„Schlacht der Identitäten“ von Hamed ABDEL-SAMED

Bewertung: 4 von 5.

Wie kann man einem Buch, das sich inhaltlich so engagiert um Verständigung und Ausgleich bemüht, so einen reißerischen Titel und so ein gewaltvolles Cover verpassen? Kaum nachzuvollziehen!

Der aus Ägypten stammende Autor hat ein bewegtes Leben in und zwischen verschiedenen Kulturen hinter sich. Die unerschrockene Art, mit der er sich immer wieder in hochbrisante Diskurse einbringt, hat ihm nicht nur Bekanntheit und Erfolg, sondern auch zahlreiche Anfeindungen und einen permanenten Polizeischutz eingebracht.
Diesmal geht es nicht um die Bekämpfung des politisch-fundamentalistischen Islam – seinem Lebensthema – sondern um den brandaktuellen Streit rund um Rassismus, Diskriminierung und Identitätspolitik.

Hier meldet sich einer zu Wort, der Diskriminierung am eigenen Leib erfahren hat. Er darf also – selbst nach den Maßstäben der strengsten Zensoren (ich weiß nicht, ob es dafür eine weibliche Form gibt) – mitreden. Glück gehabt!
Wobei es natürlich nicht lange dauert, bis ABDEL-SAMAD dieses „Redeverbot“ für Nicht-Betroffene beiseite räumt.

Das Grundanliegen, das der Autor in 20 Thesen entfaltet, liegt in der Überwindung von Verboten, Begrenzungen und Zuschreibungen aller Art. Er will weg von den einfachen Schemata „gut vs. böse“, Täter vs. Opfer“, „weiß vs. schwarz“, „Empathie vs. Schuld“, usw.
Um diese Ziele zu erreichen, schlägt ABDEL-SAMAD zwei entgegengesetzte Wege ein: Er erweitert die Perspektive (historisch und geografisch), um sie dann letztlich auf die individuelle Ebene zu zentrieren.

Der Autor macht deutlich, dass die aktuelle Konzentration des Rassismusvorwurfs auf die „weiße Herrenrasse“ zu kurz greift. Rassistisch motivierte Diskriminierungen habe es vielmehr zu allen Zeiten und in allen Kulturen gegeben – was keine Rechtfertigung, aber einen wichtige Erkenntnisgewinn darstellen soll. Wenn es auch asiatischen und afrikanischen Rassismus gibt, fällt es vielleicht weniger schwer, die grundsätzlichen psychologischen und gesellschaftlichen Mechanismen zu verstehen.

Überhaupt hält der Autor nichts von festen und pauschalen Zuschreibungen, wendet diese Haltung auch konsequent auf beide Seiten an. Er will es nicht akzeptieren, dass kämpferische „Antirassisten“ durch ihre konfrontativen Schuldzuweisung neue Klischees hervorbringen, neue Gräben buddeln.
Du kommt die Individualität ins Spiel: Wenn es das Ziel sein soll (und das soll es nach Überzeugung des Autors), Menschen nicht auf Merkmale und Gruppenzugehörigkeiten zu reduzieren (um sie dann entsprechend abzuwerten oder auszuschließen), dann verbietet es sich schon rein logisch (erst recht taktisch), den Vorwurf des Rassismus über-inflationär zu benutzen und ihn auf Gruppenmerkmal pauschal anzuwenden („die alten weißen Männer“).

ABEL-SAMAD geht sogar noch einen Schritt weiter: Er wagt es, Verständnis und sogar Empathie auch für die Menschen aufzubringen, die auch nach seiner Definition rassistisches bzw. diskriminierendes Verhalten zeigen: Auch dieses Verhalten hat nämlich eine Geschichte. Nicht nur eine evolutionäre (durch die seit Millionen von Jahren geprägte Tendenz zur Gruppenbildung), sondern auch eine individuelle (aufgrund von biografischen Erfahrungen und Belastungen – beispielsweise in Form von Verlusten und Kränkungen).
Wer aus prinzipiellen Gründen glaubt, das „Verstehen“ des Täters bedeutet eine Entsolidarisierung hinsichtlich der Opfer, der/die wird so etwas nicht gerne lesen.

Genau das ist aber die Stärke dieses Buches: Es wurde ganz offensichtlich nicht mit dem Ziel geschrieben, eine bestimmte „Front“ in dem Diskurs über Identitätspolitik und Rassismus zu bedienen. Der Autor verzichtet wohl ganz bewusst auf die reflexhafte Zustimmung einer „Seite“. Er unterstützt und frustriert statt dessen beide festgezurrten Positionen.

ABEL-SAMAD findet ein gut lesbares Gleichgewicht zwischen sachlicher Analyse und persönlicher Beteiligung. Es ist ihm kaum zu verdenken, dass er seine eigene Biografie einbringt und mit ihrer Hilfe allzu vordergründige Einwände – er wisse nicht, worüber er spreche – im Keim ersticken will.

Sicher kann man sich darüber streiten, ob man tatsächlich 20 Thesen und ein ganzen Buch braucht, um die eigenen (klugen) Gedanken auszuführen. Das Thema wird sozusagen umrundet und aus verschiedenen Perspektiven betrachtet; Redundanz bleibt dabei nicht aus. Das trifft allerdings auf zahlreichen (immer mehr?) Bücher zu.

Im Vergleich zu anderen Büchern dieses Autors empfinde ich diese Publikation besonders gut gelungen. Es geht hier eindeutig nicht um Provokation, sondern um Brückenbau.
Trotzdem wird er sich auch diesmal bei einigen Eiferern unbeliebt machen.
Bei mir ist der Respekt gewachsen…

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