„Wie wir werden, wer wir sind“ – von Joachim BAUER

Bewertung: 3 von 5.

Diesem Titel konnte ich nicht widerstehen: Sind mir doch die Begriffe „Selbst“ (oder „Ich“ oder „Identität“) und „Resonanz“ seit einiger Zeit sehr nahe und vertraut.
Was würde wohl BAUER zu diesem spannenden Thema sagen?

In diesem Buch wird ein in sich stimmiges Modell dargestellt, das erklären soll, wie aus dem extrem unfertigen menschlichen Säugling ein erwachsener Mensch wird, der sich als Träger eines einzigartigen, konsistenten und reflexiven Selbst erlebt.
Grundlage für diesen ungeheuer komplexen Prozess – so ist der Autor fest überzeugt – sind permanente Resonanz-Vorgänge, die sich im Kontakt mit der sozialen Umwelt abspielen.
Die entscheidende Bedeutung dieser Interaktion mit den Bezugspersonen insbesondere für die frühe Kindheit zu demonstrieren, ist das zentrale Anliegen des Autors – auch wenn er spätere Phasen der Entwicklung des inneren Selbst-Systems (z.B. in Liebesbeziehungen) ebenfalls betrachtet.

Um der Vielschichtigkeit des Buches gerecht zu werden, möchte ich die verschiedenen Inhalts- und Darstellungsebenen hier einmal ganz bewusst trennen – was der Autor selbst offensichtlich nicht zu seinen Aufgaben zählt:

  1. Es werden biologische, hirnphysiologische und entwicklungspsychologische Erkenntnisse und Befunde angeführt, die die Notwendigkeit der – im wahrsten Sinne – hautengen Pflege und Begleitung des Kindes eindrücklich belegen. Es geht um Gehirnreifung, Bindung, Urvertrauen, Spiegelneurone, Selbstwirksamkeit, usw.
  2. Abgeleitet werden daraus konkrete Schlussfolgerungen für die frühe Versorgung und weitere Pädagogik in und außerhalb der familiären Nahumgebung. Es gilt, den emotionalen und sozialen Bedürfnissen des jungen Kindes möglichst weitgehend gerecht zu werden (was bestimmte Bedingungen – auch in der öffentlichen Früherziehung – voraussetzt).
  3. Nach und nach entfaltet sich auf dieser Grundlage wiederum ein komplettes Theoriegebäude, das – sicher nicht ganz zufällig – weitgehend dem psychoanalytischen Selbst-Modell entspricht. Hier spielen dann vertikale und horizontale Selbst-Transfers und Introjekte (von anderen übernommene Selbstanteile) eine Rolle.
  4. Der Autor nimmt immer wieder Stellung zu allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen und mahnt sehr eindringlich z.B. vor den Folgen einer zu starken Individualisierung und Technisierung.
  5. Im Laufe des Buches mehren sich die Hinweise auf die Bedeutung psychotherapeutischer Hilfestellungen – für den Fall, dass es Störungen in der hochkomplexen Selbstentwicklung geben sollte. Dass hier nur eine bestimmte Therapierichtung gemeint ist, versteht sich an dieser Stelle schon von selbst.

Wie ist nun das Ganze zu bewerten?
Das hängt sicher davon ab, von welcher Seite man kommt bzw. auf welcher (psychologischen/psychotherapeutischen) Seite man steht:
Grundsätzlich ist erstmal anzuerkennen, dass der Autor wirklich sehr plastisch darstellt, dass unser Selbst (also der Kern unserer Persönlichkeit) immer und notwendigerweise ein soziales Selbst ist. Da wächst nichts von innen heraus, was möglichst auch noch vor äußeren Einflüssen geschützt werden müsste. Wir sind von unserer Biologie und von unserem Wesen her zuallererst sozial – die Abgrenzung von dem Rest der Welt (oft ist es die Mutter) ist schon ein erster Meilenstein der Entwicklung.
Wenn man von wenigen – völlig unnötigen – Seitenhieben auf „böse“ Fachleute absieht (die angeblich schon die ganz kleinen Kinder dressieren wollen), lassen sich die pädagogischen Forderungen und Ratschläge des Autors gut nachvollziehen.
Richtig schwierig wird es allerdings, wenn BAUER so tut, als ob das ganze – so schön plausible – analytische Selbstmodell genauso eindeutig von experimentellen Befunden gestützt wird wie der Hunger des Säuglings nach sozialer Stimulation. Am Ende des Buches scheint der Autor völlig vergessen zu haben, dass es sich bei den Aspekten der Selbstsysteme um theoretische Konstrukte, um Metaphern handelt – und nicht um reale biologische bzw. physiologische Phänomene.

Daneben ist wohl die Vermischung der Ebenen der größte Kritikpunkt an diesem Buch. Es wird nicht ausreichend deutlich, wann BAUER als Gehirn-Wissenschaftler, als analytischer Theoretiker, als Pädagoge, als mahnender Bürger oder als Vertreter einer bestimmten psychotherapeutischen Methode auftritt.
Man darf ihm wohl unterstellen, dass er für ihn persönlich diese Aspekte untrennbar verbunden sind. Wenn es ihm darum ging, genau das deutlich zu machen, ist ihm das zweifellos gelungen. Aber damit nimmt er dem Buch – sicher ungewollt – auch ein wenig Überzeugungskraft weg.

Es ist – ohne Zweifel – ein anregendes Buch. Mit etwas weniger Pathos und Selbstgewissheit und etwas mehr kritisch-neutraler Distanz wäre es ein noch besseres daraus geworden.
Wer sich für die Bedürfnisse von Kindern in den ersten zwei Lebensjahren interessiert, findet hier eine sehr anschauliche Quelle.

„Der Konsum – Kompass“ von Katharina SCHICKLING

Wer würde bei diesem Titel nicht an den super-erfolgreichen Ernährungs-Kompass denken? Vom Marketing her betrachtet ist das schonmal ein guter Startpunkt.

Das Bedürfnis nach verlässlichen Informationen, die den persönlichen Alltagsweg zu einem nachhaltigen Leben begleiten können, ist ohne Zweifel groß. Dabei kommt uns gerade in unser Rolle als Konsumenten eine besondere Macht – und damit auch Verantwortung – zu. Diesen Einfluss können wir jeden Tag so ganz nebenbei ausüben; dazu müssen wir weder in unserem Bekanntenkreis missionieren noch politisch aktiv werden.
Bewusstes Konsumieren setzt gleich an zwei Schaltstellen ein: Ich verändere meine persönliche Öko-Bilanz und gebe gleichzeitig Nachfrage-Signale an die Produzenten.
Wenn uns schon die Marktwirtschaft als das ultimative System angepriesen wird, dann sollten wir deren Regeln auch nutzen. Das sollte einleuchtend sein.

Die Dokumentarfilmerin und Autorin SCHICKLING legt ein Buch vor, das zu den wichtigsten Konsumfragestellungen – Müll, Verkehr, Energie, Ernährung, Haushalt – seriöse, aktiv recherchierte und bewertete Informationen anbietet.
Sie tut das in einer aufgelockerten Form: Sachinformationen (Befunde aus Untersuchungen, Tabellen und Schlussfolgerungen) werden eingebettet in einen persönlich gehaltenen Erzählstil, in dem auch private Fragestellungen und Anekdoten ihren Platz finden. Zu erwähnen wäre, dass sich die Autorin auf keinem Gebiet als Öko-Eiferin zeigt: Kompromisse und Widersprüchlichkeiten sind erlaubt.
So ist ein Buch entstanden, dass sowohl angenehm und leicht zu lesen ist, gleichzeitig aber voller – durchaus auch vertiefender – Informationen steckt.

Als Leser/in fühlt man sich gesehen und verstanden mit seinen Fragen: Sollte man eher auf die Verpackung, die Art der Erzeugung/Produktion oder auf die Transportwege achten? Warum gibt es häufig widersprüchliche Informationen – z.B. zur Öko-Bilanz verschiedener Verkehrsmittel? Ist Bio immer besser? Welchen Umwelt-Labeln darf man trauen? Ist Internet-Shopping immer böse? Gibt es vertretbare Ausnahmen bei der Bevorzugung lokaler Produkte? Wo funktioniert eigentlich das Recycling?

Bei den Antworten gerät die Autorin häufig in ein unvermeidliches Dilemma: Lässt man nämlich die Pauschal-Aussagen hinter sich, wird die Sache eben auch komplizierter. Auf einmal kommt es auf die Feinheiten an: Je nach Produkt, Jahreszeit, Entfernung, Transportmittel oder Verpackung gibt es plötzlich keine eindeutig richtige Antwort mehr. Es braucht so etwas wie einen systemischen Blick, der mehrere Faktoren im Auge behält.
Diese anspruchsvolle Gradwanderung zwischen Differenzierung und Klarheit gelingt SCHICKLING sehr gut. Das, was von ihr auf der Detailebene mit der Lupe angeschaut wird, fasst sie am Ende jedes Abschnittes in nachvollziehbaren und verständlichen Merksätzen zusammen – manchmal hart an der Grenze der Banalität.

Man könnte kritisch fragen, wozu man sich mit all diese Feinheiten in z.T. widersprüchlichen Studien beschäftigen soll, wenn am Ende doch überwiegend die naheliegenden und meist bekannten Schlussfolgerungen stehen: Wer hätte gedacht, dass weniger Auto- und mehr Fahrradfahren nachhaltig ist?!
Tatsächlich könnte man sich dieses Buch (und damit auch die für Druck und Vertrieb aufgewandten Ressourcen) sparen, wenn man letztlich nur die zehn goldenen Regeln am Ende will. Angesprochen wird hier ein Publikum, das es etwas genauer wissen will; für das es einen Mehrwert bedeutet, auch Hintergründe und Abwägungen zu verstehen.

Die Autorin bietet einen Kompass – kein Kompendium, in dem für jedes erdenkliche Produkt ein ökologischer Fußabdruck berechnet wäre. Geboten wird solide Orientierung in unwegsamem Gelände. In wichtigen Fragen wird dem Verbraucher eine journalistisch aufbereitete Informationskost angeboten, die viel eigene Recherchearbeit erspart.
An weiterführenden Hinweisen (in der Regel Links) ist aber auch kein Mangel.

Auch wenn sich der aufgeklärte Nachhaltigkeits-Konsument durch das Buch sicher in seinem Anliegen bestätigt und motiviert fühlt: SCHICKLING hat dankenswerter Weise nicht auf eine relativierende Schlussbemerkung verzichtet: Die großen Umsteuerungs-Entscheidungen müssen politisch gefällt werden!
Wenn man das nicht aus dem Auge verliert, schadet es sicherlich nicht, wenn auch der Verbraucher im Hintergrund beständig Druck macht. Das ist nicht zuletzt auch für das eigene Selbstbild wichtig: Ein ökologisch aufgehelltes Gesicht guckt einem im Spiegel viel freundlicher an.

Sorgen um Trump

Ja, ich mache mir ernsthafte Sorgen um Trump. Ich würde es ihm zuliebe sehr bedauern, wenn der Covid 19-Virus bei ihm nur einen sehr milden Krankheitsverlauf auslösen würde.

Nicht etwa, weil ich ihm eine Strafe oder sonst was Böses als Vergeltung für seine Ignoranz und folgenreiche Fehlentscheidungen an den Hals („in den Hals“) wünsche.
Sondern weil eine so rasche Genesung ihn um wertvolle Erfahrungen und Erkenntnisse bringen würde.
Er würde vielleicht nicht lernen, dass Menschen – unabhängig von ihrer Herkunft und ihrer sozialen Stellung – verwundbare Wesen sind. Dass Gesundheit wichtiger ist als Reichtum oder wirtschaftlicher Erfolg. Dass es doch ziemlich viel Sinn macht, wissenschaftliche Erkenntnisse zu berücksichtigen. Dass die Verachtung von Schwäche, Misserfolg und Hilfsbedürftigkeit nur so lange trägt, wie man sich selbst als unverwundbar wähnt.

Ich gönne diesem Menschen in den nächsten Tagen einige intensive Erfahrungen. Vielleicht lassen sie ihn als Persönlichkeit ein wenig reifen. Möglicherweise hilft ihm das dabei, die Zeit nach seiner – durch die Wahl im November hoffentlich eindeutig beendete – Präsidentschaft irgendwie sinnvoll zu bewältigen.

Noch wichtiger als die Auswirkung der Infektion auf die Psyche von Trump sind allerdings die Folgen für das Wahlergebnis. Ein sehr schwerer Verlauf könnte einen Mitleidseffekt auslösen – das kann die Welt nicht gebrauchen.
Ich wünsche Trump auch nicht den Tod. Das wäre mit meinen Moralbegriffen nicht vereinbar. Er soll die Wahl mit einem super-klaren Ergebnis verlieren. Und soll so die Chance haben, auch aus diesem – hoffentlich grandiosen – Scheitern etwas zu lernen.


Die Chancen, dass er dies auch kann, schätze ich als sehr gering ein.

Die 30-Jahr-Feier

Ich habe heute die Rede unseres Bundespräsidenten und ein wenig Rahmenprogramm gesehen.
Dabei habe ich überlegt, in wie vielen Staaten dieser Welt wohl eine vergleichbare Veranstaltung zu einem Ereignis von nationaler Bedeutung in dieser angenehmen Art abgelaufen wäre.

Es geht mir nicht darum, unser Land irgendwie hervorzuheben. Was ich ausdrücken will, ist meine Dankbarkeit über das Glück, in einem Staatswesen leben zu dürfen, in dem man sich weitgehend mit dem identifizieren kann, was sein oberster Repräsentant öffentlich sagt.
Man muss sich nicht schämen für pathetischen Nationalstolz, für säbelrasselnden Patriotismus oder für überhebliche Selbstbeweihräucherung. Hier muss kein Deutschland „great again“ werden oder geworden sein. Alles ist maßvoll, abgewogen, selbstkritisch und uneitel. Niemand wird ausgegrenzt, niemand muss ich unverstanden fühlen, nichts wird glorifiziert.

Die musikalischen Beiträge, die ich gesehen habe, passten ins Bild. Es war ein modernes Deutschland, das sich da gezeigt hat – keine steife Hochkultur-Klassik, erst recht keine Marschmusik.

Wie sympathisch auch eine offizielle Feierstunde sein kann!

Ob den Menschen, die sich gerade so leidenschaftlich von unserem Gemeinwesen und deren Institutionen abgrenzen wollen, das alles bewusst ist?
In welcher Art Staat wollen sie leben?
Was wurde versäumt – dass es nicht gelungen ist, sie von den Stärken unserer Gesellschaft zu überzeugen?

Ich finde jedenfalls: So darf man feiern – so darf sich auch eine Nation mal feiern!
Mit dem Stil von Trump, Putin, Erdogan (und vielen anderen) hat das nichts zu tun.

„Herzfaden“ von Thomas HETTCHE

Wie kommt man auf so ein Buch? Nun, es steht auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2020 und wurde als vielversprechend beschrieben. Und wer hätte (in meiner Generation) keine irgendwie positive Beziehung zur Augsburger Puppenkiste?!

Das Buch enthält eine komplex verstrickte Erzählung mit mehreren Zeit- und Realitätsebenen. Es gibt eine Rahmenhandlung, die in der Gegenwart spielt und einen magischen Blick in die Geschichte der Puppenkiste und ihrer Gründer-Familie freilegt. Im Gegensatz zu „üblichen“ Rahmenhandlungen bilden die Abenteuer des kleinen Mädchens, das auf einem Dachboden weit in das letzte Jahrhundert zurückblickt, nicht nur den Anfangs- und Endpunkt des zeitgeschichtlichen Flashbacks, sondern es findet immer wieder ein Wechsel der Handlungsebenen statt.
Als verbindenden Elemente dienen nicht nur die bekannten Marionetten-Figuren (die natürlich auf dem Dachboden zum Leben erwachen), sondern auch die Tochter (Hatü) des Gründervaters der Puppenkiste schafft einen personifizierten roten Faden. Sie tritt dem Mädchen auf dem verzauberten Dachboden als erwachsene Frau gegenüber, die als Zeitzeugin aus ihrer eigenen Kindheit berichtet.

Doch es sind nicht nur die unterschiedlichen Zeitebenen, die das Buch komplex und etwas widersprüchlich erscheinen lassen: Es verbergen sich in der Romanhandlung auch verschiedene Erzähl-Genres, die den Leser fordern, ihn manchmal aber auch etwas ratlos machen.
Es gibt eine sehr persönliche Familiengeschichte rund um Hatü (und ihre engsten Freunde und ersten Lieben), die politischen und kriegerischen Geschehnisse im 2. Weltkrieg werden recht eindringlich und ungeschönt beschrieben, die stufenweise Entwicklung des Theaters von der ersten Wohnzimmeraufführung bis zur professionellen TV-Aufzeichnung wird geradezu dokumentarisch nachgehalten. Und zwischendurch passieren mit den lebendig gewordenen Marionetten auf dem Dachboden seltsame Dinge, die sich um den Kasper drehen – der wiederum auch auf der anderen Ebene eine besondere Rolle spielt.

Was deutlich wird: Man kann diesem Buch sicher nicht vorwerfen, dass es irgendwie eindimensional wäre. Eher im Gegenteil: Manchmal weiß man nicht so genau, woran man eigentlich ist und ob man das wirklich so komplex konstruiert braucht.
Die Spannbreite zwischen kitschnaher Rührseligkeit und historischer Härte ist schon recht ambitioniert.

Manchmal hat der Schreibstil des Autors etwas Selbstverliebtes. Er hat zwei Lieblingsbegriffe geschaffen, von denen er nicht so recht lassen kann – so begeistert ist er scheinbar von sich selbst. Während sich das beim „Herzfaden“ quantitativ noch in Grenzen hält (es ist ja schließlich auch der Buchtitel), benutzt HETTCHE (gefühlt) mindestens 30 mal das schöne Bild des „Mondlichtteppichs“, der sich auf dem Dachboden ausbreitet.
Ich weiß nicht, wie ein Lektor bzw. eine Lektorin das durchgehen lassen kann.

Letztlich ist es Geschmackssache, ob man den Facetten- und Stilreichtum des Buches als Gewinn oder eher als verstörende Zumutung erlebt.
Mir haben einige etwas sehr gewollt anrührenden Stellen der Erzählung den Lese- bzw. Hörgenuss geschmälert. Es wird schon sehr deutlich, wie der Autor die biografische Vertrautheit seiner Leser mit den Augsburger Marionetten benutzt, um seinem Buch eine emotionale Dichte zu geben.
Vielleicht war es mir von allem ein bisschen zu viel – auch wenn das ganze Projekt sicher literarisch anspruchsvoll daherkommt.

Wer die Puppenkiste seiner Kindheit noch einmal auf eine ganz andere Art zum Leben erwecken will und dabei eine detailreiche zeitgeschichtliche Einbettung genießen möchte, der sollte zu diesem Buch greifen. Genauer und liebevoller wird man diese Zeitreise sicher nicht mehr bekommen.

„Die Jungbrunnen-Formel“ von Sven VOELPEL

Ein brandneues Buch (Okt 2020) zu einem alten Thema.
Ist es deshalb überflüssig?
Diese Rezension soll dabei helfen, diese Frage zu beantworten.

Der Jungbrunnen ist eine sehr alte und etablierte Metapher für das Besiegen der Altersbeschwerden; in der Verbindung mit dem Begriff „Formel“ soll wohl daraus etwas Modernes, Berechenbares und Planbares werden. Es geht also um Machbarkeit und nicht um Zauberkraft.

VOELPEL, Professor für Betriebswirtschaft, beschäftigt sich schon längere Zeit mit dem Thema Alter und hat sich dabei inzwischen weit über den Bereich der Wirtschaft hinaus einen Namen gemacht. In Talkshows unterhält und verblüfft der – geradezu provozierend jung wirkende – VOELPEL mit seinen z.T. skurrilen privaten Anti-Aging-Routinen.

Wenn man dieses Buch aufschlägt (bzw. auf sein Display lädt), erwartet einen zunächst mal eine Enttäuschung. Die ungekündigte Formel ist alles andere als eine Geheimformel; sie bündelt nicht mehr und nicht weniger als das Allgemeinwissen über gesundes Leben: Innere Einstellung + Ernährung + Bewegung + Schlaf + Atmung + Entspannung + soziale Kontakte = Wohlbefinden bis ins hohe Alter.
Die einzige Überraschung liegt vielleicht in dem Faktor „Atmung“; auf die anderen sechs Punkte wäre man vermutlich selbst gekommen.
Die Leistung des Autors besteht also nicht darin, bisher unbekannte Geheimnisse zu enthüllen. Was er zu bieten hat, ist die Aufbereitung und die Darstellung der Zusammenhänge.

VOELPEL sind mit diesem Buch zwei Dinge gelungen: Er vermittelt (insbesondere) neuere wissenschaftliche Befunde sehr verständlich und er schafft eine Art Motivationsschub in Richtung Umsetzung: Man kann sich dem Impuls kaum erwehren, zumindest einige Empfehlungen noch am gleichen Tag in sein Leben zu integrieren.

Wenn der Autor in seinen öffentlichen Auftritten auch recht radikal wirkt – in diesem Buch nimmt VOELKEL Kurs auf den Mainstream. Bis auf einige Vorschläge im Bewegungsbereich (z.B. Rückwärtsgehen auch in der Öffentlichkeit) vermeidet er Anregungen, die einem als Normalo nicht zugänglich wären. Auch in seinen Ernährungstipps spielen z.B. exotische Superfoods keine Rolle mehr (das war früher anders).
Das Ganze hat fast eine gewisse Heimtücke: Fast all das, was sich als nützlich für ein langes und gesundes Leben erwiesen hat, lässt sich mit durchaus vertretbarem Aufwand in einen ganz normalen Alltag integrieren: „Ach du Schrecken – das könnte ich ja wirklich tun!“

Es handelt sich bei der Jungbrunnen-Formel um ein Einsteiger-Buch. Niemand, der schon achtsam, körperlich aktiv, ernährungsbewusst und sozial eingebunden lebt, braucht wirklich diesen Überblick.
Wer an der Schwelle steht, noch Bestätigung oder Ermutigung braucht, andere motivieren oder einfach auf aktuellem Niveau mitreden möchte – der ist mit diesem angenehm und flüssig lesbaren Buch gut bedient.

Vielleicht hätte VOELPEL auf die ein oder andere Binsenweisheit verzichten können; manche Kapitel-Einleitungen sind schon sehr „basic“ und lassen eine gewisse Ungeduld aufkommen (die natürlich nicht gesundheitsförderlich ist).
(Übrigens: Die Cover-Gestaltung spricht mich überhaupt nicht an).

Auch wenn der Titel des Buches ein wenig marktschreierisch wirkt: Man bekommt seriöse Kost geboten und von einem technokratischen Machbarkeitswahn ist kaum etwas zu spüren.
Dass wir unsere Gesundheit und unsere Lebenserwartung zu einem gewissen Anteil selbst beeinflussen können – an dieser Erkenntnis kommt wohl niemand vorbei. Wer das bisher nicht wusste, weiß es nach dem Lesen dieses Buches.

„Wer früher plant, ist nicht gleich tot“ von Janine BERG-PEER

Das Buch hat eine eindeutige Zielgruppe: Es richtet sich an den Teil der Generation 65+, der offen dafür ist, statt nur über die vielfältigen Optionen des „modernen Alterns“ auch über die schwierigen Vorbereitungen und Entscheidungen hinsichtlich eines näher rückenden Lebensendes nachzudenken. Dabei geht es nicht nur um die allerletzten Fragen, sondern auch um die Gestaltung der gesamten Lebensphase, die durch deutlich nachlassende Kräfte und Möglichkeiten gekennzeichnet ist.
Die Kernüberzeugung der Autorin: „Man sollte auf alles vorbereitet sein!“

Nach einigen grundsätzlichen Betrachtungen zum Älterwerden im Allgemeinen folgen Ausführungen und Anregungen zum Umgang mit Krankenkassen (bei Bedarf an Hilfsmitteln), zur Klärung der langfristigen Möglichkeiten familiärer Pflegeleistungen, zu alternativen Wohnkonzepten, zur Auswahl von Alters-, Pflege- und Demenzheimen, zum frühzeitigen Minimalisieren des Hausrates und letztlich zu den notwendigen Verfügungen im Krankheits- und Todesfall.

Das Buch ermutigt zum Nachdenken, zum Recherchieren, zum Nach- und Hinterfragen und zu offenen Gesprächen mit den Menschen, die als Angehörige oder sonstige Bezugspersonen an den anstehenden Prozessen beteiligt sein werden.
Im Zweifelsfall – davon ist BERG-PEER überzeugt – kommt man mit einer direkten Ansprache von Wünschen und Bedürfnissen, also mit Klartext, weiter als mit Tabuisieren und Herumlavieren.
Der Autorin macht vor allem auf überzeugende Art plausibel, wie sinnvoll es ist, alle wesentlichen Dinge zu einem Zeitpunkt zu ordnen und zu regeln, an dem man die Dinge noch selbst in der Hand hat. Das schließt keineswegs aus, sich bei diesen Schritten auch praktische Hilfe zu holen.

Die Autorin legt kein nüchternes Sachbuch vor. Sie zeigt sich – mit einiger Selbstverliebtheit – als eine durchaus sperrige Persönlichkeit mit sehr individuellen Vorlieben und Maßstäben. Damit ist eine Sache schonmal geklärt: Alt sein bedeutet nicht, seine Identität zu verlieren und Teil einer amorphen grauhaarigen Menschenmasse zu werden!
Der Schreibstil ist locker-flockig, persönliche Erlebnisse, Betrachtungen und Meinungen spielen eine große Rolle und bilden die eigentliche Substanz des Buches. Man erfährt mindestens ebenso viel über die Autorin (ihre Katzen, ihre Kinder, ihre Biografie und vor allem über ihre kulinarischen Vorlieben) wie über die behandelten Themen.

Zurecht macht die Autorin anfangs kritisch deutlich, dass es heute fast zur Gewohnheit geworden ist, sich von den anderen (also den normalen) Alten irgendwie abzuheben, weil man ja fitter, flexibler, aktiver oder moderner wäre. Sie erkennt darin eine Art versteckte Altersdiskriminierung – als ob das normale Altsein doch irgendwie einen Makel hätte.
Ein bisschen schmunzeln muss man dann darüber, dass BERG-PEER selbst keine Anstrengung scheut, ihr Besonders-Sein an jeder Ecke zu demonstrieren.

Die Bewertung des Buches und damit der Lesegenuss wird stark davon abhängen, welchen Weg der Informationsvermittlung man als Leser/in bevorzugt. Sucht man strukturierte und nüchterne Sachinformation, die schnell auf den Punkt kommt und sofort praktisch verwertbar ist, dann wird BERG-PEERs extrem subjektiver Stil wenig Begeisterung auslösen können.
Andere werden es sehr genießen, gerade an die sensiblen Themen rund um Alter, Krankheit und Tod auf eine humorvolle und eigensinnige Weise herangeführt zu werden. Nach dem Motto: „Wenn schon das Thema schwer ist, dann soll es doch wenigstens die Art der Darbietung ein wenig Leichtigkeit verbreiten.“

Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich auf manche Anekdote und eine große Portion Selbstdarstellung gerne verzichtet. Ich bin aber sicher, dass dieses Buch viele zufriedene Leser finden wird.

„Der nasse Fisch“ von Volker Kutscher

Ich habe mir dieses Buch von David Nathan (einem tollen Hörbuch-Sprecher) vorlesen lassen. Die TV-Serie „Babylon Berlin“ habe ich nicht gesehen; das Buch hat mich aber dann doch interessiert.

Nasse Fische sind ungelöste Mordfälle.
Wir begleiten einen jungen Kriminalkommissar, der nach einem etwas problematischen Einsatz in seiner Heimat Köln nach Berlin in die Abteilung „Sitte“ gerät. Dieses Berlin der späten 20-ziger Jahre brodelt – gesellschaftlich, kulturell und politisch.
Das Buch beginnt extrem brutal – konzentriert sich dann aber auf die Darstellung von Beziehungsgeflechten: im Polizeihauptquartier, im privaten Umfeld, in den kriminellen Strukturen und im kulturellen bzw. politischen Milieu.

Dieser zeitgeschichtlich eingebettete Krimi unterhält auf einem angenehmen Niveau. Die Identifikation mit dem Protagonisten gelingt problemlos; man nimmt recht gelassen hin, dass er nicht immer den geraden Weg geht. Die Handlung bietet Verwicklungen und Überraschungen .
Natürlich gibt es auch eine Love-Story mit einemausreichend komplizierten Verlauf.

Die eigentliche Leistung des Romans liegt in der Vermittlung eines historischen Einblicks in die spannende Zeit zwischen Kaiserzeit und Nazi-Machtergreifung. Man spürt auf der einen Seite die Vorzeichen einer hedonistischen Moderne, gleichzeitig türmen sich die dunklen Wolken des Machtkampfes zwischen den politischen Extremen am Horizont auf.

Insgesamt eine lohnende Lektüre für Menschen, die sich über das hinaus anregen lassen wollen, was eine gut konstruierte Geschichte leisten kann.

Viellicht schau ich doch nochmal in die TV-Serien rein…

„Youth To Power – Eine Anleitung zum Handeln“ von Jamie MARGOLIN

Die inzwischen weltweit bekannte junge Aktivistin (Mitbegründerin der Klimabewegung „Zero Hour“) hat ein Buch für diejenigen jungen Leute geschrieben, die sich ebenfalls aufmachen wollen, um die Welt nach ihren eigenen Vorstellungen zu verändern.
Es ist eine Art Handbuch geworden, in dem sie ihre – inzwischen breitgefächerten – Erfahrungen in strukturierter Form darstellt und so konkrete Tipps und Handlungsanleitungen verfügbar macht.

JAMIE (der Vorname passt besser zum Stil des Buches) spricht ihre Zielgruppe direkt an, sie betrachtet sich dabei als gleichgesinnte Freundin mit einem Erfahrungsvorsprung, keineswegs als ein leuchtendes Vorbild oder gar als Heldin.

Es geht ihr nicht darum, für eine bestimmte Sache zu werben – auch wenn die Richtung natürlich klar ist: Alle Beispiele drehen sich um Klima, Anti-Rassismus, Anti-Diskriminierung, Transgender, soziale Gerechtigkeit. Die Autorin behandelt in ihrem Aktivisten-Leitfaden aber nicht den Inhalt, sondern die Struktur des politischen Handelns. Es handelt sich daher NICHT um ein Klima-Buch oder um die Sensibilisierung für Alltags-Diskriminierung.
Ausgangspunkt aller Überlegungen ist die eigene Erfahrung, die empfundene Ungerechtigkeit oder das persönliche Veränderungsziel. Die Frage nach dem persönlichen „Warum“ (also nach dem Motiv für das Aktivwerden) steht daher am Anfang.

Dann geht es ans Eingemachte: JAMIE behandelt die Wege und Methoden der politischen Einflussnahme mit bewundernswerter Akribie und Systematik: Wie finde ich gleichgesinnte Jugendliche? Wie schreibe ich einen Leserbrief? Wie nehme ich Kontakt zu meinem Abgeordneten auf? Wie mobilisiere ich die Presse? Wo finde ich Bündnispartner und Mentoren in der Erwachsenenwelt? Wie organisiere ich ein Event? Was muss ich über juristische und finanzielle Aspekte eines Projektes oder einer Demo wissen? Wie nutze ich die sozialen Medien? Welche Stolpersteine lauern in der internen Gruppendynamik? Usw., usw…

So eindeutig sich die Autorin auch zu der Notwendigkeit bekennt, dass die junge Generation ihre Interessen mit voller Kraft selbst vertreten muss – so klar definiert sie auch die Risiken und Grenzen eines solchen Engagements.
Es gehört eindeutig zu den größten Stärken dieses Buches, dass JAMIE nicht nur auf die Gefahren einer Selbstüberforderung und auf die Notwendigkeit hinweist, sich „normale“ Lebensbereiche zu erhalten; sie nimmt sogar eindeutig Stellung, wenn es um den Vorrang der eigenen Ausbildung und die Berücksichtigung familiärer Bezüge geht.
Hier stachelt an keiner Stelle eine radikale Aktivistin andere Jugendliche auf, sich ohne Rücksicht auf Verluste ganz einer Sache hinzugeben und diesem Ziel alles andere unterzuordnen. Hier hetzt auch niemand gegen die „böse Erwachsenenwelt“; im Gegenteil: Es wird immer wieder dazu ermutigt, sich dort Mitstreiter/innen zu suchen und auch die eigenen Eltern nicht außen vor zu lassen.

Die Autorin lebt in Amerika und das hat natürlich auch dieses Buch geprägt. So ist das Thema „People of Color“ (und damit rassistische Diskriminierung) an jeder Ecke spürbar. Aber JAMIE ist international vernetzt und sie unterstreicht diese Globalität der Jugendbewegung, indem sie am Ende jedes Kapitels eine Aktivistin aus anderen Teilen der Welt zu Wort kommen lässt.
An Selbstbewusstsein fehlt es der Autorin und ihren Mitstreiterinnen dabei sicher nicht. Sie ist überzeugt davon, dass Jugendliche besonders geeignet sind, sich den drängenden Zukunftsfragen zuzuwenden, weil sie noch nicht durch wirtschaftliche Interessen oder Abhängigkeiten vereinnahmt sind.

Vor dem Kauf des Buches sollte man wissen, worauf man sich einlässt. Es geht hier nicht um ein gelegentliches Mitmarschieren bei „Fridays for Future“. Thema sind die konkreten, mühsamen und langfristig ausgerichteten kleinen Schritte der politischen Einflussnahme – aus der Perspektive von Jugendlichen, die selbst noch keine Wähler/innen sind, sich aber mutig und selbstbewusst einmischen wollen, um die Zukunft in ihrem Sinne zu gestalten.

Für diese Zielgruppe bietet dieses Buch geradezu eine Füllhorn an praktischen und alltagsnahen Anregungen. Man könnte ohne Übertreibung sagen: Dieses handliche und preiswerte Buch könnte ein unverzichtbares Standardwerk für die internationale Jugendbewegung werden.

„Bewusstsein – Bekenntnisse eines Hirnforschers“ von Christof KOCH

KOCH ist ein international renommierter Wissenschaftler, der an den besten Forschungseinrichtungen der Welt mit den klügsten Experten gearbeitet hat. Das weiß er, und das zeigt er auch.
Überhaupt ist dieses Sachbuch, das sich an ein interessiertes und vorgebildetes Publikum wendet, zugleich ein sehr fachliches und sehr persönliches Buch. Dieser Mensch nimmt auch sich und seine Biografie wichtig – tut das aber nicht (nur) aus Eitelkeit, sondern schafft damit einen Bezugsrahmen für die Themen, die in bewegen und für die Auswirkungen seiner Erkenntnisse auf seine private Weltsicht.

Wie macht unser Gehirn das Bewusstsein? Lohnt es sich überhaupt, diesem Geheimnis auf die Spur kommen zu wollen? Wie weit führt die Entzauberung des Menschen, wenn ich selbst seine höchsten geistigen Leistungen, seine Entscheidungen und seinen Willen als Ergebnis von physiologischen (elektro-chemischen) Vorgängen betrachte? Haben vielleicht schon Tiere ein Bewusstsein – und was würde das bedeuten? Welchen Platz haben bei all dem noch traditionelle Menschenbilder oder gar der göttliche Einfluss?

KOCH ist dem inneren Antrieb gefolgt, den Fragen nach der Quelle für das Bewusstsein ohne Tabus nachzugehen. Er hat dabei viel gewonnen, aber auch etwas verloren, u.a. den Glauben an einen persönlichen Gott. Es wird deutlich, dass sein Leben dadurch nicht an Sinn, Erfüllung oder Tiefe verloren hat. KOCH sucht und findet auch intensive Erfahrungen außerhalb der Labore.
Doch in erster Linie sind es die gewonnenen Erkenntnisse über die unglaubliche Komplexität der neuronalen Funktionen und Netzwerke, die sein Leben bereichert haben. Und genau das versucht der Autor, uns in diesem Buch mitzuteilen, indem er uns auf eine Reise durch sein Leben mitnimmt.

Im Buch wechselt die Perspektive zwischen einer persönlichen, einer eher grundsätzlichen Betrachtungsebene und der akribischen Darstellung von Experimenten und Befunden. Dieser Perspektivwechsel macht es dem Leser leichter, sich auf die Zumutungen der wissenschaftlichen Details einzulassen. Nach und nach führt KOCH tiefer in das Innere des Gehirns und seiner Funktionen und vergrößert damit auch die Komplexität der angebotenen Information – bietet aber immer wieder erklärende und einordnende Begleitung an.
Man erfährt viel über die Aussagekraft von Träumen, Tierexperimenten und spezifischen Verletzungen und Erkrankungen des menschlichen Gehirns. Eindrucksvoll wird belegt, wie viel in unserem Nervensystem passiert, ohne dass wir uns dessen bewusst wären – zum Glück, denn ohne Filterung und Voranalyse wären wir hoffnungslos überfordert und völlig lebensunfähig.

Auch philosophisch höchst interessant sind KOCHs Betrachtungen zum Determinismus und zur Willensfreiheit. Natürlich findet auch KOCH, der bis in die Unschärfe der Quantenphysik eintaucht, nicht die Wahrheit zu diesen Menschheitsfragen; er schlägt aber pragmatische Lösungen bzw. Umgangsweisen vor, die sich von vielen anderen eher oberflächlichen Thesen angenehm unterscheiden. Er traut sich, bis an die Grenze des Denkbaren zu denken, und geht dann wieder einen halben Schritt zurück – damit es sozusagen lebbar bleibt. Respekt!

Gegen Ende stellt der Wissenschaftler eine schon fast metaphysische Sichtweise des Bewusstseins zur Diskussion, in Form eines in aller Materie bzw. im gesamten Kosmos angelegten Ur-Bewusstseins. Natürlich wird auch die Frage diskutiert, ob und ab welcher Komplexitätsstufe auch künstliche Systeme Bewusstsein entwickeln können oder unvermeidbar werden.
Das alles ist intellektuell anregend; man muss sich dabei nicht jeden Gedanken zu eigen machen.

Am ehesten findet sich die ultimativ-vorläufige Antwort auf die Frage nach dem Bewusstsein letztlich im Prinzip der integrierten Information. Er stellt ein (gedankliches und mathematischen) Modell vor, dass sogar schon eine konkrete Anwendungsmöglichkeit gefunden hat: So können unterschiedliche Bewusstseinszustände bei schwerkranken Patienten auf dieser Grundlage offenbar recht zuverlässig unterschieden werden.

Falls noch jemand zweifelt: Unser Bewusstsein verschwindet (spätestens) mit unserem Tod. Bis dahin können wir allerdings (u.a.) noch viel über uns und die Welt erfahren und lernen – z.B. aus solchen faszinierenden Büchern wie diesem.