige Materie ermöglichen. Dabei überschreitet er sicher hin und wieder die Grenzen auch interessierter Leser/innen.
Der Roman „Orfeo“ hat bei mir solche Grenzen von Neugier und Geduld eindeutig durchbrochen.

POWERS schreibt einen Roman über einen von (avantgardistischer) Musik besessenen Menschen, der sein gesamtes bürgerliches Leben dem Streben nach der „perfekten“ Musik opfert.
Der Autor stellt sich unerschütterlich der – sicherlich riesigen – Herausforderung, diese lebenslange Sehnsucht nach den absoluten Klangerfahrungen in geschriebene Sprache zu übersetzen. Denn es wird tatsächlich auf vielen, vielen Seiten über (fantasierte, geplante, erinnerte) Musik geschrieben. Und da es sich nicht um etablierte, gängige oder gefällige Musik handelt, sondern um verschiedene Aspekte experimenteller klanglicher Ausdrucksformen, ist auch die sprachliche Umsetzung umso schwieriger (besser gesagt: eigentlich unvorstellbar).

POWERS erzählt also eine Geschichte und lotet parallel aus, wie weit das Medium der Sprache die Welt der Musik einfangen und ausdrücken kann.
Die Geschichte handelt von einem Mann, der letztlich an seiner Besessenheit scheitert. Auf diesem Weg begleiten ihn vor allem zwei bedeutsame Beziehungspartnerinnen, eine Tochter und ein Freund (der ebenfalls dem musikalischen „Wahn“ verfallen ist). Er trägt zwei berufliche Identitäten in sich (Musiker und Chemiker), die sich später auf eine so besondere Art miteinander verschränken, dass ihm dadurch die Grundlage seiner bürgerlichen Existenz endgültig entzogen wird.
Die Totalität, mit der POWERS die musikalische Welt versprachlicht, ist wirklich atemberaubend – mutet allerdings auch Leseerfahrungen zu, die wohl nur einem relativ kleinem und spezialisierten Publikum auf Dauer Vergnügen bereiten wird. Es sind zwei große Stufen, die der Autor zumutet: die grundsätzliche Schwelle zwischen Sprache und Musik – und die zusätzliche Hürde zu einer fremden Musikwelt der Avantgarde (weit weg von üblichen Harmonie- und Melodieerwartungen). Das ist tatsächlich Hardcore!

Empfehlen würde ich dieses Werk von POWERS nur Leser/innen, die entweder selbst einen Bezug zu modernen Musikformen haben oder die sich gerne mit den Grenzen literarischer Kunst und ihrer Möglichkeiten befassen.
Wen in erster Linie das (wechselhafte) Schicksal des Protagonisten interessieren sollte (wie man z.B. plötzlich in die Fänge der Terroristen-Abwehr geraten kann), dem/der sollte bewusst sein, dass lange Phasen echter Lesearbeit bevorstehen, die ohne Disziplin kaum zu bewältigen sind.

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