„why we matter“ von Emilia Roig

Bewertung: 3 von 5.

Wenn man sich kritisch mit einem Buch auseinandersetzt, das ein zweifellos relevantes und für viele Menschen auch unmittelbar (schmerzlich) spürbares Thema betrifft, kann man leicht unter Verdacht geraten: man könnte den Betroffenen ihr Leid absprechen oder relativieren, das ganze Problem wegdiskutieren oder sich sogar auf die Seite der Täter stellen wollen. Man wäre also letztendlich unempathisch, ignorant oder gar böse.
Was ich hier als Rezensent aber ganz sicher nicht tun möchte, ist das Streben nach einer Welt ohne Unterdrückung und Diskriminierung in Frage zu stellen. Ich bewerte – aus einer ganz bestimmten subjektiven Sicht – ein konkretes Buch; so wie ich es sonst auch bei vielen Sachbüchern oder Romanen tue.
Wer denkt, man könne oder dürfe über einen Text, der sich – aus der Perspektive einer Betroffenen – engagiert gegen systematisches Unrecht wendet, nicht aus einer Position einer „kritischen Distanz“ betrachten (weil es sich nur um eine Anmaßung handeln könne), der oder die kann sich an dieser Stelle gegen das Weiterlesen entscheiden.

Emilia ROIG schöpft für ihre umfassende Darstellung von Unterdrückungs- und Diskriminierungsprozessen aus zwei Quellen: Sie beschreibt anschaulich eigene Erfahrungen aus ihrer eigenen multikulturellen Biografie sowie aus ihrem persönlichen Umfeld und sie bezieht sich auf – sowohl zeitlich als auch geografisch weit gefächerte – historische, gesellschaftliche und politische Analysen.

Die Autorin versucht an keiner Stelle den Eindruck zu erwecken, dass sie einen irgendwie „neutralen“ oder gar „objektiven“ wissenschaftlichen Text vorlegt. Sie hat ein Ziel, folgt einer Berufung, ist selbstbewusst parteilich und stützt sich – naheliegender Weise – ausschließlich auf Autor:innen, die sich dem Feminismus, dem Antirassismus, der Kapitalismuskritik und dem konsequenten Schutz aller Minderheiten gegen Unterdrückung und Diskriminierung verschrieben haben. Dabei spielen neben people of colour natürlich auch nicht-binäre sexuelle Identitäten bzw. Orientierungen eine Rolle, ebenso wie behinderte Menschen und Person(gruppen), die in Armut und/oder unter unfreien bzw. abhängigen Bedingungen leben müssen (z.B. auch als Folge von Polizeigewalt oder unfairer Rechtssysteme).

ROIGs Hauptargumentationslinie besteht darin zu verdeutlichen, dass die Unterdrückungs- und Diskriminierungsmechanismen sich durchweg auf bestimmte grundlegende Machtstrukturen zurückführen lassen. Genannt werden immer wieder:
– die historisch (u.a. durch Kolonialismus und Sklavenwirtschaft) gewachsene Vorherrschaft von Menschen (Nationen) mit weißer Hautfarbe,
–  die patriarchalische Einschränkung der Rechte und Teilhabe von Frauen (einschließlich der Unterdrückung ihrer Sexualität),
– die Ausbeutung durch eine (weitgehend menschenverachtende) kapitalistische Wirtschaftsordnung (mit ihrem rein rational-technischem Naturverständnis),
– gesellschaftliche Institutionen (Bildungssystem, Polizei, Justiz), die für die Absicherung der Privilegien eingesetzt wurden und werden (und so auch eine wirksamen Gegenwehr verhindern).
Wer wollte diese grundsätzlichen Zusammenhänge ernsthaft bestreiten?!

Die Autorin geht aber über eine Zustandsbeschreibung und dessen historischer Einordnung weit hinaus. Sie entwirft ein – stellenweise geradezu utopisches – Bild einer alternativen Welt- und Gesellschaftsordnung (die so sozial gerecht, ökologisch, naturnah, divers und menschenfreundlich ist, dass der Zwang zur Lohnarbeit, aber z.B. auch Polizei und Gefängnisse irgendwann überflüssig werden).

Für die gegenwärtige Auseinandersetzung um Diskriminierungen aller Art wird der Blick nicht auf individuelles Verhalten bestimmter Menschen – z.B. weißer Männer oder Cis-Frauen (also Frauen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmt) gelenkt, sondern auf deren historisch gewachsenen und verfestigten Privilegiertheits-Status. Diese „strukturelle Diskriminierung“ anzuerkennen, ist – aus Sicht des Buches – die Eintrittskarte in jeden ernstzunehmenden Diskurs.

Auch wenn ich mir natürlich nicht anmaßen würde, in die Erlebniswelt einer/eines Betroffenen eintauchen zu können, würde ich doch vermuten, dass sich ein großer Teil der Menschen mit eigenen Diskriminierungserfahrungen sich von ROIG sehr gut gesehen und verstanden fühlen. Eine große Gruppe wird sicher mit dem Angebot sympathisieren, persönliche Erfahrungen in den dargebotenen größeren (politischen und historischen) Zusammenhang einzuordnen. Für viele wird damit sicher ein bedeutsamer Erkenntnisgewinn verbunden sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass jede Person mit solchen Erfahrungen alle Schlussfolgerungen und politischen Ziele der Autorin teilen würde (das zu unterstellen verbietet der Respekt vor den individuellen Erfahrungen und Überzeugungen).

Wo könnten bei einem solch engagierten Manifest nun überhaupt Kritikpunkte lauern?
Nun, für mich hat sich die Frage gestellt, ob nicht einige Pauschalisierungen und Übertreibungen die Aussagekraft des Buches eher schwächen. Bei Menschen wie mir ist das so.
Wenn man Gegner (Unterdrücker) wahrnimmt und sich von ihnen (und ihrer Macht) befreien will, dann ist es wichtig, dass die Fronten klar sind: Es gibt Täter und Opfer, Privilegierte und Diskriminierte, Gut und Böse. Wenn man aber historische Zusammenhänge quer über die Jahrhunderte und Kontinente darstellen und für Begründen nutzen will, schlagen solche einfachen Schemata leider irgendwann in monokausale Erklärungen um.

Was ich damit meine, möchte ich an ein paar Beispielen erläutern:
– Ich glaube einfach nicht ganz, dass alles Leid und Unrecht der Welt auf den Überlegenheitswahn der weißen „Rasse“ und deren patriarchalen, kolonialistischen und kapitalistischen Ideologien zurückzuführen sind. Ich glaube, dass es auch zu anderen Zeiten und in anderen Kulturen Machtmissbrauch und Unterdrückung gab (und gibt), dass Menschenrechte auch unter ganz anderen gesellschaftlichen und religiösen Bedingungen missachtet wurden.
– Auch glaube ich, dass die westliche Epoche der Aufklärung (und die darauf aufbauende Wissenschaft und Technologie) nicht nur zu einer seelenlosen Ausbeutung von Menschen (Sklaven) und Plünderung natürlicher Ressourcen geführt hat, sondern letztlich auch positive Aspekte der Zivilisation und nicht zuletzt die Grundlage der Prinzipien geschaffen hat, auf die sich auch ROIG in ihrem Buch zu Recht beruft.
– Mir ist nicht bekannt, dass es so unendlich viele Staaten auf diesem Planeten gäbe, in denen Institutionen wie Polizei und Justiz in einem größeren Ausmaß als bei uns auch zur Verteidigung von individuellen Rechten Nichtprivilegierter tätig sind. Nicht alles was der „weiße, kapitalistische“ Staat macht, dient unmittelbar der Machterhaltung einer mächtigen Clique von Unterdrückern.
– Ich bin nicht ganz sicher, ob die starre (und etwas provokante) Einteilung in diskriminierte Minderheiten und strukturell Privilegierte (und damit auch potentielle „Täter“) wirklich die Form von Solidarisierung und Gemeinschaftsgefühl schafft, die letztlich angestrebt wird.
Natürlich kann man das alles so sehen; man muss es aber nicht (selbst wenn man sich für einen aufgeklärten und fortschrittlichen Menschen hält).

Wie kommt es zu solchen – meiner Einschätzung nach – überschießenden Aussagen in diesem engagierten Buch? Ein Muster, was sich immer wiederholt, lässt sich so beschreiben: Es werden extreme Beispiele für Unterdrückung und Diskriminierung aus oft weit zurückliegenden historischen Epochen angeführt (schlimm genug, dass es sie gab), dann aktuelle Fehlentwicklungen aus anderen Ländern (z.B. der USA) angeführt, um dann aus der Analyse, dass ja die gleichen strukturellen Rahmenbedingungen auch in Europa wirken, ein extrem einseitig-negatives Bild unserer Realität abgeleitet.

Ich will es nochmal klarstellen: Es geht nicht um falsch oder richtig. Viele Aussagen von ROIG sind zweifellos nachvollziehbar und richtig. Ich frage mich nur, ob man/frau wirklich so dick auftragen muss, um für die eigenen Anliegen und letztlich für eine bessere Gesellschaft zu werben.
Vielleicht stehe ich ja schon auf der „anderen“ Seite, weil mir dieser hier vorgelegte Rundumschlag an einigen Stellen ganz eindeutig zu weit geht. Aber ich bin sicher, dass dieses Buch sich sowieso an andere Zielgruppen wendet.

„befreit“ von Tara WESTOVER

Bewertung: 3 von 5.

Diesem Buch und seiner Bewertung kann man sich auf ganz verschiedenen Wegen nähern: durch empathisches Mitfühlen hinsichtlich des geschilderten Schicksals, durch Analyse der erzählerischen Qualitäten, durch Beurteilung der psychologischen Stimmigkeit der Figuren und durch Beschäftigung mit der Verbindung zwischen religiösem Fanatismus und individueller Psychopathologie. Man könnte auch die Spur der Autorin aufnehmen und nachspüren, wie Bildung die Chance beinhaltet, sich von frühgeprägten Mustern und Beschädigungen zu befreien.
Ich werde eine – sicher sehr subjektive – Mischung dieser Perspektiven anbieten.

Die Handlung: Ein Mädchen wächst in einer ziemlich abgeschotteten Welt im ländlichen Amerika auf. Diese Erfahrungswelt wird geprägt durch einen Vater, dessen religiöser Eifer (es geht um Mormonen) sich mit einem psychischen Störungsbild kombiniert und so ein Wahnsystem produziert, in dem alle weltlichen (staatlichen) Einflüsse dem Teufel zugeschrieben werden. Den Lebensunterhalt der kinderreichen Familie bestreitet er als Schrotthändler und kleiner Bauunternehmer; natürlich müssen alle Kinder von klein auf mitarbeiten. Neben sich hat er eine Ehefrau, die sich seinem Regime unterordnet – zunächst aus Angst, später aus Überzeugung bzw. Loyalität. Sie startet als eine Art „Kräuterfrau“ und illegale Hebamme, entwickelt später daraus ein einträgliches Unternehmen.
Das Familienleben wird durch Tyrannei und Rohheit bestimmt; die Ablehnung alles
Weltlichen bezieht sich auch auf die Systeme Schule und (offizielle) Medizin.
Man begleitet die Ich-Erzählerin durch die Schrecken ihrer Kindheit und hofft auf den Moment, in dem die – durch den Titel versprochene – Befreiung beginnt.

Als Leser/in ist man einem emotionalem Wechselbad ausgeliefert. Man leidet mit der Protagonistin und ihren Geschwistern, ist fassungslos angesichts des Umgangs mit Bedürfnissen, Krankheit und Schmerz und kann nur mit großer Mühe (zumindest eine Zeitlang) nachvollziehen, warum dem Ganzen nicht irgendwann von innen oder außen ein Ende gesetzt wird.
Irgendwann melden sich dann Unverständnis, wachsende Ungeduld, später sogar Ärger, weil die – doch so offensichtlich erscheinenden – Zusammenhänge auch von den zu Jugendlichen heranwachsenden Opfern dieser Tyrannei einfach nicht erkannt und die notwendigen Konsequenzen nicht gezogen werden.

Zwei Seiten einer Medaille liegen ganz nah zusammen:
Es wird sehr eindrücklich verdeutlicht, wie stark die Kräfte einer frühen, geradezu gehirnwäschenmäßigen Prägung, kombiniert mit traumatischen Erfahrungen, wirken können – bis zu einer unzweifelhaft pathologischen Verstrickung. Loyalität wird so grenzenlos und selbstzerstörerisch – in einer Situation, in der sich der Missbrauch elterlicher Autorität mit dem Anspruch einer unerbittlichen religiösen Unterwerfung vermischt.
Gleichzeitig ist es nur schwer auszuhalten (und manchmal auch wirklich nicht zu glauben), dass eine – inzwischen intellektuell geförderte und entwickelte – Persönlichkeit so viele Durchgänge und schmerzhafte Wiederholungsschleifen benötigt, bevor (endlich) Erkenntnisse reifen und Schlussfolgerungen möglich werden (bis zum Ende nicht frei von Ambivalenzen).
Mir waren es tatsächlich ein paar Runden zu viel.

Letztlich stimmt die Aussage des Untertitels nicht. Bildung hat diese junge Frau nicht wirklich befreit – sonst wäre sie nicht als Studierende und Doktorandin, belesen mit Werken aus Geschichte, Politik und Philosophie, immer noch unfähig gewesen, die tatsächlichen Beschädigungen und destruktiven Kräfte ihrer Herkunftsfamilie zu durchschauen.
Der Lösung kam sie schließlich eher durch eine Art therapeutischen Prozess näher, eben nicht durch Wissen allein.

Insgesamt hat mich das Buch ein wenig ratlos hinterlassen. Habe ich mehr erfahren, als dass es solche bemitleidenswerten Einzelschicksale gibt?
Völlig vermisste habe ich z.B. eine kritische Auseinandersetzung mit einem religiösen System, dass mit seinem Absolutheitsanspruch eben auch den Boden bereitet für eine solche Familiendiktatur. Im Gegenteil: Die Autorin ist bis zum Schluss stolz darauf, dass sie in ihrer Dissertation Aspekte der mormonischen Kultur mit anderen gesellschaftlichen Einflüssen harmonisiert hat.
Da fehlt mir das Verständnis. Nicht gegenüber dem Umstand, dass die religiöse Prägung trotz allem Leid ein Teil der Identität geblieben ist, sondern weil mir eine Auseinandersetzung damit fehlt, eine Meta-Betrachtung.

Die – sicher anrührende – Schilderung dieser Kindheits-Hölle macht diesen Text für mich noch nicht zu einem wirklich empfehlenswerten Buch.


„Immer auf Sendung – Nie auf Empfang“ von Kate MURPHY

Bewertung: 4 von 5.

Das Buch der amerikanischen Wissenschaftsjournalistin hat keine „Liebe auf den ersten Blick“ ausgelöst. Ein bisschen plauderhaft-episodisch empfand ich den Einstieg, die etwas zu erwartbaren kulturkritischen Ausführungen zum Verlust des Zuhörens in der Moderne haben mich nicht gerade schwungvoll hinterm Ofen hervorgezogen.
Aber: Der Text entfaltet eine Steigerungsdynamik und hält dann doch eine Reihe von gehaltvollen Überraschungen bereit.

Die Autorin hat ein echtes Anliegen: Sie will das persönliche Zuhören schmackhaft machen, will auf die besondere Qualität und Funktion der unmittelbaren Begegnung im Gespräch hinweisen. Sie will deutlich machen, was alles verlorengeht, wenn wir uns allein einer elektronisch-digitalen Kommunikation überlassen.

Zum Glück bleibt es nicht bei einer Bestandsaufnahme des Niedergangs und entsprechenden Apellen zur Umkehr. MURPHY macht einen echten Rundumschlag und wendet sich wirklich sehr vielen Bereichen des privaten und beruflichen Lebens zu, in denen die Fähigkeit (Kunst?) des Zuhörens eine Rolle spielt (oder stärker spielen sollte).
Sie schaut sich Partnerschaften bzw. Ehen an, streift die Bereiche Medizin und Psychotherapie, betrachtet kritisch Politik und Medien.
Immer wieder kann sie sich für einzelne Könner (z.B. Journalisten oder Verkäufer) begeistern, die durch ihre Art des Zuhörens bei ihrem Gegenüber erstaunliche Wirkungen erzielen.

Fast unauffällig streut die Autorin Sachinformationen ein, indem sie über z.B. über die Bedeutung frühkindliche Bindungserfahrungen, über den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken oder über die physiologische Basis des Hörens aufklärt.
Es werden Untersuchungen angeführt, kognitive Verzerrungen erklärt und Beispiele für Kommunikationstrainings angeführt.
Da sich das Ganze in einem eher journalistischen Schreibstil abspielt und – auf typisch amerikanische Weise – mit episodenhaften (auch abschreckenden) Fallbespielen angereichert ist, merkt man kaum, dass man tatsächlich ein Sachbuch liest.

Es geht MURPHY bei ihrem Plädoyer für ein besseres Zuhören nicht um eine rein technische Fertigkeit. Für sie ist Zuhören kein Manipulations-Trick, sondern beruht auf einer bestimmten Haltung: es geht ihr um Neugier, Authentizität, Zuwendung, Empathie. Wer wirklich zuhört, der will auch verstehen und bringt sich auch selbst als Person ein.
Insofern ist das angestrebte Verhalten schon sehr nahe an dem, was man „aktives Zuhören“, „klientenzentrierte Gesprächsführung“ oder „Gesprächspsychotherapie“ nennt.
Sie nennt diesen Bezug auch, macht ihn aber nicht so groß, wie das möglich und passend gewesen wäre. Ein bisschen entsteht dabei der Eindruck, dass sich dadurch vielleicht zu viel anderes erübrigt hätte; tatsächlich wären bei einer ausführlicheren Darstellung dieses therapeutischen Vorgehens manch anderes Beispiel überflüssig gewesen.
Aber vielleicht zieht dieses Buch seinen Reiz ja gerade aus seinem breiten, facettenreichen Zugang.

Insgesamt ein sympathisches und informatives Buch zu einem wichtigen Thema. Für manchen vielleicht ein wenig zu pädagogisch-missionarisch im Ton, andere werden möglicherweise eine noch stringentere Strukturierung vermissen.
Wer journalistische Pupulärwissenschaft zu schätzen weiß, bekommt sie in diesem Buch.

„Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ von Mai Thi NGUYEN-KIM

Bewertung: 5 von 5.

Aus gutem Grund gibt es seit einiger Zeit eine Reihe von Artikeln und Büchern, die sich mit dem Phänomen der „alternative Fakten“ befassen. Darin wird insbesondere die Frage gestellt, wie es dazu kommen konnte, dass uns scheinbar die gemeinsame Grundlage für das verloren geht, worüber man dann verschiedener Meinung sein könnte. Es ist der Eindruck entstanden, dass es zunehmend an einer gemeinsam akzeptierten Ausgangslage – einer unbezweifelbaren Realität – mangelt.

Statt diese Entwicklung nur zu beschreiben und zu beklagen, hat sich die – inzwischen durch ihre mediale Präsenz bekannte – Autorin das Ziel gesetzt, der Erosion der geteilten Wirklichkeit etwas entgegenzusetzen.
Sie tut das auf zwei Ebenen, die sie permanent miteinander verbindet: Sie schildert die Erkenntnis- bzw. Faktenlage zu einer Reihe von kontrovers diskutierten Themen und erklärt gleichzeitig die Grundzüge wissenschaftlichen Arbeitens.
Das Erstaunliche: Sie geht dabei richtig tief unter die Oberfläche!

Fangen wir mit den Themen an, die NGUYEN-KIM einer ausführlichen Faktenanalyse unterzieht: Schädlichkeit von Drogen, Videospiele und Gewalt, Gender Pay Gap, Schul- vs. Alternativmedizin, Impfungen, Erblichkeit von Intelligenz, Geschlechtsunterschiede.
Als Auftakt stellte die Autorin jeweils ein paar „Fangfragen“, die übliche Voreingenommenheiten verdeutlichen sollen. Dann geht’s an die Befunde: Welche Untersuchungen gibt es? Welche methodische Qualität haben sie? Welche Schlussfolgerungen lassen sie zu? Wie eindeutig lässt sich die Ausgangsfrage beantworten?

Ich war sehr überrascht von der Informationsdichte und -tiefe der Ausführungen. Hier geht es nicht um schnelle Meinungsmache, die mit ein paar peppigen pseudowissenschaftlichen Schlagzeilen unterfüttert werden. NGUYEN-KIM arbeitet sich sorgfältig und gründlich ab an den Themen, sie mutet dem Leser (auch der Leserin) Details und Widersprüchlichkeiten zu. Es wird geradezu unerbittlich darauf geachtet, dass jeder einzelne argumentative Schritt nachvollzogen werden kann. Ausruhen iss nicht – Mitdenken ist angesagt!
Die Autorin wendet sich vorrangig an ein eher junges Publikum, das sie auch über ihre anderen Medienkanäle erreicht. Man duzt sich – was aber der Seriosität ihrer Aussagen keinen Schaden zufügt.

Es wäre wohl nicht übertrieben zu behaupten, dass man hier gleich zwei Bücher auf einmal bekommt: Denn neben den o.g. Themen steht – mindestens gleichberechtigt – eine umfangreiche Einführung in die Grundprinzipien des wissenschaftlichen Arbeitens auf dem Stundenplan. Und auch diese Inhalte sind nicht ohne: Hypothesenbildung, experimentelle Forschungsdesigns, statistische Prüfung von Signifikanzen, Tricks bei der Interpretation von Befunden, usw.
Das Ziel: Die Autorin will nicht nur einen (tiefen) Einblick in die Innereien der wissenschaftlichen Methodik geben, sondern auch gleich das Basis-Rüstzeug vermitteln, Untersuchungsbefunde kritisch einzuordnen.

Ohne Zweifel: NGUYEN-KIM ist Wissenschaftlerin mit Leidenschaft. Sie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass es kein alternatives System zur Gewinnung von Erkenntnissen über die Welt gibt. Sie will aber keine blinde Wissenschaftsgläubigkeit, sondern sie will den aufgeklärten Bürger, der auch Fragen stellen und Schwächen erkennen kann.

Die größte Stärke der Autorin liegt sicher darin, dass man ihr abnimmt, dass sie im Zweifelsfall den Fakten mehr Gewicht geben würde als ihren Überzeugungen.
Sie scheut es auch nicht, Dinge beim Namen zu nennen, die viele sicher nicht gerne hören (z.B. die eklatanten Missstände bei der Bewertung von Homöopathie und der Ausbildung von Heilpraktikern).

Manchmal beißt sich NGUYEN-KIM geradezu fest bei einem Thema: Da ich selbst vom Fach bin, kann ich ganz gut beurteilen, dass z.B. die Auseinandersetzung mit der Erblichkeit von Intelligenz jedem Uni-Seminar zur Ehre gereichen würde. Da wird so manche/r interessierte Laie irgendwann aussteigen…

Insgesamt kann ich mir kaum ein informativeres Buch über die Möglichkeiten und Grenzen von Wissenschaft vorstellen. Ehrlicherweise muss man aber einräumen, dass der Text eine Grundbildung voraussetzt (eine gewisse Nähe zum Abi wäre sicher nicht verkehrt).

Für mich bestand der größte Mangel dieses Buches darin, dass es irgendwann zu Ende war.
Ich würde mir sehr gerne auch die restliche Welt von NGUYEN-KIM erklären lassen (und erhoffe mir daher Nachfolge-Bände).

Das Hörbuch hat die Autorin übrigens selbst eingelesen. Absolut professionell! Es ist ein Vergnügen, ihr zuzuhören.

Gendersprache und Diskriminierung

Die aktuell diskutierte und bereits stattfindende Veränderung unserer Sprache betrifft uns alle: als Lesende, als Schreibende, als TV-Konsumenten, usw.
Viele lassen es einfach geschehen und warten ab – so wie man es ja auch mit anderen zeitgeschichtlichen Phänomenen letztlich gewohnt ist.
Manche regt es aber auch sehr auf: weil sie die Schönheit oder die Verständlichkeit der Sprache bedroht sehen, weil Sie sich nicht das „richtige“ Schreiben bzw. Sprechen vorschreiben lassen wollen oder weil ihnen die ganze Richtung nicht passt (mit all den Diskussionen um Diskriminierung, political correctness und Diversitäten).
Kenn ich eigentlich meinen eigenen Standpunkt? Könnte ich ihn formulieren?
Nachdem ZEIT und SPIEGEL durch sind, wird es Zeit für einen Post.

Natürlich will ich hier nicht die ganze Breite der Diskussion aufspannen. Das können andere besser. Mir geht es um die Sprache, um die Verabsolutierung der Geschlechtszugehörigkeit und um das Verhältnis von Minderheiten und Mehrheiten.
Mir geht es ganz sicher nicht darum, traditionelle Machtpositionen von Männern zu verteidigen oder einen allgemeinen konservativen Rollback zu befördern.

Zur Sprache
Ich schreibe gerne und viel. Ich mag es, wenn Texte gut lesbar, leicht verständlich und so unkompliziert wie möglich (und damit auch irgendwie „elegant“) sind. Als Schreibender hätte ich gerne relativ große Freiheiten, um mich und meinen Stil ausleben zu können. Gerne unterwerfe ich mich dabei orthografischen und grammatikalischen Konventionen. Diese zu beherrschen, ist ein Teil von Schreibkompetenz.
Was ich nicht möchte, sind Vorgaben, die mir aus (meinetwegen gut gemeinten) ideologischen Motiven und als Ergebnis einer gesellschaftlichen Lobbyarbeit vorgegeben werden. Auch wenn man nicht gezwungen wird: Ab sofort ist mit Art und Umfang des sprachlichen Genderns ein weltanschauliche Selbstoffenbarung verbunden.
Ich will aber einfach bestimmte Veränderungen vermeiden, die ich als Beschädigung der Sprache erlebe; ich will nicht gleichzeitig eine Botschaft vermitteln, dass ich offenbar AFD-affin wäre.
Übrigens: Einen nachträglichen Eingriff in frühere oder gar historische Texte aus Gründen von Gender- oder sonstigen Gerechtigkeiten halte ich für völlig unakzeptabel.

Zur Geschlechtszugehörigkeit
Mich sprechen Stellungnahmen von Frauen an, die es als Zumutung erleben, dass durch das exzessive Gendern nicht die (gesellschaftliche) Gleichheit der Geschlechter befördert würde, sondern – ganz im Gegenteil – das Frau- oder Mannsein (und alle möglichen Zwischenformen) immer und überall mitgedacht und betont würde.
Warum muss dieses eine Merkmal unaufhörlich markiert werden? Wem nützt das eigentlich? Muss man Geschlechterzugehörigkeit (mit sprachlicher Hilfe) zu der zentralen Frage machen, mit dem Ziel sie – eigentlich – bedeutungslos werden zu lassen?
Ja, ich kenne all die Argumente über den Zusammenhang von Sprache und Machtverteilung in einer Gesellschaft. Ich glaube nur, dass die reale Macht der wichtigere Punkt ist und dass Sprache dann ganz von alleine hinterherkommt.

Sprachliche Diskriminierung von Minderheiten
Jetzt wird es noch schwieriger – ich bewege mich in vermintem Gelände. Man macht sich nicht nur Freunde, wenn man Meinungen kundtut. Zum Glück mögen meine Leser/innen (auch hässlich; am liebsten hätte ich „Leser“ geschrieben) auch offenen und kontroversen Austausch.
Ich finde, dass jede Minderheit, die Recht und Freiheit der Mehrheit nicht einschränkt, Anspruch darauf hat, nicht wegen ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe benachteiligt zu werden.
Was ich nicht finde: dass jede Minderheit den Anspruch darauf hat, dass die Mehrheit ihre Traditionen, Gewohnheiten und alltäglichen Abläufe auf die jeweiligen Bedürfnisse und Wünsche ausrichtet. Ich halte es beispielsweise nicht für notwendig, dass in jedem Text, der sich an Mädchen oder Jungen wendet, der Hinweis enthalten sein müsste, dass man sich ja vielleicht durch beide Begriffe nicht angesprochen fühlen könnte (vor einigen Tagen selbst gelesen!).
Es ist sicherlich gut gemeint, wenn Sprache das Selbsterleben von Minderheiten berücksichtigen will. Aber: Gibt es nicht auch sowas wie das Selbsterleben von vielleicht 99 Prozent der Gesellschaft? (Wikipedia schätzt den Anteil von „intergeschlechtlichen“ Personen auf 0,2% der Bevölkerung). Ist es wirklich sinnvoll, wenn 99,8% der jungen Menschen, die sich gerade mühsam in ihre Identität als Mädchen oder Junge hineinarbeiten, permanent darauf gestoßen werden, dass es ja auch viel komplizierter sein könnte? Was ist an diesem Punkt mit der „Macht der Sprache“? Hat da schon jemand drüber nachgedacht?

Resümee
Sprache entwickelt sich weiter. Das kann man als Einzelner nicht aufhalten.
Vermutlich werde auch ich in drei oder fünf Jahren ganz selbstverständlich sprachlich gendern – weil es einfach zum neuen Regelkanon gehören wird (wie die Rechtschreibung).
Ich wollte nur mal meine Meinung vom März 2021 sagen. Und ich weiß, dass das Ganze komplexer ist, als meine paar Anmerkungen hier. Auch ich habe einige Sympathien für die andere Seite.
Freue mich über Zustimmung und Widerspruch.

„Der neunte Arm des Oktopus“ von Dirk ROSSMANN

Bewertung: 4 von 5.

Auch sehr reiche Menschen können von einer Mission getrieben werden, die über ihr persönliches Wohlergehen weit hinausreicht. Das trifft sicherlich in besonderem Maße für das Ehepaar Gates in den USA zu. Hier in Deutschland tut sich der Unternehmer ROSSMANN damit hervor, für eine große Sache einzutreten: die Verhinderung der Klimakatastrophe.
Während er Ende 2019 noch 25 000 Exemplare von „Wir sind das Klima“ (Jonathan Foer) verschenkte, schreibt er jetzt das Buch mit seiner Botschaft gleich selbst. Das ist mal ein Einsatz!

ROSSMANN kleckert nicht; er will an das große Massenpublikum heran.
Was wollen die Leute? Spannende Unterhaltung!
Also muss ein Thriller her.

Erzählt wird in zwei Zeitebenen: in einer etwas erweiterten Gegenwart (bis 2025) und aus einer rückblickenden Perspektive des Jahres 2100. Mit solchen Sprüngen kann man gut spielen; kaum etwas ist so erhellend wie ein Nachbetrachtung aus der Zukunft. Aber das ist erzähltechnisch noch nichts Besonderes.
Eine Art Alleinstellungsmerkmal bringt der Autor mit seiner sehr engen Anlehnung an die realen und aktuellen (welt)politischen Personen und Themen. So werden Putin, Jinping und Harris (Biden wurde zuzusagen übersprungen) zu handelnden Protagonisten, die sich tatsächlich zur Rettung der Welt zusammentun.
(Noch ein bisschen weiter treibt der etwas schelmische Autor, wenn er am Ende des Buches auch seine (real vorhandene) Freundschaft mit Gerhard Schröder ins Gespräch bringt).

Und dann ist da noch die Sache mit dem Oktopus.
Er dient offenbar als eine Art Gegengewicht zu der rationalen Logik von Macht und Wissenschaft und symbolisiert die organische, sich einer totalen Kontrolle entziehenden Kraft der lebendigen Natur.

Die zentrale – politische, moralische und philosophische – Frage, wie weit Macht (auch militärische) benutzt und Freiheit anderer (Staaten und Menschen) eingeschränkt werden darf, um ein höheres Ziel zu erreichen, sollte in ihrer Bedeutung nicht unterschätzt werden.
Die Dinge werden sich zwar nicht so entwickeln wie in dieser Fiktion – aber über die Notwendigkeit einer irgendwie gearteten „Öko-Diktatur“ wird man mit absoluter Sicherheit in den nächsten Jahrzehnten immer mal wieder sprechen und streiten.
Dafür ist es sicher eine gute Übung, sich beim Lesen dieses Buches schonmal selbst dabei zu beobachten, auf welcher Seite man den stehen würde (ich wusste sehr schnell).

Auch wenn man an einigen Stellen im Buch deutlich spürt, dass die Handlung nur der Container für die Message ist: Das Buch ist handwerklich gut gemacht, enthält ausreichend Spannungsbogen und bietet ein weites Panorama, das von den Mächtigen und Reichen der Welt bis zu einfachen Menschen reicht, die nur zufällig in das Getriebe geraten sind.

Für mich ein wichtiges Buch und eine tolle Initiative eines Menschen mit einem persönlichen Sendungsbewusstsein.

„Der Tausch“ von Julie CLARK

Bewertung: 3.5 von 5.

Die Autorin bietet ein sehr ambivalentes Lesevergnügen: Für die erste Hälfte würde ich vier bis fünf Sterne geben, für den zweiten Teil zwei bis drei.

Das Buch startet mit einem dynamischen Plot, der einen wirklich gefangen nimmt. Der spontane(?) Tausch von zwei Flugtickets führt die beiden Protagonistinnen in echte existentielle Ausnahmesituationen. Zwei zeitlich versetze Erzählstränge verbinden die beiden interessanten Frauenschicksale.

CLARK schreibt keinen klassischen Thriller; glücklicher Weise wird die durchaus vorhandene Spannung nicht durch die Schilderung von Brutalität erzeugt.
Thematisch geht es um zwei Bereiche: Männergewalt in den „besseren“ Kreisen und die verzweifelte Suche nach Zugehörigkeit und familiärer Einbindung.
Männer kommen in diesem Roman insgesamt nicht besonders gut weg (was keineswegs ein Makel ist).

Die Biografien und Lebenssituationen der beiden Frauen werden mit viel Einfühlungsvermögen und einem guten Blick für (innere) Prozesse dargeboten. So entsteht viel Raum zur Identifikation. Es werden „echte“ Person beschrieben, mit Widersprüchen und Brüchen, keine eindimensionalen Abziehbilder.

Doch irgendwann verliert sich die Geschichte in endlosen Reflexionen und Ambivalenzen. Alternative Entscheidungen werden einfach zu oft durchgekaut. Am Ende kann man es z.B. kaum aushalten, dass es eine der beiden Frauen einfach nicht schafft, sich aus einer ganz offensichtlich gefährlichen Situation zu lösen.

Insgesamt eine Menge Tempoverlust auf freier Strecke. Schade.

„Wie wir die Klimakatastrophe verhindern“ – von Bill GATES

Bewertung: 4 von 5.

Wer braucht ein Klima-Buch von einem Menschen, der inzwischen schon fast sein eigenes Denkmal geworden ist: als Microsoft-Gründer, als Multimilliardär und als einer der weltweit größten Stifter im Bereich Gesundheit und Entwicklung?
Inzwischen ist er auch einer der zentralen Projektions- und Feindbilder für Verschwörungstheoretiker – nicht zuletzt auch bei Corona-Leugnern.

Sicher braucht niemand dieses Buch, um auf die Gefahren der Erderwärmung durch den CO2-Overkill hingewiesen zu werden. Auch ohne GATES ist allen interessierten Menschen inzwischen bekannt, welchen ungefähren Emissions-Anteil die unterschiedlichen Bereiche haben. Auch die größten Gegenkräfte und Lösungsansätze wurden in unzähligen Publikationen beschrieben und bewertet.
Gibt es also überhaupt ein Alleinstellungsmerkmal – außer der Prominenz des Autors?
Darauf gibt es m.E. nur eine mögliche Antwort. „Ja!“

Wer sich auf den Text von GATES einlässt, bekommt folgende Dinge in beeindruckender Konsequenz geboten:
– eine systemimmanente Perspektive (GATES stellt an keiner Stelle den Kapitalismus und die Wirksamkeit bzw. den Nutzen seiner Wirkmechanismen – insbesondere die Kräfte des Marktes – in Frage)
– ein Bekenntnis zu Fortschritt und Wohlstandsentwicklung (er lässt an keiner Stelle Zweifel daran aufkommen, dass auch der bisher „zurückgebliebene“ Teil der Welt das Recht auf die Segnungen der Industriegesellschaft hat)
– eine positive und optimistische Haltung gegenüber den Innovationskräften (er ist überzeugt, dass wir mehr und noch intelligentere Technologie brauchen, um zu Lösungen zu kommen)

Bis zu dieser Stelle könnte man auf die Idee kommen, GATES für einen naiven Technik-Optimisten zu halten, der zwar das Problem anerkennt, aber echte Konsequenzen scheut.
Aber da kommt jetzt noch ein paar echte Extras ins Spiel:
Systematik, Gründlichkeit und konsequenter Realitätsbezug.

Der Zugewinn dieses Buches liegt in seinem radikalen Zahlen- und Faktenbezug.
GATES rechnet unaufhörlich: mit den Anteilen der verschiedenen Bereiche am CO2-Ausstoß, mit den Folgen der weiteren Entwicklung von Bevölkerungswachstum, mit den Entwicklungsprozessen in den armen Ländern, mit den bereits erfolgten und zukünftig erreichbaren Fortschritten und mit den Folge- und Zusatzkosten, die das notwendige Umsteuern mit sich bringen würde.
Das tolle an dieser Vorgehensweise: Die Notwendigkeit der CO2-Neutralität bis 2050 ist gesetzt, ohne wenn und aber!

Da GATES auf der einen Seite beim Ziel kompromisslos ist, er das Wirtschaftsmodell (inklusive Wachstum für einen Großteil der Welt) aber nicht nicht in Frage stellt und er auch nicht von einer Bevölkerung ausgeht, die freiwillig große Einschränkungen oder Opfer in Kauf nimmt, nimmt er sich die Freiheit, alle Alternativen durchzuspielen und zu rechnen.
Dabei spart er auch schmerzliche Entscheidungen nicht aus: Wenn die Menschheit z.B. wirklich auf die zukünftige Nutzung einer weiterentwickelten Kernkrafttechnologie verzichten will (was er für extrem unklug halten würde), dann müssten riesige Investitionen in Transportkapazitäten (Stromleitungen) und Speichertechnologie erfolgen.
Dass man die Ernährungsprobleme der Welt ohne moderne Gentechnik und intelligente Düngung lösen könnte, hält er ebenfalls für ziemlich naiv.

GATES steht zum Marktkapitalismus, hält es aber für unausweichlich, dass der Staat die Richtung vorgibt und Anreize schafft. Er fragt immer wieder danach, wie sich die Zusatzkosten für eine CO2-freie Alternative verringern lassen könnte, so dass der Markt den Rest regeln kann. Manchmal kann das allerdings auch bedeuten, dass die alten Produkte eben teurer gemacht werden müssen.

Das Gute an diesem Buch ist, dass es eine andere Zielgruppe anspricht und erreicht, als es die üblichen Klimabücher schaffen. So ein Buch lesen auch wirtschaftsnahe Leute, Investoren und Politiker. Hier spricht einer von Ihnen – nicht irgendwelche vermeintlichen „linksgrünen Gutmenschen“, Hier regieren Zahlen, Kosten, Renditen, Umsetzbarkeit.
So wird aus dem – vielleicht auf den ersten Blick empfundene – Nachteil („der stellt ja gar nicht die Systemfrage“) ein echter Vorteil: Das Thema ist im innersten Kreis der etablierten Wirtschaftslenker angekommen!
Was kann uns Besseres passieren?

Ich kann dann jedenfalls gut darüber hinweggucken, dass der Autor beispielsweise offensichtlich einer
Art Menschenrecht auf Klimaanlagen u.ä. nachhängt oder er den Begriff „Verzicht“ nicht für relevant hält. Wenn alle schon so weit wären wie GATES, hätten wir schon gewonnen!

„Livewired“ von David EAGLEMAN

Bewertung: 4 von 5.

Ja, ich finde das Gehirn so spannend, dass ich mir das neue Buch des bekannten Spezialisten und Sachbuchautors auch auf Englisch zugemutet habe. Von seinem pupulär-wissenschaftlichen Buch „The Brain – Die Geschichte von dir“ war ich sehr begeistert. Das neue Werk geht etwas tiefer und fachlicher in die Materie, ist aber auch für interessierte Laien les- und verstehbar.

EAGLEMAN nimmt seine Leser/innen wieder mit auf eine Reise durch durch die Wunderwelt des menschlichen Gehirns. Dabei kommt es ihm in diesmal auf einen besonderen Aspekt an: Er macht an – sehr vielen – überzeugenden Beispielen eindrucksvoll deutlich, wie unglaublich flexibel das Gehirn seine Arbeit verrichtet.
Statt ein festverdrahteter und vollständig programmierter Computer zu sein, ist das Gehirn ein plastisches, kreatives und extrem anpassungsfähiges Werkzeug.

Was zunächst eher banal und trocken klingt, bekommt im Verlaufe des Buches eine geradezu atemberaubende Dynamik. Denn der Autor geizt nicht mit spektakulären Befunden aus oft ziemlich abgedrehten Experimenten. Gemeinsames Ziel all dieser Versuchsanordnungen ist es, die flexible Funktionsweise nicht am Normalzustand des Gehirns zu demonstrieren, sondern ihm erstaunliche Leistungen bei völlig veränderten und neuen Anforderungen abzuverlangen.
Das Ergebnis: Das Gehirn ist so „offen“ und „selbstoptimierend“ programmiert, dass es z.B. völlig neue Wahrnehmungskanäle entwickeln oder künstliche neue Gliedmaßen integrieren und steuern lernen kann.
Wie kann das funktionieren? Das Gehirn sucht in eingehenden Informationen ununterbrochen nach Mustern und Regelmäßigkeiten und konstruiert daraus neue innere Welten (selbst bei zunächst völlig unbekannter Herkunft der Reize); auf der anderen Seite kann es das innere Körperbild problemlos erweitern, wenn eine entsprechende Rückmeldeschleife angeboten wird.

Später erfolgt dann doch die Einbeziehung von Alltagsphänomenen. Insbesondere die unterschiedlichen Formen und Ebenen des Lernens und des Gedächtnisses werden als weitere Beweise dafür ins Feld geführt, dass sich das Gehirn permanent in einem Veränderungsmodus befindet. Dabei gibt es ein komplexes Zusammenspiel von verschiedenen Zeit- und Strukturebenen.

Als eine Art Schlussbetrachtung erläutert der Autor dann seine Überzeugung, dass die Grundprinzipien der „selbstorganisierten lebenslangen Neuverdrahtung“ (mein Formulierungsversuch) auch auf die Entwicklung von Robotern bzw. Künstlicher Intelligenz angewendet werden sollten.

Insgesamt bietet EAGLEMAN einen informative Ein- und Überblick in ein Forschungsfeld, in dem sich tatsächlich neue Dimensionen auftun und immer wieder neues Staunen ausgelöst wird. Man spürt auf jeder Seite, dass – in dem uns bekannten Teil des Universums – das menschliche Gehirn die komplexeste Struktur darstellt, zu der sich die Bausteine der Materie jemals zusammengefunden haben.
So schaut man dann fasziniert zu, wie das Gehirn versucht, sich selbst zu verstehen.

Weil schon der Inhalt anspruchsvoll genug ist, hoffe ich das dem deutschen Publikum bald eine Übersetzung vorgelegt wird.

„Brüder“ von Jackie THOMAE

Bewertung: 4 von 5.

Kurz gesagt: ein anregendes Leseerlebnis!

THOMAE schreibt einen erfrischend modern wirkenden Familien- bzw. Entwicklungsroman. Eigentlich schreibt sie zwei davon, die durch eine genetische Brücke nur lose miteinander verbunden sind: Die beiden geschilderten Lebensläufe (die von Kindheit ins frühe/mittlere Erwachsenenalter reichen) sind durch einen gemeinsamen biologischen (nicht sozialen) Vater aufeinander bezogen. Der Vater hat eine schwarze Hautfarbe, die beiden Mütter sind Weiße.
Die Protagonisten sind somit Halbbrüder, die – das sei verraten – sich nie persönlich begegnet sind. Sie leben zwei völlig unterschiedliche Leben, machen extrem divergierende Erfahrungen und entwickeln sich entsprechend zu völlig verschiedenen Personen.
In gewisser Weise hat man zwei Bücher in der Hand, deren zwei Erzählstränge in weiten Teilen auch unabhängig voneinander funktionieren würden.

THOMAEs Roman lebt davon, dass sehr dichte und lebendige Einblicke in verschiedene Milieus, Lebensumstände und Beziehungskonstellationen gewährt wird.
Während Mick als alternativ-hedonistisches Mitglied der Berliner Clubszene auftritt, entwickelt sich aus Gabriel ein international tätiger Star-Architekt, der in der Londoner Wohlstands-Blase beheimatet ist.
Der gemeinsame Vater war Gast in der DDR im Rahmen der internationalen Solidarität mit Dritte-Welt Staaten. Insofern dokumentiert die Erzählung auch zeitgeschichtliche Aspekte der beiden deutschen Staaten.
In dem Leben des Architekten Gabriel wird auch seiner Partnerin/Ehefrau eine eigene Erzählperspektive eingeräumt; ein Teil der Geschichte wird als Wechselspiel aus der jeweiligen Sicht dargeboten.

Obwohl man beiden Brüdern ihre Multikulturalität ansieht, geht es in diesem Roman nicht vorrangig um Fragen oder Probleme des Rassismus. Die Herkunft ist ein Teil ihrer Identität, sie überlagert aber nicht alle anderen Aspekte – sie ist irgendwie untergemischt und tritt hin und wieder an die Oberfläche. Bestimmte Verhaltensweisen lassen sich dann als ein Kampf gegen die eigene Abstammung verstehen: so entstehen in der Abgrenzung von antizipierten Klischees neue, selbstkonstruierte Klischees.

Für mich stellt dieser Roman eine echte literarische Leistung dar; es ist eine überzeugend zeitgemäße Erzählung – inhaltlich und sprachlich. Man hat dauernd das Gefühl, dass solche facettenreichen und detailgenauen Schilderungen nur aus einer Innenperspektive her möglich sind. Es wird sehr genau hingeschaut, eingefühlt, nachgespürt. Hier leistet die Autorin bei der Innenschau ihrer männlichen „Helden“ wirklich Erstaunliches.
Die beiden Welten, die sich aufspannt, bekommen sehr schnell klare Konturen; man schaut mit dem Vergrößerungsglas und ist irgendwie mitten drin.
Als jemand, dem die Lebenswelten und die gemischten Identitäten beider Brüder ziemlich fremd sind, habe ich diesen ungewöhnlich direkten und plastischen Zugang als sehr anregend genossen.

Das Ende war fast ein wenig zu „normal“ für diesen besonderen Roman; aber das hat nicht gestört.