„Book of Songs“ von Colm Boyd

Eine wahrhaft originelle Idee!
Das Buch des Musikbloggers BOYD präsentiert ca. 70 Playlisten mit jeweils vier bis sechs Songs zu der jeweiligen Kategorie; auf jeder der 250 Buchseiten werden durchschnittlich zwei der Musikstücke kurz beschrieben. Der Autor stellt dabei nicht nur einen Bezug zu dem Thema der Playlist her, sondern versorgt die Leser und Hörer mit allerlei Insider-Infos zur Entstehung bzw. Bedeutung der Titel.

Das hört sich alles noch ein wenig trocken (besser „leise“) an. Doch für Abonnenten des großen Streaming-Dienstes Spotify tut sich eine zweite Welt auf: Wenige Augenblicke reichen der optischen Erfassungsfunktion, um die Playliste in der App anzuzeigen – natürlich sortiert in der passenden Reihenfolge. Möglich macht es ein hauseigener Strickcode, der absolut zuverlässig funktioniert.
Das Ergebnis: Schnell und extrem komfortabel entfaltet sich parallel zum Lesen der zugehörige Sound. Ein kurzes Fingertippen macht aus diesem Buch tatsächlich ein multimediales Erlebnis.
Das ist schonmal was!

Kommen wir zur Auswahl der Kategorien.
BOYD holt weit aus, er nutzt für seine Kategorien eine bunte Mischung von Stimmungen, Lebensereignissen, Kunstwerken, Filmregisseuren, Musikrichtungen und alltäglichen Begrifflichkeiten aus.
Ein System lässt sich dahinter nicht entdecken. Auf manche Überschriften wäre man sich auch selbst gekommen (Lieder über große Gefühle, bestimmte Länder oder Drogenerfahrung); andere Themen markieren dann doch sehr persönliche Vorlieben des Autors (Tarantino-Filme, Beteiligung von Jack White, Spoken-Word-Songs).
Nun gut, man lässt sich mal darauf ein.

Wie ist nun die Auswahl der Einzeltitel zu beurteilen?
Sagen wir es erstmal positiv: Der Musikblogger ist wirklich breit aufgestellt.
BOYD bedient sich aus einen extrem heterogenen Pool von Musikgenres bzw. -stilen und deckt problemlos einen zeitlichen Rahmen von ca. 70 Jahren Popmusik-Geschichte ab.
Locker wechselt er dabei vom Mainstream zu handverlesenen Insider-Titeln, gerne auch mal außerhalb des englischsprachigen Raums (deutsche Interpreten sind nicht dabei).
Es ist eine Achterbahnfahrt, die sicher jeden individuellen Musikgeschmack an bestimmten Stellen überfordert. Das ist Neugier und Flexibilität angesagt; es gibt einiges zu entdecken, was einem sicher sonst nie im Leben begegnet wäre.
Was definitiv klar ist (aber auch unvermeidbar): Jeder halbwegs interessierte Musikfan wird sich die Haare raufen – angesichts der „eindeutig fehlenden“ Titel. Ich habe sie geradezu schreien gehört, die Songs, die „eigentlich“ besser als jeder andere gepasst hätten (Nur ein Beispiel: Wie kann man in der Playliste über Geschlechtsidentitäten das prädestinierte „I’m a Boy“ von The Who vergessen?!).

Und die Infos zu den Songs?
BOYD ist offensichtlich ein cooler Typ. Man darf sich hier keinen seriösen Musikjournalisten vorstellen. Hier gibt ein Szene-Blogger Einsichten, die oft hinter die Bühnen und Pressetexte führen und die darauf schließen lassen, dass der Autor Zugang zu den Stories hinter den Stories hat. Der Schreibstil ist betont alternativ, Anspielungen auf Sex and Drugs bleiben nicht aus. Manchmal sind es erstaunliche Details und Perspektiven, die sicher oft originell, aber auch nicht für jeden „Normalo“ von Belang sind.
In der Regel werden einige charakteristische Text-Zeilen zitiert, um den Bezug zum Playlist-Thema zu demonstrieren.

Was übrig bleibt:
Man hat das Gefühl, eine besondere kombinierte Lese-/Hör-Erfahrung gemacht zu haben. Wer sich gerne überraschen und auch auf unbekannte Pfade führen lässt, kommt voll und ganz auf seine Kosten – jedenfalls wenn er/sie sich einer schnodderig- alternativen Perspektive auf die Musikwelt nahe fühlt.
Wer es gerne etwas gemäßigter und seriöser hätte, wer sich gerne auf einige Hauptthemen und vielleicht auf etwas mehr Rock- und Popklassiker konzentriert hätte, den/die erwartet immer noch eine interessante und oft vergnügliche Herausforderung.
Meine Lösung: Ich habe mir eine eigene Playlist gemacht, mit den Songs, die ich durch dieses Buch kennen und mögen gelernt habe. Nicht jedes Buch hat so ein konkretes Ergebnis!

Wie weit kommt man mit Naturwissenschaft?

Das ist ein ungewöhnlicher Titel für einen Blogbeitrag.
Es passiert auch nicht häufig, dass ich – statt selbst meine Meinung hinauszuposaunen – auf einen externen Beitrag verweise.
Ich will kurz erläutern, warum ich das heute tue.

Das Anschauen der hier empfohlenen TV-Konserve (SRF Sternstunde Philosophie) hat in der letzten Stunde intensive Emotionen bei mir ausgelöst. Ich hatte das Gefühl, dass kaum ein anderer medialer Beitrag jemals bestimmte für mich bedeutsame Unterschiede zwischen gegensätzlichen Weltbildern so klar auf den Punkt gebracht hat.
Ich habe geradezu mitgefiebert, wie der eingeladener Astro-Physiker MOORE mit den immer neuen Versuchen der Interviewerin umgeht: Mit Hilfe von drängenden Fragen und Apellen will sie nämlich unbedingt erreichen, dass MOORE (endlich) die Notwendigkeit einräumt, seine naturwissenschaftlichen Weltsicht um eine andere (religiöse, transzendente, spirituelle) Dimension erweitern zu müssen.

Für mich war es ein absolutes Vergnügen, dabei zuzuschauen, wie unglaublich gelassen und wohlwollend – und gleichzeitig so völlig eindeutig und unmissverständlich – der Wissenschaftler reagiert.
Man erlebt so geradezu ein herausragendes Modell für eine deeskalierende Diskussion – die genauso gut in einem aggressiven oder arroganten Schlagabtausch hätte enden können.
Wirklich – auch auf dieser Ebene – absolut sehenswert!

Selten habe ich mich in meinem Denken so verstanden gefühlt (bzw. wiedergefunden) wie in den Äußerungen von MOORE. Gleichzeitig bewundere ich sein „in sich Ruhen“ – auch an Stellen, wo ich mich dabei erwischt habe, lautstark und emotional auf die Fragen von Frau Bleisch zu reagieren („weil sie es immer noch nicht kapiert hatte…“).
Noch „schlimmer“ als die Hartnäckigkeit der Interviewerin fand ich die – als Verstärkung beigebrachten – Äußerungen eines „Naturphilosophen“ (Mutschler). Klarer kann man zwei Zugänge zur Welt und zur Erkenntnis kaum gegeneinanderstellen: Wenn man die Welt allen Ernstes damit zu erklären sucht, dass Menschen bestimmte emotionale Bedürfnisse haben (z.B. nach Gerechtigkeit), dann sollte man besser nicht mit einem Astro-Physiker diskutieren (der auch an dieser Stelle bewundernswert ruhig bleibt).

Wer also mal einen wirklich sympathischen Naturwissenschaftler auf die Fragen nach Sinn, Gott, Tod, Moral, Beginn und Ende des Universums antworten sehen möchte, der/die sei eingeladen, mal diese Stunde zu investieren.
Dass jemand das Motiv haben könnte, einmal aus einem anderen Munde sehr konkret zu hören, was ich über die Welt denke, wage ich nicht zu hoffen…

„Handbuch für Zeitreisende“ von K. PASSIG & A. SCHOLZ

Bewertung: 4 von 5.

Eine grandiose Idee: Ein launiges Geschichtsbuch in Form eines Reiseführers.
Die Eintrittskarte: Man lässt sich einfach mal darauf ein, dass Reiseziele nicht nur geografisch, sondern auch historisch frei wählbar sind.
Dann könnte es im Prinzip schon losgehen!

Am Anfang stehen allerdings erstmals ein bisschen moderne (Quanten-)Physik und die logische Paradoxie der Zeitreisen; ein wenig theoretische Grundlagen also.
Doch das ist nur Vorgeplänkel; sicher gut gemeint, aber für den eigentlichen Zweck des Buches nicht wirklich notwendig.
Man kann sich schonmal ein wenig an den locker-humoristischen Stil der Autoren gewöhnen – und beginnt erwartungsvoll mit den Hufen zu scharren.

Was dann folgt ist beste populärwissenschaftliche und multidisziplinäre Weiterbildung.
Diverse Orte und Zeitpunkte unserer planetaren Entwicklung (und darüber hinaus) werden daraufhin analysiert, welche Vorzüge, Erfahrungen, Probleme und Gefährdungen mit einem touristischen Besuch verbunden sein würden bzw. könnten.

Der pfiffige Clou der Darstellung liegt darin, dass (physikalische, geografische, biologische, historische, gesellschaftliche und kulturelle) Fakten indirekt, also sozusagen über Bande, vermittelt werden. Die Perspektive bleibt immer Ihre, also die des Zeitreise-Touristen.
Statt also die Zustände des jeweiligen zeitlichen und örtlichen Weltausschnittes zu beschrieben oder zu erklären, werden die sich daraus ergebenden Konsequenzen abgeleitet. Es geht um Ihre Sicherheit, um Ihre Kleidung, um Ihre Ernährung, um Ihre sozialen Anpassungsleistungen, um Ihre Gesundheit und um die jeweils notwendige Ausrüstung.
Wenn diese Fragen mit der gleichen ironischen Nüchternheit auf frühe erdgeschichtliche Zeiten, auf die Dinosaurier-Periode, das Mittelalter oder die DDR von dem Mauerfall angewandt werden, ist das fast durchweg total lehrreich und witzig zugleich.
Ein Teil ihrer kreativen Ideen lenken die Autoren auch auf die Interaktion zwischen den Welten: Was lässt sich hin oder her transportieren? Was ist mit Krankheitskeimen? Wogegen muss man sich versichern? Ist die Rückkehr immer ungefährdet?

Auch wenn sich die Autoren bemühen, nicht grundsätzlich jede frühere Epoche schlechtzureden, so ist doch eine Botschaft unüberhörbar: Im Vergleich mit den meisten denkbaren Zeitpunkten leben wir (hier im reichen Teil der Welt) heute unter vergleichsweise paradiesischen Bedingungen.
So kann – selbst der imaginierte – Zeitreisetourismus dazu beitragen, die kleinen und großen Annehmlichkeiten der Gegenwart (Hygiene, Medizin, Wohnung, Heizung, Infrastruktur, Rechtsstaat,…) mal aus einer ungewohnten Perspektive zu betrachten und wertzuschätzen.

Gestört haben mich zwei Dinge: Mir kam die Darstellung ziemlich unstrukturiert vor; es gibt abenteuerliche Sprünge zwischen den Zielen und Zeiten. Das war sicherlich so gewollt; ich hätte es mir aber geordneter gewünscht.
Und leider hat sich die unbestreitbare Qualität des Buches nicht auch quantitativ niedergeschlagen. Das (Hör)Buch ist einfach ziemlich kurz – etwas schade.

Die Hörbuch-Bearbeitung ist wirklich sehr gut gelungen: Der Sprecher und seine klare Stimme, vor allem sein dezent-ironischer Unterton, passen optimal zum Inhalt des Buches. Ich würde mich immer wieder für diese Form des genussvollen Geführtwerdens durch die Epochen entscheiden.

Insgesamt haben PASSING & SCHOLZ einen ziemlich originellen und amüsanten Weg gefunden, Wissen unter das Lese-/Hörvolk zu bringen. Respekt!

„Ein verheißendes Land“ von Barak OBAMA

Bewertung: 5 von 5.

Wow – was für eine Dröhnung!
Knapp 40 Std. (ca. Tausend Seiten) OBAMA über sich, die Welt und seine Präsidentschaft, (genauer gesagt: über seine erste Amtszeit).

Ich gestatte mir einen persönlichen Einstieg:
Bei aller Neugier und Sympathie hinsichtlich dieser Thematik hatte ich doch etwas gemischte Gefühle angesichts des Umfangs dieser Publikation. Wollte ich mich wirklich mit dieser Intensität auf den – möglicherweise selbstverliebten und beschönigenden – Rückblick eines US-Präsidenten einlassen? Zu einem Zeitpunkt, an dem die Welt sich noch gar nicht von seinem Nachfolger erholt hat und gerade ganz andere Probleme zu heilen hat? Würde sich das lohnen?
Die folgenden Ausführungen sollen mein uneingeschränktes „Ja“ als Antwort auf diese Frage begründen.
Um den Umfang dieser Rezension in lesbaren Grenzen zu halten, werde ich auf die übliche Trennung zwischen Sachdarstellung und Bewertung verzichten; ich werde also überwiegend darüber schreiben, warum ich diesen Text so außerordentlich informativ bzw. anregend erlebt habe und welche tiefen Eindrücke und Erkenntnisse er hinterlassen hat.

Da ich schon eine frühere Biografie von OBAMA gelesen habe („Ein amerikanischer Traum„), war es mir sehr recht, dass sowohl seine Kindheit und Jugend als auch Studium und erste sozial-orientierte Tätigkeiten nur kurz abgehandelt werden.
Voll in Fahrt kommt die Schilderung mit der (erfolgreichen) Bewerbung um einen Senatsposten im Bundesstaat Illinois, gefolgt von dem Kampf um einen Bundes-Senatsposten in Washington im Jahre 2005.
Dieser Vorlauf zur Präsidentschaftskandidatur 2008 hat für den Hauptteil des Buches einen wichtige Funktion. OBAMA nutzt die Chance, sich als den hoffnungsvollen und idealistischen jungen Politiker darzustellen, der eine Welle von Begeisterung und Engagement insbesondere bei jungen, progressiven und nicht-weißen Menschen auslösen konnte, die dann auch Wähler und z.T. auch unterstützende Aktivisten wurden.
OBAMA präsentiert sich schon an dieser Stelle als den personifizierten „Anti-Trump“- obwohl dies natürlich an keiner Stelle so benannt wird. Er ist alternativ und cool – und gleichzeitig voll brennendem Eifer, seine Idealvorstellungen von einem „besseren“ Amerika durch aktives Einbringen in die reale Politik zu verwirklichen.
Die hier beschriebene Persönlichkeit, ihre Ideale und Ziele, dienen später im Buch – angesichts der Auswirkungen der Bürde des Amtes – immer wieder als Grundlage für vergleichende selbstkritische Betrachtungen.

Spätestens mit dem Beginn der Präsidentschaft bekommt der Text dann den Charakter eines erstaunlich akribischen Tagebuches, in dem abwechselnd formale Abläufe, aktuelle politische Projekte und Krisen, die tägliche Sisyphos-Arbeit in den zahlreichen Teams und Gremien, das zähe und frustrierende Geschacher um Mehrheiten, die Unerbittlichkeit der politischen Gegner, das Familienleben und persönliche Reflexionen Raum bekommen.
Das Ganze wird aus der Perspektive eines durch und durch sympathischen, wohlmeinenden, menschenfreundlichen und integren Menschen erzählt, der ganz sicher nicht ohne Schwächen, Fehler und Selbstzweifel ist, der aber mit einer geradezu unendlichen Energie um den jeweils besten Weg ringt – in einem unendlichen und oft unlösbaren Konflikt zwischen Wunsch und Machbarkeit.
Man kann diese (Selbst)Beschreibung natürlich mehr oder weniger fundamental in Frage stellen. Ich höre mir solche kritischen Stimmen gerne an – allerdings würde ich darüber gerne auf der Grundlage dieses Buches diskutieren (ich wäre gespannt, was dann von möglichen Pauschalvorwürfen noch übrig bliebe).

Was hat mich besonders beeindruckt?
– Es ist außerhalb einer solchen detaillierten Darstellung kaum vorstellbar, wie mühsam, zermürbend und langwierig politische Prozesse und Gesetzgebungsverfahren im amerikanischen Zweiparteien-System sind.
– Es erscheint geradezu unfassbar, in welchem Ausmaß man es in den beiden Kammern mit dummen, bornierten, ignoranten, egoistischen und machtgierigen Politikern zu tun hat, deren einziger Maßstab wirtschaftliche Vorteile für ihre Partei, ihr Klientel bzw. ihre jeweiligen Bundesstaaten und Geldgeber aus der Wirtschafts- und Finanzwelt sind.
– Es ist absolut faszinierend, so hautnah – aus authentischer Innensicht – mitzuerleben, wie ein „Gutmensch“ (das ist für mich ein Kompliment, kein Schimpfwort!) es immer wieder schafft, den realen (früheren und aktuellen) Mängeln und Verfehlungen zum Trotz an den grundsätzlichen Vorbildcharakter des amerikanischen Systems zu glauben und festzuhalten.
– Es ist sehr erhellend, die spalterische und geradezu bösartige Zielstrebigkeit weiter Teile der Republikaner so plastisch und nachvollziehbar vorgeführt zu bekommen – schon lange bevor sich Trump an ihre Spitze stellt.
– OBAMA beschreibt sehr realistisch (und durchaus selbstkritisch) seine Neigung, im Zweifelsfall letztlich immer auf Konsens und Kompromiss zusetzen; radikale Lösungen sind für ihn einfach nicht attraktiv („Ich bin idealistisch in meinen Zielen, aber eher konservativ in der Umsetzung“).
– Gut herausgearbeitet wird auch, welche Enttäuschungen es den eigenen Anhängern zumutet, wenn OBAMA immer wieder Kompromisse anbietet bzw. sich abhandeln lässt, um wenigstens bestimmte Grundzüge seiner angestrebten Agenda zu retten.
– Es rührt einen immer wieder an, mit welchem philosophischen und emotionalen Tiefgang OBAMA sich, seine Rolle, seine Familie und die Welt um sich herum betrachtet, wie er mit seinen Begrenzungen hadert und an seinen Möglichkeiten zweifelt, mit welchem Inbrunst er versucht, weiter ein toller, lässiger und kollegialer Typ zu bleiben.
– Überraschend gründlich gibt OBAMA einen historischen und inhaltlichen Nachhilfeunterricht zu den einzelnen Politikbereichen, internationalen Krisenherden und ausländischer Staaten und ihrer Repräsentanten; er erklärt tatsächlich den Amerikanern die Welt!

Da ich inzwischen zweifellos als OBAMA-Fan enttarnt bin, kann ich es mir wohl leisten, zum Abschluss ein paar ganz private Kritikpunkte zu formulieren:
– Manche Ausführungen sind für Leser/innen außerhalb der USA sicherlich zu kleinteilig. Kein Deutscher braucht all die Namen von Mitstreitern, Beratern und Mandatsträgern. Die Darstellung des Kampfes um die Gesundheitsreform („Obamacare“) ist zwar von ihrer endlosen Dynamik her lehrreich, überfordert aber irgendwann die Geduld eines Lesers, für den soziale Sicherungssysteme ein pure Selbstverständlichkeit sind.
– Dass ein so kluger, analytisch denkender und historisch gebildeter Mensch mit einer nicht-weißen Herkunft gleichzeitig so unbeirrbar patriotisch an die Ideale der Gründerväter, an die Verfassung, an den amerikanischen Traum und die heldenhafte Rolle der Streitkräfte als Verteidiger der Freiheit glaubt – das lässt einen schon manchmal den Kopf ein wenig schütteln. OBAMA sieht und erwähnt alle Probleme, leugnet die skandalösen Fehltritte der amerikanischen Politik nicht, verzweifelt selbst fast täglich an dem Politik-Geschacher – aber die Systemfrage stellt sich für ihn nicht.
– Ja – das Pathos ist OBAMA nicht fremd! Er weiß, wie man große Gefühle weckt, er bedient auch die Ehrfurcht vor den großen nationalen Symbolen und ist wohl manchmal selbst ergriffen von den Insignien seiner Macht (die Ausstattung des Weißen Hauses, die Air Force One, das gepanzerte „Beast“). Natürlich wäre er nicht OBAMA, wenn er all das nicht auch gleichzeitig kritisch reflektieren würde.
– Nein – der amerikanische Drohnenkrieg (gegen den internationalen Terrorismus) wird kaum thematisiert und erst recht nicht in Frage gestellt. Ich werde aufmerksam beobachten, ob das im zweiten Band passiert.

Ich komme zum Schluss:
Ich hätte nicht gedacht, dass mich dieses Buch so dauerhaft fesseln könnte. Die Einblicke in die amerikanische Perspektive der Zeitgeschichte – hier insbesondere die Jahre ca. 2006 bis 2012 – sind einfach sensationell intensiv und detailliert.
Die Auseinandersetzung mit dem Menschen und Politiker OBAMA war für mich unglaublich spannend. Er war für mich der idealtypische Anti-Trump und wird es nach dem Studium dieses Buches mit Sicherheit bleiben.
Wer dieses Buch gelesen hat, ist wohl für alle Zeiten immun gegen pauschale Kritik nach dem Motto: „Der hat ja nur toll geredet und kaum was umgesetzt“.
Man kann dieses Buch nicht hören/lesen, ohne OBAMA gegenüber zumindest Respekt zu empfinden.

„Projekt GreenZero“ von Dirk GRATZEL

GRATZEL, studierter Jurist und Unternehmer, zelebriert in diesem Buch Nachhaltigkeit als Ego-Trip. Als ihm schmerzhaft bewusst wird, wie ökologisch unverantwortlich seine bisherige Lebensführung war, nimmt er sich zwei Dinge vor: Er will genau erfassen, wie viel Schaden er bis heute angerichtet hat und er will bis zu seinem (prognostizierten) Lebensende diesen ökologischen Fußabdruck auslöschen (auf Zero). Er will also mit dem Gefühl abtreten, diesem Planeten mit seiner Stippvisite als deutscher Wohlstandsbürger keine Belastungen hinterlassen zu haben.
Sein Buch beschreibt sehr detailliert die Umsetzung dieses Vorsatzes.

Der Autor ist ein gründlicher und systematischer Mensch; diese Eigenschaften haben auch seinen beruflichen Erfolg begünstigt. Bzgl. seines Zero-Projekts führt das dazu , dass er mit einem geradezu unglaublichen Einsatz folgende Schritte angeht:
– er liest sich ein profundes Fachwissen in einer ganzen Reihe von Themenbereichen an
– er sucht sich kooperationsbereite Experten in Wissenschaft und bei den wichtigsten Umweltverbänden
– er erhebt private Daten mit einem kaum vorstellbaren Aufwand an Mühe und Zeit
– er analysiert sorgfältig die möglichen und notwendigen Veränderungsschritte und setzt sie mit einer bemerkenswerten Konsequenz und mit erheblichen Kapitaleinsatz um
– er vernetzt sich auch im Bereich Industrie und öffentliche Verwaltung, besucht Kongresse und macht Öffentlichkeitsarbeit

Es wird schnell deutlich: Hier wird kein Modell zum Nachahmen für Jederman/-frau vorgestellt. Was der GRATZEL tut und darstellt, hat den Charakter einer Singularität, die vorrangig ganz persönlich motiviert ist, aber darüber hinaus interessante Denkanstöße vermitteln kann. Und genau da macht die geradezu zwanghafte Konkretheit seines Vorgehens plötzlich Sinn: Weil es in allen Bereichen ans Eingemachte geht (bzgl. jeder früheren – und natürlich zukünftigen – Entscheidung bei Wohnen, Heizen, Reisen, Konsum, Ernährung, Mobilität, Kleidung, Hygiene, usw.), kann und muss ich auch jede/r angesprochen fühlen. Wir alle fällen solche Entscheidungen, jeden Tag, fast jede Stunde. Früher meist gedankenlos – ohne Bezug auf Ressourcenverbrauch, Müllproduktion und CO2-Fußabdruck – jetzt immer öfter mit ambivalenten Gefühlen, oft mit schlechtem Gewissen.

Es soll nicht unerwähnt bleiben , dass GRATZEL neben dem Schwelgen in seinen ganz persönlichen Lebensverhältnissen (als Jäger muss er z.B. nicht auf Fleischprodukte verzichten) auch einen allgemeinen Informations-Service erbringt: In zahlreichen Info-Boxen gibt er kurze Zusammenfassungen zu Erkenntnissen der Öko-Forschung, nennt Anlaufstellen und gibt Tipps.

Man kann dem Autor seine übertriebene Akribie vorwerfen: Nützt es der Umwelt wirklich, das bisherige Leben eines einzelnen Menschen so penibel zu durchleuchten? Ist es dem Klima nicht egal, ob der Autor nun 13.000 oder 16.000 Gegenstände besitzt? Was sein damaliges Auto vor 18 Jahren verbraucht hat?
Man spürt: GRATZEL ist ein Getriebener, er kann nur so oder gar nicht; er hat was Fanatisches. Es muss ein großes Ding werden; etwas, was es so noch nie gab. Daraus schöpft er seine scheinbar unendliche Motivation. Er ist halt ein Unternehmer-Typ.

Im letzten Viertel des Buches wird es dann auch für den wohlwollenden Leser etwas mühsam. GRATZEL verzettelt sich in der – wie immer detailverliebten – Darstellung seines Wiedergutmachungsprojektes. Über viele Seiten wird geschildert, in welcher Reihenfolge und mit welchen jeweiligen Verhandlungspartnern und Experten er drei Liegenschaften auf Eignung für ein Renaturierungs-Projekt prüft. Das braucht so kein Mensch, das kann man in sein persönliches Tagebuch schreiben, aber nicht in ein personalisiertes Sachbuch.

Letztlich hat GRATZEL aber ein unterhaltsames und informatives Nachhaltigkeitsbuch geschrieben, das mit seiner ungewohnten Perspektive die Diskussion um die persönlichen Beiträge im Kampf um eine ökologischere Welt bereichert. Dass ihm am Ende ein wenig das Gefühl für das „rechte Maß“ abhanden gekommen ist, sei ihm nachgesehen.
Es geht ihm eben tatsächlich um seine Geschichte – und nicht um eine Vorlage für die Leser.

Vielleicht bleibt ja bei jedem Leser ein Aspekt hängen – auch das wäre ja schon eine schöner Erfolg.
Dass es grundsätzlich nicht nur auf die Anstrengung Einzelner ankommt, sondern auf politisch gesetzte Rahmenbedingungen – das weiß ja sowieso jeder potentielle Leser.


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Das traurige Versagen zweier Spitzen-Intellektueller

Was für ein Leckerbissen: Zwei meiner absoluten Lieblings-Denker und meistgelesenen Autoren in einer Sendung: WELZER bei PRECHT!
Man kennt, duzt und mag sich – welche Überraschung. Da freue ich mich doch auf anregende 43 Minuten, da lasse ich alles andere stehen und liegen…

Es geht auch nett und erbaulich los: im Blick die großen gesellschaftlichen Herausforderungen und Trends.
Das Gespräch landet dann bei folgender Kernthese: Es fehlt in unserer Gesellschaft, im politischen Diskurs, an Zukunftsvisionen. Man überlässt es den Technik-Freaks im Silicon-Valley, die Richtung vorzugeben. Wir (als Gesellschaft) machen uns keine Gedanken darüber, wie wir zukünftig leben wollen. Stattdessen lassen wir es zu, dass technische und digitale Innovationen das Ziel definieren – statt sie als Mittel (Werkzeug) auf dem Weg zu der gewünschten Lebensform der Zukunft zu verstehen.
So weit, so gut!

Die zweite Hälfte der Sendung hat dann – und das ist kaum übertrieben – nur noch einen Inhalt und einen Zweck: GRÜNEN-Bashing.
In einer – mit dem intellektuellen Anspruch der Gesprächspartner völlig unvereinbaren – Pauschalität wird den GRÜNEN vorgeworfen, dass sie ihre einst hehren Ziele vollständig hinter sich gelassen hätten und zu einer stromlinienförmigen Mainstream-Alt-Partei mutiert seien. Ihnen fehle jede gesellschaftliche Vision, die über ein „grüneres Wachstum“ hinausginge. Für sie sei das Elektroauto die unkritische Antwort auf die Frage noch der Zukunft der Mobilität, usw.
Dieses gegenseitige Aufschaukeln von Plattitüden gipfelt in der – unwidersprochenen – Aussage: Die GRÜNEN unterschieden sich nicht von der FPD in der Haltung, dass man die Zukunftsprobleme allein durch technische Innovationen lösen könne.
Das ist starker Tobak, das ist schon mehr als Polemik, das ist Tatsachenverdrehung. Das sind alternative Fakten! Das funktioniert nur, wenn man die Hälfte alle Aussagen in Reden und Programmen systematisch ausblendet.
Zwar wird den GRÜNEN als Motiv für ihre – vermeintliche – radikale Weichgespültheit zugutegehalten, dass es ja pragmatisch sei, sich um breite Zustimmung zu bemühen. Ernsthaft auseinandergesetzt mit diesem möglichen Argument wird sich aber keinen Moment. Pragmatismus, Strategie, schrittweises Überzeugen, Konsensfähigkeit – das ist alles irgendwie „Pfui“, keine Debatte wert.

Warum tun die das? Warum tun die das zu diesem Zeitpunkt, an dem so langsam die Weichen für die nächste Bundestagswahl und damit für eine mögliche Regierungsbeteiligung der GRÜNEN gestellt werden? Warum sind die führenden linksliberal-progressiven Aufklärer der Nation unwillig und unfähig, die stärkste politische Wandlungskraft wohlwollend-kritisch zu begleiten und zu unterstützen? So wie das früher GRASS und BÖLL bei der SPD gemacht haben.
Warum unterstützen sie ganz offen die Tendenzen, ein oder mehrere neue ökologische Parteien zu bilden, die dann konsequenter und kompromissloser die Reine Lehre vertreten? Warum nehmen sie offenen Auges den Preis in Kauf, dass dadurch vielleicht entscheidende Prozentpunkte verloren gehen, die dann dem Durchsetzen von ökologischen Projekten fehlen?
Warum versagen die so dringend gebrauchten Meinungsführer, die genau die Zielgruppe ansprechen, aus denen sich auch die GRÜNEN-Wähler rekrutieren?

PRECHT und WELZER könnten glauben, dass die Kritik an den GRÜNEN die Durchschlagskraft der Nachhaltigkeitsbewegung letztlich stärkt. Der öffentliche Druck auf die Partei könnte dazu führen, dass Positionen geschärft werden, die Außendarstellung sich provokanter entwickelt. Kann ja sein.
Aber was nützt es – so frage ich – wenn radikalere Forderungen dazu führen, dass weniger von den politisch potentiell durchsetzbaren Zielen erreicht werden (in Ermangelung von Prozentpunkten). Solange doch klar ist, dass die GRÜNEN auf jeden Fall (auch aktuell!) mehr fordern als jemals in den nächsten Jahren durchsetzbar sein wird – wo soll dann bitte der Vorteil von demonstrativer Konfrontation sein? Geht es um die Sache oder um die Selbstdarstellung?
Warum reicht es nicht, dass die Aktivisten diejenigen sind, die unermüdlich darauf hinweisen, dass der Wandel schneller und radikaler stattfinden muss? Was spricht wirklich gegen die Arbeitsteilung zwischen einem ungeduldigen Drängen der Bewegung und einer konsens- und mehrheitsfähigen Partei?

Warum tun die das trotzdem – obwohl die das ja auch alles wissen? Ich vermute die Gründe eher in einer innerpsychischen Dynamik.
Mainstream ist nicht sexy! Wenn die Ökologie im Mainstream angekommen ist, wenn eine Partei die Nachhaltigkeitswende so unaufgeregt und sympathisch rüberbringt, dann kann das einfach nicht der richtige Weg sein!
Nur die unbeirrbaren und unkorrumpierbaren einsamen Denker können dann das Zepter noch hochhalten. Sie sind auf der glorreichen Seite der kompromisslosen Aktivisten – jedes Zugehen auf die Machbarkeitsebene ist damit ein Verrat und muss geradezu dämonisiert werden. Da lauert doch glatt der fade Kompromiss – wie langweilig!
Wenn die GRÜNEN dann (endlich) das Tempolimit durchsetzen – dann ist es nur noch Symbolpolitik! Wenn das Ende des Verbrennungs-Motors (endlich) eingeleitet wird, dann ist das Elektroauto ein noch größeres Problem! Usw…
Lebt die Selbstdefinition als Intellektueller davon, dass man einer Partei die Unterstützung entziehen muss, sobald sie die 15 oder 20 Prozent überschreitet? Geht es mehr um das eigenen öffentliche Profil als um die Sache?

Ich möchte versöhnlich enden.
Ich fühle mich PRECHT und WELZER geradezu freundschaftlich verbunden; habe viele Stunden ihre Texte gelesen und ihre Stimmen im Fernsehen, auf YouTube und auf Podcasts gehört. Sie und ihre Weltsichten sind mir vertraut.
Nur deshalb verzweifle ich so stark an diesem Aspekt ihres Wirkens.
Auch die Forderungen der Aktivisten möchte ich nicht missen; natürlich müssen wir noch radikaler umsteuern, als es im Moment den meisten Menschen bewusst ist.
Ich bestehe nur darauf, dass die GRÜNEN in ihrer jetzigen Aufstellung einen Teil der Lösung und nicht das Problem darstellen!

„Darwins Faktor“ von M.A. ROTHMAN

Bewertung: 3.5 von 5.

Ein Thriller, der im Bereich der Genforschung spielt.
Dem Autor – selbst Naturwissenschaftler – ist es ein Anliegen, nicht nur Spannung zu generieren; er will das auf der Basis tatsächlicher Erkenntnisse tun. In Darwins Faktor bekommen die Möglichkeiten der Gen-Manipulation einen Touch Science-Fiktion mit auf den Weg. Für ROTHMANN bleibt es trotzdem bei Genre „Technik-Thriller“ (denn Science-Fiktion hat für ihn mit Raumschiffen und Laserschwertern zu tun).
Soll mir recht sein.

Um nicht groß rumzuspoilen: Die Suche nach einem innovativen Krebsmedikament ist reichlich aus dem Ruder gelaufen. Natürlich haben finstere Mächte damit zu tun, in diesem Fall aus dem Geheimdienstmilieu. Es gibt auch engagierte Wissenschaftler, smarte FBI-Ermittler, unschuldige und sympathische Opfer, hartherzige Entscheider und romantische Verwicklungen. Auch ein paar interessante Tiere gesellen sich zu den Protagonisten.
Das reicht auf jeden Fall für einen spannungsgeladenen Plot, der – natürlich – von der Zusammenführung der verschiedenen Handlungsfäden lebt.

Man erfährt tatsächlich ein bisschen über das Wirken der Evolution und die Methoden der Eingriffe in das Genmaterial. Dass dabei Viren eine besondere Rolle spielen, ist in Zeiten der Corona-Pandemie nicht uninteressant.

Das Buch bietet insgesamt eine recht konventionelle Form der Spannungs-Unterhaltung. Die Zutaten (s.o.) sind wenig spektakulär, bestimmte Entwicklungen sind erwartbar. Das Ende ist pfiffig gemacht – aber auch das war letztlich vorhersehbar.
Aber ich will gar nicht meckern: ROTHMANs Thriller ist ganz bestimmt nicht schlechter als viele andere. Die meisten Freunde dieses Genres werden genau die Unterhaltung und Spannung bekommen, die sie auch wollen. Mainstream muss ja nicht schlecht sein…

Der Autor wird nach Ende seiner Geschichte noch persönlich. Er outet sich als Selfpublisher und berichtet, auf welchem Weg er zu seinem Erfolg („USA Today-Bestseller“) gelangt ist.
Alles recht sympathisch. Aber man muss sich den Namen trotzdem nicht unbedingt merken.

„Königreich der Angst“ von Martha C. NUSSBAUM

Bewertung: 3.5 von 5.

Eine aktuelle Gesellschaftsanalyse wird angeboten – von der in den USA seit Jahrzehnten etablierten und mit 30(!) Ehrendoktortiteln ausgezeichneten Philosophin und Rechtswissenschaftlerin NUSSBAUM.
Das Buch wurde 2018 veröffentlicht und bezieht somit auch die erste Phase der denkwürdigen Präsidentschaft von Trump mit ein. An den Stellen, wo sie das explizit tut, würde man gerne erfahren, ob ihre Ausführungen angesichts der jüngsten Ereignisse noch von dem gleichen Ausmaß an Milde und Mäßigung getragen würde.

Man kann dieses Buch grob in zwei Teile untergliedern:
Der erste (längere) Teil besteht aus dem Versuch, gesellschaftliche Zustände und Entwicklungen – insbesondere bzgl. des politischen Klimas – auf emotionale Grundreaktionen des Menschen zurückzuführen. Es geht ihr also darum zu vermitteln, dass bestimmte Einstellungen und Verhaltensweisen (z.B. Diskriminierung, Rassismus, Frauenfeindlichkeit) ihre Ursache in den Tiefen unseres psychischen System haben. Aus dieser Sichtweise lassen sich dann Konsequenzen für den Umgang und für Veränderungsprozesse ableiten.
Im zweiten (kürzeren) Teil beschreibt NUSSBAUM ihre Vorstellungen von einer „guten“ Gesellschaft, in der die Lebensbedingungen so gestaltet wären, dass den unerwünschten Zuständen und Verhaltensmustern weitgehend ihre Grundlage entzogen wäre. Unter solchen Umständen (in denen Gerechtigkeit und Würde gesichert wären), könnten sich die positiven Kräfte von Hoffnung und Liebe entfalten.
Konkret meint sie damit – wie sie selber schreibt – etwa solche Rahmenbedingungen, wie sie beispielsweise im skandinavischen oder deutschen Rechts- und Sozialstaat verwirklicht sind. Dagegen ist insgesamt wenig einzuwenden…

Schauen wir uns ihre Emotions-Theorie etwas genauer an:
Im Zentrum steht das biologisch verankerte Grundgefühl der Angst, das wegen seiner universellen Bedeutung weder ausgemerzt werden kann noch sollte. Es bildet aber eine gefährliche Ursuppe, aus denen drei weitere politisch bedeutsame Emotionen gefüttert werden: der Zorn, der Ekel und der Neid.
NUSSBAUM beschreibt anhand von Beispielen aus der antiken Philosophie bzw. Literatur und unter Zugrundelegung psychoanalytischer Konzepte (insbesondere von Winnicott), wie man sich das Zusammenspiel der Faktoren vorstellen könnte.
In den – auf die vier Emotionen bezogenen – Kapiteln führt die Autorin jeweils aus, welche gefährlichen Folgen das unkontrollierte Wirken der Gefühlskräfte entfalten kann – insbesondere, wenn diese instrumentalisiert werden (indem z.B. Gegnern „ekelhafte“ Attribute zugesprochen werden) oder mäßigende Gegenkräfte (in Politik und Gesellschaft) fehlen.
Das für NUSSBAUM besonders relevante Thema Sexismus/Frauenfeindlichkeit erhält ein Extra-Kapitel.

Bei mir hinterlässt das Buch einen etwas zwiespältigen Gesamteindruck.
Nussbaum steht ohne Zweifel auf der „richtigen“ Seite: Sie plädiert für eine demokratische, liberale, tolerante und gerechte Gesellschaftsordnung. Die Schwächen, die sie im American Way of Live findet und aufdeckt, sind leicht nachvollziehbar.
Ihre demonstrative Ausgewogenheit kann man ihr ohne Weiteres als Stärke anrechnen: Mit guten Gründen macht sie darauf aufmerksam, dass es auch auf dem linken politischen Spektrum missbräuchlichen Einsatz emotionaler Dynamiken gibt.
Dass eine solidarische, gerechte und fürsorgliche Gesellschaftsordung (Sozialstaat) eher zu einem demokratischen, humanen und toleranten Miteinander der Bürger/innen führt als eine Ellbogengesellschaft, in der das Recht des Stärkeren zelebriert wird – das ist plausibel und wäre dies wohl auch ganz ohne eine unterlegte Emotionstheorie.
Trotzdem kann natürlich die Betrachtung der Zusammenhänge zwischen psychischen Phänomenen und politischen Zuständen durchaus spannend und erkenntnisreich sein. Das Buch von NUSSBAUM hat da durchaus etwas zu bieten. Allerdings beschränkt sich der Analyse-Ansatz auf einen rein geisteswissenschaftlichen Zugang (inklusive psychoanalytischer Konzepte). Ausgespart bleiben naturwissenschaftlich begründete Emotionstheorien und empirische Befunde aus Sozialpsychologie, Neurowissenschaft und Soziologie. Schade – aber das wäre wohl ein anderes Buch geworden…
Aus einer ausgeprägter politischen Perspektive wäre sicher zu bemängeln, dass so interessante Faktoren wie wirtschaftliche Interessen und mediale Manipulationsmacht in dem eher harmonischen Weltbild von NUSSBAUM nicht viel Raum bekommen.

Als Zusatzangebot liefert die Autorin nach eine Schlussbetrachtung zu den aktuellen Unterschieden zwischen der amerikanischen und deutschen gesellschaftlichen Situation. Dabei wird deutlich, dass sie – ganz Patriotin – trotz aller Schwächen im Detail noch überzeugt von und stolz auf das US-System ist (was sie u.a. mit der größeren Toleranz gegenüber Migranten und deren religiösen Eigenarten begründet).
Auch an dieser Stelle hätte ich gerne ein Update mit Stand November 2020 gehabt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass so eine intelligente Frau nicht inzwischen ein paar zusätzliche Zweifel hinsichtlich der glorreichen amerikanischen Ideale entwickelt hätte…


„Outland – Der geheime Planet“ von Dennis E. TAYLOR

Bewertung: 3 von 5.

Das Buch „Ich bin viele“ hatte ich in ganz guter Erinnerung; die Ankündigung zu „Outland“ klang spannend. Also habe ich mich um ein Rezensions-Exemplar beworben (diesmal als Hörbuch).

Der Science-Fiktion-Roman lebt von der Kombination zweier Handlungsstränge: Es geht um eine Naturkatastrophe im Yellowstone-Park und die futuristische Erfindung einer kleinen Gruppe von College-Studenten.
Für solche Geschichten ist ein Spoilen total unangemessen. Es sei daher nur verraten, dass die jungen Leute den Zugang zu einer parallelen Welt finden und diese Zweit-Erde plötzlich eine sehr grundsätzliche Bedeutung gewinnt.
Erzählt wird, wie diese Studenten mit der fantastischen Erweiterung ihrer Optionen umgehen – zunächst ganz privat, später dann sozusagen gesellschaftlich. Der Fokus der Betrachtung liegt aber auf dem Erleben und Verhalten der Protagonisten.
Der wissenschaftlich-technische Hintergrund lässt sich den Theorien zu Parallel-Universen zuordnen. Abgesehen von der erwähnten Erfindung, die einen Transfer ermöglicht, verbleibt der gesamte Plot in der Gegenwart.
Eine gehörige Portion naturwissenschaftliche Information wird zum Thema „geologische Katastrophen“ geliefert; das lässt auf eine sorgfältige Recherche schließen.

Eine Kurz-Charakterisierung könnte lauten: Es ist ein Buch über junge Leute für junge Leute.
Grund für diese Einordnung ist die starke Betonung von alterstypischen Verhaltens- und Beschreibungsmustern. Die Welt wird aus Sicht von College-Studenten betrachtet; ihre Art zu denken, ihre Alltagsfragen und -probleme sind die Fäden, aus denen der Grundstoff für diesen Roman gewebt wurde.
Es geht u.a. um Dinge wie Abenteuerlust, Risikobereitschaft, Coolness, Rivalitäten und Zukunftsperspektiven. Auch die Begeisterung für Technik, einen gewisse jugendliche Naivität und eine Faszination für Reichtum und Waffen spielen eine Rolle. Emotionale Beziehungen, Liebe und Sex bleiben dabei – ein wenig überraschend – weitgehend im Hintergrund.
Es ist wohl einfach vorrangig ein Buch für technikverliebte Jungs!

Wenn man danach sucht, lassen sich in der Story natürlich auch ein paar übergreifende, gesellschaftlich relevante Themen finden: Wir finden Freundschaft und Loyalität, es werden Fragen nach Verantwortung gegenüber Dritten gestellt, es geht um Formen des Zusammenlebens und der Selbstorganisation, auch um Rache und Vergeltung.

Ach ja: Ist das Ganze spannend geschrieben?
Ich finde schon. Einige Spannungsebenen werden aufgerollt, man kann sich hinreichend mit den „Guten“ identifizieren und mit ihnen auf einen akzeptablen Ausgang (Achtung: Wortspiel) hoffen.

Outland ist für mich kein großer Wurf. Das meiste ist doch ein wenig Durchschnittskost, die aber sicher trotzdem von der Zielgruppe mit Vergnügen konsumiert wird. Die Handlungsschemata sind weitgehend erwartbar und kalkulierbar; da gibt es wenig Experimentelles (da gefiel mir das Ende).
Für etwas „reifere“ Leser/Hörer ist die breit ausgewälzte Jugend-Perspektive manchmal doch ein wenig nervig. Auch merkt der Autor nicht immer, wann eine Idee wirklich hoffnungslos überstrapaziert ist – so wie die Sache mit dem Kaffee (der als Objekt der Begierde unendlich zelebriert wird).

Alterstypische Fans des Genres machen mit „Outland“ sicher nichts verkehrt; etwas wählerische Genießer finden sicher anspruchsvollere Kost.

Die Umsetzung als Hörbuch ist ohne Zweifel gut gelungen.
Hier ist eine Hörprobe.



Habeck for President?

Eine knappe halbe Stunde dauerte die Grundsatzrede von Habeck auf dem digitalen Pateitag der GRÜNEN. Ich habe diese Zeit investiert – vielleicht hat da ja unser nächster Kanzler gesprochen…

Die sehr speziellen Rahmenbedingungen haben dem Auftritt einen besonderen Charakter verliehen: Ohne ein Publikum und dessen Reaktionen wirkte die Rede seltsam künstlich, inszeniert und steril; sie hatte zwischendurch fast den Charakter einer Predigt.
Keine leichte Aufgabe für Habek.

Ich war mit dem Ergebnis trotzdem sehr zufrieden.
Habeck hat versucht, alle mitzunehmen, ohne allen nach dem Munde zu reden.
Er hat deutlich gemacht, dass man Mehrheiten braucht, wenn seine politischen Vorstellungen durchsetzen will. Kompromisse sind in dieser Logik die notwendige Folge von fehlenden Mehrheiten.
Das bedeutet auch – solange man den demokratischen Rahmen akzeptiert – dass man grünen Ministern nicht vorwerfen kann, dass sie Gesetze auch dann befolgen und durchsetzen, wenn sie der eigenen (grünen) Vorstellung widersprechen.
Habeck ermutigt auch die jungen Aktivisten, auf diesen Weg der demokratisch legitimierten Machtausübung zu setzen.

Habeck machte deutlich, dass die GRÜNEN mehr sein wollen als die konsequenteste Klima-Partei. Es geht um ein Gesamtpaket einer gesellschaftlichen und ökologischen Neuausrichtung, die den Menschen zwar etwas zumutet, ihnen aber nicht Verständnis und Respekt versagt.

Vor diesen GRÜNEN braucht die bürgerliche Mitte keine Angst zu haben. Gleichzeitig stehen sie aber für das notwendige Umsteuern.

Auf den Punkt gebracht: Für mich sind die GRÜNEN im Moment die einzige Partei, denen ich mich sogar im Falle einer Alleinregierung (bei einer absoluten Mehrheit) anvertrauen würde (in der Hoffnung, dass einige Überspitzungen bei Datenschutz und Gendertum unterbleiben).