„Erkenne die Welt: Eine Geschichte der Philosophie – Band I“ von Richard David PRECHT

Da hat sich der bekannteste, smarteste und medientauglichste Philosoph des Landes wirklich etwas vorgenommen: eine Philosophie-Geschichte in vier Bänden!
Was für ein Wechsel: War doch PRECHT bisher dafür bekannt, sich der praktischen Anwendung der Denk-Wissenschaft auf die Themen und Sinnfragen der Gegenwart zu verschreiben – bis hin zu eindeutig politischen Statements.
Und nun ein Grundlagenwerk: die Philosophie von der Pike an!
Nun, an dem notwendigen Selbstbewusstsein mangelt es dem Medien-Star sicher nicht. Aber vielleicht hat er sich doch inhaltlich überhoben?

Meine Bewertung wird aus Sicht eines interessierten Lesers vollzogen; ich habe weder Philosophie studiert noch andere historische Darstellungen zum Vergleich herangezogen.
Aus dieser Sicht kann ich sagen: ein tolles Buch!

Ich fange trotzdem mal mit einer kritischen Bemerkung an: Von der Informationsfülle her betrachtet fühlt man sich als Laie geradezu überflutet. Man kann den vielen Namen, Details und Differenzierungen bei einem Durchgang kaum gerecht werden (insbesondere, wenn man den Fehler macht, sich dem Inhalt in Form eines Hörbuches zu nähern). Also hilft nur langsam oder zweimal lesen.

Warum es sich trotzdem lohnt:
Precht ist ein prächtiger Didaktiker! Er nimmt seine Leser an die Hand und führt sie durch das Labyrinth der verschiedenen Denkschulen. Er macht das, indem er immer wieder die Ebene wechselt und die Einordnung der jeweiligen philosophischen Idee fast genauso viel Raum gibt wie den Inhalten selbst. Das geschieht einmal dadurch, dass er die Bezüge zu den vorangegangenen Denkern erklärt (Gemeinsamkeiten und Unterschiede) und dass er die Einbettung in zeitgeschichtliche Prozesse in Politik, Gesellschaft und Wirtschaft  anschaulich verdeutlicht.
Der Effekt: Man kann nach und nach ein Netzwerk von Verbindungen aufbauen, in dem die Weiterentwicklung der Philosophie eben weit mehr ist als eine zufällig Abfolge von verschiedenen Welterklärungen. Ganz nebenher erhält man so einen historischen Nachhilfeunterricht, von dem man als Schüler/in nur träumen konnte.
Großartig!

Für mich ist der erste Band auf jeden Fall schon jetzt ein Standardwerk für Leser, die Philosophie nicht als isolierte Elfenbeinturm-Wissenschaft betrachten wollen.
Allerdings sollte man sich im Klaren darüber sein, dass man dieses Buch nicht „nebenbei“ lesen kann. Man sollte schon ein etwas weitergehendes Interesse aufbringen, wenn man sich mit Richard David auf den Weg machen will. Es wird einen eine Weile beschäftigen….
Ich jedenfalls freue mich schon auf den zweiten Band im Herbst 2017. Und ich bin ganz sicher, dass ich irgendwann alle vier Bände in meinem Regal stehen habe.

G 20 und die Folgen

Ja, die Welt ist ungerecht. Ja, die meisten der in Hamburg versammelten Führer der wirtschaftlich mächtigsten Nationen und Institutionen sind von egoistischen und nationalen Interessen bestimmt und haben nicht das Wohlergehen der gesamten Menschheit im Sinn. Ja, die momentane Weltwirtschaftsordnung trägt weiter dazu bei, dass sich der Reichtum konzentriert und Klima und Umwelt leiden.
Es ist daher ohne Zweifel legitim, durch Proteste und Aktionen darauf aufmerksam zu machen, dass man sich dringend eine andere Prioritätensetzung wünscht.

Würde sich die internationale Politik eher in die gewünschte Richtung bewegen, wenn solche Gipfeltreffen unterblieben?
Ich glaube das nicht. Selbst diese – total aufgeblähten – Mammutveranstaltungen bieten eine gewisse Chance der Einflussnahme bzw. der positiven Entwicklung. Die liegt meiner Hoffnung nach einmal in den persönlichen Begegnungen zwischen den Staatschefs und ihren Mitarbeitern. Ich bin davon überzeugt, dass es selbst auf dieser Ebene sozialpsychologische und kommunikative Prozesse gibt, die Denk- und Meinungsblockaden lockern und Perspektiven erweitern können. Begegnungen zwischen Menschen machen Dynamiken möglich, die ohne solche Gelegenheiten unterblieben.
Der zweite Hoffnungsträger ist die internationale Öffentlichkeit, die bei solchen Anlässen auch auf die Autokraten gerichtet ist, die sich in ihrem eigenen Machtbereich gegenüber solchen Einflüssen abschotten können.
Es mögen ja angesichts der dramatischen Menschheitsprobleme nur Nuancen sein, in denen sich Positionen verschieben lassen – aber vermutlich haben diese Nuancen manchmal konkrete Auswirkungen für konkrete Menschen.
Schon aus Mangel an Alternativen darf das nicht ungenutzt bleiben!

Und die Gewalt bei den Protesten? Ist die nicht angesichts der menschenverachtenden Politik vieler Regierungen nicht mehr als verständlich oder sogar angemessen?
Nein, ist sie nicht!
Wer ernsthaft glaubt, dass durch eine größere Militanz von Protesten entweder die Entscheidung der Mächtigen oder das Bewusstsein der Massen in die gewünschte Richtung beeinflusst werden kann, ist naiv oder verbohrt.
Man kann das testen: Jeder könnte mal im Bekanntenkreis herumfragen, ob brennende Autos in ganz normalen bürgerlichen Wohngegenden den persönlichen Einsatz für die Grundfragen der Menschheit erhöhen können.
Es ist absolut skandalös, dass sich die offiziellen Veranstalter der Demos aus dem links-radikalen Spektrum nicht von den Gewalttätern distanzieren und stattdessen nur die allgemein Solidarität gegen die allein schuldige Polizeigewalt zelebrieren.
Mir kann keiner glaubhaft machen, dass die Motivation für die Verwüstung ganzer Straßenzüge in dem Mitgefühl für die notleidenden Menschen oder die zerstörte Natur liegt. Ich traue tatsächlich dem ein oder anderen Staatsführer mehr ehrliches Streben nach positiver Weltgestaltung zu als dem Autonomen Block.

Oder mit Humor: http://www.der-postillon.com/2017/07/g20-twingo.html

„Homöopathie neu gedacht“ von Natalie GRAMS

Die Autorin vermittelt einen sehr persönlichen Zugang zu einer Fragestellung, die häufig recht heftige Kontroversen auslöst:
„Ist Homöopathie nun eine dringend notwendige Alternative zur seelenlosen Schulmedizin oder ein aufgeblähter Schwindel für esoterische Wundergläubige?“
Natalie Grams kann etwas in die Waagschale werfen, was die meisten Vertreter der jeweiligen Extremposition nicht können: Sie kennt sich auf beiden Seiten aus! Sie hat als Ärztin eine florierende homöopathische Praxis betrieben und hat aus dieser „Innenposition“ heraus eine kritische Auseinandersetzung mit den Grundannahmen dieses Behandlungskonzeptes entwickelt. 

Daraus entstanden ist sowohl eine „Abrechnung“ (mit den Märchen und Mythen rund um die Homöopathie) als auch ein Plädoyer für die Nutzung bestimmter Denk- und Behandlungsansätze.
Wie geht das?

Nun: Sie hat zunächst als Medizinerin ihr naturwissenschaftliches Herz (wieder-)entdeckt und macht unmissverständlich deutlich, dass homöopathische Medizin nicht über die verabreichten Mittel wirkt (wirken kann). Aus diesem irrationalen „Schwindel“ wollte sie aussteigen.
Da sie aber bei ihren eigenen Patienten regelmäßig gute Heilerfolge erzielen konnte, ging sie  auf die Suche nach den tatsächlichen Wirkmechanismen – und wurde fündig! Ihre Analyse geht dabei über den allseits bekannten Placebo-Effekt weit hinaus und berücksichtigt vor allem die Faktoren, die in der therapeutischen Beziehung und in der spezifischen Gesprächsführung liegen.

Wer sich ein ganz klein wenig in diesem Bereich auskennt, kommt vielleicht doch relativ rasch auf die Idee, dass sie eigentlich über Psychotherapie redet, genauer gesagt über eine Mischung zwischen Gesprächstherapie und Kognitive Verhaltenstherapie. Sie selbst deutet das auch nach einer ganzen Weile an – ohne jedoch das Ausmaß der Übereinstimmung ganz erkennen zu können oder zu wollen.

Eine überraschende und irritierende Wendung nimmt dann das Buch an der Stelle, an der Frau Grams die homöopathische Praxis als eine Art Clearingstelle für das Gesundheitssystem bzw. für eine niederschwellige psychotherapeutische Basisversorgung nutzen will („weil ja die echte Psychotherapie so schwer zu bekommen ist“).
Da wird es meiner Meinung nach dann doch ein wenig skurril – wenn auch das Anliegen verständlich ist.

Meine Bilanz: ein interessantes Buch, das ein paar neue Schneisen in das Unterholz der verfeindeten Lager schlägt, ohne in den Grundpositionen faule Kompromisse einzugehen.
Langfristig muss sich aber m. E. das Gesundheitssystem selbst verändern und die Teile der alternativen Medizin integrieren, die offensichtlich so dringend gebraucht und gewünscht werden. Aber bitte ohne Aufgabe der wissenschaftlichen und empirischen Maßstäbe (die uns allen übrigens unsere Lebenserwartung erheblich nach oben geschraubt haben).

(Zum Thema „Heilpraktiker“ hier mehr)

„Am Ende aller Zeiten“ von Adrian J. WALKER

Dieser Endzeit-Roman beschreibt die Situation einer kleinen Gruppe von Überlebenden nach einem Aufprall eines ganzen Asteroiden-Schwarms auf die nördliche Erdhalbkugel. Die Folgen für die gesamte Zivilisation erweisen sich als wahrhaft apokalyptisch.
Beschrieben wird der Versuch eines von seiner Familie getrennten Mannes, in einem eigentlich ausweglosen Unternehmen seine Angehörigen wiederzufinden.

Meine Eindrücke zu dem Buch sind zwiespältig: Es gibt einen Spannungsbogen, ein paar mit einiger Sorgfalt gezeichnete Akteure und ein sehr eindrückliches Endzeit-Szenario. Es gibt viel Beschreibung von Zerstörung und Gewalt – in einem für mich noch gerade akzeptablen Ausmaß (ich bin da eher empfindlich).
In der ersten Hälfte des Buches war ich eher enttäuscht, weil es nur wenige über die reine Handlung hinausreichenden Themen und Denkanstöße gab. Das verändert sich aber im zweiten Teil, so dass hier auch die Leser zu ihrem Recht kommen, denen es nicht nur um das Einlassen auf die Geschichte selbst sondern eher um die durch sie ausgelösten existentiellen und philosophischen Überlegungen geht.

Habe mich jedenfalls nicht geärgert das Buch ausgewählt zu haben.
Als Schulnote würde ich sowas wie eine 2- oder 3+ geben.

„Alexander von Humboldt“ von Andrea WULF

Dieses Buch verführt zu Superlativen.
Das liegt an dem Thema – es geht um eine sehr herausragende Person – und an der literarischen Umsetzung – die wirklich sehr beeindruckend ist.

Normalerweise ist mein Interesse am Leben und an dem Schaffen einer einzelnen geschichtlichen Person nicht so groß, dass es mich zum Lesen einer so umfangreichen und detaillierten Darstellung motiviert. Dieses Buch bildet also eine Ausnahme und ich bin geradezu dankbar dafür, der Empfehlung (meines Schwagers) gefolgt zu sein.

Nach dem Lesen dieser Biografie habe ich das tolle Gefühl, einem der wohl facettenreichsten und zeitgeschichtlich bedeutsamsten Wissenschaftler und Naturforscher wirklich näher gekommen zu sein und Zugang zu seinen grundlegenden und bahnbrechenden Erkenntnissen und Einsichten zu haben.

Man kann nur absolut (Superlative!) beeindruckt sein von einer Persönlichkeit, bei der sich ein geradezu übermenschlicher Tatendrang mit einer universalistischen Begabung und einem so fortschrittlichen Welt- und Menschenbild vereint. Es ist wirklich kaum zu glauben!

Natürlich wiederholen sich auf über 400 Seiten bestimmte Aspekte der Darstellung von Humboldts Eigenschaften und Erkenntnissen. Für mich war das aber an keiner Stelle störend. Einerseits, weil nur in der Wiederholung der Umfang und die Bedeutung seines Lebenswerkes überhaupt fassbar werden kann. Andererseits gelingt es der Autorin auch, nicht nur eine chronologische Abfolge zu vermitteln sondern auch immer neue inhaltliche Schwerpunkte und zeitgeschichtliche Bezüge auf anregende Weise zu vermitteln.

Egal ob der Bezugspunkt in der wissenschaftliche Neugier, im abenteuerlichen Entdeckertrieb, in der intellektuellen Genialität, in der leidenschaftlichen Grenzenlosigkeit, im ganzheitlichen Blick auf die Natur, im ökologischen Bewusstsein oder in den humanistischen Überzeugungen liegt – eine Beschäftigung mit diesem Mann und diesem Buch ist absolut gewinnbringend!

Wahlprogramme 2017 – was mich wundert und frustriert

Ich beschäftige mich seit einigen Monaten intensiv mit einigen grundlegenden Zukunftsfragen unserer Gesellschaft, der Menschheit allgemein und unseres Planeten Erde insgesamt. Ich tue das nicht als Spezialist oder als Politiker sondern als ganz normaler interessierter Bürger.
In einigen – auch hier in diesem Blog erwähnten – Büchern werden in sehr überzeugender Weise Fakten und Zusammenhänge vermittelt, die  eindeutig die Notwendigkeit eines raschen und konsequenten Umsteuerns belegen (z.B. HARARI, GORE)

Aus meiner Sicht müsste diese Prioritätensetzung insbesondere folgende Bereiche betreffen (ich lasse die Außen-, Friedens- und Entwicklungspolitik mal außen vor):

  • Klimaschutz / Energiewende 
  • Schutz der Umwelt, der Ressourcen und der Artenvielfalt
  • ökologisch und moralisch verantwortbare Landwirtschaft/Tierhaltung
  • Begrenzung der Konzentration von Macht, Einfluss und Reichtum auf immer weniger Eliten und Großkonzernen
  • Verteidigung von Rechtsstaat, Pressefreiheit und demokratischen Institutionen in Europa gegen wirtschaftliche, autokratische und extremistische Einflussnahme
  • Verteidigung von Prinzipien der Vernunft, der Faktenorientierung und der Aufklärung gegenüber systematischer Verdummung durch Ideologien, fanatische Glaubenssysteme oder durch an privaten Machtinteressen orientierten Massenmedien

Wie schlagen sich diese existentiellen und drängenden Themen in den aktuellen Wahlprogrammen nieder?

CDU/CSU:
Es geht um Steuersenkungen, Wohlstand, Arbeitsplätze, Kindergeld, Sicherheit und Digitalisierung. Alles nicht verkehrt – aber ist das ein mutiges und konsequentes Anpacken der Zukunftsfragen?
Es erscheint mir kleinkariert und un-ambitioniert. Geschenke verteilen, niemandem wehtun, bloß keine schlechte Stimmung! Wir feiern unsere brummende Wirtschaft!
(Auf S. 67 – kurz vor Ende – gibt es drei Seiten zum Thema „Gutes Klima“ – man spürt förmlich, wie einen die Ernsthaftigkeit des Problems anspringt……)

SPD:
Es geht um (soziale) Gerechtigkeit, Familie, Arbeit, Bildung, usw.
Die SPD hat wenigstens den Mut, nicht nur zu verteilen sondern auch zu fordern: einen etwas größeren Beitrag der Besserverdienenden an der Finanzierung der gesellschaftlichen Aufgaben. Dem privaten Wohlstand wird etwas weniger Bedeutung beigemessen, den gesellschaftlichen Strukturen etwas mehr (als bei der CDU).
Ein wenig nach der Mitte des Papiers (S. 48) geht es recht differenziert um „eine gesunde und saubere Zukunft“. Es wird eine ganze Palette von nachvollziehbaren Forderungen und Zielen definiert.
Aber nach einer wirklichen Prioritätensetzung sieht das auch nicht aus…

Die Grünen:
Ja – die Grünen scheinen irgendwie „out“ zu sein! Ist vielleicht ein anderes Thema wert.
Aber sie sprechen tatsächlich die drängendsten Fragen auch als erstes an!
Eine klare Entscheidung für die weitsichtige und nachhaltige Perspektive auf die Themen, die wohl eher die Qualität des Lebens der nachfolgenden Generationen bestimmen als die Höhe des Kindergeldes.
(Übrigens: Nicht allen Positionen der Grünen in anderen Bereichen stimme ich vorbehaltlos zu).

(wird fortgesetzt)

„Helix: Sie werden uns ersetzen“ von Marc ELSBERG

Während Autoren wie HARARI, LESCH oder AL GORE uns  mit ihren faktenreichen Sachbüchern auf die großen Entwicklungstrends der nächsten Dekaden einstimmen, nutzen andere den Weg über die eher leichte Lektüre: Sie spinnen rund um das Thema eine mehr oder weniger spannende Handlung und schaffen so die Möglichkeit, Aktualität und Wissensvermittlung mit Unterhaltung zu verbinden.

Neben dem ebenfalls hier besprochenen „Mirror“ trifft dieser Anspruch auch dieses Buch von Elsberg zu. Es geht dabei hier um die Zukunftsvisionen der Humangenetik am Beispiel der Designer-Babys.

Ich will gar nichts über die Geschichte selbst sagen und mich auf eine zusammenfassende Bewertung konzentrieren:
Sicher hätte man auf die ein oder andere spektakuläre Effekthascherei verzichten können und so dem Text ein wenig mehr Seriosität verschaffen können. Wenn man aber darüber milde hinweg sieht, schafft es „Helix“ m. E. sehr gut, sowohl an die sich abzeichnenden Potentiale der Genmanipulation heranzuführen als auch die anstehenden Grundsatzfragen sehr plastisch zu veranschaulichen.
Im Vergleich zum „Mirror“ wird hier der Blick ein wenig weiter und spekulativer in die Zukunft geworfen: dies stellt aber die Relevanz der angeschnittenen Themen nicht in Frage.
Meine Meinungsbildung in dieser Frage ist jedenfalls durch die Lektüre sicher differenzierter geworden.

Wer sich vor Übertreibungen und gewissen Plausibilitätsdefiziten nicht fürchtet, bekommt hier eine anregende Lektüre (auch wenn es manchmal des Guten etwas zu viel erscheint).

„Das Labyrinth der Lichter“ von Carlos Ruiz ZAFÓN

Man muss schon etwas Mut aufbringen, um sich kritisch mit einem Buch dieses gefeierten Schriftstellers auseinanderzusetzen. Er hat sich in den letzten Jahren als DER Autor für das Thema „Barcelona im Spanischen Bürgerkrieg“ etabliert.
Auch für sein neues Buch hagelt es euphorische Rezensionen. (4,5 von 5 Sternen bei Audible).

Um es kurz zu sagen: Ich fand das Buch so schlecht, dass ich nach der Mitte abgebrochen habe.

Das lag nicht daran, dass ich den Schreibstil oder das Thema nicht wertschätzen kann; ich habe frühere Bücher durchaus mit Gewinn gelesen.

Das aktuelle Buch hat mich aus zwei Gründen geärgert:
Es enthält für meinen Geschmack ein Übermaß an Schilderungen von sadistischer Brutalität. Und zwar in einer Detailbesessenheit, die sicher nicht als literarisches Mittel benötigt wird, um einen realistischen Eindruck von der historischen Situation zu verschaffen.
Darüber hinaus wird extrem viel Mühe darauf verwandt, zwischen den Hauptpersonen ein komplexes System von Verbindungen, Abhängigkeiten und Intrigen zu spinnen. Dabei entstand für mich irgendwann der Eindruck, dass es weniger um eine spannende Handlung oder die Vermittlung von zeitgeschichtlichen Einblicken geht, sondern die „kunstvolle“ Konstruktion dieser Verstrickungen sozusagen zum Selbstzweck des Buches geworden ist.
Dies wird spätestens an der Stelle deutlich, an der dem Autor offenbar gar nichts anderes übrig bleibt, als dieses System einmal im Zusammenhang  – eingewoben in einen Dialog – systematisch auseinanderzuklamüsern.
Bei mir entstand der Eindruck: Es ist einfach zuviel des Guten; die Qualität eines Buches bemisst sich nicht an der Raffinesse des Beziehungs-Plots.

Schade – ich kann jedenfalls nur abraten!

„Mirror“ von Karl OLSBERG

In dem Roman (etwas Krimi, etwas Science Fiction) geht es um die potentiellen Risiken, die mit der technischen Weiterentwicklung des Smartphones und der sozialen Netzwerke verbunden sein könnten. Die Geschichte ist dabei der Gegenwart nur um einige Jahre – keineswegs Jahrzehnte – voraus.

Das Buch bietet eine unterhaltsame Möglichkeit, sich mit den digitalen Zukunfts-Szenarien auf eine leichte und unangestrengte Art auseinanderzusetzen. Es ist weder vom Inhalt noch vom Schreibstil anspruchsvoll und durchaus auch für ältere Jugendliche schon zu empfehlen (zumal ein junges Paar zu den Hauptpersonen gehört).
Eine nette Urlaubslektüre für Leute, die sich auch in der Freizeit gerne mit aktuellen Trends und Fragen auseinandersetzen.

Wer so etwas ähnliches für das Thema Genmanipulation sucht, ist hier gut bedient.

Gerechtigkeit

Irgendwie ist ja jeder für eine gerechte Welt oder zumindest für eine gerechte Gesellschaft. Das Problem ist, dass jeder darunter etwas anderes versteht. Der eine findet gerecht, dass er die materiellen Früchte seiner Arbeit möglichst vollständig selbst genießen kann, ohne dass eine „ineffiziente Umverteilungsbürokratie“ ihm nahezu die Hälfte wegbesteuert. Der andere möchte, dass alle unabhängig von Herkunft und Leistung die gleichen materiellen Ressourcen zur Verfügung haben sollten.

Wie kann man das lösen?

Der Sozial-Philosoph RAWLS hat dazu eine überzeugende Theorie entwickelt: Er hat zu folgendem Gedanken-Experiment eingeladen: Die Mitglieder einer Gesellschaft (bzw. eine geeignete Auswahl) setzt sich zusammen und sucht nach den gerechten Regeln des Zusammenlebens. Der Clou: Keiner weiß, in welcher Situation er oder sie selbst steckt. Die eigene Lebenssituation ist schlichtweg nicht bekannt! Es könnte sein, dass man der Erbe eines Milliarden-Vermögens ist, vielleicht ist man aber auch ein arbeitsloser ehemaliger Förderschüler oder chronisch krank.

Es geht also nicht um Interessen – die man ja nicht kennt – sondern um die Berücksichtigung aller denkbaren Optionen. Als Milliardärs-Sohn würde man sich über eine 100%-Erbschaftsteuer ärgern, als chronisch Kranker oder Behinderter wäre ein fürsorglicher Sozialstaat sehr willkommen.

Man würde sich vermutlich in so einem Szenario auf Regeln einigen, die irgendwie einen vernünftigen Ausgleich schaffen. Der Unterschied zur realen Situation besteht wohl vor allem darin, dass üblicherweise die privilegierten Mitglieder einer Gesellschaft besonders gute Möglichkeiten haben, ihre Interessen im politischen Wettkampf durchzusetzen. Deshalb geht es den wirtschaftlich Mächtigen in den meisten Gesellschaften recht gut.

Was beeinflusst – außer den eigenen Interessen – noch die Maßstäbe für Gerechtigkeit?

Meiner Überzeugung nach ist dabei ein Faktor extrem entscheidend: In welchem Ausmaß hält man den einzelnen Menschen für das verantwortlich, was er aus seinem Leben macht bzw. gemacht hat. Auch da gibt es zwei diametral entgegengesetzte Grundpositionen, die zu völlig unterschiedlichen Gerechtigkeits-Schlussfolgerungen führen:

Einmal könnte man in typisch amerikanischer Manier davon ausgehen, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Wer es zu etwas gebracht hat, hat es verdient; wer nicht, ist selbst Schuld! Er/sie hat eben seine/ihre Chancen nicht genutzt. Schließlich kann man ja auch vom Tellerwäscher zum Millionär (heute würde man eher sagen „zum Milliardär“) aufsteigen. Der Vorteil dieser einfachen Weltanschauung liegt auf der Hand: Man muss sich als Gesellschaft über die Gerechtigkeit keine besonderen Gedanken machen; es regelt sich von selbst. (Deshalb gilt in den USA jede Form von Sozialstaat gleich als Kommunismus).

Man könnte allerdings  – ganz vom anderen Ende aus – auch darauf hinweisen, dass allein der Zufall der genetischen Ausstattung und des Geburtsortes entscheidend für die Lebenschancen sind. Weil nicht nur die äußeren Bedingungen (gesellschaftliches und soziales Milieu, Sozialstatus und emotionale Qualitäten der Familie, Bildungschancen) sondern auch die inneren Voraussetzungen (Intelligenz, äußere Attraktivität, Temperament, Impulskontrolle, Fähigkeit zur Selbstdisziplin, usw.) nicht dem eigenen Einfluss unterliegen. Lässt man sich darauf wirklich ein – was die meisten Menschen aus guten Gründen nicht tun wollen – steht eine weitere Entscheidung an: Soll die Gesellschaft die unverdiente/unverschuldete Ungleichheit als naturgegeben hinnehmen oder soll sie diese weitgehend ausgleichen?

Die meisten von uns würden vermutlich jeweils zu irgendwelchen Zwischenpositionen neigen („Da ist ja überall etwas dran…“), ohne sich den Grundfragen wirklich zu stellen. Wenn man genau hinschaut, spielt dann eher die Rechtfertigung und Verteidigung der eigenen Lebenssituation eine Rolle (z.B.: „Ich habe mich schließlich mit viel Einsatz selbst hochgearbeitet, während es sich andere auf der sozialen Hängematte bequem gemacht haben…“).

Mir scheint der gegenteilige Weg sinnvoll zu sein: Sich nämlich die oben genannten Fragen einmal ernsthaft zu stellen und die möglichen Antworten zu Ende zu denken:

Welche der Faktoren, die meine jetzige Lebenssituation ausmachen, habe ich wirklich „frei“ bestimmen können?
Wer oder was hat mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin?  War ich das wirklich selbst?
Hatten andere – auf die ich vielleicht manchmal herabschaue –
wirklich die gleich Möglichkeit, meinen Weg einzuschlagen?
Wenn mich die Umstände (der Zufall, das Schicksal, der liebe Gott) auf die Schattenseite des Lebens geworfen hätte – würde ich es dann auch richtig finden, diese Situation als gegeben anzunehmen?

Warum ich das alles schreibe?

Ich schlage vor, bei der nächsten Diskussion über Gerechtigkeit – egal ob politisch oder philosophisch motiviert – zunächst über diese Grundfragen zu sprechen. Vermutlich fühlen sich dann so scheinbar existenzielle Fragen wie Erbschaftssteuer oder Vermögensabgabe ganz anders an. Irgendwie banal vielleicht….