„Roboterland“ von Jenny KLEEMAN

Bewertung: 5 von 5.

Die englische Journalistin KLEEMAN befasst sich auf eine besondere Art mit unserer gesellschaftlichen Zukunft. Statt ein breites Spektrum von Trends zu analysieren (wie das z.B. HARARI in seinem letzten Buch tut) oder sich ganz dem dominanten Klimathema zu widmen (wie das fast alle irgendwann tun), betrachtet sie vier Bereiche sehr ausführlich:
– maschinelle Liebespartner (mit und ohne KI-Innenleben)
– die Erzeugung von Fleisch aus Zellkulturen
– Schwangerschaften außerhalb des mütterlichen Körpers
– Selbsttötungs-Apparate
Da sie den jeweiligen Kapiteln jeweils ca. 100 Seiten widmet, könnte man ohne große Übertreibung sagen, dass man hier gleich vier Bücher auf einmal bekommt. Aber natürlich geht es der Autorin auch um das Gemeinsame, um den gesellschaftlichen und moralischen Überbau. So interessant die vier Einzelkapitel auch sein mögen: Die gewählten Themen stehen ganz allgemein für eine bestimmte Haltung gegenüber all den Entwicklungen, die hauptsächlich aus einem Grund auf uns zukommen werden, weil sie machbar sind.

Wer das erste lange Kapitel (über Sexpuppen) zu lesen beginnt, kann sich vielleicht noch nicht so recht vorstellen, wie man sich 100 Seiten lang über so eine „abgedrehte“ Facette der Zukunftstechnologie beschäftigen kann. Am Ende weiß man, dass das sehr gut geht:
KLEEMAN bietet nämlich Sachbuch-Journalismus auf höchstem Niveau!
Die Autorin ist nicht nur sehr neugierig und beobachtet mit scharfen Blick – sie analysiert auch mit einem wachen und kritischen Verstand. Sie beschreibt nicht einfach Produkte oder Technologien, sondern sie besucht und befragt die konkreten Menschen, die dahinter stehen (als Entwickler und Verkäufer) und schildert den Kontext, in dem ihre Ideen entstanden sind bzw. umgesetzt werden.
Was KLEEMAN auf diesem Wege ans Tageslicht bringt, unterscheidet sich diametral von vielen anderen, mehr oder weniger unkritischen, staunenden oder pauschal ablehnenden Schilderungen technischer Innovationen. Immer wieder gelingt es ihr, durch ihre hartnäckig aufsuchende Recherche Marketing-Märchen zu entlarven und Sensations-Meldungen zu entzaubern.
Diese Form von Aufklärung durch den Blick hinter die Kulissen ist extrem informativ und wahrlich vorbildlich!

Da die Autorin die Leser/innen an ihren Erkundungsreisen hautnah teilnehmen lässt, wird es nie langweilig. Es geht ja nicht nur um die Inhalte, sondern auch um den Prozess journalistischer Arbeit. KLEEMAN ist dabei als Person auch mit ihren Werthaltungen spürbar – aber nicht mit dem pädagogischen Zeigefinger oder dem ideologischen Holzhammer. Sie nimmt immer mal wieder in kurzen zusammenfassenden Abschnitten Stellung; man weiß, wo sie steht. An keiner Stelle entsteht der Eindruck, als sei das ganze Buch nur geschrieben worden, um vorgefasste Meinungen zu bestätigen.

Es werden nicht nur eine Unmenge Detailinformationen über die vier Bereiche angeboten; es werden auch Verbindungen und Zusammenhänge deutlich. So etwas bekäme man durch eine eigene Internet-Recherche niemals hin.
Manchmal staunt man auch einfach: Ich wusste schon ein wenig über Sexpuppen und Laborfleisch-Erzeugung; Brutbeutel für Embryos und diverse Selbsttötungs-Automaten waren mir noch ziemlich fremd.

Im (kurzen) Schlusskapitel stellt die Autorin entscheidenden politischen und gesellschaftlichen Grundsatzbetrachtungen an. Sie bezweifelt sehr nachvollziehbar, dass die eingeschlagenen technologischen Pfade auf die „richtige“ Antwort bzgl. der jeweiligen Herausforderungen weisen. KLEEMAN ist überzeugt, dass es eher um soziale Fragen, ethische Haltungen und grundsätzliche Menschen- bzw. Weltbilder gehen muss (Stichwort „Machbarkeitswahn“).
Sie vermutet hinter den (vermeintlich) wertfreien Innovationen durchaus handfeste (politische und wirtschaftliche) Interessen. Sicher nicht zufällig hat die Autorin zwei Themen gewählt, die speziell die zukünftige Rolle der Frau und die damit vielleicht verbundenen männlichen Machtfantasien fokussieren.

Für mich steht dieses extrem informative und anregende Buch ganz oben in der Hitliste der Sachbücher des Jahres 2021. Wenn mir die gleiche Autorin demnächst vier weitere Bereiche näherbringen wollte, würde ich sofort zugreifen.



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