„Projekt GreenZero“ von Dirk GRATZEL

GRATZEL, studierter Jurist und Unternehmer, zelebriert in diesem Buch Nachhaltigkeit als Ego-Trip. Als ihm schmerzhaft bewusst wird, wie ökologisch unverantwortlich seine bisherige Lebensführung war, nimmt er sich zwei Dinge vor: Er will genau erfassen, wie viel Schaden er bis heute angerichtet hat und er will bis zu seinem (prognostizierten) Lebensende diesen ökologischen Fußabdruck auslöschen (auf Zero). Er will also mit dem Gefühl abtreten, diesem Planeten mit seiner Stippvisite als deutscher Wohlstandsbürger keine Belastungen hinterlassen zu haben.
Sein Buch beschreibt sehr detailliert die Umsetzung dieses Vorsatzes.

Der Autor ist ein gründlicher und systematischer Mensch; diese Eigenschaften haben auch seinen beruflichen Erfolg begünstigt. Bzgl. seines Zero-Projekts führt das dazu , dass er mit einem geradezu unglaublichen Einsatz folgende Schritte angeht:
– er liest sich ein profundes Fachwissen in einer ganzen Reihe von Themenbereichen an
– er sucht sich kooperationsbereite Experten in Wissenschaft und bei den wichtigsten Umweltverbänden
– er erhebt private Daten mit einem kaum vorstellbaren Aufwand an Mühe und Zeit
– er analysiert sorgfältig die möglichen und notwendigen Veränderungsschritte und setzt sie mit einer bemerkenswerten Konsequenz und mit erheblichen Kapitaleinsatz um
– er vernetzt sich auch im Bereich Industrie und öffentliche Verwaltung, besucht Kongresse und macht Öffentlichkeitsarbeit

Es wird schnell deutlich: Hier wird kein Modell zum Nachahmen für Jederman/-frau vorgestellt. Was der GRATZEL tut und darstellt, hat den Charakter einer Singularität, die vorrangig ganz persönlich motiviert ist, aber darüber hinaus interessante Denkanstöße vermitteln kann. Und genau da macht die geradezu zwanghafte Konkretheit seines Vorgehens plötzlich Sinn: Weil es in allen Bereichen ans Eingemachte geht (bzgl. jeder früheren – und natürlich zukünftigen – Entscheidung bei Wohnen, Heizen, Reisen, Konsum, Ernährung, Mobilität, Kleidung, Hygiene, usw.), kann und muss ich auch jede/r angesprochen fühlen. Wir alle fällen solche Entscheidungen, jeden Tag, fast jede Stunde. Früher meist gedankenlos – ohne Bezug auf Ressourcenverbrauch, Müllproduktion und CO2-Fußabdruck – jetzt immer öfter mit ambivalenten Gefühlen, oft mit schlechtem Gewissen.

Es soll nicht unerwähnt bleiben , dass GRATZEL neben dem Schwelgen in seinen ganz persönlichen Lebensverhältnissen (als Jäger muss er z.B. nicht auf Fleischprodukte verzichten) auch einen allgemeinen Informations-Service erbringt: In zahlreichen Info-Boxen gibt er kurze Zusammenfassungen zu Erkenntnissen der Öko-Forschung, nennt Anlaufstellen und gibt Tipps.

Man kann dem Autor seine übertriebene Akribie vorwerfen: Nützt es der Umwelt wirklich, das bisherige Leben eines einzelnen Menschen so penibel zu durchleuchten? Ist es dem Klima nicht egal, ob der Autor nun 13.000 oder 16.000 Gegenstände besitzt? Was sein damaliges Auto vor 18 Jahren verbraucht hat?
Man spürt: GRATZEL ist ein Getriebener, er kann nur so oder gar nicht; er hat was Fanatisches. Es muss ein großes Ding werden; etwas, was es so noch nie gab. Daraus schöpft er seine scheinbar unendliche Motivation. Er ist halt ein Unternehmer-Typ.

Im letzten Viertel des Buches wird es dann auch für den wohlwollenden Leser etwas mühsam. GRATZEL verzettelt sich in der – wie immer detailverliebten – Darstellung seines Wiedergutmachungsprojektes. Über viele Seiten wird geschildert, in welcher Reihenfolge und mit welchen jeweiligen Verhandlungspartnern und Experten er drei Liegenschaften auf Eignung für ein Renaturierungs-Projekt prüft. Das braucht so kein Mensch, das kann man in sein persönliches Tagebuch schreiben, aber nicht in ein personalisiertes Sachbuch.

Letztlich hat GRATZEL aber ein unterhaltsames und informatives Nachhaltigkeitsbuch geschrieben, das mit seiner ungewohnten Perspektive die Diskussion um die persönlichen Beiträge im Kampf um eine ökologischere Welt bereichert. Dass ihm am Ende ein wenig das Gefühl für das „rechte Maß“ abhanden gekommen ist, sei ihm nachgesehen.
Es geht ihm eben tatsächlich um seine Geschichte – und nicht um eine Vorlage für die Leser.

Vielleicht bleibt ja bei jedem Leser ein Aspekt hängen – auch das wäre ja schon eine schöner Erfolg.
Dass es grundsätzlich nicht nur auf die Anstrengung Einzelner ankommt, sondern auf politisch gesetzte Rahmenbedingungen – das weiß ja sowieso jeder potentielle Leser.


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